Razzia in Bonn: Telekom verstrickt sich im Kabelkampf

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Die Telekom gerät mit Europas Wettbewerbshütern aneinander: Sie und andere europäische Firmen wehren sich dagegen, die Kosten für den Transport immer größerer Datenmengen aus den USA zu zahlen. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen macht vor allem eine Firma aus Washington Druck in Brüssel.

Telekom-Logo in Bonn: Ärger wegen der Datenschwemme Zur Großansicht
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Telekom-Logo in Bonn: Ärger wegen der Datenschwemme

Hamburg - Die Razzien kamen überraschend. Fahnder der EU-Kommission haben am Dienstag Büros der Telekom gefilzt, wie der deutsche Dax-Konzern nun bestätigt. Ebenfalls im Visier der Fahnder: das französische Unternehmen Orange und die spanische Telefónica, Mutter der deutschen Internetfirma O2.

Man prüfe, ob die Konzerne ihre Marktmacht missbrauchen, ließ die EU-Kommission pauschal wissen. Welche Art von Missbrauch stattgefunden haben soll, wurde nicht erklärt. Doch die Ursache des Konflikts ist in der Branche ein offenes Geheimnis: Es geht um einen alten Streit zwischen amerikanischen und europäischen Firmen. Einen Konkurrenzkampf, der schon länger schwelt und der in Deutschland und Frankreich schon zuvor die Behörden beschäftigt hatte.

Einfach gesagt geht es um die Frage, auf welchem Weg all die YouTube-Videos, Suchmaschinenanfragen und weiteren Daten zum Endverbraucher gelangen, zum Beispiel von einem US-Server der Firma Google nach Deutschland. Die Inhalte können auf verschiedenen Wegen auf dem Laptop oder Smartphone des Endkunden landen. Zum Beispiel so:

  • YouTube leitet Videodaten von einem US-Server an einen amerikanischen Netzbetreiber weiter, etwa an die Washingtoner Firma Cogent.
  • Cogent transportiert die Videodaten durch sein eigenes Netz bis nach Deutschland. Da dem Unternehmen auch in der Bundesrepublik rund 3000 Kilometer Internetkabel gehören, kann es die Daten überall in der Bundesrepublik verteilen.
  • Das Cogent-Netz ist mit dem Telekom-Netz an verschiedenen Stellen über sogenannte Ports verbunden. Über diese Knotenpunkte gelangen die Videodaten zu den Endkunden der Telekom.

Nun stehen die Server mit den beliebtesten Internetinhalten, etwa YouTube oder Facebook, oft in den USA. Was bedeutet: US-Netzbetreiber schaffen immer größere Datenmengen über den großen Teich in Länder wie Deutschland. Die Verbindungen zu den heimischen Netzbetreibern - zum Beispiel zum Netz der Telekom - werden immer mehr beansprucht. Die Ports werden zu Nadelöhren.

US-Netzbetreiber verlangen deshalb von europäischen Firmen wie Telekom, Orange oder Telefonica, die Verbindungen zwischen den Netzen auszubauen. Das aber kostet Geld. Und es gibt seit langem Streit darüber, wer dieses Geld zu zahlen hat - vor allem zwischen Cogent und europäischen Firmen.

Kampf um Kabel

Cogent will die Netzverknüpfungen gratis bekommen. "Wir transportieren die Daten auf eigene Kosten bis nach Deutschland", sagt Firmenchef Dave Schaeffer SPIEGEL ONLINE. Dort sei die Telekom für den Ausbau der Infrastruktur zuständig. "Doch die Telekom weigert sich. Sie schadet damit vor allem ihren eigenen Kunden." Die Telekom dagegen verlangt, dass sich die US-Netzbetreiber an den Gebühren beteiligen.

Schon 2009 beschwerte sich Cogent bei der Bundesnetzagentur über die Telekom. Das Unternehmen monierte unter anderem einen Wettbewerbsnachteil. Wenn es die neuen Knotenpunkte in Europa zum Teil selbst finanzieren müsse, sei man gezwungen, diese Kosten auf die eigenen Kunden abzuwälzen. Sprich: die Gebühren für Inhalteanbieter wie YouTube zu erhöhen, die den Anschluss ihrer Serverparks ans Cogent-Netz bezahlen müssen. Man stehe sonst im Wettbewerb mit anderen Netzbetreibern schlechter da, argumentierte Cogent.

Die Bundesbehörde prüfte den Fall und wies die Ansprüche 2010 zurück. Ein Wettbewerbsnachteil sei nicht zu erkennen, heißt es in dem entsprechenden Beschluss vom 9. April 2010. Obendrein habe sich die Telekom nie verpflichtet, auf jede Steigerung der Nachfrage nach bestimmten Daten zu reagieren. Entsprechend sei die Telekom auch nicht verpflichtet, ihre Infrastruktur so auszubauen, dass diese Nachfrage befriedigt wird - und die Kosten komplett auf ihre Endkunden abzuwälzen.

Doch Cogent gab nicht auf. Auch bei der EU-Wettbewerbskommission trug das US-Unternehmen sein Anliegen vor. Die Beschwerde führte unter anderem dazu, dass Telekom, Telefonica und Orange einen langen Fragebogen der EU-Kommission ausfüllen mussten. Nun riefen diese informellen Gespräche offenbar die Wettbewerbshüter der EU auf den Plan. Es spricht viel dafür, dass auch die Razzien am Dienstag durch die Beschwerde ausgelöst wurden.

Es geht dabei explizit nicht um den Vorwurf der Kartellbildung. Telekom, Telefonica und Orange stehen nicht im Verdacht, sich abgesprochen zu haben. Sie haben nur nach demselben Muster gehandelt, weil alle drei von Cogent forderten, sich an den Kosten für einen Ausbau der Knotenpunkte zu beteiligen.

Die Telekom ist über die Ermittlungen der EU irritiert. Immerhin hätten sich bisherige Vorwürfe als haltlos herausgestellt, sagte ein Sprecher.

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insgesamt 99 Beiträge
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1. :-)
mpj-opitz 11.07.2013
Ist ja nicht das schlechteste, wenn der amerikanische Beitrag zur Volksverdummung gedrosselt wird. Wer das unbedingt will, sollte und wird dafuer zahlen muessen. Ist doch mehr als ein geschmeidiges Gaschaeftsmodell "Premiumfb und ruckelfreies youtube"...
2.
trubeldubel 11.07.2013
NSA zahlt sicherlich gern...
3. Wanzen entfernt
levy_izhak 11.07.2013
unter dem Vorwand wurden die installierten Wanzen entfernt. falls Snowden noch mehr Details liefert und es zu einer Prüfung kommt
4.
franpet 11.07.2013
Ab wann ich dann wohl Geld von der Telekom verlangen kann. Beim Peering mit meinem heimischen Router habe ich ein sehr ähnliches Ungleichgewicht. Ich transportiere erheblich mehr Daten von der Telekom zu mir und die Telekom muss im Ausgleich nur unheimlich wenig Daten von mir übertragen. Und ich muss dafür noch bezahlen. Das ist genau das Gegenteil von dem, was die Telekom da argumentiert! Ich denke ich werd mich da wohl mal an die Telekom wenden müssen.
5. Merkt jemand was?
Progressor 11.07.2013
Das amerikanische Cogent-Netz ist über "verschiedene" Ports mit dem deutschen Backbone verbunden. Nun wissen wir ja, wie der amerikanische Geheimdienst unsere Telekommunikation überwacht. Kein Wunder, dass dies viel Traffic erzeugt.
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