Tepcos Atomchef Aizawa Das Gesicht der Katastrophe von Fukushima

Während eine neue Pannenserie Fukushima erschüttert, stellt sich Tepcos Atomchef Aizawa auf dem Weltenergiekongress seinen Kritikern. In einer Atmosphäre angestrengter Harmonie versichert er, dass in der Nuklearruine alles unter Kontrolle ist - und Atomenergie für Japan eine sichere Option bleibt.

Anti-Atom-Demo vor der Tepco-Zentrale: Sichere Option Atomenergie
AFP

Anti-Atom-Demo vor der Tepco-Zentrale: Sichere Option Atomenergie

Aus Daegu, Südkorea, berichtet


Was wollen die Menschen, die zu so diesem Vortrag gehen? Vielleicht ein Gesicht sehen, das eine sonst nur schwer fassbare Katastrophe abbildet. Vielleicht fragen sie sich auch, was der Mann gerade fühlt, der sich auf der Bühne aufs Pult stützt.

Dort oben steht Zengo Aizawa, 61, grauer Anzug, dunkle Krawatte, Atomchef der Tokio Electric Power Company, kurz Tepco. Es ist jene Firma, deren Atomkraftwerk Fukushima I im März 2011 von einem Tsunami überrollt wurde, das in Teilen explodierte und Land und Meer seither radioaktiv verstrahlt.

Die Veranstaltung trägt den Titel "Face to Face", viele Plätze in dem großen Saal bleiben frei. Das Gesicht auf der Bühne ist das eines müden Mannes: trübe Augen, dünne Lippen; die Haut hängt an den Wangen schlaff herab. Durch den schwarzgefärbten Scheitel schimmert es grau.

Aizawa startet eine Powerpoint-Präsentation mit Fotos der Atomruine Fukushima I. Verbogene Metallteile, zerschmetterte Wände. Er liest dazu Erklärungen aus einem Notizbuch ab. Eilig klickt er durch die Bilder, als wolle er, dass sie rasch wieder verschwinden.

Jäten zwischen Trümmern

Dabei kommen fast täglich neue Bilder hinzu. Vergangenen Freitag zum Beispiel das von Hiroko Watabe, 74, in der "New York Times". Watabe setzt jeden Monat ihre Schutzmaske auf, hängt sich Geigerzähler um und jätet Unkraut im Garten ihres verlassenen Hauses nahe Fukushima I. Sie will zeigen, dass sie es noch nicht aufgegeben hat. Sie ist eine von gut 83.000, die im März 2011 vor der Strahlung flüchteten. Die noch immer hoffen, dass sie irgendwann zurück dürfen nach Hause. Ein neues Heim können sie sich nicht leisten, dafür reicht die staatliche Entschädigung nicht aus.

Ein anderes Bild, das gerade durch die Medien geht, ist ein schiefes Gebäude in Fukushima I, nahe Reaktor 4. Durch das zerfetzte Dach ahnt man ein Kühlbecken, in dem rund 1500 alte Atombrennstäbe lagern. Stürzt das Gebäude ein, behaupten Atomkraftgegner, könnte mehr Radioaktivität auf das Land niedergehen als einst beim Nuklearschlag auf Hiroshima. Wissenschaftler halten das für übertrieben, das Bild aber verunsichert die Leute.

Während seiner Präsentation schaut Aizawa oft zu Boden. Seit fast 30 Jahren arbeitet er für Tepco, die meiste Zeit in der Nuklearsparte. Er hat die Firma mit aufgebaut zum größten Energieversorger Japans. "Es tut mir leid, dass wir der Welt diesen Kummer bereiten", sagt er. Der Tsunami, der über Fukushima I rollte, sei der stärkste seit 1000 Jahren gewesen. Man hätte das nicht ahnen können. "Wir werden Weisheit sammeln, damit das nie wieder passiert."

Strahlung im Pazifik

Aizawa setzt sich. Ein Moderator stellt jetzt Fragen, zum Beispiel nach den immer größeren Mengen kontaminierten Wassers, die zur Kühlung durch Fukushima I schwappen und zum beträchtlichen Teil in den Pazifik sickern. Wissenschaftler hatten schon lange vermutet, dass Strahlung ins Meer gelangt war. Tepco hatte das stets abgestritten. Erst am 26. Juli gestand das Unternehmen ein Leck. Man habe erst sicher sein müssen, dass wirklich Strahlung ins Meer geflossen war, hieß es zur Begründung. Man habe die Bevölkerung nicht unnötig beunruhigen wollen.

"Es tut mir leid, dass dieser Fehler passiert ist", sagt Aizawa. Doch die Folgen seien nicht so gravierend, wie oft berichtet. Bis jetzt seien gut 400.000 Tonnen kontaminiertes Wasser ins Meer gelangt. Bei Tests sei die Strahlung aber schon kurz vor der Küste kaum noch messbar gewesen.

