Strategien gegen Fachkräftemangel Thüringer Tricks

Der Arbeitsmarkt ist in Südthüringen fast leer, doch gerade kleine Betriebe buhlen erfolgreich um neue Mitarbeiter und setzen sich sogar gegen Konzerne durch. Ihre Methoden sind ausgefeilt.

Thüringer Wald bei Suhl
DPA

Thüringer Wald bei Suhl

Aus Suhl berichtet


Mehr als eine Stunde lang haben Vater und Sohn jede Frage präzise und ohne zu zögern beantwortet. Doch bei der Zahl ihrer Mitarbeiter kommen die Unternehmer ins Schlingern. "105", ruft Reinhard Obeck. "Nein, 102", widerspricht Sohn Andreas, "oder 103?" In der Imagebroschüre präsentieren sie sich als "familiengeführtes, mittelständiges Unternehmen mit mehr als 80 Beschäftigten". Sie wissen die Zahl aber nicht so genau, sie sind einfach zu schnell gewachsen.

Und bald werden es sowieso mehr Angestellte sein. Hoffentlich. Sicher ist das nicht. Aktuell sucht die Verpackungsfirma Fachkräfte und Auszubildende, Werkzeugmechaniker, Industriekaufleute, CNC-Fräser. Doch die Stellen zu besetzen, ist längst kein Selbstläufer mehr, nicht in dieser Region.

Diese Region, das ist die Gegend um Suhl im Süden Thüringens, von drei Bergzügen begrenzt, schön, oft nebelverhangen und regennass. Hier, in Deutschlands geografischer Mitte, haben sie ein Luxusproblem, das bald viele Landesteile haben werden: Sie haben attraktive Arbeit und keine Leute.

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Der Kampf um Mitarbeiter hat begonnen. Wer diesen Kampf verliert, für den wird es eng. Deshalb setzen Firmen wie Obeck, der Handwerksbetrieb Wegra und der Rasierklingenhersteller Harry's Feintechnik auf ungewöhnliche Maßnahmen: auf Fahrräder auf Firmenkosten, Trips nach New York, Hilfe bei der Wohnungssuche - oder auch Tugenden wie Verlässlichkeit und Loyalität. Sie tun vieles, was sich Betriebe in ganz Deutschland bald abschauen müssen.


Gründer mit Personalbedarf


Vater Reinhard, Sohn Andreas Obeck
Olaf Tiedje

Vater Reinhard, Sohn Andreas Obeck

Als die Obecks 2005 ihren Betrieb in einem Industriebau in Sonneberg, 50 Kilometer südöstlich von Suhl, gründeten, waren fünf Millionen Menschen in Deutschland ohne Job. Nichts deutete auf Besserung hin. In Sonneberg war die Lage trister als anderswo. Die Arbeitslosenquote lag bei 13,8 Prozent und wäre weit höher gewesen, hätten nicht so viele Sonneberger ein paar Kilometer weiter in Bayern gearbeitet. Auch bei der Obeck Verpackungen GmbH waren nur wenige angestellt. "Am Anfang haben wir sehr viele Leiharbeiter beschäftigt", sagt Reinhard Obeck.

Zu der Zeit war unsicher, ob die Geschäftsidee tragen würde. Flaschen und Dosen aus PET nach individuellen Wünschen der Kunden zu produzieren: Seifenspender, Schoko-Ei-Hüllen, Dosen für Kraftsportlerpulver in etlichen Größen, Farben und Formen. Das erfordert weit mehr Personal als die Massenproduktion weniger Standardflaschen. Und gut ausgebildete Leute. Für jedes Produkt müssen eigens Metallformen für die Maschinen entworfen und gefertigt werden. "Der Qualitätsanspruch hier ist sehr hoch, man muss außerordentlich fein und präzise arbeiten", sagt Jana Heublein.

