Teurer Rohstoff: BP-Chefökonom prophezeit Ära des 100-Dollar-Öls

100, 110, 120 Dollar: Der Ölpreis steigt, ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. Im Interview erklärt BP-Chefökonom Christof Rühl, warum die Verbraucher dauerhaft mit hohen Kosten rechnen müssen - und warum die Ölförderung immer schmutziger wird.

Teuer, schmutzig, riskant: Die neuen Ölfördermethoden Fotos
AFP

SPIEGEL ONLINE: Herr Rühl, 2011 war das teuerste Jahr aller Zeiten für deutsche Autofahrer. Derzeit pendelt der Ölpreis bei knapp 120 Dollar. Woran liegt das?

Rühl: Kurzfristig wirken zwei Kräfte auf den Ölpreis. Einerseits wächst die Wirtschaft in den Industrieländern nicht mehr so stark, wodurch die Nachfrage nach Öl sinkt - und der Preisdruck eigentlich nachlassen sollte. Andererseits gibt es die Furcht vor Lieferunterbrechungen im Nahen Osten, und das treibt den Preis. Zur Stabilität auf hohem Niveau trägt die Ankündigung Saudi-Arabiens bei, die Ölproduktion bis auf weiteres nicht zu verändern.

SPIEGEL ONLINE: Gerade haben Sie Ihre Langzeitprognose für den Energiemarkt veröffentlicht. Demnach wird der globale Energiebedarf in den kommenden zwei Jahrzehnten rapide steigen. Droht bald eine Energielücke?

Rühl: Nein, das Angebot wird mit der Nachfrage Schritt halten. Die Fördertechniken dafür existieren. Und es gibt auf der Welt genug Ressourcen. Es muss nur der politische Wille bestehen, sie zu erschließen.

SPIEGEL ONLINE: Allein der weltweite Ölbedarf steigt Ihren Prognosen zufolge bis 2030 von 87 auf 103 Millionen Fass pro Tag. Wie soll das gehen?

Rühl: Das erfordert mehr Förderung in Opec-Staaten. Zudem erlauben neue Technologien die Erschließung weiterer Ressourcen. Die genannte Zahl schließt eine Zunahme von Biokraftstoffen um 3,5 Millionen Fass pro Tag ein. In Kanada gibt es gewaltige Reserven an sogenannten Ölsanden. Brasilien baut die Förderung in der Tiefsee aus. Und in den USA gewinnt derzeit rasch eine Fördermethode an Bedeutung, mit der sich Öl aus Schiefergestein und anderen schwer zugänglichen Reservoirs gewinnen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Das sind alles schmutzige Fördermethoden mit großen Umweltrisiken.

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Grafiken: Wo kommt 2030 unsere Energie her?
Rühl: Nicht alles was neu ist, ist schmutzig. Fakt ist: Solche Fördermethoden werden zunehmen. Die konventionelle Ölförderung außerhalb des Nahen Ostens hat ihren Zenit vermutlich schon 2010 überschritten. Der Bedarf aber steigt, vor allem in Asien. Und es ist kaum vorstellbar, dass Länder dort der Umwelt zuliebe auf Wachstum und Wohlstand verzichten. Trotzdem müssen die Risiken in Grenzen gehalten werden. Dazu bedarf es Firmen und gesellschaftlicher Kräfte, die auf hohe Sicherheitsstandards dringen.

SPIEGEL ONLINE: BP hat im Golf von Mexiko eine der größten Umweltkatastrophen aller Zeiten mitverursacht - durch eine Tiefseebohrung. Kürzlich verursachte Ihr Konkurrent Chevron Chart zeigen vor der brasilianischen Küste einen neuen, kilometergroßen Ölteppich - ebenfalls durch eine Tiefseebohrung. Wo waren denn da die gesellschaftlichen Kräfte?

Rühl: Sie wirken doch. Denn unter solchen Katastrophen leiden nach den Betroffenen, die sich zur Wehr setzen, zunächst die Aktionäre. Im Falle von BP also Investmentfonds und Privatanleger. Die drängen auf verbesserte Sicherheit, denn sie verlieren mit jeder Katastrophe, mit jeder Strafe bares Geld...

