Verschuldung: Europas Krisenbanken gewinnen wieder Vertrauen

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Es ist ein Hoffnungsschimmer für Europas Krisenstaaten: Die Zinsen sinken, Kunden und Geschäftspartner fassen wieder mehr Vertrauen in Finanzkonzerne der Schuldenländer. Die Risiken im Target-Zahlungssystem der Zentralbanken schrumpfen. Das ist vor allem ein Verdienst von EZB-Chef Mario Draghi.

Spanische Krisenbank Bankia: Es gibt wieder frisches Geld Zur Großansicht
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Spanische Krisenbank Bankia: Es gibt wieder frisches Geld

Hamburg - Der Wendepunkt liegt ziemlich genau vier Monate zurück: Damals, am 6. September 2012, versammelten sich im 36. Stock der Europäischen Zentralbank 22 Männer, um über die Zukunft des Euro zu entscheiden. Die gemeinsame Währung sei "unumkehrbar", sagte EZB-Präsident Mario Draghi danach bei einer Pressekonferenz - man werde sie notfalls mit unbegrenzten Aufkäufen von Staatsanleihen retten.

Seitdem ist Bemerkenswertes passiert: Obwohl die EZB die Anleihekäufe bisher nur angekündigt aber nicht eingesetzt hat, müssen Krisenländer wie Italien oder Spanien für neue Schulden längst nicht mehr so hohe Zinsen zahlen wie Mitte vergangenen Jahres. Und auch die massiven Ungleichgewichte im europäischen Bankensystem haben sich zumindest gelindert.

Noch im Sommer 2012 galt bei Sparern und Investoren die Devise: Nichts wie raus aus den Krisenländern. Massenhaft räumten sie ihre Konten bei spanischen oder griechischen Banken leer. Und auch die Institute in sichereren Ländern wie Deutschland kappten ihre Verbindungen zu Geschäftspartnern in den Krisenstaaten.

Dieser Trend scheint seit Herbst zum Stillstand gekommen zu sein. Neueste Zahlen deuten sogar auf eine richtige Wende hin. Laut Daten der EZB sind etwa die Kundeneinlagen bei spanischen und griechischen Banken zuletzt wieder leicht gestiegen. Und die Deutsche Bundesbank meldete in dieser Woche den zweiten Rückgang in Folge bei den sogenannten Target-Salden. Dahinter verstecken sich Forderungen an die Europäische Zentralbank, die im Zuge der Euro-Krise gigantische Ausmaße angenommen hatten.

"Das Vertrauen kehrt zurück"

Ende August 2012, also vor dem denkwürdigen Eingriff der EZB, betrugen diese Forderungen laut Bundesbank-Statistik noch rund 751 Milliarden Euro. Ende Dezember waren sie auf 656 Milliarden gesunken. Das ist immer noch gewaltig, aber der Trend gibt zumindest Hoffnung. Zumal den gesunkenen Forderungen aus Deutschland auch niedrigere Schulden der Krisenländer gegenüberstehen. So sind die Target-Schulden von Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und Irland zusammengenommen von Ende August bis Ende Oktober 2012 von 989 Milliarden Euro auf 902 Milliarden Euro gesunken (siehe Grafik). Aktuellere Daten liegen nicht vor.

Entwicklung der Target-Salden: Die Schere schließt sich - ein bisschen Zur Großansicht
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Entwicklung der Target-Salden: Die Schere schließt sich - ein bisschen

Normalerweise müssen sich die Target-Salden regelmäßig ausgleichen und nahe null liegen. Bis etwa 2007 taten sie das auch. Doch während der Krise schossen sie auseinander. Sparer und Investoren zogen massenhaft Geld aus den Ländern der europäischen Peripherie ab, und auch die Banken der übrigen Euro-Länder waren nicht mehr bereit, Geldgeschäfte mit spanischen, griechischen oder portugiesischen Instituten zu machen. Die abgeschnittenen Institute waren deshalb immer stärker darauf angewiesen, sich Geld von den Zentralbanken ihrer Heimatländer zu leihen. Und eben diese Kredite tauchten im Target-System der Zentralbanken als Schulden auf. Spiegelbildlich türmten sich die Forderungen bei den Zentralbanken stabilerer Länder, wie eben Deutschland.