Mit diesem Anspruch hat Obeck die 24-Jährige gelockt: "Es ist nicht schwierig, einen Ausbildungsplatz zu finden. Aber es ist schwierig, einen mit einer richtig guten Ausbildung zu finden", sagt sie. Heublein lernte Werkzeugmechanikerin; im Februar erreichte sie bei der Prüfung die höchste Punktzahl in Südthüringen. Darauf sind Obecks stolz. Und auf das Wachstum ihrer Firma.

Den Industriebau haben sie längst verlassen. 2010 zogen sie ins Gewerbegebiet Föritz, mehrfach haben sie die Hallen erweitert. Dafür wurde zuletzt ein Feuerwehrteich und ein Flusslauf verlegt. "Das war nicht ohne", sagt Andreas Obeck.

Dass in Sonneberg in Windeseile sogar Teiche und Flüsse versetzt werden, verantwortet die Stadtverwaltung. Damit Firmen bleiben, müssen Kommunen ständig flexibler werden - etwa mit bezahlbaren Wohnungen und passender Kinderbetreuung.


Des Bürgermeisters süße Sorgen


Fünf Gewerbegebiete gibt es in Sonneberg, alle sind voll belegt: "Wir haben keine Gewerbeflächen mehr", sagt Heiko Voigt. Der parteilose Bürgermeister sagt das mit einem Lächeln, es ist ein schönes Problem. Die Stadt werbe schon gar nicht mehr aktiv um neue Firmen. Nebenan im Landkreis wollten gerade wieder zwei Unternehmen 85 Millionen Euro investieren, sagt Voigt. Das lässt auch die Stadt boomen.

Bürgermeister Voigt: "Wir haben keine Flächen mehr"
OlafTiedje

Bürgermeister Voigt: "Wir haben keine Flächen mehr"

Das Flächenprobleme lasse sich auch gemeinschaftlich lösen, Voigt plant gerade mit der Nachbargemeinde in Bayern ein neues Gewerbegebiet. Doch der Bürgermeister muss noch ganz andere Nöte lösen: Häufig melden sich Firmen, weil sie Wohnungen für Mitarbeiter suchen und Betreuung für Kinder. In der 23.000-Einwohner-Stadt gibt es für Eltern im Schichtbetrieb eine 24-Stunden-Kita. Ein Projekt so neu, dass selbst die "New York Times" auf der Titelseite berichtete. "Wir bieten einen Dreiklang: Arbeit, Kindergarten, Wohnen", sagt Voigt. Die Stadt schaffe bezahlbare Wohnungen. Sie biete Neubaumieten von sechs bis sieben Euro pro Quadratmeter, obwohl die Baukosten zehn bis zwölf erfordern würden.

Knapper als Gewerbeflächen und Wohnungen sind in Sonneberg nur Fachkräfte. Dieses Problem ist hart, die Demografie ist unerbittlich. Auf 3,3 Prozent ist die Arbeitslosigkeit im Landkreis gesunken, durch den Geburtenknick nach der Wende ist die Zahl der Schulabgänger geschrumpft. Viele zieht es an die Unis statt an die Werkbänke. Die Stadt firmiert nun extra als MINT-Region, die Abkürzung steht für Mathematik, Informatik, Natur- und Technikwissenschaften: Kitas und Schulen sollen Kindern technische Fertigkeiten beibringen und "das Potenzial an Beschäftigung aufzeigen", sagt Voigt. Bis das wirkt, kann es dauern.

Und Sonneberg ist weder Berlin noch München. Wer Großstädte liebt, kommt nicht hierher. Umso mehr setzt Sonneberg auf die Pendler, die täglich von Südthüringen nach Bayern fahren, um dort zu arbeiten. Sie sollen zur Arbeit in der Heimat verführt werden.


Das Kollektiv zählt, nicht nur die Euros


Auch Obeck buhlt um Rückkehrer. "Unsere Löhne orientieren sich am Westniveau", sagt Reinhard Obeck. Er bietet 30 Tage Urlaub plus Sonderurlaub sowie Weihnachts- und Urlaubsgeld. Und das allein reicht nicht, Obeck lockt mit privaten Unfallversicherungen, Krankenzusatzversicherungen, der Übernahme der Kindergartengebühren und diversen Prämien. Außerdem gibt es eine betriebliche Altersvorsorge - und ein "Jobrad", ein hochwertiges Fahrrad auf Firmenkosten. In diesem Jahr wollen die Obecks ihren Leuten nochmals zwei freie Tage schenken: Heiligabend und Silvester.

