Bauern und die Folgen der Überproduktion Die teure Extraportion Milch

Verbraucher müssen wieder mehr für Milch bezahlen, doch viele Milchbauern stecken weiter in der Krise. Und die nächste Schwemme droht.

Jasper Bastian

Von und (Grafik)


Bilder aus acht, neun Jahrzehnten hängen vor dem Kuhstall. Eine Ahnengalerie, teils goldfarben gerahmt. Doch statt Judith Siebers' Familie zeigen sie auf dem Gut gezüchtete Kühe - und zeugen vom Wandel der Landwirtschaft.

Kleine, knubbelige Tiere, die Fleisch und Milch gaben, wichen großen, hohen Tieren mit Eutern weit über dem Boden. Es sind sportliche Hochleistungskühe, die im Schnitt pro Jahr etwa 9000 Kilo Milch geben und an denen kaum ein Gramm Fett auszumachen ist. "Eine junge Kuh ist ein bisschen wie ein Lehrling", sagt die 43-jährige Landwirtin.

Mit der Milch der jungen und der ausgebildeten Tiere konkurriert der Hof im niederrheinischen Kleve auf dem internationalen Markt. Einem Markt mit heftigen Preisschwankungen, der seit dem Ende der Milchquote 2015 keine Grenzen mehr zu kennen scheint.

Superkühe - das Experiment
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Siebers erweiterte ihren Familienbetrieb ab 2009 für mehrere Millionen Euro - statt damals 140 hält sie inzwischen 750 Milchkühe. Ein riesiges Karussell melkt die Tiere quasi automatisch, im Stall zieht ein Schieber alle paar Stunden automatisch ihre Exkremente zusammen. Menschen werden nur noch wenige benötigt, Effizienz ist wichtig.

Viele andere Bauern haben aufgegeben. Nach der jüngsten Krise 2015/16 hörten laut Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM) knapp fünf Prozent der Betriebe auf, üblich seien jährlich ein bis drei Prozent. Es gab zu viel Milch; unter den Bauern herrscht Verdrängungswettbewerb. Die nächste Krise, sagt BDM-Sprecher Hans Foldenauer, sei "nur eine Frage der Zeit, wenn man nichts verändert und das System so laufen lässt".

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Innerhalb der EU gibt es wohl kaum einen stärker regulierten und von Subventionen abhängigeren Wirtschaftszweig als die Landwirtschaft. Als schließlich die seit den Achtzigerjahren geltende Milchquote fiel, wurde der Markt mit billiger Milch geflutet. Durch die Quote habe die EU einst versucht, "Produktionsanreize zu deckeln, die durch andere Subventionen entstanden waren", erklärt der Kieler Agrarökonom Sebastian Hess. Man habe so aber auch "einen Besitzstand erschaffen, den niemand wieder abgeben wollte". Russlandembargo und eine schwächelnde Nachfrage aus China erhöhten den Druck zusätzlich.

Um die steigenden Mengen und die heftig stürzenden Milchpreise in den Griff zu bekommen, reagierten Bund und EU 2016 mit Finanzhilfen und einer freiwilligen Mengenbegrenzung.

Mittlerweile hat sich der Erzeugerpreis bei etwa 36 Cent pro Kilo stabilisiert. Laut Hess wurde die Mengenreduktion aber "erst wirksam, nachdem am Milchmarkt bereits eine Trendwende eingesetzt hatte." Viele Landwirte hätten sich zudem für Milch entschädigen lassen, die sie ohnehin nicht produzieren wollten oder konnten.

Denn auch bei den heutigen Preisen können viele Milchbauern gerade mal ihre Kosten decken. Der BDM fordert mindestens 50 Cent pro Kilo. "Wir wollen auch Gewinne machen", sagt Sprecher Foldenauer. Und: "Gegen die Macht der Molkereikonzerne kommen wir ohne Unterstützung der Politik gar nicht mehr an."

Bäuerin Judith Siebers hält von solchen Forderungen wenig. "Plakative Preise wie fünf Euro für 'nen Liter Diesel, so eine Zahl ist heute gültig, morgen ist sie kaputt", sagt sie. Dabei weiß auch sie: "Wir produzieren ein austauschbares Gut, das weltweit gehandelt wird." Und: "Es gibt Jahre, in denen verdient die Familie kein Geld." Sie müsse vorsorgen. Anders als etwa Biobetriebe profitiert sie von keiner Nische. (Lesen Sie hier mehr zum Ökoboom in der Milchpreiskrise.)

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Kuhhaltung in der Preiskrise: Milch und Markt

Gegen künftige Preiseinbrüche will der BDM ein dauerhaftes Instrument zur freiwilligen Mengenbegrenzung im Krisenfall. "Es macht keinen Sinn, ein Produkt herzustellen, das keiner braucht und es dann einzulagern", sagt Foldenauer.