Schulden und Forderungen: So funktioniert das Target-System Zur Großansicht
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Schulden und Forderungen: So funktioniert das Target-System

Mittlerweile hat sich die Lage zumindest etwas entspannt. "Das Vertrauen kehrt zurück", berichtet ein Geldhändler einer deutschen Bank. "Am Kapitalmarkt kommen spanische Banken schon wieder an Geld von Investoren." Vom Handel zwischen den Banken seien die meisten Institute in den Krisenländern allerdings immer noch abgeschnitten. "Das läuft alles noch über die EZB."

Dass die Besserung maßgeblich auf Draghis Ankündigung des unbegrenzten Staatsanleihekaufs zurückgeht, bestreiten selbst dessen größte Kritiker nicht. Die Ankündigung habe "die Märkte beruhigt und eine Trendwende eingeleitet", sagt Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts und so etwas wie der Entdecker der Target-Salden. "Es fließt wieder neues Geld als Kredit zu günstigen Zinsen nach Südeuropa", sagte Sinn SPIEGEL ONLINE. "Das senkt die Target-Salden."

Als Erfolg der EZB-Politik will der Ifo-Chef das aber nicht werten - im Gegenteil: "Die Märkte werden beruhigt, weil wieder neue Wege gefunden wurden, die Steuerzahler der noch gesunden Länder Europas in die Haftung zu nehmen", kritisiert Sinn. Er meint damit nicht nur die möglichen Staatsanleihenkäufe, für die die EZB und damit letztendlich auch die europäischen Steuerzahler geradestehen müssten, sondern auch die geplanten Bankenhilfen aus dem europäischen Rettungsfonds ESM. "Die Schuldenkrise frisst sich immer stärker in die Budgets der europäischen Kernländer hinein", klagt Sinn, "doch die Politik feiert die Verschleierung dieses Sachverhalts als Erfolg."

Die Krise ist aus Sinns Sicht also keineswegs gelöst, die Risiken haben sich lediglich verschoben.