Spitzenabsolventin Heublein: "Die Firmenleitung lebt das vor"
Olaf Tiedje

Spitzenabsolventin Heublein: "Die Firmenleitung lebt das vor"

Für Arbeitnehmer könnte künftig aber ein Faktor entscheidend sein, der sich nicht in Euro berechnen lässt, sagt Spitzenabsolventin Heublein. "Fast am wichtigsten finde ich das Arbeitsklima. Hier herrscht eine familiäre Atmosphäre, die Belegschaft ist ein richtiges Kollektiv, und die Firmenleitung lebt das vor."

Sorgen macht ihnen der Arbeitskräftemangel nicht, versichern die Obecks. Noch. Aber ein beiläufiger Satz verrät die Schwierigkeiten bei der Suche nach Azubis: "Die Hightech-Firmen in der Umgebung schöpfen den Rahm ab an talentierten Schülern."


Wenn schon Firmen wie Obeck die Konkurrenz um Arbeitskräfte so stark spüren - wie sollen da Betriebe mithalten, die sich all diese Zusatzzahlungen und Vergünstigungen nicht leisten können? Es geht, und zwar mit Verlässlichkeit und Loyalität.


Weiche Faktoren statt hartem Geld


Etwa 70 Kilometer weiter westlich, in Römhild-Westenfeld, beschreibt Gregor Weidner das gleiche Problem in anderen Worten: "Früher haben wir den Kescher einmal kurz durch den Teich gezogen, dann war der rappelvoll", sagt der Co-Inhaber von Wegra Anlagenbau, wenn er die Suche nach Azubis beschreibt. "Heute fischen wir im Trüben, mit den ausgefallensten Methoden, um einen guten Fang zu machen."

Wegra-Co-Inhaber Weidner: "Die Industrie saugt die Arbeitskräfte auf"
Olaf Tiedje

Wegra-Co-Inhaber Weidner: "Die Industrie saugt die Arbeitskräfte auf"

Weidners Problem: Anders als etwa Obeck kann er nicht ständig mit neuen Lockmitteln ködern. Dabei ist Wegra mit 130 Mitarbeitern ein gestandener Mittelständler, entwickelt Spitzentechnik und heimst Branchenpreise ein. Aber Wegra ist eben auch ein Handwerksbetrieb. Und da seien die Stundensätze, die man für Gesellen und Meister in Rechnung stellen kann, in den vergangenen zehn Jahren nur marginal gestiegen, sagt Weidner. Kalkuliere er die Angebote höher, verliere er die Ausschreibung. Kurz nach der Prüfung liege der Grundlohn für ausgelernte Gesellen im hiesigen Handwerk bei höchstens 14 Euro in der Stunde, meist eher niedriger. In der Industrie ringsum aber seien die Löhne regelrecht durch die Decke gegangen.

Auch Westenfeld liegt direkt an der bayerischen Grenze. Früher ein Segen wegen der vielen Aufträge. Heute sei das ein Nachteil wegen des harten Wettbewerbs um Personal. Das Problem führe regelmäßig zu abendfüllenden Gesprächen der drei Gesellschafter.

Fünf Gewerke vom Stahlbau bis zur Klimatechnik vereinigt Wegra, die ihre Wurzeln in einer Traktorenwerkstatt für die DDR-Landwirtschaft hat, nach der Wende kaufte Weidners Vater sie mit vier weiteren Führungskräften der Treuhand ab. Heute errichtet die Firma große Gewerbeobjekte, vom Servicezentrum für Landmaschinen über Melkhäuser bis hin zu Fabriken. Seit mehr als 20 Jahren entwickelt und produziert eine Tochter zudem moderne Blockheizkraftwerke und Kälteanlagen. Wegra ist erfolgreich und wächst, auf dem Gelände stehen einige Neubauten.

