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Teurer Strom: Solar-Absahner schaden der Ökobranche

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Strom könnte bald um zehn Prozent teurer werden, der Hauptgrund laut einer Studie: die ausufernde Förderung der Solarbranche. Diese hat ihren Boom jahrelang kleingerechnet, die Politik griff nicht ein. Die Sonnenkönige bedrohen den Ruf der gesamten Ökostrom-Branche.

Solarzellen: Gewaltiger Zubau in Deutschland Zur Großansicht
REUTERS

Solarzellen: Gewaltiger Zubau in Deutschland

Hamburg - Deutschland träumt einen verheißungsvollen Öko-Traum. Zahllose Dächer und Landstriche werden mit glitzernden, futuristisch anmutenden Solar-Panels überzogen. Scheint die Sonne, werden diese Flächen mit nie versiegender Energie geflutet und produzieren sauberen Strom. Es ist eine sorglose Ära, die da erträumt wird - doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

In Wahrheit könnte der Solarboom teuer werden für die Verbraucher. Schon jetzt fördern sie den Sonnenstrom jährlich mit mehreren Milliarden Euro - über Aufschläge auf ihre Stromrechnung. 2011 sollen diese Zuschläge nun noch einmal deutlich steigen. Die Öko-Umlage, mit der Wind-, Solar- oder Biogasstrom finanziert werden, muss laut einer Vattenfall-Studie im kommenden Jahr um 1,8 bis 2 Cent pro Kilowattstunde erhöht werden - auf insgesamt bis zu 4,4 Cent einschließlich Mehrwertsteuer. Das an offiziellen Ökostrom-Prognosen beteiligte Leipziger Institut für Energie hält die Prognose für realistisch.

Für die Verbraucher sind das schlechte Nachrichten: Der Strompreis würde schlagartig um zehn Prozent steigen - von rund 20 Cent auf 22 Cent. Ein Einfamilienhaushalt mit 5000 Kilowattstunden Verbrauch würde rund 100 Euro pro Jahr draufzahlen.

Das Absurde: Obwohl nur rund zwei Prozent der Elektrizität in Deutschland mit Sonnenstrom produziert werden, macht die Solarvergütung den größten Posten in dieser Rechnung aus. "Von den 2,05 Cent Öko-Förderung gehen schon jetzt 0,82 Cent in die Solarförderung", sagt Holger Krawinkel, Energieexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Das seien mehr als 40 Prozent der gesamten Umlage. Im kommenden Jahr dürfte der Anteil der Solaranlagen an dem Öko-Zuschlag auf deutlich mehr als 50 Prozent anschwellen.

Mittelstand fordert drastische Kürzung der Förderung

Grund für den Preisanstieg ist der starke Zubau von Solaranlagen. Dank der hohen Förderung haben sich 2009 zahllose Verbraucher eine Anlage aufs Dach geschraubt. Doch die Solarunternehmen haben diesen Boom in ihren Prognosen lange nicht berücksichtigt. Nach den Planungen des Bundesverbands Solarwirtschaft sollten in Deutschland 2009 Anlagen mit einer Leistung von 682 Megawatt installiert werden - tatsächlich waren es mindestens 3000 Megawatt. Die Förderkosten explodierten entsprechend (siehe Kasten).

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Grafiken: Solarenergie in Deutschland
2010 dürfte sich dieser Trend fortsetzen. In der Vattenfall-Studie wird mit einem Zubau von weiteren 5000 Megawatt in diesem Jahr gerechnet - mit entsprechenden Folgen für den Strompreis. Experten kritisieren diese Entwicklung scharf. "Wir warnen seit Jahren vor den ausufernden Kosten der Solarförderung", sagt Bernd Schüssler von der unabhängigen Fachzeitschrift "Photon". Die Unternehmen hätten der Politik schon viel früher von selbst eine Förderkürzung anbieten sollen. Verbraucherschützer Krawinkel formuliert es noch drastischer: "Die Solarbranche hat die Zubauzahlen heruntermanipuliert", sagt er. "Jetzt begleichen die Bürger die Zeche."

Auch in der Koalition wird der Öko-Boom mit Sorge betrachtet. "Für die Industrie ist die Kostenexplosion bedenklich", sagt Joachim Pfeiffer, wirtschaftspolitischer Sprecher und Energieexperte der CDU. "Die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen wird durch die hohe Öko-Abgabe gemindert, in einer ohnehin schwierigen Zeit."