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1.
spon-facebook-10000283853 09.01.2013
Zitat von sysopEs ist ein Hoffnungsschimmer für Europas Krisenstaaten: Die Zinsen sinken, Kunden und Geschäftspartner fassen wieder mehr Vertrauen in Finanzkonzerne der Schuldenländer. Die Risiken im Target-Zahlungssystem der Zentralbanken schrumpfen. Das ist vor allem ein Verdienst von EZB-Chef Mario Draghi. Target-Salden: Banken in den Krisenländern gewinnen Vertrauen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/target-salden-banken-in-den-krisenlaendern-gewinnen-vertrauen-a-876436.html)
Ist dieser Artikel ernst gemeint? Die Zinsen sinken - das heißt die Enteignung des Sparers zu Gunsten von immer mehr Schulden-machenden aufgeblähten Staaten nimmt Fahrt auf ... Eine gute Meldung? "(...) Die Politik hat einen systematischen Weg aus dem Schuldturm gefunden. Mit extrem niedrigen Zwangszinsen schleichen sich die Schuldokratien aus der Not. Experten sprechen feinsinnig von “finanzieller Repression” - in Wahrheit handelt es sich um kalte Enteignung. (...) Wenn nämlich die Sparer dauerhaft eine Verzinsung unterhalb der Inflationsrate erdulden müssen, finanzieren sie über ihren Substanzverlust die Entschuldung des Staates zwangsweise. Die Zinsenteignung funktioniert wie eine direkte Steuer auf Ersparnisse. Seit anderthalb Jahren liegt sogar die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen unterhalb der Inflationsrate. Drastischer erfolgt der Zinsraub bei Anleihen mit kürzerer Laufzeit, deren Renditen nurmehr eine Null vor dem Komma haben. (...) Den Sparern bleibt nur eine Chance, sich dem Zinsraub zu entziehen. Sie müssen andere Anlegeklassen wählen. Und sie tun es bereits in zusehends größerer Zahl – der Boom an den Immobilien- und Aktienmärkten hat darin einen Grund. Und so ist der Zinsraub nicht nur eine ungerechte Enteignung, weil er all die bestraft, die sparsam vorgesorgt haben und ganze Alterssicherungssysteme gefährdet – er provoziert auch noch neue Finanzblasen, die irgendwann riskant zu werden drohen. http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/kalte_enteignung/>
2.
Social_Distortion 09.01.2013
Zitat von sysopEs ist ein Hoffnungsschimmer für Europas Krisenstaaten: Die Zinsen sinken, Kunden und Geschäftspartner fassen wieder mehr Vertrauen in Finanzkonzerne der Schuldenländer. Die Risiken im Target-Zahlungssystem der Zentralbanken schrumpfen. Das ist vor allem ein Verdienst von EZB-Chef Mario Draghi. Target-Salden: Banken in den Krisenländern gewinnen Vertrauen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/target-salden-banken-in-den-krisenlaendern-gewinnen-vertrauen-a-876436.html)
"Es fließt wieder neues Geld als Kredit zu günstigen Zinsen nach Südeuropa", Na dann ist ja alles gut. :)
3. Der Ehrenwerte Draghi hat es voll gebracht ...
wibo2 09.01.2013
Er hat das drohende Euro Fiasko abgewendet. Sein Zauberspruch " so viel Geld drucken zu wollen wie nötig ...." hat´s voll gebracht. Wie der alte Meister bei Goethe hat er die von den Zauberlehrlingen der Märkte gerufenen bösen Geister gebannt! Er ist ein Eurokrat, der was taugt. Er weiß, was zu tun ist und tut es dann auch...
4. Solange bis
Old 09.01.2013
wirtschaftliche Fundamentaldaten den Hoffnungsschimmer zunichte macht. Der Finanzmarkt lebt nun einmal von der Phantasie, was der Marionettenspieler Draghi genau weiss.
5. Verdienst von EZB-Chef Mario Draghi?
poseidonner 09.01.2013
Das ist doch der Hohn! Jeder kann sich ausrechnen, dass wir dafür eine massive Inflation kriegen, unter der am meisten die Deutschen leiden werden. Prominente Wirtschaftswisssenschaftler warnten, aber "die Politik" weiss es ja besser. Überhaupt: Ein Italiener als "Sparkommissar"? Da kann man ja nur lachen, wenn man sich mal das Währungschaos Italiens vor dem Euro ansieht! Die wollten nur rein, damit wir zahlen und der deutsche Michel tut es auch ....
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So funktioniert der Rettungsfonds ESM
Volumen
Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) kann bis zu 500 Milliarden Euro an Hilfsgeldern vergeben. Nur 80 Milliarden Euro davon werden wirklich eingezahlt, der Rest sind Garantien. Nicht angerechnet werden die bereits vergebenen Hilfen aus dem vorläufigen Rettungsfonds EFSF sowie bilaterale Kredite der Euro-Staaten an Griechenland.
Einzahlung
Die 80 Milliarden Euro Kapital werden in fünf Tranchen eingezahlt; zwei im Jahr 2012, zwei weitere 2013 und eine letzte bis Mitte 2014. Erst dann hat der Fonds sein komplettes Ausleihvolumen von 500 Milliarden Euro erreicht. Bis dahin kann es eng werden: Der ESM muss stets 15 Prozent von dem Geld besitzen, das er in Notfällen verleiht. Er müsste also 15 Milliarden Euro besitzen, um ein Rettungspaket von 100 Milliarden Euro schnüren zu können. Um für eine Übergangsphase gerüstet zu sein, soll der vorläufige Rettungsfonds EFSF noch bis Mitte 2013 einspringen können, falls der ESM noch nicht ausreichend gefüllt ist. Im EFSF befinden sich noch rund 240 Milliarden Euro, die nicht für bestehende Hilfsprogramme ausgegeben wurden.
Aufgabe
Der ESM soll Mitgliedsländern der Euro-Zone helfen, die Schwierigkeiten haben, sich am Finanzmarkt frisches Geld zu leihen - etwa wenn die Zinsen für Staatsanleihen zu hoch sind, um sie dauerhaft zahlen zu können. Es gibt keine feste Definition, ab welchem Zinsniveau Staaten Hilfe beantragen müssen oder können - als Faustregel gelten aber sieben Prozent für zehnjährige Staatsanleihen. Bei Erreichen dieses Werts hatten Länder wie Portugal oder Irland Hilfen aus dem Vorgängerfonds EFSF beantragt. Im Gegenzug für Hilfen aus den Rettungsfonds müssen die Krisenländer strenge Sparauflagen einhalten und Strukturreformen beschließen.