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Thunfischfang: Jäger des verlorenen Fisches

Von Philipp Kohlhöfer

2. Teil: 85 Prozent des Mittelmeerfangs gehen direkt nach Japan

Was vom Sushi übrig bleibt Fotos
DPA/Greenpeace

Kein Wunder, denn mittlerweile sind 70 Farmen mit einer Kapazität von 63 Tonnen zwischen Spanien und der Türkei registriert. Bis auf Israel betreiben alle Mittelmeeranrainer solche Farmen. Schenkt man diversen Gerüchten, dann kommt etwa die Hälfte des dort eingesetzten Kapitals aus Japan.

Überprüfen lässt sich das nicht. Aber Tatsache ist, dass ein Engagement aus japanischer Sicht nötig geworden ist, weil die Europäer die Fangquoten für Japan im Mittelmeer stark eingeschränkt haben. Hatte die erste japanische Fangoperation 1972 nur 70 Tonnen Blauflossenthun gefangen, waren es zwei Jahre später bereits 700 Tonnen, woraufhin die südeuropäischen Fischer Angst um ihre Einkünfte bekamen.

Den japanischen Interessen hat das Verbot nicht geschadet. Schließlich gehen heute 85 Prozent des Mittelmeerfangs direkt nach Japan, das Land ist der größte Importeur von Thunfisch. Weltweit werden fast zwei Drittel des kompletten Fangs nach Japan geliefert.

An der Spitze der Händler: Mitsubishi, Elektrokonzern, Autohersteller, größter Thunfischhändler der Welt. Und über die Tochterfirma Toyo Reizo auch größter Betreiber von Kühlschiffen für Thunfische - organisiert durch eine andere Tochterfirma namens Tuna Queen.

Mitten in Tokio besitzt das Unternehmen eine gigantische Reserve: Mehrere 10.000 Tonnen Blauflossenthun lagern bei minus 60 Grad in Kühlhäusern. Jede Verknappung der lebenden Tiere trägt dazu bei, den Wert des Vorrats zu steigern - ein Vorrat, der angeblich für sechs Jahre reicht. Manche Umweltschützer behaupten gar, das Ziel von Mitsubishi sei, den Vorrat auf zehn Jahre aufzustocken - um angesichts schwindender Bestände als Marktmonopolist die Preise diktieren zu können.

Der Verzehr von Thunfisch hat in Japan keine lange Tradition. Thunfischsushi kam zum ersten Mal um das Jahr 1800 auf. Beliebt war es nicht, da man damals darauf achtete, ausschließlich Fisch mit weißem Fleisch zu verzehren - was als rein galt. Fisch mit rotem Fleisch, wie Thunfisch, wurde verachtet, er war ein Essen für die Armen. Schnell bekam er den Spitznamen "shibi", vier Tage, weil Küchenchefs das Fleisch erst vier Tage vergraben mussten, um den blutigen Geschmack zu vertreiben.

Seinen Durchbruch verdankt der Thunfisch alleine der Niederlage der Japaner im Zweiten Weltkrieg. Die geschundene Bevölkerung musste mit Eiweiß versorgt werden und man benötigte Geld für den Wiederaufbau des Landes. Der Thunfisch bot sich an: Es gab ihn in rauen Mengen vor der Küste. Er war äußerst eiweißreich.

Der Blauflossenthun spielte damals noch keine Rolle. Gefangen wurde sein kleinerer Verwandter, der Gelbflossenthunfisch. Das änderte sich erst in den späten sechziger Jahren. Ausschlaggebend waren zwei Entwicklungen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hatten:

  • Amerikanische Sportangler an der US-Ostküste entdeckten den Blauflossenthun als ebenbürtigen Gegner. Sie begannen, den Fisch tonnenweise aus dem Wasser zu ziehen. Der tote Fisch wurde entweder verfüttert oder auf den Müll geworfen. Niemand kam auf die Idee, ihn zu essen - zu blutig.
  • Etwa zur gleichen Zeit boomte die japanische Unterhaltungselektronikindustrie. Die Exporte in die USA wuchsen schnell. Aber das Geschäft war einseitig. Kaum waren die Container im Hafen von Los Angeles entladen, gingen sie leer auf die Reise zurück nach Japan. Die Amerikaner produzierten wenig, was die Japaner interessierte. Bis einem japanischen Geschäftsmann auffiel, dass es Blauflossenthun gab. Die US-Fischer waren erfreut, den Thun los zu sein, die Reeder froh, ihre Container zu füllen.

Es dauerte nicht lange, bis der Blauflossenthun sich durchsetzte und zur Sushi-Delikatesse avancierte. Kostete der Fisch damals zwanzig US-Cent das Kilo - wenn er teuer war - wird dieselbe Menge heute für 900 Dollar gehandelt.