Die betroffenen Firmen selbst fordern drastische Maßnahmen. Marc Tenbieg, Vorsitzender des Beirates vom Deutschen Mittelstandsbund sagt, die Solarförderung müsse drastisch gekappt werden. Er fordert zudem, den Zubau von Solaranlagen in Deutschland nach oben zu begrenzen. "Die Produktion von Solarmodulen hat eine industrielle Reife erreicht, die aufgrund von Skaleneffekten zu einem marktgerechten Preis führen müsste", sagt er. Eine unbegrenzte Förderung passe nicht mehr in die Zeit.

Bedroht der Solarboom die Akzeptanz für Ökostrom?

Die Politik ist sich dieser Probleme bewusst, denn die Kostenexplosion bedroht den Rückhalt in der Bevölkerung für Öko-Energien. "Steigen die Energiekosten für Verbraucher und Unternehmen zu stark, droht die Akzeptanz von erneuerbaren Energien zu sinken", sagt FDP-Umweltexperte Horst Meierhofer.

Deutlicher formuliert: Die Solarbranche, die möglicherweise jahrelang überfördert worden ist, liegt nun den Bürgern massiv auf der Tasche - und nimmt über die Stromrechnung auch die Wind- und Biogasunternehmen mit in Geiselhaft.

Die FDP weist die Schuld dafür von sich: Die aktuelle Kostenexplosion gehe auf den Solarboom 2009 und in der ersten Hälfte des laufenden Jahres zurück, sagt Michael Kauch, der energiepolitische Sprecher der Liberalen. Für die Zukunft habe man vorgesorgt: Die zusätzliche Kappung der Solarförderung zum 1. Juli um 16 Prozent solle verhindern, dass die Kosten weiter explodieren.

CDU-Experte Pfeiffer stimmt dem zu, wenn auch zähneknirschend: "Die zusätzliche Förderkürzung zum 1. Juli liegt an der Untergrenze des Vertretbaren", sagt er. Aus diesem Grund müssen die Entwicklungen dieser Regelung bis zur Novellierung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes, die zum 1. Januar 2012 in Kraft treten soll, genau beobachtet und die Förderbedingungen gegebenenfalls erneut angepasst werden."

Ob die zusätzliche Förderkürzung zum 1. Juli (Eckpunkte: siehe linke Spalte) die Explosion der Strompreise allerdings wirklich eindämmen kann, ist fraglich. Denn für weite Teile der Branche sind die Einschnitte deutlich geringer als es die Koalition kommuniziert. Die Kürzung bezieht sich nur auf Solarstrom, den die Anlagenbetreiber in die Energienetze einspeisen. Verbrauchen sie den Strom dagegen selbst, ist ihr finanzieller Nutzen deutlich größer.

Über dieses Schlupfloch können die Solarunternehmen ihren Kunden den Bau von Dachanlagen auch nach der Förderkürzung schmackhaft machen. Es ist davon auszugehen, dass der Zubau weiter steigt - und damit die Zahl der Anlagen, die in besonders stark gefördert werden. Die Zuschüsse werden bei Vertragsabschluss auf 20 Jahre garantiert.

