Führungsprobleme bei Tesla Musks Batterie ist leer

Tesla-Chef Elon Musk bewies genialen Pioniergeist - aber kann er ein börsennotiertes Unternehmen führen? Der große Stratege wirkt ausgebrannt, erste Investoren wollen ihn loswerden.

Elon Musk
AFP

Elon Musk

Von , Washington


Die Börse ist grausam. Kaum hatte Tesla-Chef Elon Musk sein tränenreiches Interview in der "New York Times" gegeben, setzten viele Wertpapierhändler an ihren Monitoren einen kurzen Befehl ab: "verkaufen". Bis zum Handelsschluss am Freitag stürzte der Tesla-Kurs Chart zeigen an der Nasdaq um neun Prozent ab. Zurück aus dem Wochenende setzten die Börsianer am Montag die Degradierung fort. Zeitweilig taumelte die Aktie unter der Schwelle von 300 Dollar. Binnen zwei Wochen hat sie damit über ein Fünftel ihres Werts verloren.

Es waren Festtage für die "Short-Seller", die sogenannten Leerverkäufer, die Musk inbrünstig hasst - und denen er gedroht hat, sie fertigzumachen. Denn diese Händler wetten auf den Niedergang des E-Autobauers. Sie verkaufen Tesla-Aktien, die sie noch gar nicht besitzen, in der Hoffnung, die Aktie bei Fälligkeit zu einem niedrigeren Kurs einkaufen zu können. So wollen sie Profit einstreichen aus der Differenz zwischen Einstands- und Verkaufspreis. Am vergangenen Freitag verdienten die Leerverkäufer laut der Analysefirma S3 Partners am Tesla-Kursverfall eine Milliarde Dollar. Und es war ausgerechnet Musk selbst, der seinem Lieblingsfeind zu dem Etappensieg verhalf.

Denn das einstündige Interview, das Musk zu Hause in Los Angeles gab, hat die Börsianer und die Tesla-Fangemeinde gleichsam verunsichert. Unterbrochen von Tränen gewährte der 47-Jährige der Öffentlichkeit tiefe Einblicke in seine Schlafprobleme, seinen Schlafmittelkonsum, seine 120-Stunden-Wochen und seine insgesamt offensichtlich labile Verfassung.

Kritiker sehen sich durch das Interview, das eher an eine Therapiesitzung erinnerte, bestärkt. Sie warnen, dass Musks Führung dem Unternehmen inzwischen mehr schadet als nützt. "Angesichts seiner jüngsten Vorstellung kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendein Investor bei gesundem Verstand oder irgendein unabhängiges Aufsichtsratsmitglied will, dass er CEO bleibt", sagte der frühere Vizechairman von General Motors, Bob Lutz, im Sender CNBC. "Elon ist müde, er ist ausgebrannt. Er hat offensichtlich einige emotionale Probleme."

Tatsächlich tritt Musk sehr anders auf als seine Managerkollegen aus der traditionellen Detroiter Autoindustrie. Aber genau das hat ihn befähigt, zu schaffen, was viele für unmöglich hielten, als er Tesla 2003 gründete. Er brachte ein Elektroauto auf den Markt, das die Kunden begeistert und mehr als ein Nischenprodukt ist.

Nun aber könnte das Ausnahmetalent in die Falle tappen, die vielen Unternehmern droht, nachdem aus ihrer Idee ein börsennotierter Konzern geworden ist. Ausgerechnet die Eigenschaften, die sie so weit gebracht haben, werden zum Risikofaktor für die Stabilität ihrer Unternehmen: die Portion Größenwahn ("Unser ehrgeiziges Ziel ist es, 2022 unsere erste Frachtmission zum Mars zu schicken."). Der Glaube an die eigene Unbesiegbarkeit. Die Sturheit, Warnungen in den Wind zu schlagen. Die Bereitschaft, Regeln zu verletzen.

Mehr Wunschdenken als geplantes Projekt

Die Hoffnung, mit der Medien, Analysten und Investoren Musk in den vergangenen Jahren begegneten, schwindet nun merklich. Er hat versprochen, nun soll er liefern, so die neue Logik.

Musk aber schert sich um die Lehren von Managementgurus bislang ebenso wenig wie um die Ratschläge seines eigenen Aufsichtsrats - etwa, wenn es darum geht, das halsbrecherische Twittern doch besser einzustellen. Er habe nichts zurückzunehmen, sagte er der "New York Times" zu dem Tweet, der die jüngsten Chaoswochen eingeleitet hatte. Darin hatte er aus dem Nichts angekündigt, sein Unternehmen von der Börse nehmen zu wollen. Seitdem allerdings ist deutlich geworden, dass es sich dabei mehr um Wunschdenken als um ein durchgeplantes Projekt handelt - vielleicht sogar eine "Fantasie", wie das "Wall Street Journal" anmerkte.

Mancher Beobachter hält Musks Gewohnheit, eine wenig fundierte Ankündigung nach der anderen abzusetzen, für Methode. Musk "ähnelt dem Präsidenten der Vereinigten Staaten in der Art, wie er die Medien benutzt", sagte Dave Lyons, der einst zwölfte Mitarbeiter von Tesla, in der "Washington Post".

Fotostrecke

13  Bilder
15 Jahre Tesla: Vom E-Auto-Hype zum Hyperloop

Seinen Tweet zur geplanten Reprivatisierung von Tesla, der die Märkte in Wallung versetzte, verfasste Musk nebenbei auf dem Weg zum Flughafen. Doch die Idee, sich damit der lästigen Analysten und Short Seller zu entledigen, hegt er schon seit Langem. Das Geld dafür, so hat er inzwischen konkretisiert, soll vom saudischen Staatsfonds kommen, der ein Vermögen von 230 Milliarden Dollar verwaltet. Und tatsächlich ist der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman gegenüber Tech-Deals grundsätzlich nicht abgeneigt. Noch im Frühjahr besuchte er das Silicon Valley. Fraglich ist nur, wie belastbar seine vermeintliche Zusage ist.