SPIEGEL ONLINE: ...und sie gewinnen es. Im vergangenen Jahr hat BP rund 22 Milliarden Dollar verdient. Die Folgen der Katastrophe im Golf von Mexiko sind damit wohl verdaut.

Rühl: Sie sind mitnichten verdaut. Der Gerichtsprozess in den USA fängt gerade an, und der Aktienkurs ist immer noch sehr niedrig. Glauben Sie mir: Der Druck, dass so etwas nie wieder passiert, ist enorm.

SPIEGEL ONLINE: Mal ganz abgesehen von den Umweltrisiken: Selbst die Förderung in Schieferstein, Ölsand und Tiefsee wird laut Ihrer eigenen Prognose nicht reichen, um den globalen Bedarf bis 2030 zu decken.

Rühl: In der Tat. Staaten wie der Irak oder Saudi-Arabien werden ihre Exporte zusätzlich steigern.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das gehen? Die meisten Länder im Nahen Osten fördern doch jetzt schon am Anschlag.

Rühl: Nicht alle. Zudem vergeuden viele Opec-Staaten derzeit noch selbst viel Energie. In Saudi-Arabien werden an heißen Tagen eine Million Fass Öl für die Stromproduktion verbraucht. Das ist natürlich ineffizient. Auch dort ließe sich Strom viel günstiger aus Gas oder erneuerbaren Energien produzieren. Damit die Exporte - und damit die Erlöse - weiter steigen, müssten die ölreichen Länder ihre Effizienz erhöhen und ihren eigenen Verbrauch deutlich senken. Manche Regierungen arbeiten bereits daran. Die Vereinigten Arabischen Emirate etwa haben kürzlich den Benzinpreis erhöht...

SPIEGEL ONLINE: ...und bekamen gehörig Ärger mit der eigenen Bevölkerung. In vielen ölreichen Ländern gilt es als gesellschaftlicher Konsens, dass Energie unendlich verfügbar ist und fast nichts kosten darf.

Rühl: Wohl wahr. Es ist ein politischer Kraftakt, eine Gesellschaft in Nahost energieeffizienter zu machen. Doch es wird passieren. Letztlich haben die Länder keine Wahl - wenn sie nicht auf Exporterlöse verzichten wollen.

SPIEGEL ONLINE: In China schwächt sich der Energiebedarf laut Ihrer Prognose in Zukunft ab. In Indien nimmt er zu, bleibt aber geringer als in China. Wie kommen Sie zu dieser Annahme?

Rühl: Wir glauben nicht dass Chinas Energieverbrauch so weiter wächst wie in den letzten zehn Jahren, oder dass Indien ein zweites China wird. In China steuert der energiehungrige Industriesektor derzeit fast 50 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei - das wird abnehmen, und der Sektor wird effizienter werden, so wie es in anderen Industrieländern auch passiert ist. In Indien sind heute noch so viele Leute ohne Strom wie Europa Einwohner hat - die Industrie hatte stets eine geringere Bedeutung und wird von daher weiter wachsen müssen. Doch das Land hat eine andere Struktur, eine andere Geschichte und war nie so energieintensiv wie China. Deshalb wird Indien 2030 in etwa so reich sein wie China heute, aber nur halb so viel Energie verbrauchen.

SPIEGEL ONLINE: Im Schnitt kostet das Fass seit mehr als einem Jahr rund hundert Dollar. Früher galt dieser Preis als Obergrenze. Ist der Deckel von gestern der Boden von heute?

Rühl: 100 Dollar pro Fass sind hoch, aber viele sehen es inzwischen als so etwas wie den Normalpreis.

SPIEGEL ONLINE: Können sich die Industrieländer ihre Abhängigkeit vom Öl nicht mehr leisten?

