Online-Handel ohne Geld: Tausche Massage gegen Übernachtung

Von Özlem Gezer

Wozu kaufen, wenn man tauschen kann? Im Netz bauen Unternehmer Plattformen, auf denen der Handel ohne Geld funktionieren soll. Ganz nebenbei wollen die Gründer den modernen Kapitalismus unterwandern.

Massage: Eine von vielen Dienstleistungen, die sich im Internet eintauschen lässt Zur Großansicht
Corbis

Massage: Eine von vielen Dienstleistungen, die sich im Internet eintauschen lässt

Ein Handwerker streicht die Bürowände einer Biologin. Sie zahlt mit einer Fledermaus-Führung im Naturschutzgebiet. Der Webdesigner gestaltet eine Internetseite. Sein Auftraggeber ist ein Hotelier, der die Rechnung mit einer Woche Aufenthalt in einem Ferienhaus auf Rügen begleicht. Eine Physiotherapeutin befreit einen Steuerberater von seinem Rückenleiden. Im Gegenzug hält er ihre Buchhaltung auf Stand und erklärt ihr die Sache mit den Steuern.

Für solche seltsamen Geschäfte treffen sich die Tauschpartner auf dem Internetportal diensttausch.com. Ein virtueller Marktplatz für Dienstleister, die bargeldlos handeln wollen. Gegründet hat das Portal der Hamburger Unternehmer Kaveh Raji, 32. "Handeln ist nicht zwingend an Geld gebunden, das haben wir inzwischen nur vergessen", sagt Raji. Seine Philosophie: "Warum kaufen, wenn man tauschen kann?"

Für Raji wird die Rolle des Geldes heutzutage überschätzt. "Geld hatte ursprünglich eine Rolle als Schmieröl der Wirtschaft, als eine Art Katalysator, aber nicht als der Götze, den alle anbeten."

In der heutigen Gesellschaft, so Raji, habe es sich etabliert, das einstige Tauschmittel Geld zu horten. Doch gerade Kleinunternehmer und Selbstständige leiden oft unter mangelnder Liquidität, unter zu wenig verfügbarem Geld. Das bremst ihre Umsätze. Typischer Fall: Der Großkunde zahlt mit Verspätung, bei der Bank gibt es keinen Kredit - und schon stockt das Geschäft. Auf der Plattform haben Unternehmer die Möglichkeit, ihre Dienste ohne Geld zu tauschen und so Aufträge zu erhalten und zu vergeben, die es sonst mangels Liquidität nie gegeben hätte.

Kaveh Raji ist bei weitem nicht der Einzige, der auf diesen Tausch-Gedanken gekommen ist. Er sitzt oft in seinem Hamburger Büro und klickt sich durch die internationalen Barter-Clubs. Er liest von einem Tauschring in der Schweiz, der während der Weltwirtschaftskrise 1934 gegründet wurde, den es heute noch gibt und der inzwischen "Wir-Bank" heißt. Rund ein Viertel der Schweizer Firmen sind darin organisiert, 2008 betrug der Umsatz 1,6 Milliarden Franken. Raji erzählt von dem Pepsi-Deal, mit dem sich Pepsi-Cola Anfang der siebziger Jahre als erstes westliches Produkt in den sowjetischen Markt eintauschte. Im Gegenzug wurde Stolichnaya Wodka in den US-Markt eingeführt.

"Das Internet ist der virtuelle Marktplatz der Neuzeit"

Laut Schätzungen der WTO beruhen knapp 20 Prozent des Welthandels auf Tauschgeschäften. Ende der neunziger Jahre verhandelte Kuba mit Russland: "Erdöl für Zucker" hieß der Deal. Auch Mercedes tauschte schon seine Motoren gegen kubanischen Zucker. Raji hat die Artikel der Bartergeschäfte aus aller Welt in einer blauen Mappe abgelegt. Darunter auch die Texte über die australische Firma Bartercard. Gegründet von einem Wuppertaler Kfz-Mechaniker, hat das Unternehmen inzwischen mehr als tausend Mitarbeiter, mehr als 55.000 Mitglieder und ist seit 2005 an der Börse in London notiert.

Auf Rajis Portal tauschen derzeit bundesweit mehr als 5000 Mitglieder ihre Dienste, Tendenz steigend. Kaveh Raji, studierter Informatiker, ist überzeugt, dass ohne das Internet eine Verzahnung dieser Art nicht möglich gewesen wäre. Online können auf seinem Internetportal Grafikdesigner aus Teltow mit Programmierern aus Hamburg ihre Dienste tauschen, die sich in der realen Welt nie begegnet wären. Das Prinzip ist einfach, die Mitgliedschaft kostenlos. Wer bei Raji tauschen will, muss ein Kurzprofil anlegen, Angebote unterbreiten und sich über das interne Nachrichtensystem mit seinem Tauschpartner einigen.