Die Idee, Tesla zu privatisieren, "klingt eher wie ein Sabbatical von der Realität", schrieb dazu der britische "Economist". Der Höhenflug der Tesla-Aktie, die Musks Tweet kurzfristig bis auf 387,46 Dollar hochtrieb, erwies sich jedenfalls als kurzes Vergnügen gegen die Short Seller. Stattdessen ermittelt nun die Börsenaufsicht SEC wegen eines möglichen Verstoßes gegen Informationsregeln, und mehrere Investoren haben Klage eingereicht.

"Herkules remixed"

Musk hat seiner Fangemeinde versprochen, der Durchbruch bei Tesla stehe kurz bevor. Im dritten Quartal dieses Jahres werde das Unternehmen, das noch kein einziges Mal einen Jahresgewinn erzielt hat, Profite ausweisen und Cashflow generieren. Die Experten des "Wall Street Journal" fürchten hingegen, dass die jüngsten Turbulenzen die Fahrt in den finanziellen Engpass beschleunigen werden. Schon bald könne dem mit zehn Milliarden Dollar verschuldeten Unternehmen das Geld ausgehen. Zum Ende des zweiten Quartals habe Tesla zwar Barmittel von 2,2 Milliarden Dollar in der Kasse gehabt, aber allein im ersten Halbjahr seien 1,8 Milliarden Dollar an Cash-Reserven verbraucht worden.

Mit seinen überzogenen Versprechungen macht sich Musk selbst zur leichten Beute für Short Seller. Die Investmentbank J.P. Morgan hat ihr Kursziel für die Aktie zum Jahresende von 308 auf 195 Dollar runtergesetzt.

Das Magazin "Wired" aus San Francisco, selbst erklärtes "Sprachrohr der digitalen Generation", sagt noch Schlimmeres voraus. "Elon Musk ist gebrochen, und wir sind es, die ihn gebrochen haben." Der Tesla-Chef sei der "Herkules remixed". Er habe die ihm auferlegten Arbeiten gemeistert, Raketen auf Schiffen gelandet und ein wundervolles erschwingliches Elektroauto geliefert. "Aber die Anstrengung hat ihn anscheinend verrückt werden lassen. Und nun droht er, das zu zerstören, was er geschaffen hat."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikels hieß es, Elon Musk habe in dem Interview mit der "New York Times" über "seinen Marihuanakonsum" gesprochen, das ist jedoch falsch. Vielmehr sprach Musk über den Gebrauch eines Schlafmittels, dass er Marihuana nehme, dementierte er explizit.

Zudem wurde Elon Musk in einer früheren Fassung als "Tesla-Gründer" bezeichnet. Auch diesen Fehler haben wir korrigiert.



insgesamt 77 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
deppjones 21.08.2018
1. Bin absolut kein Fan von Musk
Ich bin absolut kein Fan von Musk und könnte es ihm daher gönnen, tue es aber nicht. Ich finde es eher angenehm, dass er versucht, etwas herzustellen, was irgendwo einen Gegenwert hat. Die Banken, Hedgefonds usw verdienen aber ihr Geld mit reiner Spekulation. Also genaugenommen mit nichts als Wetten in großem Stil. Und das Musk jetzt anscheinend dagegen nicht ankommt (kann mich irren), finde ich schade.
alexaj 21.08.2018
2. Tesla ist nicht gleich Elon Musk
Es liegt ein Irrtum vor, wenn man glaubt Tesla sei von Herrn Musk 2003 gegründet worden. Er ist erst 2004 in das Unternehmen eingestiegen. Die Gründer waren Martin Eberhard und Mark Tappening, nicht Musk, wie im Artikel behauptet wird. Man sollte nicht vergessen, dass Musk vielleicht das Gesicht des Autohersteller ist und die Marke ins Bewusstsein der Industrie und der Menschen gebracht hat, nun aber womöglich seinen Einfluss auf Tesla aufgebraucht hat und tatsächlich nicht mehr benötigt wird.
mikestichel 21.08.2018
3. Elon Musk nicht Gründer
Elon Musik ist nicht der Gründer von Tesla. Er wurde als Investor zu Tesla geholt und hat dann alle Gründer aus der Firma gedrängt. Wikipedia: "Der Name erinnert an den Physiker und Erfinder Nikola Tesla." ach ja
Sibylle1969 21.08.2018
4.
120-Stunden-Woche, das macht pro Tag über 17 Stunden, und das sieben Tage die Woche. Das dürfte auf jeden Fall mit massivem Schlafmangel einhergehen. Ein nennenswertes Privatleben (Sport, mit Freunden treffen, Hobbys) ist sicher auch nicht drin. Irgendwann hat man keine Freunde mehr, keine Partnerin, und die Gesundheit ist auch am A.... . Musk sollte sich fragen, ob es das noch wert ist. Eine mindestens mehrmonatige Auszeit zur Erholung ist hier angebracht.
my-space 21.08.2018
5. Ausnahmeerscheinung
Der Mann ist außergewöhnlich, in vielem Guten und in manchem Schlechten. Der eher unfähige Durchschnitt ist von solchen Menschen gewöhnlich angeekelt. Aber die Musks sind es, die überhaupt etwas entstehen lassen. Er soll ausruhen, runterkommen, das Twittern lassen. Dann wiederkommen wie Steve Jobs und Tesla zum Apple der Automobilproduzenten entwickeln. Das wünsche ich ihm.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.