Trotz allem erweckt Weidner nicht den Eindruck, der Arbeitskräftemangel könnte diesen Erfolg gefährden. Aber auf die Frage, ob die Firma auf Aufträge verzichten musste, antwortet Weidner "Jaja", als sei das eine Selbstverständlichkeit.

Doch wie kann einer wie Weidner mit der Industrie und ihren höheren Löhnen mithalten: Beim Buhlen um Azubis und Fachkräfte wirkten nur zwei Dinge, erklärt Weidner: Geld und persönliche Bindung. "Einen Teil des Lohnabstands können wir mit Expertise und weichen Faktoren kompensieren." Wer hier seine Lehre mache, der werde besser ausgebildet als in der Industrie. Werte wie Bescheidenheit und Solidität lebten die drei Inhaber vor: Man wohne nicht in Villen wie die Industriebosse, sondern in Einfamilienhäusern, fahre keine Luxusautos, lebe auf Augenhöhe mit Mitarbeitern und ihren Familien: "Wir leiden mit ihnen, wir freuen uns mit ihnen."

Wegra-Mitarbeiter: "Wir leiden mit ihnen, wir freuen uns mit ihnen"
Olaf Tiedje

Wegra-Mitarbeiter: "Wir leiden mit ihnen, wir freuen uns mit ihnen"

Auf die Loyalität der Firma könnten sich die Mitarbeiter unbedingt verlassen, sagt Weidner, auch wenn im Alter das Knie oder die Hüfte kaputtgeht - Folgen der jahrzehntelangen körperlichen Belastungen im Handwerk. Andere Firmen würden rigoros kündigen, bei Wegra sei das undenkbar. Weil man sich der anfällig gewordenen Mitarbeiter nicht einfach entledige, sei der Krankenstand manchmal extrem hoch, aber das nehme man in Kauf.

Aber auch Wegra lockt durchaus mit Geld. Die Firma zahlt Zuschüsse zur Kinderbetreuung und lässt die Mitarbeiter im Winter die Überstunden aus dem Sommer abbauen, anstatt sie, wie im Handwerk üblich, zu entlassen und von der Arbeitsagentur Schlechtwettergeld beziehen zu lassen. Auch Meisterkurse oder ein duales Studium zahlt Wegra.

Dass man Mitarbeiter an sich binden kann, belegen interne Zahlen: 33 Wegra-Angestellte sind schon länger als 20 Jahre dabei, der Dienstälteste wurde 1969 eingestellt. Im Schnitt sind die 130 Mitarbeiter seit mehr als 13 Jahren dabei. Eigentlich hätte Wegra gern mehr als die aktuell 17 Azubis eingestellt - aber es gab schlicht nicht genügend geeignete Bewerber, bedauert Weidner. "Die Industrie saugt wie ein Hurrikan die Arbeitskräfte auf."


Südthüringen ist eine Gegend, in der sie die Extreme kennen: Nach dem Ende der DDR folgten lange Jahre der Massenarbeitslosigkeit - und jetzt, binnen Kurzem, die Rückkehr zur Vollbeschäftigung. Der rasche Wandel stellt die Arbeitsagentur vor völlig neue Probleme.


Die kreative Arbeitsagentur


Wer mit Frank Fleischmann durch den Thüringer Wald fährt, weiß, warum Arbeitskräfte so begehrt sind. Kaum eine Abzweigung, kaum eine Siedlung, bei der dem Sprecher der Arbeitsagentur Suhl keine Firma einfällt, die dort erfolgreich Fuß gefasst hat: "Eigentlich haben wir hier fast jeden Industriezweig." Viele Mittelständler, meist mit weniger als 50 Mitarbeitern, kein einziger Großkonzern, erzählt Fleischmann. Das habe einen Vorteil: Geht eine Firma pleite oder gerät eine Branche in der Krise, stehen hier nicht gleich Tausende auf der Straße.

