Stuttgart 21 Nervenstarker Chefplaner dringend gesucht

Projektgegner sehen Stuttgart 21 vor dem Aus: Der bisherige Chefplaner des umstrittenen Bahnhofsumbaus hat hingeworfen. Doch Triumphgefühle sind verfrüht - die Bahn hat ein Druckmittel gegen die neue Landesregierung.

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Hamburg - Bauingenieure sind meist rational denkende Menschen. Bei Projekten zählen für sie Zahlen und belastbare Fakten. Wenn diese stimmig sind, dann wird gebaut. Umso bemerkenswerter ist es da, wenn ein renommierter und erfahrener Bauingenieur wie Hany Azer hinwirft. Der Chefplaner von Stuttgart 21 gibt die Leitung des umstrittensten Bauprojekts in Deutschland Ende Mai ab.

Azer sei während seiner Arbeit immer wieder persönlichen Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt gewesen, lautet die offizielle Begründung der Bahn für den Abgang. "Zuletzt war es ihm nur unter Personenschutz des Konzerns möglich, zu arbeiten."

Doch die Stuttgart-21-Gegner wittern ganz andere Gründe. "Stuttgart 21 ist tot", sagt Gangolf Stocker vom Aktionsbündnis gegen S21. "An diesem Fall sieht man, dass die Bahn enorm unter Druck ist." Oder waren es doch die Anfeindungen von Projektgegnern, die Azer mürbe machten? Stocker schnauft verächtlich. "Azer hat Planungen übernommen, die völliger Murks sind", sagt er. "Irgendwann sieht jeder ein, dass es keinen Sinn hat, dieses Projekt zu verfolgen."

Für die Bahn kommt der Rückzug Azers zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Denn in den kommenden Monaten dürfte die Entscheidung über die Zukunft von S21 fallen:

  • Im Sommer sollen die Ergebnisse des sogenannten Stresstests vorliegen. Anhand einer Computersimulation muss die Bahn nachweisen, dass der geplante Tiefbahnhof einen Leistungszuwachs von 30 Prozent im Fahrplan verkraften kann.
  • Bei Nachbesserungen infolge des Stresstests drohen hohe Kosten. Bahn-Chef Rüdiger Grube hat eine Obergrenze von 4,5 Milliarden Euro ausgegeben. Offiziell geht der Konzern derzeit von Kosten in Höhe von 4,1 Milliarden Euro aus. Viel Spielraum gibt es also nicht.
  • Selbst bei erfolgreich bestandenem Stresstest muss Stuttgart 21 eine weitere Hürde nehmen. Denn im Herbst sollen die Bürger in Baden-Württemberg per Volksentscheid über das Bahnhofsprojekt abstimmen.

"Bescheuerter kann es nicht kommen", heißt es aus dem Umfeld der Bahn über Azers Abgang. Der Ingenieur sagte zwar, er sei sicher, dass das Projekt weitergehe, doch sein Rückzug ist Wasser auf die Mühlen der Stuttgart-21-Gegner. Und ausgerechnet ein Brief Azers liefert ihnen Munition. Kurz vor dem grün-roten Wahlsieg im März hatte der Ingenieur an die Bahn-Spitze geschrieben. Azer warnte vor Risiken und Kostensteigerungen von mehr als einer Milliarde Euro. Als das Schreiben bekannt wurde, beschwichtigte die Bahn umgehend und erklärte, es sei nicht gesagt, dass alle aufgelisteten Risiken auch einträten.

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Stuttgart 21: Ein Bahnhof wird tiefergelegt
Hat Azer jetzt also hingeworfen, weil er keine Chancen mehr für S21 sieht? Während die Gegner das endgültige Aus für S21 prophezeien, wollen die Projektverantwortlichen davon nichts wissen. "Es gibt überhaupt keinen Anlass, dass die Bahn darüber nachdenkt, einen Rückzieher zu machen", sagte Projektsprecher Wolfgang Dietrich. Azer sei zwar als Bauleiter eine Koryphäe, er entscheide aber nicht über die Planung. Darum bedeute sein Rückzug nicht das Ende für S21. "Das halte ich für abwegig", sagte Dietrich. Bahn-Chef Grube habe stets betont, dass der Konzern S21 bauen wolle.

Auch Grünen-Politiker Boris Palmer will mit dem Abgang von Azer noch nicht das Ende von S21 ausrufen. "Das halte ich für verfrüht", sagte der Tübinger Oberbürgermeister, der auch am Schlichtungsverfahren teilnahm. "Bisher ist man eher in der Pokerphase. Beide Seiten positionieren sich."

Doch die grün-rote Landesregierung hat dabei Mühe. Der für S21 zuständige neue Verkehrsminister, der Grüne Winfried Hermann, war nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Da das Ministerium erst im Aufbau sei, herrsche noch Chaos, sagte ein Sprecher freimütig. Kürzlich hatte Hermann verkündet, falls S21 wirklich gebaut werde, solle ein SPD-geführtes Ministerium dafür die Verantwortung übernehmen. Fest steht: Ministerpräsident Winfried Kretschmann und seine Grünen sind gegen S21, die SPD ist gespalten.

