Stuttgart-21-Unternehmer "Ich werde als Mafioso bezeichnet"

Schwäbische Unternehmer kämpfen verzweifelt für Stuttgart 21 - weil sie bei einem Stopp des Projekts Milliardenaufträge verlieren würden. Doch nun geht bei Geschäftsleuten die Angst um: Wer sich öffentlich für das Mammutvorhaben einsetzt, zieht oft geballte Wut auf sich.

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Demonstration von Stuttgart-21-Befürwortern: "Kartell" oder Pioniere des Fortschritts?
dpa

Demonstration von Stuttgart-21-Befürwortern: "Kartell" oder Pioniere des Fortschritts?


Martin Herrenknecht versteht die Welt nicht mehr. "Ich werde als Mafioso bezeichnet, das geht unter die Gürtellinie", empört sich der Gründer und Chef des nach ihm benannten Tunnelbohrer-Herstellers in Schwanau. Bis der Tumult um das Großprojekt Stuttgart 21 entstand, war Herrenknecht ein allseits geehrter Vorzeigeunternehmer im Ländle. Ein Patriarch alter Schule, der aus einem Einmannunternehmen einen florierenden, global agierenden Betrieb mehr als 3000 Mitarbeitern gemacht hat.

Doch mittlerweile ist Herrenknecht in den Augen vieler Stuttgarter Teil einer skrupellosen Clique aus Politik und Wirtschaft, die den Großbahnhof aus purer Raffgier durchdrücken will. Das Bild des gemütlichen Badeners findet sich nun mitsamt Steckbrief auf einer Internetseite mit dem Namen "das Stuttgart-21-Kartell". Herrenknecht ist fassungslos. "Idiotisch" seien solche Verschwörungstheorien, schimpft er.

Er stemmt sich gegen den immer stärker werdenden Protest. Weniger wegen erhoffter Aufträge - dabei gehe es allenfalls um ein Volumen von 80 Millionen Euro über 36 Monate gestreckt. Zum Vergleich: Der Jahresumsatz des Tunnelbohrers liegt bei mehr als 850 Millionen Euro. Aber Stuttgart werde doch zum "Kuhdorf" ohne den Bahnhof, erzürnt sich der 68-Jährige.

Auch andere Vertreter aus der Wirtschaft fordern vehement die Durchsetzung des Projekts. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warnt vor "verheerenden Auswirkungen" bei einem Stopp, auch die Industrie- und Handelskammern der Region kämpfen verzweifelt für den Bau: Es sei "allerhöchste Eisenbahn", wirbt man etwa in Ulm auf der hauseigenen Website für das Projekt.

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Stuttgart 21: Ein Bahnhof wird tiefergelegt
Der wichtigste Einwand der Bahnhofsgegner lautet: Der Bahnhof ist viel zu teuer und verfehlt seine verkehrspolitischen Ziele komplett. Dagegen heißt es bei den Befürwortern: Stuttgart 21 wird trotz hoher Kosten die Wirtschaft im Ländle beflügeln, ohne den Bahnhof werde die Gegend zur Provinz. Beeindruckendes Zahlen- und Faktenmaterial gibt es für beide Thesen, schließlich sind in den vergangenen Jahren unzählige Gutachten und Gegengutachten erstellt worden, da ist für alle etwas dabei.

Studien allerdings, die den langfristigen infrastrukturellen Nutzen des Projekts in Zweifel stellen, schenken die meisten Industrievertreter keinen Glauben. Vielleicht auch ein bisschen deshalb, weil die Wirtschaft auf Aufträge im Gesamtvolumen von mehreren Milliarden Euro hoffen darf.

Kaum eine Baufirma, die nicht mitmischen will

Allein 55 neue Brücken und 26 Tunnel müssen gebaut, 117 Kilometer Schienen verlegt werden. Bislang vergeben sind Aufträge für den Umbau des Gleisvorfeldes, Arbeiten zur Anpassung der Signalanlagen sowie die Abrissarbeiten am alten Bahnhofsgebäude und der Bau des neuen Gebäudes, in dem die komplette Technik des neuen Bahnhofs untergebracht werden soll. Unzählige weitere Ausschreibungen, etwa für die Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm, stehen noch aus. Es gibt wohl kaum ein deutsches Bauunternehmen, ob groß oder klein, das nicht irgendwie mitmischen will bei dem Megaprojekt. Schließlich verspricht es ordentlich Gewinn. Und so bringen sich zahlreiche Tiefbaufirmen und Bahnspezialisten in Stellung.

