Tante-Emma-Läden Mehr Dorv für's Dorf

Totgesagte leben länger: Zuletzt machten viele kleine Läden in Dörfern und wenig bewohnten Stadtteilen dicht. Doch weil es sich ohne Nahversorgung und Gemeindeleben schlecht aushalten lässt, stehen die Tante-Emma-Läden vor einem furiosen Comeback - unter dem "Dorv"-Prinzip.

Von Christiane Langrock-Kögel

Dirk Krüll

Der Blick durchs Schaufenster fällt in einen leeren Raum. Auf einen besenreinen Betonboden und vergilbtes Weiß an den Wänden. Nichts erinnert mehr daran, dass hier Gemüsekonserven, Aufschnitt und Getränkekisten verkauft wurden. Die typischen Supermarkt-Bilder von üppigen Käsebrettern und exotischen Obstschalen sind verschwunden.

Selbst die Folien auf den Schaufensterscheiben sind abgekratzt, "Frischmarkt Thoma" stand da noch vor ein paar Monaten. Der leere Raum, 400 Quadratmeter groß, war der einzige Lebensmittelladen im Dürener Stadtviertel Grüngürtel.

Die Straßen rund um den verlassenen Supermarkt tragen große Namen. Goebenstraße, Blücherstraße, Roonstraße... sie sind nach preußischen Generälen des 19. Jahrhunderts benannt. Die mehrstöckigen Wohnhäuser wurden zwischen den beiden Weltkriegen gebaut, alle aus Ziegelstein. Ein grüner Gürtel durchzieht die Siedlung; sie ist nicht gewachsen, sondern aus dem Boden gestampft worden, um der Wohnungsnot zu begegnen.

Heute hat Düren 90.000 Einwohner, in Grüngürtel leben 4500 von ihnen. Viele der Wohnungen gehören der gemeinnützigen Baugenossenschaft. Die will unbedingt ein neues Geschäft in dem alten Supermarkt haben. Es soll mehr bieten als Obst und Gemüse: niedrigschwellige Beratungsangebote und ein Nachbarschaftscafé. Das neue alte Zentrum soll in Grüngürtel die "soziale Mitte ertüchtigen, den Stadtteil in Balance halten", sagt Dagmar Runge, die Vorsitzende des zur Genossenschaft gehörenden Bauvereins. Das sichert der Baugenossenschaft nebenbei den Wert ihres Hausbestands.

Runge hat keine Erfahrung darin, einen Lebensmittelladen aufzumachen oder eine Begegnungsstätte zu schaffen. Sie kannte aber ein solches Projekt aus dem 20 Kilometer entfernten Dorf Barmen. Dessen Bürger hatten vor ein paar Jahren die zusammengebrochene Nahversorgung ihrer 1400-Seelen-Gemeinde in Eigenregie wiederaufgebaut. "DORV-Zentrum" nennen sie den Kaufmannsladen mit Post-, Bank-, Arzt- und Apothekenservice. Hinter dem Wortspiel Dorv steht die etwas sperrige Bezeichnung "Dienstleistung und Ortsnahe Rundum Versorgung".

Was 2004 in Barmen als glücklicher Einzelfall startete, ist heute ein funktionierendes Modell zur Rettung ländlicher und städtischer Nahversorgung. Auch in Preuswald, einem Stadtteil von Aachen, und in der westfälischen Gemeinde Völlinghausen existieren heute Dorv-Zentren, im brandenburgischen Seddin und in Düren-Grüngürtel eröffnen sie bald. Und in zehn weiteren, quer übers Bundesgebiet verteilten Orten wird konkret ein Dorv-Zentrum geplant.

Das Dorv als soziale Mitte

Wie kann das funktionieren? Warum hat man ausgerechnet in Barmen in Westfalen eine Lösung für das deutschlandweite Problem gefunden, dass auf dem platten Land Post- und Bankfilialen schließen, dass die Bäcker und Metzger und Kaufleute aufgeben? Und dann soll das Barmener Modell auch noch auf die Stadt übertragbar sein, auf unterversorgte Stadtviertel wie Düren-Grüngürtel?

Heinz Frey, 54 Jahre alt, Barmener, Beruf Gymnasiallehrer, daneben Stadtrat in Jülich und Gründer von Dorv, hat nie daran gedacht, ein System zu entwickeln. Er wollte seinen Ort retten, wollte sich und seinen Nachbarn ermöglichen, ein Leben lang im Dorf zu bleiben. Frey wollte, dass die Alten autark bleiben und die Jungen nicht wegziehen müssen, weil man in Barmen nicht mehr viel machen konnte außer Schlafen.

Frey ist ein freundlicher Mann mit grauen Haaren und dunkelbraunen Augen, er ist lieber in Bewegung, sitzt kaum einmal. Es gibt nicht sehr viel unverplante Zeit in seinen Tagen. "Ich bin das so gewohnt", sagt er, "ich bin auf einem Bauernhof groß geworden." Dank Heinz Frey können die Barmener heute in ihrem Dorv-Zentrum Autos an- und ummelden, Geld abheben, Reisen buchen, Post aufgeben, Pakete verschicken, Kaffee trinken, zum Haus- oder Zahnarzt gehen und sich Medikamente bestellen. Und natürlich Brot, Fleisch, Gemüse und alles andere einkaufen, was sie zum täglichen Leben brauchen.

Der Metzger aus dem Nachbarort füllt die propere Fleischtheke, ein Bäcker und ein Bauer aus der Region liefern Brot und Gemüse. Den Rest von Tütensuppe bis Mehl bringt bedarfsgerecht ein Kleinmengen-Lieferant. Bald soll es im Dorv-Café auch noch ein kleines kulturelles Angebot geben. Und all das mitten im Ort, in einem schlichten Backsteinbau aus den 1960er-Jahren. Manche ältere Dame kommt zweimal am Tag vorbei, ein kleiner Plausch springt immer heraus. Das Dorv in Barmen ist das, was Frau Runge vom Dürener Bauverein eine soziale Mitte nennt.

