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Teures Gesundheitssystem: Mehr als 20 Kassen kämpfen mit Finanzproblemen

Ihre Kunden müssen mit höheren Beiträgen oder Kürzungen von Leistungen rechnen: Zahlreiche große wie kleine Krankenkassen stecken in finanziellen Nöten, nach Angaben des Bundesversicherungsamts schwinden ihre Geldreserven bedenklich.

Berlin - Deutschlands Krankenkassen produzieren derzeit Negativnachrichten am laufenden Band: Erst geht die City BKK pleite, so dass Zehntausende Kunden sich eine neue Versicherung suchen müssen. Jetzt drohen weiteren Kunden Beitragserhöhungen.

Mehr als 20 gesetzliche Krankenkassen haben bedenklich geringe finanzielle Rücklagen. Das sagte ein Sprecher des Bundesversicherungsamts und bestätigte damit einen Bericht der "Bild"-Zeitung.

"Ein Viertel der unserer Aufsicht unterstehenden Kassen liegt unter dem Mindestsoll", sagte der Sprecher. Das sind mehr als 20: Derzeit stehen von den rund 150 Krankenkassen 93 unter Aufsicht des Amts, vor allem Betriebs- und Ersatzkassen. Auch größere Kassen befänden sich unter den Versicherungen mit zu geringer Reserve. Namen einzelner Kassen nannte der Sprecher nicht.

Die betroffenen Kassen müssen nun sparen, wenn sie nicht wie die City BKK enden wollen. Sie könnten etwa freiwillige Leistungen streichen oder Zusatzbeiträge erhöhen. Im November könnte es so weit sein. Dann müssen die Kassen die Haushaltspläne für das kommende Jahr aufstellen.

Die Kassen selbst bestreiten eine finanzielle Schieflage. Ihr lägen keine Zahlen vor, die darauf hindeuteten, sagte eine Sprecherin des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen. Auch Ersatzkassen wie Barmer GEK, Techniker Krankenkasse oder DAK stehen nach eigenen Angaben solide da. Man habe im ersten Quartal 518 Millionen Euro Überschuss erwirtschaftet, sagte eine Sprecherin des Ersatzkassenverbands.

Chaos bei der City BKK

Die Unruhe unter den Versicherten dürfte trotzdem groß sein - nicht zuletzt, da bei der insolventen City BKK weiter chaotische Zustände herrschen. Die Kasse muss zum 1. Juli schließen. Bis dahin müssen alle ehemaligen Versicherten bei anderen Kassen untergebracht sein. Doch das gestaltet sich schwierig.

Derzeit braucht die City BKK sogar Hilfe von Mitarbeitern anderer Versicherungen, um unbearbeitete Post zu bewältigen, wie Kassenvorstand Oliver Reken der "Welt" sagte. Um das aufzuholen, müssten von dieser Woche an 43 Mitarbeiter von anderen Kassen aushelfen. "Bis zum 30. Juni sollen alle unbearbeiteten Leistungsanträge erledigt sein", sagte Reken.

Der Vorstand begründete die verzögerte Bearbeitung mit der hohen Belastung seiner Mitarbeiter. "Hätten alle anderen Kassen unsere Versicherten ohne Verzögerung aufgenommen, wäre das Problem nicht so groß", sagte Reken. Viele City-BKK-Versicherte waren von anderen Kassen abgewiesen worden.

Von den ursprünglich 136.000 Mitgliedern haben noch rund 40.000 keine neue Versicherung gefunden. Diese müssen sich aber der Kasse zufolge keine Sorgen um ihren Versicherungsschutz machen. Die "City BKK Körperschaft in Abwicklung" zahle zum Beispiel, wenn ein Versicherter Ende Juni ins Krankenhaus muss und die Rechnung erst später komme.

ssu/dpa

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1. Wieso eigentlich ...
Michael Giertz, 14.06.2011
Zitat von sysopIhre Kunden müssen mit höheren Beiträgen oder Kürzungen von Leistungen rechnen: Mehr als eine Dutzend Krankenkassen stecken in finanziellen Nöten, nach Angaben des Bundesversicherungsamts schwinden ihre Geldreserven bedenklich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,768392,00.html
... kommt niemand auf die Idee, mal nachzuprüfen, aus welchem Grund trotz kräftiger Beitragssatzerhöhung und Pauschalbeiträgen trotzdem Krankenkassen bankrott gehen (= das Gesundheitssystem nicht finanzierbarer geworden ist). KÖNNTE es daran liegen, dass: - immer weniger Menschen in sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen stehen - die realen Löhne immer weiter sinken dank "Lohnzurückhaltung" bzw Schere zwischen Lohnerhöhung und Inflation? - immer mehr Menschen pflegebedürftig werden - Apotheken und Pharmaindustrie sich kräftig gesundstoßen - manche Krankenkassen Prachtbauden und riesige Wasserköpfe finanzieren Ich frage ja nur.
2. Fragen offen
kundennummer 14.06.2011
Zitat von sysopIhre Kunden müssen mit höheren Beiträgen oder Kürzungen von Leistungen rechnen: Mehr als eine Dutzend Krankenkassen stecken in finanziellen Nöten, nach Angaben des Bundesversicherungsamts schwinden ihre Geldreserven bedenklich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,768392,00.html
Was sagen eigentlich die diversen Gremien und Beiräte jener CityBKK und der anderen Kassen welche Aufnahmen verweigern dazu? Üblicherweise sitzen in diesen Kreisen doch die allerbesten Angehörigen der Verantwortungs- und Leistungselite, da sollte eine fundierte Stellungnahme zu erwarten sein. Oder wäre so ein Anliegen populistisch bzw. frech?
3. Dumm gelaufen...
robr 14.06.2011
Zitat von sysopIhre Kunden müssen mit höheren Beiträgen oder Kürzungen von Leistungen rechnen: Mehr als eine Dutzend Krankenkassen stecken in finanziellen Nöten, nach Angaben des Bundesversicherungsamts schwinden ihre Geldreserven bedenklich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,768392,00.html
Dumm gelaufen... Aber Hauptsache der Pharmabranche geht es blendend!
4. Problem existiert gar nicht?
Libita 14.06.2011
Laut den Nachdenkseiten haben die Kassen gar nicht zu wenig Geld, die Politik zahlt aber nur 80% der Einnahmen überhaupt an die Kassen aus. Siehe: http://www.nachdenkseiten.de/?p=9757
5. Überschrift
hausmeister hempel 14.06.2011
Zitat von sysopIhre Kunden müssen mit höheren Beiträgen oder Kürzungen von Leistungen rechnen: Mehr als eine Dutzend Krankenkassen stecken in finanziellen Nöten, nach Angaben des Bundesversicherungsamts schwinden ihre Geldreserven bedenklich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,768392,00.html
Das passiert, wenn eine unfähige Politik, die nur ideologischen Prämissen folgt, sich vor der Gestaltung drückt und nur Kosmetik betreibt. Wie lange wird das noch so gehen?
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Die bisherigen Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.


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