Familienkonzerne in Südkorea "Wenn der Gigant schwächelt, haben alle ein Problem"

Samsung, LG, Hyundai - einige wenige Familienkonzerne dominieren die südkoreanische Wirtschaft. Der Mittelstand ist von ihnen abhängig, Start-ups haben es schwer. Das soll sich nun ändern.

Samsung-Wohnhäuser in Seoul
AFP

Samsung-Wohnhäuser in Seoul

Von , Seoul


Sich niemals sicher fühlen, das ist das Erfolgsgeheimnis von Park Mi Kyung. "Sobald du denkst, dass du erfolgreich bist, gehst du unter", sagt sie. Dabei hat sie etwas geschafft, was in Südkorea immer noch eine Seltenheit ist: Park gründete ein Unternehmen, das heute unabhängig ist von den großen Konzernen des Landes.

Mit vier Mitarbeitern fing es in den Neunzigerjahren an, inzwischen hat ihr damaliges Start-up Forcs, das Software für Unternehmenskommunikation bereitstellt, 130 Mitarbeiter und weitere Büros in Singapur und Japan. Gerade hat sich Park einen Traum erfüllt: Sie kaufte ein ganzes Gebäude im bekannten Gangnam-Viertel in Seoul. Auf mehreren Etagen sind Entwickler, Marketing und ein Arbeitsraum für kleine Start-ups untergebracht. Einen Kredit musste sie dafür nicht aufnehmen.

Park Mi Kyung
Suhwa Lee

Park Mi Kyung

Heute sind solche "Hidden Champions" immer noch eine Ausnahme in Südkorea - und das ist ein Problem. Die Wirtschaft ist seit Jahrzehnten geprägt von einer überwältigenden Dominanz der sogenannten Jeabols, der großen Familienkonzerne wie Samsung, Hyundai, LG und Lotte. Die wurden lange von der Regierung protegiert und unterstützt, etwa durch günstige Kredite. Allein Samsung machte 2014 etwa 17 Prozent des gesamten Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus.

Mit Verträgen gebunden

Die Koreaner haben zu den Jeabols ein gespaltenes Verhältnis: Auf der einen Seite haben sie zum wirtschaftlichen Aufschwung des Landes beigetragen, heute ist Südkorea die elftgrößte Volkswirtschaft der Welt. Eigentlich jeder, der mit guten Noten von der Universität abgeht, will bei den Großkonzernen anheuern. Auf der anderen Seite drohen sie die kleinen und mittelständischen Unternehmen zu erdrücken, in denen immerhin 13 der insgesamt 16 Millionen Beschäftigten des Landes arbeiten - und die oft in weiten Teilen von den Jeabols abhängig sind.

Fast die Hälfte aller kleineren Unternehmen hat einen Vertrag mit einem der großen Konzerne. Damit verpflichten sich die Mittelständler, nur mit dem jeweiligen Jeabol zusammenzuarbeiten, alle anderen sind tabu. Hinzu kommt, dass die kleineren Firmen nicht international ausgerichtet sind. Bislang bleibt ihnen kaum eine andere Wahl, als sich auf die Bedingungen der großen einzulassen. Aber: "Wenn der Gigant schwächelt, haben alle ein Problem", sagt Korea-Experte Bernhard Seliger von der Hanns-Seidel-Stiftung in Seoul.

Und das ist inzwischen eingetreten. Die Ausfuhren der vier größten Konzerngruppen, die für über die Hälfte der Umsätze der gesamten südkoreanischen Wirtschaft verantwortlich sind, gehen zurück. Vor sieben Jahren hatte Südkorea noch ein Wirtschaftswachstum von fünf Prozent; das hat sich fast halbiert und liegt nun bei etwa drei Prozent.

"Wir haben unser Momentum verloren", sagt Park Sung Taek, Präsident des Verbandes für kleine und mittelständische Unternehmen in Südkorea. "Im Produktionssektor gibt es keine Innovation mehr", sagt er. "Es gibt einfach zu wenig Konkurrenz für die großen Konzerne, und damit zu wenig Druck, sich weiter zu entwickeln." Die Jeabols seien dadurch auf dem Weltmarkt oft nicht mehr wettbewerbsfähig, China und Japan würden immer stärker. "Wir brauchen Innovation durch mehr Start-ups", sagt Andreas Kim vom Korean Small Business Institute.