Arbeitsagentur-Sprecher Fleischmann: "Das ist schon erstaunlich"
Olaf Tiedje

Arbeitsagentur-Sprecher Fleischmann: "Das ist schon erstaunlich"

Fleischmann kann von der Massenarbeitslosigkeit erzählen. Nach dem Mauerfall, da war er 20 Jahre alt, stieß er zur Arbeitsagentur Suhl, betreute lange die Arbeitgeber. Längst gilt die Suhler Dependance "als eine der kreativsten Arbeitsagenturen der Republik". Mitte der Nullerjahre, als Jobs noch rar waren, setzte Fleischmann das Projekt "Meer-Arbeit" mit um, das Arbeitslose in die boomende Kreuzfahrtindustrie vermittelt.

Der Suhler Behörde geht es nicht mehr darum, irgendwo Arbeitsplätze zu finden - sondern die Menschen, die sie ausfüllen können. "In Sonneberg gibt es seit Oktober mehr offene Stellen als Arbeitslose", sagt Fleischmann und schüttelt den Kopf, "das ist schon erstaunlich". Nirgendwo in Deutschland ist die Beschäftigungsquote höher als im Bezirk Suhl.

Die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte rund um Suhl ist sehr klein, der Menschen also, die erwerbsfähig sind, aber ohne Arbeit. In Westdeutschland etwa arbeiten weniger Frauen als Männer, eine Reserve also, hier aber ist das Verhältnis ausgeglichen, wie es schon in der DDR war. Die Arbeitslosigkeit ist zwar auf einem Tiefststand, aber "gerade bei der guten Stellensituation ist jeder Arbeitslose einer zu viel", sagt Wolfgang Gold, Chef der Suhler Arbeitsagentur.

Allerdings passt die Qualifikation der Bewerber oft nicht zu den Arbeitsplätzen; die Industrie etwa meldet 3480 offene Stellen in der Produktion, nur 2350 Arbeitslose suchen in diesem Bereich. Für Kauf- und Verwaltungsleute gibt es hingegen 230 offene Stellen, aber 1060 von ihnen sind arbeitslos. Hier sind die Betriebe gefordert. Ein Unternehmen etwa entwickelte für Quereinsteiger eine extrem verkürzte Ausbildung zum Verfahrensmechaniker mit vergleichsweise hohen Vergütungen.

Zudem ist - wie überall in Deutschland - auch hier der Anteil der Langzeitarbeitslosen sehr hoch, sie haben bislang nur selten vom Boom profitieren können. Gold will das ändern, erwartet aber keine schnellen Erfolge: "Das geht nicht ohne individuelle und zum Teil längerfristige Hilfe." Selbst wenn es gelingen sollte, wären es für die Betriebe vor Ort bei Weitem nicht genug Arbeitskräfte.

Schon vor Jahren begannen die Suhler daher, Arbeitslose aus anderen Regionen anzuwerben, aus Brandenburg etwa, aber auch aus dem westdeutschen Recklinghausen - mit Erfolg. Im Augenblick setzen sie Hoffnungen auf Polen, mehrfach reiste Fleischmann bereits ins EU-Nachbarland, um für die Arbeitgeber rund um Suhl zu werben.


Doch Fleischmann weiß auch: Mit der Geschwindigkeit des Stellenaufbaus werden die Arbeitsagenturen bei der Akquise kaum mithalten können. Wie rasant sich der Konkurrenzkampf der Firmen um Arbeitskräfte in den kommenden Jahren verschärfen wird, verdeutlicht das Beispiel von Harry's Feintechnik.


Das hundertjährige Start-up


Harry's-Rasierer
Olaf Tiedje

Harry's-Rasierer

In Eisfeld, auf halbem Wege zwischen Sonneberg und Westenfeld, steht das Management von Harry's Feintechnik vor einer besonderen Herausforderung: schnell genug zu wachsen. Erst 2015 hat die Firma wenige hundert Meter vom Stammsitz die erste Fertigungshalle auf einem neuen Produktionsgelände eingeweiht, 2017 bereits die zweite Halle. Die Produktion ist trotzdem schon wieder ausgelastet, längst planen sie die nächste und die übernächste Erweiterung. In dem 5600-Einwohner-Städtchen Eisfeld dafür die Flächen zu bekommen, Hallen zu bauen und mit neuen Maschinen zu bestücken, gehört dabei zu den vergleichsweise einfachen Problemen.