Rühl: Das wäre so, wenn Märkte nicht reagieren könnten. Weil Öl immer teurer wird, machen sich entwickelte Industrien immer unabhängiger davon. In den siebziger Jahren deckte Öl rund die Hälfte des Weltenergiebedarfs - 2030 wird es noch ungefähr ein Viertel sein. Im Transportsektor werden sich bei steigendem Benzinpreis rasch Hybridfahrzeuge durchsetzen. Bei der Strom- und Wärmeerzeugung und in der Industrie wird Erdgas stark an Bedeutung gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Die Gas-Revolution findet bereits statt - vor allem in Amerika. Durch neue Fördertechniken produziert Nordamerika zudem immer mehr Erdöl und Kohle. Was sind die Folgen dieses Booms?

Rühl: Das globale Gleichgewicht verschiebt sich. Nordamerika, also die USA plus Kanada und Mexiko, wird 2030 fast komplett unabhängig sein von Energieimporten aus anderen Ländern. In Europa und China dagegen steigt die Abhängigkeit rapide. Dadurch ergeben sich neue geostrategische Interessen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es 2030 mal wieder Spannungen im Nahen Osten gibt, müssten künftig China und Europa eingreifen statt der USA?

Rühl: Es ist zum Glück nicht mein Job, darüber zu spekulieren. Fakt ist, dass sich die Interessenlagen verschieben. Dass zum Beispiel die USA künftig weniger interessiert an Ölimporten aus Nahost sein könnte, speziell natürlich, wenn sie ihr Öl hauptsächlich aus Kanada oder Mexiko beziehen. Und dass dieses Interesse in Asien und auch in Europa immer größer wird.

Das Interview führte Stefan Schultz

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insgesamt 49 Beiträge
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1. Ehrlich
FXTrader 13.02.2012
Man muss schon sagen, wenigstens ist der Mann ehrlich. Er gibt zu dass kaum ein Land der Umwelt wegen auf Wirtschaftswachstum verzichten wird. Über die Aussagen der CEO's kann man nur lachen.
2. Ja, ja
derweise 13.02.2012
Zitat von sysop100, 110, 120 Dollar: Der Ölpreis steigt, ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. Im Interview erklärt BP-Chefökonom Christof Rühl, warum die Verbraucher dauerhaft mit hohen Kosten rechnen müssen - und warum das Öl immer schmutziger wird. Teurer Rohstoff: BP-Chefökonom prophezeit Ära des 100-Dollar-Öls - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,814873,00.html)
Ja, ja, da erklärt uns nun ein Unternehmer, warum sein Produkt teuer ist. Da gibt es nur ein Mittel gegen: Wettbewerb, zerschlagt die Truste!
3.
lupenreinerdemokrat 13.02.2012
Zitat von sysop100, 110, 120 Dollar: Der Ölpreis steigt, ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. Im Interview erklärt BP-Chefökonom Christof Rühl, warum die Verbraucher dauerhaft mit hohen Kosten rechnen müssen - und warum das Öl immer schmutziger wird. Teurer Rohstoff: BP-Chefökonom prophezeit Ära des 100-Dollar-Öls - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,814873,00.html)
Da die Löhne nicht in gleichem Maß steigen, wird den Ölmultis bald klar werden, dass man den Profit nicht ungebremst weiter in die Höhe treiben kann, denn irgendwann, ich rechne so spätestens bei Superbenzinpreisen ab 1,70 - 1,80€ /l wird die Melkkuh Autofahrer umdenken und auf alternative Beförderungsmittel zum Arbeitsplatz umsteigen. Hoffen wir's!
4. Alles aus Öl
BiffBoffo 13.02.2012
Tja, so ist das in unserem System. Plastik und Sprit sind die häufigsten Güter unseres Systems. Ganz klar das da jeder was vom Kuchen haben möchte. Nett das der BP-Chefökonom schonmal alle drauf hinweist das es jetzt Teurer wird. Irgendwann gehts halt nicht mehr teurer. :)
5.
Flinsenberger 13.02.2012
Peak Oil ist da. Das weiß der Chefökonom der Firma natürlich, die den Statistical World Energy Review erstellt. Und weil er sicher nicht blöd ist, weiss er auch, dass die Reservezahlen der Nahoststaaten wahrscheinlich übertrieben sind. Unterm Strich ist eins sicher: Je weniger von dem Zeug wir verbrauchen, desto besser. Denn billiger wirds nimmer werden. Und uns gehörts nicht, sondern den Anderen. Auch wenn man den (wichtigen) CO2-Aspekt einfach mal ignoriert.
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Zur Person
Christof Rühl kam 2005 zu BP und ist seit 2007 Chef-Volkswirt und Vizepräsident des Ölkonzerns. Seine Karriere begann er als Wirtschaftswissenschaftler, zunächst in Deutschland, dann ab 1991 als Professor für Wirtschaftslehre an der University of California in Los Angeles. Nach verschiedenen Stationen als Honorarprofessor an akademischen Instituten weltweit, darunter die University of Chicago, wechselte er zur Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. 1998 ging Rühl zur Weltbank, wo er als Chef-Volkswirt in Russland und Brasilien arbeitete. Seine Spezialgebiete sind Makroökonomie und Energiewirtschaft.