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Forum - Muss die Solarförderung drastisch gesenkt werden?
insgesamt 2358 Beiträge
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1. Die Solarförderung hätte bereits im letzten Jahr drastisch reduziert gehört
Eppelein von Gailingen 19.03.2010
Zitat von sysopDer Solarboom wird 2011 teuer für alle Stromkunden. Einem Zeitungsbericht zufolge rechnen Stromriesen und Wissenschaftler mit Preiserhöhungen von zehn Prozent. Die Zahl der Öko-Anlagen ist stärker gestiegen als gedacht - die höheren Förderkosten werden auf die Verbraucher umgelegt. Muss die Förderung gesenkt werden?
Wo gibt es so eine Idiotie, den Einspeisestrom aus Solarenergie so hoch festzulegen, dass die Allgemeinheit darunter büßen wird. Dann soll Merkel die erhöhten Strompreise privat bezahlen! Mit dieser Katastrophenregierung und dieser Kanzlerin, kann die Republik sicher keinen Blumenstrauß gewinnen. Man hat manchmal das Gefühl, man könnte unseren Politikern während sie Gehen, ihre Schuhe doppeln. Alles was die in Berlin anfassen, geht in die Hose. Nur schade, dass wir diesen Albtraum, oder Nightmare noch bis Herbst 2013 ertragen müssen.
2.
jackson86 19.03.2010
Ich finde hier wird immer sehr die Lobby der Energiefirmen unterstützt und sehr einseitig berichtet. Allein wenn man sich den Herausgeber der Studie anschaut sollten alle Alarmglocken läuten. Warum wird nie Aufgezählt was die Entwicklung und Unterhaltung der Atomkraftwerke gekostet hat und kostet? Das dürfte die Förderung der sauberen Solarenergy um einiges Übersteigen.
3.
Arthi, 19.03.2010
Zitat von sysopDer Solarboom wird 2011 teuer für alle Stromkunden. Einem Zeitungsbericht zufolge rechnen Stromriesen und Wissenschaftler mit Preiserhöhungen von zehn Prozent. Die Zahl der Öko-Anlagen ist stärker gestiegen als gedacht - die höheren Förderkosten werden auf die Verbraucher umgelegt. Muss die Förderung gesenkt werden?
Nicht gesenkt sondern unverzüglich gestoppt.
4.
Agent K 19.03.2010
Zitat von sysopDer Solarboom wird 2011 teuer für alle Stromkunden. Einem Zeitungsbericht zufolge rechnen Stromriesen und Wissenschaftler mit Preiserhöhungen von zehn Prozent. Die Zahl der Öko-Anlagen ist stärker gestiegen als gedacht - die höheren Förderkosten werden auf die Verbraucher umgelegt. Muss die Förderung gesenkt werden?
Man könnte auch den Zubau begrenzen....
5.
Agent K 19.03.2010
Zitat von jackson86Ich finde hier wird immer sehr die Lobby der Energiefirmen unterstützt und sehr einseitig berichtet. Allein wenn man sich den Herausgeber der Studie anschaut sollten alle Alarmglocken läuten. Warum wird nie Aufgezählt was die Entwicklung und Unterhaltung der Atomkraftwerke gekostet hat und kostet? Das dürfte die Förderung der sauberen Solarenergy um einiges Übersteigen.
Da gibt es auch innerhalb der betroffenen Branche andere Meinungen. Schauen Sie sich mal diesen 3 Jahre alten Bericht an (http://www.photon.de/presse/mitteilungen/Hintergrund_RWI-Studie.pdf). Der ist in dieser Diskussion hoch aktuell....
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Energie-Gadgets: Rucksack, Schiff, Solar-Gorilla

Was Solarstrom kostet
Im Jahr 2009 gingen in Deutschland Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von 3000 Megawatt ans Netz. Dies entspricht 3.000.000 Kilowatt. Pro Kilowatt liegt der durchschnittliche Stromertrag - konservativ gerechnet - bei 900 Kilowattstunden im Jahr. Die Vergütung laut Erneuerbare-Energien-Gesetz ist für 20 Jahre garantiert. Sie beträgt - je nach Anlagengröße - 32 bis 43 Cent pro Kilowattstunde. Im Durchschnitt sind es rund 36 Cent.
Um die tatsächlichen Mehrkosten des Solarstroms zu ermitteln, muss man von diesem Wert den Börsenpreis für konventionellen Strom abziehen. Aktuell liegt dieser bei etwa 5 Cent pro Kilowattstunde, in den kommenden 20 Jahren dürfte er um jährlich fünf Prozent steigen. Damit ergibt sich ein durchschnittlicher Börsenpreis von 9 Cent je Kilowattstunde. Die Differenzkosten pro Kilowattstunde belaufen sich damit auf 36 Cent minus 9 Cent, also auf 0,27 Euro.
Damit lässt sich folgende Rechnung aufstellen: 3.000.000 kW * 900 kWh/kW pro Jahr * 20 Jahre * 0,27 Euro/kWh = 14,58 Milliarden Euro. Mit anderen Worten: Die Verbraucher müssen in den kommenden 20 Jahren mehr als 14 Milliarden Euro zahlen - wohlgemerkt: nur für die Anlagen, die 2009 ans Netz gingen. In heutigen Preisen entspricht dies einer Summe von 10,4 Milliarden Euro (bei einer großzügigen Abzinsung von jährlich vier Prozent).
Die entscheidende Größe ist dabei der Zubau neuer Solaranlagen im Jahr 2009, also 3000 Megawatt. Setzt man statt dieser tatsächlich erreichten Menge den Wert ein, den der Bundesverband Solarwirtschaft in seinen bisherigen Planungen angegeben hat - nämlich 682 Megawatt -, so ergeben sich abgezinste Gesamtkosten von lediglich 2,4 Milliarden Euro. Das heißt: Im Vergleich zur ursprünglichen Prognose müssen die Verbraucher gut viermal mehr zahlen.
Was sind Solarschulden?
Der Preis
Wer eine Solaranlage betreibt, darf seinen Strom unabhängig vom tatsächlichen Bedarf jederzeit ins Netz einspeisen. Die Vergütung wird durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgelegt, im Jahr 2009 liegt sie für Dachanlagen bei rund 43 Cent pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: Konventioneller Strom kostet an der Energiebörse rund acht Cent. Die Differenz, also die Mehrkosten, tragen die Verbraucher über ihre Stromrechnung.
Die Laufzeit
Die Solarvergütung ist für 20 Jahre garantiert. Das heißt: Eine Solaranlage, die heute installiert wird, verursacht auch in 20 Jahren noch Kosten. Diese langfristigen Kosten werden als "Solarschulden" bezeichnet.
Die Kosten
Die Höhe der Solarschulden hängt von zwei Faktoren ab: vom Preis für konventionellen Strom und von der Gesamtzahl der installierten Solaranlagen. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) und das Solarmagazin "Photon" kommen daher zu unterschiedlichen Ergebnissen. Laut einer Berechnungstabelle von "Photon" belaufen sich die Solarschulden für die bis 2008 installierten Solaranlagen auf 33,7 Milliarden Euro. Das RWI gibt einen Wert von 35 Milliarden Euro an. Manche Anlagen sind schon seit einigen Jahren in Betrieb. Deshalb wurde ein Teil der Solarschulden bereits abgetragen. Das RWI beziffert die Summe mit sechs Milliarden Euro. Unter dem Strich bleiben damit noch mindestens 27 Milliarden Euro, die auf die Stromkunden in den nächsten 20 Jahren zukommen.
Der Schuldenberg
Bei den errechneten Solarschulden geht es nur um die bereits installierten Module. Jedes Jahr gehen jedoch weitere Solaranlagen ans Netz. Laut RWI wächst der Solarschuldenberg deshalb jedes Jahr um neun bis zehn Milliarden Euro.