Mattia Dazi geht zum Auto. Er lässt sich mit Schwung in den Sitz fallen und dreht das Radio an. Der Moderator redet über das Wetter. Sonne folgt auf Sonne folgt auf Sonne. Besser geht es nicht, wenn man rausfahren will aufs Meer. Für eine Sekunde schließt Dazi die Augen, bläst Luft durch die Nase, beißt auf die Unterlippe. "Das ist unser Fisch", sagt er. Kann man etwas privatisieren, das allen gehört? Nicht einem Dorf, nicht einem Volk, einfach allen? Er lässt den Motor an. Der Wagen quält und hustet sich zum Start. Dazi schwitzt. Tröpfchen rinnen an seiner Wange herunter. Er öffnet das Fenster, die Luft steht. "Irgendjemand bezahlt immer", sagt er. Und er bedauert, dass er das früher nicht verstanden hat. Nicht nur der Fisch verschwindet. Nicht nur die Jobs verschwinden. Das ganze Leben verschwindet. Der Fiat arbeitet sich an der Anhöhe ab, die aus dem Stadtkern nach draußen führt, Richtung Flughafen. "Wie fühlt sich das an, wenn dein Leben aufgefressen wird?"

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Zum Autor
  • Thorsten Suedfels
    Philipp Kohlhöfer, 38, recherchiert zu Umwelt- und Wissenschaftsthemen wie Überfischung, Tierschmuggel, illegalem Tropenholzhandel, Viren und Bakterien.
    Er hat mehr als dreißig Länder bereist, war mehrfach für den Deutschen Reporterpreis nominiert und hat bisher zwei Bücher veröffentlicht.
    Seine Arbeiten sind in so unterschiedlichen Magazinen wie "GEO" und "Stern", "Nido" und "Playboy" erschienen, aber auch in Publikationen in Ländern wie Spanien und Norwegen, Argentinien und Brasilien, Italien und Russland.
    Im Moment arbeitet er an einem Langzeitprojekt über den Thunfisch.
    Kohlhöfer hat Politik und Geschichte studiert, seinen Abschluss zum Thema "Die Menschenrechte als Waffe in der Außenpolitik" gemacht und längere Zeit in Kalifornien verbracht. Er ist Absolvent der Akademie für Publizistik und lebt in Hamburg.

Wie Fangquoten bestimmt werden
Was ist eine Fischfangquote?
Unter einer Fangquote versteht man eine festgesetzte Menge an Fischen oder anderem Meeresgetier, die in einem bestimmten Gebiet während eines festgesetzten Zeitraumes gefangen werden darf.
Wer legt die Fangmengen in Europa fest?
Für Europa erhebt der International Council for the Exploration of the Sea (ICES), eine zwischenstaatliche wissenschaftliche Organisation mit Sitz in Dänemark, wie es um die Bestände der einzelnen Fischsorten bestellt ist. Es wird anhand von Stichproben analysiert, wie sich Populationen entwickeln und wie viele Jungfische nachkommen. Auf Basis dieser Daten gibt der ICES Empfehlungen heraus, wie viel Fisch gefangen werden kann, ohne Raubbau an der Natur zu treiben. Über die Fangmengen, die sogenannten TACs (Total Allowable Catch) entscheiden aber die Agrarminister der Länder. Gingen diese früher oft über die wissenschaftlichen Empfehlungen hinaus, orientieren sich die Minister mittlerweile deutlich stärker daran, was der ICES rät.
Was bedeutet das für die einzelnen Länder?
Sind die jährlichen Höchstfangmengen einmal festgelegt, ergibt sich daraus die Fangmenge pro Land. Welchen Anteil an der Gesamtmenge eines Fisches ein einzelnes Land fangen darf, richtet sich nach einem Quotensystem. Dies stammt noch aus den achtziger Jahren. Es wurde damals auf Basis historischer Fangzahlen vereinbart und gilt weitgehend noch heute.
Wer legt fest, welche Mengen welcher Fischer fangen darf?
Wie die Gesamtmenge unter den Fischern eines Landes aufgeteilt wird, ist europaweit sehr unterschiedlich. Während einige Länder die Rechte nach bestimmten Quotensystemen auf die Fischer aufteilen, werden anderswo Fischereirechte auf dem freien Markt gehandelt. In Deutschland regelt die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) die Verteilung der Fangrechte. Dabei orientiert sie sich an vergangenen Fangmengen der einzelnen Akteure. Wie auch immer die Länder die Verteilung regeln: Letztlich sind sie dafür verantwortlich, dass ihre Fischer die ihnen zugesprochenen Fangmengen nicht überschreiten.
Wie wird kontrolliert?
Die Art der Kontrolle ist europaweit sehr unterschiedlich. So gibt es beispielsweise Schiffe, die ihren Fang freiwillig per Kamera dokumentieren. Anderswo müssen Fischer Logbücher führen. Größere Schiffe sind zum Teil an Überwachungssysteme angeschlossen, mittels derer kontrolliert werden kann, wo sie sich aufhalten. Hilfestellung bei der Überwachung soll den Mitgliedsländern die Europäische Fischereiaufsichtsagentur (CFCA) im spanischen Vigo leisten.
Gibt es trotzdem Streit?
Auch wenn die Fangquoten innerhalb der EU feststehen: Da Fische sich nicht an Grenzen halten, sind oft auch die Interessen anderer Staaten berührt. Aufgrund klimatischer Veränderungen befanden sich beispielsweise vor kurzem deutlich mehr Makrelen vor Island als noch in den Jahren davor, woraufhin die krisengebeutelte Isländische Regierung die Fangmenge massiv anhob. Die Schotten und Iren, die sich weiter an die innerhalb der EU vereinbarten Quantitäten halten mussten, hatten das Nachsehen.


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