Für ein schwierigeres Problem ist Maren Kroll zuständig. "Mittlerweile werben wir nicht mehr nur in der Region, sondern in ganz Thüringen und dem angrenzenden Bayern um Arbeitskräfte", sagt die Personalchefin. "Nach ausgesprochenen Spezialisten wie SAP-Experten suchen wir bundesweit." Die 38-Jährige beweist, dass das klappen kann. Bis 2016 leitete sie die globale Personalentwicklung beim Onlinehändler Zalando. Dass Harry's die Top-Managerin aus Berlin in die Provinz locken konnte, liege auch an einer reizvollen Kombination, sagt Kroll: "Dieses Unternehmen ist ein Start-up, aber mit fast hundertjähriger Tradition."

Personalchefin Kroll: "Ich bin Optimistin"
Olaf Tiedje

Personalchefin Kroll: "Ich bin Optimistin"

Tatsächlich wächst in Eisfeld ein 98 Jahre alter Industriebetrieb so schnell wie ein Internet-Start-up. Das ist so spannend, dass auch die "New York Times", "Forbes" oder der "Guardian" darüber berichteten: Harry's erobert einen Weltmarkt, der lange von einem Duopol beherrscht wurde. Zwei Gründer aus New York haben mit einem einfachen wie überzeugenden Konzept viel Geld bei Investoren eingesammelt: Sie verkaufen hochwertige Nassrasierer mit schlichtem Design und Ersatzklingen online, günstiger als Gillette und dessen kleinerer Rivale Wilkinson.

Die Harry's-Gründer beschränkten sich nicht auf die Rolle des Händlers. 2014 kauften sie für etwa hundert Millionen Dollar ihren Lieferanten, die Feintechnik GmbH, die seit 1920 Rasierklingen in Eisfeld fertigt. Den Ausschlag gab nicht zuletzt deren Technologieführerschaft. Sie beherrschte ein schwieriges Schleifverfahren, das Rasierklingen langlebig macht: den Gotischen Bogen. Viele Jahre hatten ihre Spezialisten getüftelt, bis ihnen der Durchbruch gelang, inzwischen hat man den Schliff bereits weiterentwickelt.

Das Unternehmen war bis dahin mit jährlich zwei bis drei Prozent gewachsen, überwiegend durch die Fertigung von Rasierern und Klingen für die Eigenmarken von Lidl oder dm. Doch seit der Übernahme erlebt der Betrieb einen Nachfrageschub, auch weil Harry's mit der Spitzenqualität "Made in Germany" wirbt. Schätzungen zufolge lag der Marktanteil in den USA bereits 2016 bei fünf Prozent, dort gibt es die Rasierer mittlerweile auch in Supermärkten. Seit Mitte 2017 liefert das Unternehmen auch nach Großbritannien, es ist nur eine Frage der Zeit, Land um Land sollen folgen. (Hier finden Sie eine ausführliches, aktuelles Firmenporträt aus dem Wirtschaftsmagazin "Brand eins".)

Glänzende Aussichten also - aber wo sollen nur die neuen Mitarbeiter herkommen? In Eisfeld ist deren Zahl seit der Übernahme von knapp 300 auf etwa 550 gestiegen, nach Dutzenden weiteren sucht Harry's: Fachkräfte wie Mechatroniker und Qualitätsingenieure, aber auch ungelernte Maschinenbediener. "Wir stellen über den augenblicklichen Bedarf ein, wenn wir die Gelegenheit haben. Das Signal aus der US-Zentrale lautet stets: 'Macht ruhig mehr, wir haben noch viel vor'", sagt Personalchefin Kroll.

