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Teure Energie: Industriestaaten fluten Märkte mit Öl

Die Internationale Energieagentur will den hohen Ölpreis drücken: Die Organisation der Industriestaaten greift ihre Reserven an und wirft 60 Millionen Barrel auf den Markt, auch Deutschland ist beteiligt. Der Schritt gilt als historisch, die Börse reagiert sofort.

Ölhändler in New Yorker Börse: Nach der Erklärung der IEA fielen die Preise Zur Großansicht
AFP

Ölhändler in New Yorker Börse: Nach der Erklärung der IEA fielen die Preise

Paris/Washington - Die Internationale Energieagentur (IEA) überrascht die Rohstoffmärkte: Sie zapft ihre Reserven an und versorgt den Markt mit 60 Millionen Barrel Öl, um die Unterbrechung der Versorgung aus Libyen abzumildern. Das hätten die Mitgliedstaaten beschlossen, darunter auch Deutschland, teilte Exekutivdirektor Nobuo Tanaka am Donnerstag mit. Es ist das erste Mal seit sechs Jahren, dass Deutschland seine strategischen Reserven antastet.

Die Ankündigung der IEA zeigte sofort Wirkung: Der Preis für ein Barrel, das sind 159 Liter, der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) sank bis zum späten Donnerstagnachmittag um mehr als fünf Prozent auf weniger als 90 Dollar. Die Nordseesorte Brent Chart zeigen gab ähnlich stark nach und kostete nur noch 107 Dollar.

Die IEA vertritt die Interessen der Industrienationen - also der großen Energieverbraucher. Sie begründete den überraschenden Schritt damit, dass die Produktionsausfälle in Libyen stärker seien als bisher angenommen. Durch den Bürgerkrieg sind demnach 132 Millionen Barrel Öl bis Ende Mai nicht verkauft worden - die 60 Millionen Barrel, die in den nächsten 30 Tagen auf den Markt kommen sollen, decken also knapp die Hälfte ab. Anschließend will die IEA über weitere Schritte entscheiden.

Die USA steuern die Hälfte der Menge bei

Zudem könnte der im Sommer übliche Anstieg der Nachfrage in den Ölraffinerien zu Engpässen führen. Daher befürchtet die IEA negative Auswirkungen auf die Weltkonjunktur. In der Organisation haben sich 28 Länder zusammengeschlossen, um nach den Erfahrungen der Ölkrise in den siebziger Jahren ihre Versorgung sicherzustellen. Deutschland gehört zu den Gründungsmitgliedern.

Auch wenn die IEA über die Aktion entscheidet, kommt das Öl aus den Vorräten der einzelnen Staaten: Alleine 30 Millionen Barrel stellen die USA zur Verfügung. Dazu zapfen sie ihre strategischen Ölreserven an, wie das Energieministerium erklärte. Die Reserven seien derzeit auf einem historischen Höchststand von 727 Millionen Barrel. Das Öl gelangt nach und nach auf den Markt. "Wir werden die Situation weiter beobachten und stehen für zusätzlich nötige Schritte bereit", sagte Energieminister Steven Chu.

Deutschlands Beitrag fällt dagegen relativ gering aus: Insgesamt gibt Berlin laut dem Bundeswirtschaftsministerium 4,2 Millionen Barrel seiner Vorräte für den Markt frei. Im Sinne der internationalen Solidarität beteilige sich Deutschland an der koordinierten Aktion. Der Schlüssel, nach dem sich der Beitrag der einzelnen IEA-Mitglieder bemisst, ist ohnehin festgeschrieben.

Reserven für 146 Tage

Die Details zur freigegebenen Menge sind noch offen. In den Vorratstanks ist durchaus genug Öl: Die gesamten Reserven der IEA-Mitgliedstaaten umfassen den Angaben zufolge 4,1 Milliarden Barrel, und fast 1,6 Milliarden davon befinden sich in der Notfallreserve. Die Mitglieder haben die Verpflichtung, so viel Öl als Reserve zu lagern, wie sie in 90 Tage importieren. Sie halten derzeit aber sogar eine Menge, die einem Import an 146 Tagen entspricht. Es ist das dritte Mal in ihrer Geschichte, dass die Mitgliedsländer der IEA ihre Ölvorräte gemeinsam und konzertiert antasten.