Verheißungen der Technik

Runde drei. Das Publikum stellt die Fragen. "Keine Meinung, nur Fragen", bittet der Moderator. Ein junger Mann tritt ans Mikrofon. "Wir Koreaner essen nur noch wenig Fisch", sagt er. "Wir fürchten, dass das Wasser aus Fukushima die Fische vergiftet. Was ist mit Ihnen? Essen Sie noch Sushi?"

"Unsere Regierung überwacht die Fischbestände gründlich", sagt Aizawa. "Der meiste Fisch wird für den Markt freigegeben. Ich esse noch Sushi. Zweimal die Woche."

Bald werde kein radioaktiv belastetes Wasser mehr in den Pazifik sickern, verspricht er. Man werde Rohre mit chemischen Kühlmitteln im Erdreich versenken, die die Reaktoren abschirmen.

Atomkraft im Tsunami-Gebiet

Ob die immer neuen Pannen das Ende der japanischen Atomkraft bedeuten, will ein zweiter Zuhörer wissen. "Die Menschen und die Regierung müssen das entscheiden", antwortet Aizawa. "Ich selbst denke, eine sichere Versorgung ist auf Dauer nur mit Atomenergie möglich."

Nach der Katastrophe hatte Japans Regierung alle Atomreaktoren abschalten lassen, ein Drittel der japanischen Stromproduktion fiel schlagartig weg. Tepco hat inzwischen Anträge gestellt, um einige Anlagen wieder in Betrieb zu nehmen. Die Regierung prüft noch, aber Tepco ist schon weiter.

Nahe der Atomruine liegen noch vier Kraftwerkblöcke, die Anlage Fukushima II. Auch sie war im März 2011 von einem Tsunami beschädigt worden. Tepco restauriert die Anlage, Anwohner rebellieren. Was nun aus Fukushima II werde, fragt ein dritter Zuhörer. Sollte man nicht wenigstens das abreißen? "Immerhin liegt es mitten im Tsunami-Gebiet."

"Nein", sagt Aizawa. "Wir haben die Mauern dort geprüft. Sie sind stark. Wir werden sie aber sicherheitshalber noch einmal verstärken."

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Seite 1
ostap 15.10.2013
1. ein Fall für den internationalen Gerichtshof
Zitat von sysopAFPWährend eine neue Pannenserie Fukushima erschüttert, stellt sich Tepcos Atomchef Aizawa auf dem Weltenergiekongress seinen Kritikern. In einer Atmosphäre angestrengter Harmonie versichert er, dass in der Nuklearruine alles unter Kontrolle ist - und Atomenergie für Japan eine sichere Option bleibt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/tepcos-atomchef-aizawa-stellt-sich-der-oeffentlichkeit-a-927859.html
Warum dürfen solche Verbrecher wie Aizawa noch frei herumlaufen? Was macht der internationale Gerichtshof? Nur kleine Bandenchefs aus Afrika verurteilen?
Steuerzahler0815 15.10.2013
2.
Zitat von ostapWarum dürfen solche Verbrecher wie Aizawa noch frei herumlaufen? Was macht der internationale Gerichtshof? Nur kleine Bandenchefs aus Afrika verurteilen?
Wofür sollte man den verurteilen? Der Mann hat weder etwas falsch gemacht noch Tote zu verantworten Entgegen der grünen Propaganda ist in Fukushima nix Problematisches passiert. Bis jetzt ist niemand durch Fukushima gestorben und Experten gehen davon aus dass dies so bleiben wird!
heinz4444 15.10.2013
3. Ist doch klar,
alles andere würde in Japan einen Gesichtsverlust bedeuten. So wird alles eben geschönt bis zum geht nicht mehr. Und am Ende kommt dann doch die große Überraschung,das es unlösbare Probleme gibt.
dannyandy 15.10.2013
4. Fukushima forever?
Man muss sich doch fragen, ob die Japaner wirklich glauben, dass irgend ein Meiler in Fukushima noch mal ans Netz geht. Die Verstrahlung ist derart hoch, dass die Frage nach Sushi-Essen wirklich berechtigt ist. Die fortwährenden Lügen der Verantwortlichen widern mich an! Armes Japan!
Trondesson 15.10.2013
5.
Zitat von heinz4444alles andere würde in Japan einen Gesichtsverlust bedeuten. So wird alles eben geschönt bis zum geht nicht mehr. Und am Ende kommt dann doch die große Überraschung,das es unlösbare Probleme gibt.
Unlösbar? Für Japan bestimmt nicht, höchstens für die Panikmacher hierzulande, die schon beim geringsten nicht eingeplanten Problem in eine Schockstarre verfallen. Bezeichnend auch, daß das Transparent "Atomkraft - Nein Danke" auf Deutsch ist. Sowas gab's im Land, das Hiroshima und Nagasaki erleben mußte, vorher wohl gar nicht.
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