Mindestens genauso wichtig ist: Durch den Untertagebahnhof wird dort, wo jetzt noch unzählige Gleise liegen - nämlich mitten in der Stuttgarter Innenstadt - eine Fläche von stattlichen 100 Hektar frei. Auf 50 Hektar sollen Wohnungen und neue Büros entstehen. 11.000 Wohnungen sowie 20.000 Arbeitsplätze, so lautet die Verheißung der Stadt, die der Bahn das Gelände bereits abgekauft hat. Rosige Aussichten also für die Immobilienwirtschaft, auch wenn ein Großteil der Fläche erst nach der Fertigstellung des Bahnhofs 2019 bebaut werden kann.

Einziger Wermutstropfen für so manchen Immobilienhai: Gigantische Büroklötze dürfen voraussichtlich nicht gebaut werden. Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) versprach zumindest kürzlich, "Gigantomanie" zu verhindern. Das neue Stadtviertel solle gar eine Art "neue Weißenhofsiedlung" werden, sagte Mappus - das berühmte Wohnviertel wurde 1927 unter der künstlerischen Leitung von Ludwig Mies van der Rohe gebaut. Sollte Mappus das Versprechen halten, hätten regionale, kleinere Firmen bessere Chancen bei der Planung. "Die örtliche Bauwirtschaft würde profitieren", wirbt Andreas Richter, Hauptgeschäftsführer der Stuttgarter IHK.

Viele Stuttgart-21-Gegner aber bleiben misstrauisch. Mit Abscheu etwa erwähnt so mancher die Pläne im Gefolge des Großprojektes für bereits freigeräumte Flächen neben dem Bahnhof. Dort hat beispielsweise ein Konsortium rund um den Shoppingmall-Betreiber ECE Boden ergattert, auf dem nun ein 43.000 Quadratmeter großes Einkaufszentrum mit 400 Mietwohnungen, Parkplätzen und Hotel soll.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
kdshp 08.10.2010
1. aw
Zitat von sysopSchwäbische Unternehmer kämpfen verzweifelt für Stuttgart 21 - weil sie bei einem Stopp des Projekts Milliardenaufträge verlieren würden. Doch nun geht bei Geschäftsleuten die Angst um: Wer sich öffentlich für das Mammutvorhaben einsetzt, zieht oft geballte Wut auf sich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,721611,00.html
Hallo, ja sorry unternehmen die eien auftrag bei S21 haben sollten auch keine meinung dazu haben zumindest nicht öffentlich. Da entsteht doch erst recht der verdacht das was nicht "stimmt"!
Beobachter123 08.10.2010
2. ...
Vielleicht mussten diese Leute in den letzten Wochen für ihren Lohn arbeiten und konnten deswegen nicht mitten unter der Woche FÜR Stuttgart 21 demonstreiren.
Subtuppel 08.10.2010
3. re
Liegt vielleicht daran, dass die Mafia im Raum Stuttgart aktiver ist als sonst irgendwo in Deutschland. Welche Verbindungen Herrn Oeetinger in den 90ern nachgesagt wurden (natürlich alles unzutreffend, hahaha) ist nur schon längst wieder in Vergessenheit geraten, denn Mafia darf es in D halt nicht geben, auch wenn die heute eben z.B. das Geld mit genau solchen Ausschreibungen, Bauaufträgen etc. verdient und nicht mehr mit der Knarre um die Häuserecke.
klaus1201, 08.10.2010
4. -
Zitat von sysopSchwäbische Unternehmer kämpfen verzweifelt für Stuttgart 21 - weil sie bei einem Stopp des Projekts Milliardenaufträge verlieren würden. Doch nun geht bei Geschäftsleuten die Angst um: Wer sich öffentlich für das Mammutvorhaben einsetzt, zieht oft geballte Wut auf sich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,721611,00.html
Es gibt verdammt viele Aufgaben, im Schienennetz in Baden-Württemberg, wo die Miliarden erheblich sinnvoller eingestzt werden können, und bei denen auch wiederum Tunnelbohrmaschinen gebraucht werden, Herr Herrenknecht. Und daß die ECE eine Stiftung nur aus Gutmütigkeit betreibt, glaubt auch an den Weihnachtsmann.
zauberer1, 08.10.2010
5. Herrenknecht
Tschüss Herr Herrenknecht und viel Spass in der Schweiz.
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