Harry's-Zentrale in Eisfeld: Seit 2014 weht hier auch die US-Flagge
Olaf Tiedje

Harry's-Zentrale in Eisfeld: Seit 2014 weht hier auch die US-Flagge

Bislang klappt das. Aber was ist in fünf oder zehn Jahren, da doch der Arbeitsmarkt in der Region schon jetzt leergefegt ist? "Ich bin Optimistin", sagt Kroll. Was sie ermutige, sei ein Satz, den sie kürzlich gehört habe: "Ihr seid die, zu denen man will." Mit am wirkungsvollsten sei die Mund-zu-Mund-Propaganda durch die eigenen Mitarbeiter. Die würden dann von der Erfolgsgeschichte erzählen, von vielen jungen Führungskräften.

Auch Harry's lockt mit Geld: Das Unternehmen zahlt auf dem Niveau der Firmen im nahen Bayern, erst im Sommer hat es überdurchschnittliche Lohnerhöhungen gegeben. Obendrein erhält jeder Mitarbeiter eine private Unfallversicherung und Anteile an der Firma. Sollten die Gründer Harry's verkaufen oder an die Börse bringen, könnte das lukrativ werden: Bereits 2015 wurde der Firmenwert auf 770 Millionen Dollar taxiert und dürfte seither gestiegen sein. Erst vor kurzem hat die neue Kantine eröffnet, Kaffee und Obst gibt es gratis, die Firma zahlt Englischkurse und belohnt seine besten Azubis mit Trips nach New York.

Allerdings ist vielen Arbeitnehmern eines ebenso wichtig wie Geld und Karriere: mehr Zeit. Bei Harry's gilt die 40-Stunden-Woche. Muss man Bewerber jetzt nicht mit Teilzeitmodellen locken? Kroll schaut irritiert, dann schüttelt sie den Kopf: "Wir sind voll ausgelastet, an der Kapazitätsgrenze. Was wir unseren Mitarbeitern also nicht bieten können, ist: weniger Arbeit."

Eine verständliche Position. Doch in einer Gegend wie der um Suhl scheint sicher zu sein: Schon bald dürfte eine andere Firma die raren Arbeitskräfte genau damit locken.