Auch große Höfe hatten dieses neue - befristete - Hilfsprogramm in Anspruch genommen und Kühe früher zum Schlachter gegeben oder weniger gefüttert. "Während Familienbetriebe kurzfristig ihren eigenen Lohn stark senken können, ist das in Großbetrieben, wo Gehälter gezahlt werden müssen, nicht so leicht", sagt Agrarökonom Achim Spiller.

Während Foldenauer in seinem Familienbetrieb auch selbst die Menge reduzierte, war das für Siebers kein Thema. Mit ihrer jungen Herde ist ihr Betrieb auf Wachstum ausgerichtet. "Ich habe keinen Hahn, den ich auf- oder zudrehen kann", sagt sie. Und trotz der Preise von unter 40 Cent haben wie Siebers in den vergangenen zehn Jahren zahlreiche Betriebe weiter auf mehr Milch gesetzt. "Ein Grund hierfür mag darin liegen, dass der langfristige Trend für den globalen Absatz von Milchprodukten in Schwellenländern durchaus positiv scheint", sagt Experte Hess. In Deutschland wird etwa zehn Prozent mehr Milch produziert als verbraucht wird.

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Diese Exportorientierung birgt aber die Gefahr weiterer Preisstürze, wie eine aktuelle, von den Grünen in Auftrag gegebene Studie zum Milchmarkt ergab. Der Preiskampf wird verschärft - und bedroht außer den heimischen Bauern auch die Milchindustrie in Entwicklungsländern. "Man muss die globalen Märkte vor uns schützen", sagt selbst Milchbauern-Sprecher Foldenauer. Auf politischer Ebene müssten regionalere Kreisläufe gefördert werden - ohne sich vom Export zu verabschieden.

CSU-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt hält sich mit Zusagen zu einem neuen System der Mengenbegrenzung trotz dieser Probleme zurück. Dies sei erst "auf EU-Ebene eingehend zu beschreiben und zu bewerten", heißt es im aktuellen Milchbericht. Damit dürfte aber klar sein: die nächste Milchschwemme kommt.

insgesamt 55 Beiträge
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Angelheart 28.09.2017
1. Der Subventionswahnsinn...
...im Bereich Landwirtschaft setzt jegliche Mechanismen des Marktes außer Kraft - wer ein Produkt erzeugt, das nicht in der vorhandenen Menge abgenommen wird, muss sehen, wo er damit bleibt! Warum sollen die Verbraucher ihre Milch (die sie wünschen) kaufen und die Überproduktion zusätzlich noch durch ihre Steuern finanzieren? Das gilt im Übrigen nicht nur für die Milch!
alice-b 28.09.2017
2. ja
Ja fließen denn die Preissteigerungen der letzten Monate hin? Bleiben sie beim Handel und den Molkereien? Zumindest hieß es gestern Abend im Verbrauermagazin "Quacks" im SWF , dass bei den Erzeugern von der letzten Preiserhöhung noch nichts ankam.
alsterherr 28.09.2017
3.
Angebot und Nachgfrage ... ist es so schwierig, ökonomisch zu handeln?
MarkusW77 28.09.2017
4.
Ach ja die armen Bauern. Es gibt wohl keinen Berufsstand, der die Schuld oder den Grund für seine viele schlecht bezahlte Arbeite beim eigenen Kunden sucht. Der Verbraucher ist Schuld, das der Bauer zuviel arbeiten muss und zu wenig Geld bekommt. Oder der Staat. Der Staat solle eingreifen ist eher Planwirtschaft, und dabei gibt es kaum eine konventionellen Landwirt, der die Linke wählt, aber geregelt alimentiert wollen sie werden. Wenn es sowas wie Gewerkschaftssinn unter den Landwirten gäbe, könnte man sich ja Produktionstechnisch abstimmen. Lobbyarbeit gegen Billigware aus dem Ausland betreiben usw. Aber vielen ist zb Tierwohl oder Nachhaltigkeit im Ackerbau egal. Siehe Insektensterben und Nitratbelastung. Ich wünsche mir eine drastische Subventionskürzung, zB nur noch auf die ersten 10 ha oder 50 Schweine oder 50000kg Milch usw. Und klare Kennzeichnung oder Verbot von Billigimporten aus dem Ausland.
eisenfuss66 28.09.2017
5. Marktfreigabe
Man wird dieses Dilemma nicht in den Griff bekommen, so lange der Staat (egal ob auf Bundesebene oder auf EU-Ebene) immer wieder eingreift. Daher muss der Milchpreis komplett frei ausgehandelt werden, ohne Subventionen und andere staatlichen Beihilfen. Mit welchem Recht soll die Landschaft weiterhin mit Milliarden subventioniert werden, wenn andere Betriebe wie Handwerker mit dem selbst erwirtschafteten Geld auskommen müssen. Auf der einen Seite ist der BDM stockkonservativ, auf der anderen Seite wird staatliches Eingreifen wie im Kommunismus gefordert. Das kann nicht funktionieren.
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