"Wir haben eine schwierige Vertragslage"

Bahn-Chef Grube nutzt den Wirrwarr nun, um die Landesregierung unter Druck zu setzen. "Wir haben einen Vertrag mit dem Land Baden-Württemberg", sagte er dem "Focus". "Derjenige, der dieses Projekt zu Fall bringen würde, muss wissen, dass er bis zu 1,5 Milliarden Euro an Kosten übernehmen muss. Und derjenige, der dieses Projekt bis zu einer Volksbefragung im Oktober aufhält, muss mit Forderungen der Deutschen Bahn von mehr als 100 Millionen Euro rechnen, die nicht aus dem Risikotopf zu finanzieren sind."

Es sei fraglich, ob die Bahn ihren Kostenrahmen halten könne, sagte Grünen-Politiker Palmer. "Aber wir haben eine schwierige Vertragslage." Ein Gremium, bestehend aus mehreren Finanziers, wacht über S21. Wenn die Bahn bei einem Scheitern des Projekts auf Schadensersatz klagt, wird es für Baden-Württemberg teuer.

Die Hoffnung der Grünen liegt auf dem Stresstest: Wenn dieser extreme Mehrkosten mit sich bringt, werde die Bahn den Neubau von selbst abblasen, so das Kalkül. Dass die Volksabstimmung S21 stoppen könnte, daran zweifeln selbst die optimistischen Projektgegner: Denn nach Stand der baden-württembergischen Verfassung müssten mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten mit Nein stimmen, was als utopisch gilt.

Die Bahn setzte in den vergangenen Wochen auf Deeskalation und verhängte einen De-facto-Baustopp. Der kostete das Unternehmen nach eigenen Angaben 10 bis 20 Millionen Euro und sollte eigentlich nur bis zum Amtsantritt Kretschmanns am 12. Mai gelten. Doch bisher sind noch keine Bagger angerollt.

In den kommenden Tagen will die Bahn nun mit der neuen Regierung sprechen. Konzernchef Grube zeigt sich bereits ungeduldig. Ein halbes Jahr Bauverzögerung koste 150 bis 200 Millionen Euro zusätzlich, ein einjähriger Baustopp bis zu 400 Millionen Euro, sagte er. "Das kann und wird die Deutsche Bahn nicht zulassen."

Im Konzern läuft jetzt die Suche nach einem neuen Chefplaner für Stuttgart 21 auf Hochtouren. Projektsprecher Dietrich formuliert das Anforderungsprofil so: "Der Nachfolger von Azer braucht vor allem gute Nerven und viel Kompetenz."



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insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
ruplanb 17.05.2011
1. titelfrei
Zitat von sysopProjektgegner sehen Stuttgart 21 vor dem Aus: Der*bisherige Chefplaner*des*umstrittenen*Bahnhofumbaus*hat hingeworfen. Doch Triumphgefühle sind verfrüht - die Bahn hat ein Druckmittel gegen*die neue Landesregierung.* http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,763130,00.html
Der Planer (Ägypter) und seine Familie wurden angefeindet und bedroht. Normalerweise würde die Rot-Grüne-Empörungsmaschine auf vollen Touren laufen und "Rechtsextremismus!!" in die Welt schreien. Aber jetzt ticken die Uhren anders.
quaden 17.05.2011
2. Der eigentliche Skandal ist doch...
---Zitat--- Azer sei während seiner Arbeit immer wieder persönlichen Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt gewesen, lautet die offizielle Begründung der Bahn für den Abgang. "Zuletzt war es ihm nur unter Personenschutz des Konzerns möglich zu arbeiten." ---Zitatende--- ...dass dieser Punkt auf der Seite der S21-Gegner niemanden so richtig zum Nachdenken anzuregen scheint.
AlbertGeorg 17.05.2011
3. Rot-Grüner Mob
Einen Menschen so zu bedrohen, dass er nur noch unter Polizeischutz arbeiten kann und genervt aufgibt und dann noch stolz darauf zu sein, das ist gelebte rot-grüne Demokratie!
Rainer Daeschler, 17.05.2011
4. Wortschöpfung
Eine Wortschöpfung, die einer muslimischen Schweinshaxe und einer hinduistischen Rinderroulade gleichkommt.
Rainer Daeschler, 17.05.2011
5. Propagandafalle
Zitat von ruplanbDer Planer (Ägypter) und seine Familie wurden angefeindet und bedroht. Normalerweise würde die Rot-Grüne-Empörungsmaschine auf vollen Touren laufen und "Rechtsextremismus!!" in die Welt schreien. Aber jetzt ticken die Uhren anders.
Willkommen in der Propagandafalle. Das äußerste an Bedrohung in Stuttgart waren Lügenpackrufe an OB Schuster und MP Mappus. Der öffentlichkeitsscheue Chefingenieur hingegen spielte in der Auseinandersetzung faktisch keine Rolle.
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