Zuletzt zapfte Deutschland im September 2005 seine strategischen Reserven an. Auslöser waren die Preisexplosion an den Ölmärkten und die enormen Verwüstungen in den USA nach dem Hurrikan "Katrina". Damals wurden die deutschen Mengen vom Erdölbevorratungsverband ausgeschrieben und zu aktuellen Preisen meistbietend verkauft. Wie das Öl diesmal im Detail auf dem Markt platziert wird, ist noch unklar.

fdi/Reuters/dpa

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insgesamt 107 Beiträge
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1. Immerhin...
derjansel 23.06.2011
wissen wir jetzt, woher die FDP das Geld für Steuersenkungen herholen will. :)
2. lebe wohl
CHANGE-WECHSEL 23.06.2011
Zitat von sysopDie Internationale Energieagentur will den hohen Ölpreis drücken: Die Industriestaaten-Organisation greift ihre Reserven an und wirft 60 Millionen Barrel auf den Markt. Der Schritt gilt als historisch,*die Börse reagiert sofort. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,770200,00.html
Lebe wohl Kapitalismus, lebe wohl soziale* Marktwirtschaft. Lebe wohl Erdenfrieden. Die Zeiten werden stürmisch, stürmischer als jeder Tsunami. *was an der sozial war, dies wissen nur die Götter
3. Unsachlich und ....
freiheit05 23.06.2011
Unfug.
4. Blech
Karl_der_Zweite_ 23.06.2011
Zitat von CHANGE-WECHSELLebe wohl Kapitalismus, lebe wohl soziale* Marktwirtschaft. Lebe wohl Erdenfrieden. Die Zeiten werden stürmisch, stürmischer als jeder Tsunami. *was an der sozial war, dies wissen nur die Götter
Sie sollten in Chnia leben, da wüssten sie , warum es bei uns sozial heißt und dort autoritärer „Kader-Kapitalismus". Sozial - schonmal was von Transferleistungen gehört. In Deutschalnd so 1000 Mrd. pro Jahr. Muss man nicht bemerken ;-)
5. Marktwirtschaft
Hubert Rudnick, 23.06.2011
Zitat von sysopDie Internationale Energieagentur will den hohen Ölpreis drücken: Die Industriestaaten-Organisation greift ihre Reserven an und wirft 60 Millionen Barrel auf den Markt. Der Schritt gilt als historisch,*die Börse reagiert sofort. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,770200,00.html
Alle sollten es doch schon in ihrer Schulzeit gelernt haben, so funktioniert nun mal die hochgelobte Marktwirtschaft. HR
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Schwarzes Gold: Ölförderung rund um den Globus

Brent, WTI, Bonny Light - Die Ölsorten und ihr Preis
Qualität
Die Erdölindustrie klassifiziert ihr Rohöl nach drei Kriterien: Herkunft, Dichte (Gewicht im Verhältnis zu Wasser) und Schwefelgehalt. Rohöl mit einer hohen Dichte wird entsprechend als "schwer" ("heavy"), mit einer geringeren Dichte als leicht ("light") bezeichnet. Rohöl mit einem hohen Schwefelgehalt gilt als "sauer", ein geringer Schwefelgehalt macht das Öl "süß". Je schwerer und saurer das Rohöl ist, desto aufwendiger ist seine Verarbeitung zum Beispiel zu Benzin oder Kerosin. Leichtes und schwefelarmes Rohöl ist gefragter und damit teurer als schweres.
Sorten
Weltweit gibt es mehrere Dutzend Rohölsorten aus unterschiedlichen Regionen, die unterschiedlich in ihrer Qualität sind. Die Herkunft reicht von Algerien bis Venezuela. Wichtigste Sorten sind die amerikanische Marke West Texas Intermediate (WTI) und das aus 15 Nordseeölfeldern stammende Brent. Hinzu kommen die Rohölsorten aus den Erdöl exportierenden Ländern (Opec), zum Beispiel die Sorte "Arab Light" aus Saudi-Arabien und "Bonny Light" aus Nigeria.
Preise
An den Terminbörsen werden mehrere sogenannte Referenzöle gehandelt mit einem standardisierten Leitwert. Abhängig von ihrer Qualität werden die übrigen Sorten mit einer Prämie oder einem Abschlag zur Leitsorte gehandelt.

Referenzsorte ist die vor allem in Amerika gehandelte Marke WTI und das aus der Nordsee stammende und in London gehandelte Brent. WTI ist leichter und schwefelärmer als Brent und somit meist einige Dollar teurer pro Barrel. Die Produktion beider Sorten geht seit einiger Zeit zurück, dennoch sind sie nach wie vor die beiden wichtigsten Referenzöle.

Hinzu kommt etwa der von der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) veröffentlichte Korbpreis für Rohöl. Er wird auf Grundlage der elf von seinen Kartellmitgliedern produzierten Sorten berechnet. Opec-Öl ist meist schwerer und saurer als WTI und Brent und damit billiger.

Preisanstiege und -abschläge verlaufen also meist für alle Sorten parallel. Jedoch schwanken die Preise jeder Sorte, wenn sie mehr oder weniger nachgefragt oder gefördert werden.

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