Von Stefan Kaiser
Hamburg - Der Wendepunkt liegt ziemlich genau vier Monate zurück: Damals, am 6. September 2012, versammelten sich im 36. Stock der Europäischen Zentralbank 22 Männer, um über die Zukunft des Euro zu entscheiden. Die gemeinsame Währung sei "unumkehrbar", sagte EZB-Präsident Mario Draghi danach bei einer Pressekonferenz - man werde sie notfalls mit unbegrenzten Aufkäufen von Staatsanleihen retten.
Seitdem ist Bemerkenswertes passiert: Obwohl die EZB die Anleihekäufe bisher nur angekündigt aber nicht eingesetzt hat, müssen Krisenländer wie Italien oder Spanien für neue Schulden längst nicht mehr so hohe Zinsen zahlen wie Mitte vergangenen Jahres. Und auch die massiven Ungleichgewichte im europäischen Bankensystem haben sich zumindest gelindert.
Noch im Sommer 2012 galt bei Sparern und Investoren die Devise: Nichts wie raus aus den Krisenländern. Massenhaft räumten sie ihre Konten bei spanischen oder griechischen Banken leer. Und auch die Institute in sichereren Ländern wie Deutschland kappten ihre Verbindungen zu Geschäftspartnern in den Krisenstaaten.
Dieser Trend scheint seit Herbst zum Stillstand gekommen zu sein. Neueste Zahlen deuten sogar auf eine richtige Wende hin. Laut Daten der EZB sind etwa die Kundeneinlagen bei spanischen und griechischen Banken zuletzt wieder leicht gestiegen. Und die Deutsche Bundesbank meldete in dieser Woche den zweiten Rückgang in Folge bei den sogenannten Target-Salden. Dahinter verstecken sich Forderungen an die Europäische Zentralbank, die im Zuge der Euro-Krise gigantische Ausmaße angenommen hatten.
"Das Vertrauen kehrt zurück"
Ende August 2012, also vor dem denkwürdigen Eingriff der EZB, betrugen diese Forderungen laut Bundesbank-Statistik noch rund 751 Milliarden Euro. Ende Dezember waren sie auf 656 Milliarden gesunken. Das ist immer noch gewaltig, aber der Trend gibt zumindest Hoffnung. Zumal den gesunkenen Forderungen aus Deutschland auch niedrigere Schulden der Krisenländer gegenüberstehen. So sind die Target-Schulden von Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und Irland zusammengenommen von Ende August bis Ende Oktober 2012 von 989 Milliarden Euro auf 902 Milliarden Euro gesunken (siehe Grafik). Aktuellere Daten liegen nicht vor.
Normalerweise müssen sich die Target-Salden regelmäßig ausgleichen und nahe null liegen. Bis etwa 2007 taten sie das auch. Doch während der Krise schossen sie auseinander. Sparer und Investoren zogen massenhaft Geld aus den Ländern der europäischen Peripherie ab, und auch die Banken der übrigen Euro-Länder waren nicht mehr bereit, Geldgeschäfte mit spanischen, griechischen oder portugiesischen Instituten zu machen. Die abgeschnittenen Institute waren deshalb immer stärker darauf angewiesen, sich Geld von den Zentralbanken ihrer Heimatländer zu leihen. Und eben diese Kredite tauchten im Target-System der Zentralbanken als Schulden auf. Spiegelbildlich türmten sich die Forderungen bei den Zentralbanken stabilerer Länder, wie eben Deutschland.
Mittlerweile hat sich die Lage zumindest etwas entspannt. "Das Vertrauen kehrt zurück", berichtet ein Geldhändler einer deutschen Bank. "Am Kapitalmarkt kommen spanische Banken schon wieder an Geld von Investoren." Vom Handel zwischen den Banken seien die meisten Institute in den Krisenländern allerdings immer noch abgeschnitten. "Das läuft alles noch über die EZB."
Dass die Besserung maßgeblich auf Draghis Ankündigung des unbegrenzten Staatsanleihekaufs zurückgeht, bestreiten selbst dessen größte Kritiker nicht. Die Ankündigung habe "die Märkte beruhigt und eine Trendwende eingeleitet", sagt Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts und so etwas wie der Entdecker der Target-Salden. "Es fließt wieder neues Geld als Kredit zu günstigen Zinsen nach Südeuropa", sagte Sinn SPIEGEL ONLINE. "Das senkt die Target-Salden."
Als Erfolg der EZB-Politik will der Ifo-Chef das aber nicht werten - im Gegenteil: "Die Märkte werden beruhigt, weil wieder neue Wege gefunden wurden, die Steuerzahler der noch gesunden Länder Europas in die Haftung zu nehmen", kritisiert Sinn. Er meint damit nicht nur die möglichen Staatsanleihenkäufe, für die die EZB und damit letztendlich auch die europäischen Steuerzahler geradestehen müssten, sondern auch die geplanten Bankenhilfen aus dem europäischen Rettungsfonds ESM. "Die Schuldenkrise frisst sich immer stärker in die Budgets der europäischen Kernländer hinein", klagt Sinn, "doch die Politik feiert die Verschleierung dieses Sachverhalts als Erfolg."
Die Krise ist aus Sinns Sicht also keineswegs gelöst, die Risiken haben sich lediglich verschoben.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte | RSS |
| alles zum Thema Euro-Krise | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH