Eskapaden von Tesla-Chef Elon Musk "Mit einem Bein in der Hölle"

Mit maximaler Anstrengung hat Tesla sein Produktionsziel vorläufig geschafft. Doch die Unbeherrschtheit von Gründer Elon Musk bringt den Elektroautobauer immer wieder in Schwierigkeiten. Ist der Chef noch der Richtige?

Elon Musk
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Elon Musk

Von , Washington


Er hat seine Kleidung fünf Tage lang nicht gewechselt, auf dem Boden der Produktionshalle geschlafen und in der Hitze der Lackiererei mit angepackt. Am Ende hat Elon Musk der Welt bewiesen, dass er halten kann, was er verspricht: Anfang Juli hat Tesla zum ersten Mal sein wöchentliches Produktionsziel von 5000 Model 3 Elektroautos erreicht. Und trotzdem weiß der Silicon-Valley-Star Musk, dass er es nicht geschafft hat. "Ich habe das Gefühl, dass wir noch mit einem Bein in der Hölle stehen", sagte er im Interview mit "Bloomberg Businessweek".

Dabei liefen die vergangenen Wochen aus Sicht von Tesla ziemlich rund. Nicht nur, dass die Kritik der Investoren an den überzogenen Versprechungen der vergangenen Jahre mit dem Erreichen der Zielmarke erst einmal verstummt ist. Für das dritte und vierte Quartal rechne man mit einem Gewinn, hat das Unternehmen erklärt, und als nächstes wolle man die wöchentliche Produktion auf 6000 Stück wöchentlich hochfahren. "Ich denke, wir sind gerade zum einem echten Autounternehmen geworden", jubelte Musk in einem Memo an die knapp 40.000 Beschäftigten, die teils in Zehn- bis Zwölf-Stunden-Schichten sechs Tage pro Woche in dem Montage-Zelt geschuftet hatten, das Musk neben der Fabrik in Kalifornien hatte hochziehen lassen.

Zelt neben Tesla-Fabrik in Kalifornien
REUTERS

Zelt neben Tesla-Fabrik in Kalifornien

Kurz darauf saß der Tech-Milliardär im Flugzeug nach Shanghai, wo er den Vertrag für den Bau eines Werks unterschrieb, in der einmal jährlich 500.000 Tesla gebaut werden sollen. Auch in China will der amerikanische Vorzeigeerfinder etwas Neues versuchen: Tesla wird der erste ausländische Autobauer sein, der sich ohne Kooperation mit einem lokalen Partner ins Land wagt. Die Regierung in Peking hat angekündigt, den bisher bestehenden Zwang zum Joint-Venture aufzuheben.

Twitter als "offene Kampfarena"

Musk hätte also allen Grund, nach drei Monaten in der "Produktionshölle" erst einmal durchzuatmen. Stattdessen scheint der Mann, der auf der Forbes-Liste der mächtigsten Menschen der Welt auf Platz 25 rangiert, entschlossen, sich in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Ärger einzuhandeln.

Ob es eine gute Idee war, sich in die Rettungsaktion für die in einer Höhle eingeschlossene thailändische Fußball-Jugendmannschaft einzuschalten, darüber kann man streiten. Das Mini-U-Boot, das Musk mitbrachte, wurde nicht gebraucht, und sein verbaler Schlagabtausch mit den realen Rettern auf Twitter kam nicht gut an. Die "Washington Post" warf Musk vor, den "viralen Touristen" erfunden zu haben, "den Möchtegern-Retter, der in die Erzählung eingeht, egal ob er wirklich geholfen hat oder nicht". Als Musk dann auch noch einen der Taucher, der ihm PR-Motive vorgeworfen hatte, als "Pädo", als Phädophilen, beschimpfte, wurde es auch vielen gutmeinenden Followern zu viel. Den beleidigenden Tweet hat er inzwischen gelöscht.

Es ist nicht so, als wüsste der Unternehmer nicht, dass er ein Kommunikationsproblem hat. Er habe fälschlicherweise angenommen, dass Twitter eine offene Kampfarena sei, sagte er "Bloomberg". "Das ist mein Fehler. Ich werde das korrigieren." Dann ließ er seine unkontrollierte Twitter-Attacke gegen den britischen Taucher los. Die Aktie des Tech-Konzerns, der zwar bislang keinen Gewinn gemacht hat, beim Börsenwert aber mit dem Autogiganten General Motors wetteifert, verlor daraufhin 3,6 Prozent.

50 Manager in 24 Monaten

Aber Musk beschränkt seine Wutausbrüche nicht auf die sozialen Medien. Über vermeintlich dumme Fragen von Finanzanalysten regt er sich genauso auf wie über Journalisten, die an seinen großen Plänen zweifeln. Er hat sich mit Investoren, Gewerkschaften und sogar staatlichen Sicherheitskontrolleuren angelegt. Und der Führungsstil des 47-jährigen Vaters von fünf Söhnen, der Mitarbeiter nachts mit E-Mails bombardiert, ist umstritten. Mindestens 50 hochrangige Manager sollen in den vergangenen 24 Monaten das Unternehmen verlassen haben. Zuletzt ging Chefingenieur Doug Field.

Die Geldgeber des Unternehmens stellt das selbst erzeugte Chaos auf eine harte Probe. "Wir sind große Unterstützer, aber wir würden uns in der jetzigen Phase Frieden und Umsetzung wünschen", sagte James Anderson, Partner des viertgrößten Tesla-Aktionärs Baillie Gifford & Co "Bloomberg Television". Musk, der als Aprilscherz auch schon mal die Pleite des eigenen Unternehmens bekannt gab, muss erst noch zeigen, dass er den Sprung vom genialischen Start-up-Gründer zum Chef eines etablierten Konzerns schafft. Ohne seinen überbordenden Optimismus wäre er wohl nie so weit gekommen. Aber in Quartalsberichten haben Visionen keinen Platz.

Tesla Model 3
AP

Tesla Model 3

Mehrfach habe er Teslas Zukunft aufs Spiel gesetzt, erzählte Musk im Interview. "Es gab drei Situationen, in denen der Einsatz die Existenz des Unternehmens war." Das erste Mal bei der Entwicklung des Roadster, dann kam mit dem Model S die teure Ausweitung der Produktion von 600 auf 20.000 Stück pro Jahr und schließlich das Model 3, das mit Preisen ab 29.000 Euro den Einstieg in die Massenproduktion bringen soll. "Im Prinzip glaube ich, dass Model 3 das letzte Mal war, dass das Unternehmen der Einsatz war", verspricht Musk.

Manch einer allerdings bezweifelt, dass Musk der Richtige ist, um Tesla auf Kurs zu halten. Das "Wall Street Journal" empfiehlt dem Unternehmen gar, GM-Chefin Mary Barra abzuwerben. "Tesla braucht jemanden, der Erfahrung darin hat, einen Industriekonzern durch Krisen zu steuern und auf dramatische Veränderungen vorzubereiten", glaubt der Auto-Chefkorrespondent der Zeitung.

Ein Problem immerhin hat Tesla vorläufig nicht: sich die Käufer suchen zu müssen. 420.000 Kunden haben 1000 Dollar angezahlt, um einen Model-3-Wagen zu reservieren. Die meisten von ihnen werden wohl noch lange auf die Auslieferung warten müssen.

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werner-xyz 17.07.2018
1. An alle die Musk-jünger:
"Zehn- bis Zwölf-Stunden-Schichten sechs Tage pro Woche " ist nicht wirklich ein Fertigungskonzept das auf lange Sicht funktionalisiert. Irgendwie kommen mir die Tesla-Fahrzeuge langsam vor wie die Klamotten von Primark oder die Möbel von Ikea. Hauptsache die Arbeiter/Wälder ausbeuten, solange es genug Käufer gibt, passt es ja. Sollte man als Käufer vielleicht auch mal Bedenken. Wobei Musk im Gegensatz zu Primark/Ikea das Problem hat, dass eine Automobilfertigung (eigentlich) auch Facharbeiter benötigt. na ja mal abwarten, wenn die ersten Fahrzeuge an Nicht-Jünger verkauft werden, ob die Begeisterung da auch noch anhält.
sandra.kuehn 17.07.2018
2. Spätestens in zehn Jahren pleite
Der Laden ist sowieso in spätestens 10 Jahren pleite. Dann haben alle großen Hersteller diverse e-Autos am Start (deutsche, asiatische und wahrscheinlich sogar Ford und GM) und können sie auch in großen Stückzahlen produzieren und vertreiben (und haben ein großes Servicenetz). - Spätestens dann gehen bei Tesla die Lichter aus.
ttvtt 17.07.2018
3. so viele Irrationalitäten
Wenn man geplant hat mit zwei Produktionsstraßen in normaler Arbeitszeit 5000 Autos herstellen zu können, nun aber drei Straßen benötigt bei denen auch noch 10 und 12 Stunden Schichten geschoben werden, muss das doch alles Auswirkungen auf den zu erwartenden Gewinn haben.
Proserpin de Grace 17.07.2018
4. You can make it real!
Die Wirtschaft ist ja so öde wie das Beamtentum, weswegen sie so verzweifelt nach Stars und Glamour Ausschau hält. Daher ist Elon Musk so wichtig. Ob er richtig ist, kann bezweifelt werden. Denn die Show muss sich ja behaupten. Die Wirtschaft hatte tolle Stars. Denken wir nur an Lars Windhorst, an Thomas Middelhoff, an Freiherr zu Guttenberg, an Mr. President und eben an Elon Musk. Um mit Jürgen Vogel zu sprechen: You can make it happen. You can make it real!
meinemeinungpunkt 17.07.2018
5. Nur zum Verständnis
Im Artikel entsteht (zumindest fuer mich) etwas der Eindruck, dass der Autor des WSJ Artikels empfiehlt die Leitung von Tesla an jemanden wie Mary Barra von GM abzugeben. Das mag so gemeint oder von mir falsch verstanden worden sein, gewaehlte Formulierung legte dies, beim ersten Lesen (wie gesagt, zumindest fuer mich) nahe. Der Autor des WSJ Artikels fragt sich jedoch lediglich, ob es nicht sinnvoll waere jemanden mit Auto-Industrie-Erfahrung Elon Musk an die Seite zu stellen um Tesla breiter aufzustellen. John D. Stoll schreibt im WSJ: "“Elon has created enormous value,” investor John Anderson told me Wednesday. “But he does need more bench strength.”" und weiter "For Ms. Barra, one of America’s marquee CEOs, going to work for Mr. ​Musk could be considered a step down. But​ it would also be a step forward. The type of disruption the staid car business needs is woven through Tesla’s DNA. It​ just needs someone to help steer it in the right direction."
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