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Die Opec
Organisation
1960 gründeten Saudi-Arabien, Iran, Irak, Kuwait und Venezuela die Organisation erdölexportierender Länder. Es galt, die gemeinsamen Interessen gegenüber den Abnehmerstaaten - vornehmlich den Industrienationen aus der westlichen Welt - zu koordinieren. Später schlossen sich Indonesien, Katar, Libyen, die Vereinigten Arabischen Emirate, Algerien und Nigeria der Organisation an. Zuletzt kam Anfang 2007 Angola als Neumitglied hinzu. Zwischenzeitlich waren auch Gabun und Ecuador in der Organisation. Ziel ist eine gemeinsame Ölpolitik, unter anderem um sich gegen einen Preisverfall abzusichern.
Motive
Die weltweite Ausweitung der Ölproduktion nach Enddeckung neuer Ölquellen hatte zu einem drastischen Preisverfall geführt. Das Kartell sollte die Mitglieder nicht nur in die Lage versetzen, den Ölpreis durch Regulierung des Angebots zu steuern; auch die Macht der großen Ölkonzerne galt es zu stutzen, die sich während der Kolonialzeit die Kontrolle über die Ölquellen gesichert hatten und den Großteil der Gewinne kassierten.
Machtfülle
Die zwölf Opec-Mitglieder steuern rund 40 Prozent der weltweiten Erdölförderung bei. Ihr Anteil an den weltweiten Erdölreserven liegt sogar bei gut 75 Prozent. Zweimal pro Jahr treffen sich die Opec-Vertreter am Hauptsitz der Organisation in Wien, um die Förderquoten festzulegen. Die Mitglieder sind verpflichtet, sich an die Vorgaben zu halten. Die Disziplin einzelner Förderländer ließ in der Vergangenheit jedoch mehrfach zu wünschen übrig. Die Organisation hat aufgrund ihrer inneren Zerstrittenheit einen großen Teil ihrer Schlagkraft auf dem Markt eingebüßt.
Konflikte
Wie weit die Macht der Opec einst reichte, zeigte sich eindrucksvoll zu Anfang der siebziger Jahre. 1973 drosselte die Organisation die Erdölproduktion und sorgte durch einen Boykott gegenüber dem Westen für eine Preiserhöhung von fast 400 Prozent. Der Preis pro Barrel erhöhte sich von 2,89 Dollar auf 11,65. Da die Opec-Staaten zu dieser Zeit knapp 55 Prozent des weltweiten Bedarfs förderten, blieben kaum Möglichkeiten, sich dem Preisanstieg zu entziehen. Ende der siebziger Jahre, nach der iranischen Revolution, kam es zu einem zweiten Preisschub: Der Preis stieg mehrmals auf 35 Dollar pro Barrel. Dies verursachte allerdings wesentlich geringere Verwerfungen in den Industriestaaten als noch Anfang der siebziger Jahre.