Weniger Produktion, mehr Dienstleistung

Hinzu kommen Korruptionsaffären, die am Image der großen Konzerne kratzen. In dieser Woche wurde der Chef des Lotte-Konzerns zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Auch Lee Yae Yong, Erbe des Samsung-Konzerns, verbüßte bereits eine Gefängnisstrafe wegen Bestechung. Der 49-Jährige war für Schmiergeldzahlungen an die damalige südkoreanische Präsidentin Park Geun Hye verurteilt worden. Mit dem Geld wollte er sich ihre politische Unterstützung für die Fusion zweier Konzerntöchter sichern. Über die Affäre stürzte auch Staatschefin Park, die sich deshalb ebenfalls vor Gericht verantworten muss.

Lee vor Gericht
REUTERS

Lee vor Gericht

Hunderttausende zogen damals aus Protest gegen Park - aber auch gegen die Machenschaften der Samsung-Elite - in Seoul auf die Straße. Die Bilder gingen um die Welt. Wirklich geschadet hat es dem Konzern allerdings nicht: Zwar sank der Umsatz bis 2015, im Jahr darauf, als die Korruptionsaffäre öffentlich wurde, stieg er aber wieder.

Trotzdem arbeiten Experten und Regierung weiter daran, die kleineren Unternehmen von den übermächtigen Jeabols unabhängig zu machen. Verbandschef Park wünscht sich eine tiefgreifende Reform des Wirtschaftssystems: Statt wie bisher etwa ein Drittel, soll der Produktionssektor nur noch 20 Prozent der südkoreanischen Wirtschaft ausmachen; der Dienstleistungssektor soll deutlich wachsen. Und: "Die Zulieferer müssen jetzt lernen, selbstständig zu überleben und einen neuen Markt für sich zu entdecken", sagt er.

Das hat auch der Unternehmerin Park zum Durchbruch verholfen: "Wir haben unsere eigene Technologie, wir haben eine Nische", sagt sie. Das Wissen dafür hat sie bei großen Firmen in den USA gewonnen. Heute rät sie jedem Gründer in Südkorea, die Firma von Anfang an global auszurichten - nicht nur auf den südkoreanischen Markt. Ein Problem bleibt aber: Südkoreanische Risikokapitalgeber wollen nicht in kleine Firmen investieren, sondern lieber weiter in die großen, etablierten.

Die Regierung hat Pläne - und ein Problem

Helfen soll nun die Regierung. "Sie will die Macht der Jeabols beschränken, um Platz zu machen für einen gesunden Mittelstand", sagt Seliger. Dafür sollten die Kommission für fairen Handel gestärkt und unlautere Praktiken künftig stärker sanktioniert werden. Außerdem will die Regierung von Moon Jae In, der einen deutlich liberaleren Kurs als seine Vorgängerin verfolgt, mehr "Hidden Champions" in Südkorea. Zu seinem Plan gehört, künftige Investitionen von Risikokapitalgebern um den gleichen Betrag aufzustocken.

Allerdings ist auch dieses Vorhaben kaum umzusetzen. Denn Präsident Moon regiert derzeit in einer Minderheitenregierung, er braucht Stimmen aus der Opposition, um die Pläne zu realisieren. Außerdem bedeutet eine Schwächung der Jeabols fast zwangsläufig, dass Arbeitsplätze wegfallen - in einem Land, in dem schon jetzt mindestens jeder fünfte potenzielle Jobeinsteiger arbeitslos ist, wird das schwer zu kommunizieren sein.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
rjb26 19.02.2018
1. wie war das noch
richtig : Oligarchie
hardy.stiefel 19.02.2018
2. Was in diesem Bericht beschrieben wird
ist Realität, auch bei uns in Deutschland mit der Automobilindustrie. Alle reden nur über die Produzenten von Autos, aber die Zulieferer machen dabei doch viel mehr Arbeitsplätze in Deutschland und im Ausland aus. Dazu kommen noch die vielen örtlichen Handwerker, welche ohne die Auto- und Zuliefererindustrie nicht existieren können. Allerdings haben wir noch einen gesunden Mix aus Firmen, welche unabhängig bleiben können. Aber ein anderer Satz hat mich elektisiert. Nämlich: "Allerdings ist auch dieses Vorhaben kaum umzusetzen. Denn Präsident Moon regiert derzeit in einer Minderheitenregierung, er braucht Stimmen aus der Opposition, um die Pläne zu realisieren." Das zeigt wiederum, dass eine Minderheitsregierung sehr, sehr schwach ist. Etwas, was Deutschland nicht braucht. Dazu kommt bei uns noch der Bundesrat. Diese Beispiel zeigt, keine Minderheitsregierung!
Patrik74 19.02.2018
3. Hüben wie drüben
Bei und heißen die Jaebols „Familienunternehmen“, um die sich die Politik so bemüht; klingt nach Mittelstand, aber eigentlich sind die Familien Albrecht, Otto, Piëch, Porsche, Quandt, Schäffler usw. gemeint.
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