Taxi-Streik in Europa "Wir sind keine Dinosaurier"

London, Paris, Berlin, Madrid - in ganz Europa blockierten Zehntausende Taxifahrer die Straßen aus Protest gegen die Taxi-App Uber. Sie fürchten um die Zukunft ihrer Branche - und warnen vor den Konsequenzen für die Passagiere.

Von , London


Es war ein europaweiter Aufschrei. In Berlin nahmen Hunderte Taxifahrer an einer Sternfahrt teil, in Paris blockierten Tausende die Straßen zu den Flughäfen Orly und Charles de Gaulle. Beim größten Streik in London legten rund 10.000 Black Cabs das Regierungsviertel um den Trafalgar Square lahm. Auch in Chicago und São Paulo waren Kundgebungen geplant.

Der Protest richtete sich gegen Taxi-Apps auf Smartphones, die das Monopol der angestammten Taxifahrer bedrohen. "Wenn sie damit durchkommen, ist unsere Branche am Ende", sagte Mel, 62, düster. Er fährt seit 38 Jahren ein Black Cab und ist stolz auf seinen Beruf.

"Wir sind die Besten der Welt", sagte Mel. In anderen Städten sei Taxifahrer ein Nebenjob für Studenten. In London hingegen seien sie "hundertprozentige Profis".

In der britischen Hauptstadt sind bislang zwei Arten von Taxis zugelassen: 26.000 Black Cabs mit Taxameter, die Passagiere am Straßenrand aufnehmen dürfen, und 90.000 Minicabs, die per Telefon bestellt werden und vor Fahrtantritt einen Festpreis vereinbaren.

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Taxi-Protest: "Sie wollen uns umbringen"
Smartphone-Apps wie Uber, Hailo oder Kabbee durchbrechen diese Schutzzonen. Nutzer können auf ihrem Handy sehen, wo das nächste Taxi ist und es herbeirufen. Die App kalkuliert den Fahrpreis auf der Basis von Entfernung und Verkehrsdichte. Jeder lizenzierte Minicab-Fahrer kann sich bei Uber registrieren und muss dann 20 Prozent des Fahrpreises an die Firma abführen. Passagiere sparen 20 bis 40 Prozent gegenüber den offiziellen Taxitarifen.

Insbesondere Uber wildert erfolgreich im Revier der Taxifahrer. Die Firma aus San Francisco operiert in rund 20 europäischen Städten. Vergangene Woche besorgte sich das Start-up 1,2 Milliarden Dollar frisches Geld von Investoren. Finanzexperten schätzen den Wert des Unternehmens auf mindestens 17 Milliarden Dollar. Zu den Investoren zählen Giganten wie Google und Goldman Sachs.

Taxifahrer in der Defensive

Die Cabbies argumentieren, dass Uber gegen das Gesetz verstoße: Das Smartphone übernehme die Funktion eines Taxameters. Dieses Recht ist jedoch seit über 300 Jahren in London allein den Black Cabs vorbehalten. Die Londoner Taxi-Vereinigung will Uber deshalb verklagen. In anderen Städten haben Gerichte die App bereits verboten.

In vielen Medien wird Uber als Monopolbrecher gefeiert. Auch EU-Digitalkommissarin Neelie Kroes schlug sich am Mittwoch auf die Seite der Herausforderer. "Technologie wälzt viele Branchen um", twitterte sie. "Taxis können keine Ausnahme sein."

Die Taxifahrer sind in der Defensive. Sie wehren sich jedoch gegen die Darstellung als Ewiggestrige, die sich dem Fortschritt in den Weg stellen. "Wir sind keine Dinosaurier, die um irgendwelche alten Privilegien kämpfen", sagt Mel. Die Regeln hätten schon ihren Grund: Nur so könnten gewisse Standards eingehalten werden.

Der Mythos der Londoner Cabbies gründet auf dem Wissenstest "The Knowledge". Um eine Zulassung zu erhalten, muss ein angehender Taxifahrer drei Jahre lang alle 25.000 Straßennamen in einem Sechs-Meilen-Radius um den Bahnhof Charing Cross pauken. Mit einem Motorroller müssen sie 320 Standardrouten abfahren und sich einprägen. Während der Vorbereitungszeit wird ihr Wissen jeden Monat geprüft: Ein Trainer nennt ihnen willkürlich ein Ziel, und sie müssen ihm den besten Weg beschreiben - inklusive Straßennamen.

"Es gibt genug Arbeit für alle"

Der beste Weg sei nicht immer der kürzeste, sagt Mel. Deswegen seien auch Navigationsgeräte in London keine Hilfe. Die Erfahrung der Cabbies sei nicht durch Technologie zu ersetzen. Das würden die Passagiere aber wohl erst merken, wenn es die Black Cabs nicht mehr gäbe.