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Seite 1
Rassek 28.01.2018
1. Guter Artikel
Die Chefs scheinen sympathisch zu sein. Genau das ist es: Von den unnahbaren Winterkorns etc. weg und hin zu Mensch zu Mensch. Auch die Mitarbeiterbeteiligung ist eine gute Idee. Bei VW hat man zum Beispiel die Unternehmensaktien für Mitarbeiter von heut auf Morgen gestrichen. Gibt es aber für die Chefs weiter... Den Betrieben und ihren MA alles Gute !! .
dipl.inge83 28.01.2018
2. Klingt fast zu schön um wahr zu sein.
Als jemand der aus der Gegend kommt, kann ich jedoch sagen, dass die quasi Vollbeschäftigung in weiten Teilen auch darauf beruht, dass viele Menschen weggezogen sind, oder im Rentenalter angekommen. Aus meinem Abijahrgang sind 90 Prozent weg, mangels Perspektive. Vorrangig gibt es Produktion, mittlerweile viel Logistik. Nichts wofür man lange die Schulbank drücken muss oder anschließend ordentlich Geld verdient. Die Entwicklungsabteilungen sitzen meist woanders. Meine Kollegen in MUC staunen immer wenn ich ihnen erzähle, was man in Thüringen als Fachkraft bei Vollzeit im Monat bekommt. Daß das ähnlich viel ist wie im strukturschwachen Niederfranken heißt nicht viel. Und wer im Handwerk mehr möchte als die üblichen 10 bis 12 Euro, sitzt Montag früh im Firmenbus und sieht die Familie am Freitag wieder. Zur ARGE in der Region sag ich nur soviel: wer nicht bereit ist deutschlandweit zu pendeln hat innerhalb kürzester Zeit die Pistole auf der Brust.
doc_x 28.01.2018
3. Wasser in den Wein ...
Leider muss ich ein wenig Wasser in den hier kredenzten Wein des Erfolgs gießen. So richtig nach Zukunft sieht das alles nicht aus, um ein inzwischen > 83 Mio.-Volk mit erheblichen Zukunftsaufgaben und -lasten am Laufen zu halten. Da wird ein Malocher-Paradies hochgeschrieben, bestenfalls "Edel-Malocher", 1960er Jahre West reloaded, mit Produkten, die zu großen Teilen auch in Schwellenländern vom Band laufen könnten. Funktioniert eine ganze Weile in der Nische, ab einer gewissen Größe wird das kritisch. Mit Soziallasten behaftet (siehe Altersaufbau der Beschäftigten, Nebenleistungen etc.), die weitaus jüngere Bevölkerungen in anderen Ländern so nicht haben. Ein großes Land tragende Zukunftsindustrien sehen jedenfalls anders aus wie Rasierklingen schleifen oder PET-Hohlkörper individuell zu produzieren ... und die heutigen lustigen Blechschächtelchen auf Rädern werden es auch nicht mehr in alle Ewigkeit tragen. Unter dem Strich aber eine sehr schöne Detailschilderung aus der "Provinz"! Nur bitte gesamtwirtschaftlich nicht überbewerten ...
rememberhistory 28.01.2018
4. Wenn man nicht in Sonneberg wohnen würde, man würde es glauben!
Ich möchte Herrn Diekmann mal bitten, in Zukunft differenzierter und genauer zu Recherchieren! Wenn man nicht in Sonneberg wohnen würde, man würde es glauben und es wird einem ein Bild geboten, wie im Schlaraffenland! Das es in dieser Region eine 24h Stunden KITA gibt, hat nichts damit zu tun, dass Politik und Wirtschaft Hand in Hand arbeiten, um die Region für Arbeitskräfte attraktiv zu machen! Das einige Firmen keine Fachkräfte u. a. in dieser Region finden, hat etwas mit der Bildungspolitik in diesem Land zu tun und mit der Attraktivität der Arbeitgeber! Da nutzt mir auch ein Fahrrad und ein New York Trip wenig. Das Auftreten von Politik und Wirtschaft in Verbindung mit diesem Artikel wird nur noch vom "Trump Dinner" in Davos überboten. Mit Gruß von einem Bewohner der Region.
tomkey 28.01.2018
5.
Zitat von dipl.inge83Als jemand der aus der Gegend kommt, kann ich jedoch sagen, dass die quasi Vollbeschäftigung in weiten Teilen auch darauf beruht, dass viele Menschen weggezogen sind, oder im Rentenalter angekommen. Aus meinem Abijahrgang sind 90 Prozent weg, mangels Perspektive. Vorrangig gibt es Produktion, mittlerweile viel Logistik. Nichts wofür man lange die Schulbank drücken muss oder anschließend ordentlich Geld verdient. Die Entwicklungsabteilungen sitzen meist woanders. Meine Kollegen in MUC staunen immer wenn ich ihnen erzähle, was man in Thüringen als Fachkraft bei Vollzeit im Monat bekommt. Daß das ähnlich viel ist wie im strukturschwachen Niederfranken heißt nicht viel. Und wer im Handwerk mehr möchte als die üblichen 10 bis 12 Euro, sitzt Montag früh im Firmenbus und sieht die Familie am Freitag wieder. Zur ARGE in der Region sag ich nur soviel: wer nicht bereit ist deutschlandweit zu pendeln hat innerhalb kürzester Zeit die Pistole auf der Brust.
Trotzdem sind die im Artikel genannten Firmen die Ausnahme. Die überwiegende Mehrheit haben weder einen Haus-Tarifvertrag noch sind die Firmen im Arbeitgeberverband. 10-12 Euro für Fachkräfte sind im Handwerk und auch in vielen kleinen Klitschen, meist Familienunternehmen mit 10-50 Mitarbeitern die Normalität. Grund dafür die Angst vieler vor dem Hamsterrad Arbeitslosigkeit/Leiharbeit. Das auch noch durch Arbeitsamt und ARGE dauerhaft gefördert wird. Hier nochmal ein Danke an die SPD. Aber schön zu sehen, dass es in meiner Heimat noch sowas wie soziale Marktwirtschaft gibt.
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