Aber auch für Bartergeschäfte muss genau Buch geführt werden. Der Tauschhandel ist in Deutschland steuerpflichtig. Das Wirtschaften unter Unternehmern und Selbstständigen ist jedoch meist ein Nullsummenspiel. Einnahmen und Ausgaben wiegen sich gegenseitig auf, bei der Umsatzsteuer neutralisieren sich Umsatz- und Vorsteuer.

Aber diensttausch.com hat auch eine eigene virtuelle Währung, die Barterpoints. Mitglieder können mit Tauschgeschäften Barterpoints erlangen und mit ihnen wieder andere Dienstleistungen bezahlen. In Hamburg gibt es inzwischen Restaurants, in denen mit Barterpoints die Rechnung beglichen werden kann. "Jedes Tauschmittel kann sich als Währung etablieren, sobald es in einer produktiven Gemeinde Akzeptanz erfährt", sagt Raji.

Ganz ohne Geld funktioniert offenbar selbst der Tauschhandel nicht.

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insgesamt 135 Beiträge
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1. Handel ohne Geld
betaknight 05.01.2013
Zitat von sysopWozu kaufen, wenn man tauschen kann? Im Netz bauen Unternehmer Plattformen, auf denen der Handel ohne Geld funktionieren soll. Ganz nebenbei wollen die Gründer den modernen Kapitalismus unterwandern. Tauschbörsen wie diensttausch.com bieten Onlinehandel ohne Geld - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/tauschboersen-wie-diensttausch-com-bieten-onlinehandel-ohne-geld-a-874071.html)
Zu einem gewissen Grad ohne einheitliche Währung zu Handeln mag durchaus gehen. Dennoch hat das System ein Problem sofern es um Güter geht die sich nicht überschneiden. Zum Beispiel kann ich wohl kaum den Firmenleietr eiens Unternehmens,w elches tausende Kilometer entfernt ist eine MAssage für einen Computer anbieten. Wie gesgat wo sich ergänzte Fähigkeiten und Interressen überschneiden ist es durchaus sinnvoll, aber ganz ohne ein Geldsystem wird dieses Utopia nicht funktionieren.
2. Das ist organisierte Schwarzarbeit
wb99 05.01.2013
Anscheinend sind sich die Organisatoren gar nicht bewusst, dass sie damit nicht den Kapitalismus, sondern den Staat unterwandern. Aber macht ja nichts, Hauptsache irgendwas unterwandern.
3. Lass sie doch spielen!
hxk 05.01.2013
Zitat von wb99Anscheinend sind sich die Organisatoren gar nicht bewusst, dass sie damit nicht den Kapitalismus, sondern den Staat unterwandern. Aber macht ja nichts, Hauptsache irgendwas unterwandern.
Frei nach Winston Spencer Churchill: "Kapitalismus ist die schlechteste aller Wirtschaftsformen, mit Ausnahme aller anderen, die je ausprobiert worden sind." Und allein schon aus Liberalität sollen wir den unbelehrbaren Linken ihre Nische lassen.
4. das Verwalten von angebotenen, abgenommenen
mhwse 05.01.2013
Dienstleistungen in einer Datenbank mit Webserver ist das genaue Äquivalent zum Geld .. es ist nur eine andere "Währungsaufsicht" als der Staat eingesetzt. Ebenso bedingt hier Angebot und Nachfrage den Preis. Wenn dann noch die Möglichkeit der Vorschüssigen in Anspruch Nahme der Dienstleistung mit 1.x fachen (Kosten >1 fach) Abzahlung gegnüber dem Dienstleister der das Risko übernommen hat hinzukommt, haben wir das Modell eines klassischen Wirtschafts Systems. Im Westen also nichts neues ..
5. Blau-Aeugig,
hdudeck 05.01.2013
"Der Großkunde zahlt mit Verspätung, bei der Bank gibt es keinen Kredit - und schon stockt das Geschäft. Auf der Plattform haben Unternehmer die Möglichkeit, ihre Dienste ohne Geld zu tauschen und so Aufträge zu erhalten und zu vergeben, die es sonst mangels Liquidität nie gegeben hätte." Wo bitte schoen ist hier der Unterschied? Ich bekommen die Tauschware zwar direct, muss sie aber weitertauschen, wenn ich sie nicht verwerten kann. Muss also auch warten. Dieses Tauschen kann sogar dazu fuehren, das man mehrmals tauschen muss, bevor man was verwertbares bekommt. Und was ist, wen der eigene Lieferant weiter auf Geld besteht, Spaetestens dann ist das ganze System doch durchbrochen. Ausserdem, Grossauftraege werden normalerweise mit Abschlagzahlungen beglichen, sodas ein stehter Geldfluss vorhanden sein sollte. Unternehmer sollten auch genuegend Ruecklagen haben, um entsprechend Handeln zu koennen. Und die groesste Gefahr ist, wenn man gegen einen zukuenftigen Service tauscht, wer weiss, ob der im Moment des cash in auch wirklich noch verfuegbar ist, oder der Tauschpartner schon auf und davon ist (wie Pleite)
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