Eckpunkte der Solarförderung
Die Koalition hat sich auf ein Paket geeinigt, mit dem die Förderung von Solarstrom gekürzt werden soll - die Eckpunkte im Überblick (Stand: 24 April 2010)
Dachanlagen
Etwa 80 Prozent aller Solaranlagen in Deutschland sind auf Dächern installiert. Offiziell soll ihre Förderung zum 1. Juli um 16 Prozent gesenkt werden - faktisch ist die Kürzung durch die höhere Förderung des Eigenverbrauchs allerdings weit niedriger.
Eigenverbrauch
Solarstrom, der selbst verbraucht wird, wird um acht Cent besser vergütet werden als ins Netz gespeister Strom, sobald die Jahres-Stromerzeugung 30 Prozent überschreitet. Betroffen sind fast alle Anlagen: Die Regelung gilt bis 500 Kilowatt. Eine durchschnittliche Dachanlage hat eine Leistung von fünf Kilowatt, das Fußballstadion Letzigrund in Zürich kommt auf 223 Kilowatt. Die Eigenverbrauchsförderung ist zunächst bis Ende 2011 befristet.
Ackerflächen
Die Förderung entfällt ab Juli 2010, um eine Konkurrenz zum Lebensmittelanbau zu verhindern.
Freiflächen
Die Kürzung für Solarparks soll 15 Prozent ab dem 1. Juli betragen. Auf Konversionsflächen wie Mülldeponien, alten Industrie- oder Gewerbeflächen oder Militärgeländen beträgt die Kürzung nur elf Prozent, da Investoren wegen der Beseitigung von Altlasten höhere Aufwendungen haben.
Deckelung ab 2011
Ab Anfang 2011 wird von einem Zubau von 3500 Megawatt ausgegangen - bei diesem würde die Förderung um weitere neun Prozent gekürzt. Bei Zielüberschreitung verschärft sich die Förderkürzung alle 1000 Megawatt um ein weiteres Prozent. Sprich: Ab 4500 Megwatt Ausbau beträgt sie zehn Prozent, ab 5500 Megawatt Ausbau elf Prozent, etc. Bleibt der Zubau unter der Zielmarke von 3500 Megawatt, wird die Förderkürzung abgemildert. Sie kann damit 2011 zwischen sechs und 13 Prozent schwanken.
Deckelung ab 2012
Auch für 2012 wird von einem Zubau von 3500 Megawatt ausgegangen. Bei Zielüberschreitung verschärft sich die Förderkürzung alle 1000 Megawatt um drei Prozent. ssu

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