Die meisten Fahrer glauben, dass sie Uber nicht aufhalten können. "Der Streik wird nichts ändern", sagt Tommy, 67. Für die Branche seien das keine guten Nachrichten: Die bisher hohen Standards an Sicherheit und Sauberkeit würden weiter ausgehöhlt. Schon jetzt fänden in Minicabs weit mehr Vergewaltigungen statt als in Black Cabs. Langfristig werde auch "The Knowledge" nicht überleben.

Andere sind optimistischer. Beim Umsatz mache sich die neue Konkurrenz durch Uber bislang nicht bemerkbar, sagt Jack, 60. Im übrigen sei es nicht das erste Mal, dass die Black Cabs Wettbewerb bekommen. Der Schnellzug "Heathrow Express" habe sie viele Fuhren zum Flughafen gekostet. Und mit den Minicabs zur Jahrtausendwende sei der Luxusmarkt komplett weggebrochen: Früher habe er regelmäßig Kunden zum Tennis nach Wimbledon oder zum Pferderennen nach Ascot gebracht. Das würde nun von Limousinen übernommen. Auch Luxushotels benutzten keine Black Cabs mehr.

Jack glaubt daher, dass die Branche auch den Angriff von Uber bewältigen wird. "Es gibt genug Arbeit für alle."



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insgesamt 264 Beiträge
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neuronensalat 11.06.2014
1. Gesundheitstest?
Zitat von sysopAFPLondon, Paris, Berlin, Madrid - in ganz Europa blockierten zehntausende Taxifahrer die Straßen aus Protest gegen die Taxi-App Uber. Sie fürchten um die Zukunft ihrer Branche - und warnen vor den Konsequenzen für die Passagiere. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/taxi-streik-taxifahrer-protestieren-gegen-taxi-app-uber-a-974591.html
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Fahrer ohne einen Gesundheitstest auf Dauer Passagiere befördern dürfen. Der Test ist nicht umsonst für jeden Taxifahrer, Busfahrer, Metzger etc. vorgeschrieben. Der erste Fahrer, der massenhaft was schön Ansteckendes verbreitet, dann kommen Gesundheitstests auch für diese Fahrer. Und zu Recht.
m.schrader 11.06.2014
2.
hier in Berlin wird natürlich ein Weltuntergangsszenario an die Wand gemalt. Ich würde mich freuen, wenn der Markt, in dem Fall also der Fahrgast, entscheiden kann, mit wem er will!
schlüsselkind 11.06.2014
3. Taxameter seit 300 Jahren?
Zitat aus dem Artikel: "Das Smartphone übernehme die Funktion eines Taximeters. Dieses Recht ist jedoch seit über 300 Jahren in London allein den Black Cabs vorbehalten." Hier würde mich doch mal interessieren, wie im Jahre 1714 ein Londoner Taxameter ausgesehen hat. Dem Autoren ist vielleicht zu raten: "Check your sources"...
DtTr 11.06.2014
4. Service ade
Das haben sich die Taxifahrer aber auch ganz klar selbst zuzuschreiben! Regelmäßig fahre ich mit dem Taxi, wenn die Öffentlichen nicht mehr fahren, weil es schon zu spät ist. Meine Erfahrung ist, dass Taxifahrer, teilweise mutwillig, den falschen Weg fahren. Von wegen kürzeste Strecke für den Kunden. Die Herrschaften glauben, weil sie einen angetrunken Mann im Taxi haben, könnten Sie den schön über den Tisch ziehen, nach dem Motto "der kriegt das eh nicht mehr mit". Dabei handelt es sich um innerstädtische Fahrten von wenigen Kilometern. Hier wird ganz bewusst versucht den Kunden zu betrügen! Und das ist mir nicht nur einmal passiert. Auch ist nicht zu akzeptieren, dass obwohl im Taxi ein Gerät zur elektronischen Bezahlung vorhanden ist, die Fahrer auf Bargeldzahlung beharren. Ich verstehe, dass es nicht schön für den Fahrer ist 2 Tage oder länger auf sein Geld zu warten, aber von Service kann hier keine Rede mehr sein! Ich begrüße die App!
akg-1 11.06.2014
5. Ja warum ?
Ja warum wurden taxi-innungen mit einem monopol ausgestattet? -weil es sowohl bei fahrer und fahrzeug qualitätsmängel gab. Warum kann die vermittlung der innung nicht auch mit einer entsprechenden app erfolgen, zusätzlich mit dem qualitätsbonus.... In der bahn gibts auch 1te und 2te klasse und der Kund kann wählen ...
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