Als der Laden in Barmen lief, kamen die Ehrungen. Der Robert-Jungk-Preis zum Beispiel und eine Auszeichnung der Initiative "Deutschland, Land der Ideen". Das Bundesland Nordrhein-Westfalen ernannte Dorv zum Landespilotprojekt, dann rückten das Fernsehen und die Presse an.

Andere Orte wurden aufmerksam und wandten sich an Heinz Frey: Ob so etwas auch bei ihnen machbar sei? Als ehrenamtlicher Dorv-Geschäftsführer hat er dann versucht, das Projekt Barmen nachträglich zu strukturieren. Was klappte dort und was lässt sich daraus als Prinzip ableiten? Welche Kriterien müssen Dorf und Bürger erfüllen? Frey stellte halbtags einen Projektleiter ein, den jungen Aachener Stadtplaner Jürgen Spelthann. Seitdem erstellen sie gemeinsam Bedarfsanalysen für interessierte Gemeinden. Die Dorv-Machbarkeitsstudie ist mittlerweile eine Beratungsleistung, die Geld kostet - je nach Aufwand bis zu 5000 Euro. Mittlerweile sitzt Frey in einem Expertenrat des Bundesbauministeriums.

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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
Roana, 25.04.2011
1. Franchising
Tolle Idee, das kann man sich doch schützen lassen und an Franchise-Nehmer verticken. Die müssen dann die Waren beim Franchise-Geber einkaufen und bekommen dafür eine standardisierte Ladeneinichtung... tolle Geschäftsidee...
petsche 25.04.2011
2. Tante Emmalaeden
Damit ueberkommt man die Anonymitaet der Globalisierung die keinerlei Nachbarschaftsgefuehl aufkommen laesst. Hoffentlich kommen die Geilgeizigen auch mit ins Boot.
Panasonic, 25.04.2011
3. Wer hat das geschrieben?
Ich habe die beiden Seiten gelesen und die Fotos angesschaut. Und noch immer verstehe nicht, um was es hier genau geht. Handelt es sich überhaupt um ein reales Projekt, oder um Kunst? Theater? Und was sollen die Fotos sagen? Warum ist so viel belangloses Schmuckwerk in dem Artikel untergebracht? So ratlos habe ich mich noch nie nach einem Artikel auf SPON gefühlt.
Lochblech.19 25.04.2011
4. Er lebt? Der Gemeinsinn?
Hm, zum einen das Prinzip nannte sich auch schon mal: Genossenschaftlich. Und ... gabe solche Initiativen nicht bereits in Bayern? Dorv ist ein gutes Beispiel dafür: Wo die "Freie Wirtschaft" versagt, noch lange nicht Land unter sein muss, sondern der Raum für Entwicklungen sich auftut. Schön, dass, wo die vorgestanzten Konsumschablonen nicht funktionieren, die ortsansässigen Bevölkerung mit Gemeinsinn Versorgungslücken schließt.
berns 25.04.2011
5. Was in Barmen geht, funktioniert anderswo nicht.
Das geginnt schon mit den mittlerweile sehr hohen Mieten, die einer der Hauptgründe sind, warum es solche Tante-Emma-Läden nicht mehr gibt. Energiekosten für Licht, Heizung und Kühlung sind praktisch unbezahlbar teuer geworden. Angestellte kann sich ein solcher Kleinbetrieb kaum noch leisten wegen der hohen Lohnnebenkosten. Das heisst, die Inhaberin bzw der Inhaber müssen die ganze Woche von früh bis abends arbeiten und das mit der ständigen Angst vor Pleite. Wer wenig Umsatz macht, die Waren teuer in Kleinmengen einkaufen muss, der zahlt drauf. Er kann sich mit den Discounterpreisen niemals messen. Frischfleisch im Krämerladen? Wissen Sie, was das bedeutet? Wer hat die Ausbildung und Verantwortung für Hygiene? Sind die Räume übehaupt dafür zulassungsfähig? Lebensmittel verderben nach kurzer Zeit. Das ist ein zusätzlicher Verlust. Wer solche Risiken auf sich nimmt, ist wohl eher ein Sonderfall. Ein "Erfolg" wird das Barmer Modell sicher nicht. So schön es für die Leute wäre, die auf dem Lande wohnen. Mittlerweile gibt es ja auch in Innenstädten kaum noch Lebensmittelgeschäfte. Und selbst Discounter ziehen es vor, auf der grünen Wiese zu bauen. Man kann ja mit dem Auto kaum noch in die Städte fahren, Fahrverbote, Parkplatzmangel und Parkverbote überall. Ohne grünes Pickerl kommt man in immer mehr Städte gar nicht mehr hinein, ohne ein Strafmandat. Betroffen sind vor allem die Menschen, die wenig Geld haben. Wie soll die Rentnerin, die eine Armutsrente bekommt, zum Supermarkt vor der Stadt kommen? Mit dem Taxi? Da kann man nur den alten Schlger zitieren: "Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld..." Wenn etwas für die Menschen in unserem Land positives gemacht werden soll, dann beginnt mit anständigen Löhnen, höheren Renten, Abschaffung von Hartz 4 und mit der Beseitigung der hohen Lohnnebenkosten, der hohen Steuern und der tausend Verbote überall. Führt Mietobergrenzen ein und gesetzliche Mindestlöhne, damit die Menschen leben können ohne Angst vor Armut.
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