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Thunfischfang: Jäger des verlorenen Fisches

Von Philipp Kohlhöfer

Seit Sushi in aller Welt serviert wird, ist der Blauflossenthun vom Aussterben bedroht. Trotzdem wird weitergefischt. Vor allem Japaner zahlen horrende Summen und befeuern die Jagd. Ein Report über das Sterben einer Spezies für die Gier nach Geld.

Was vom Sushi übrig bleibt Fotos
DPA/Greenpeace

Er fährt Taxi jetzt. In einem kleinen Fiat Uno, cremefarben verwaschen, zwischen Flughafen und Innenstadt hin und her, wieder und wieder, ohne Lizenz. Es gibt zwar eine Buslinie, aber die fährt unregelmäßig und niemand weiß genau wann. Vielleicht liegt es am Busfahrer, sagt Mattia Dazi, der Taxifahrer. Vielleicht ist gerade wieder ein wichtiges Teil kaputt und muss erst mit dem Schiff nach Pantelleria geliefert werden. Er zuckt mit den Schultern. Ist ja nicht sein Problem. Ist doch so im Leben, oder? Man muss sich arrangieren, oder?

Er steht am Hafen, legt den Kopf in den Nacken und inhaliert den Geruch des Meeres, aus dem er früher die Thunfische zog. Es riecht noch so, wie es immer roch, das schon, ja. Dazi legt die Hand über die Augen, um sich vor der Sonne zu schützen und redet vom Wasser wie von einem Bruder, der schon lange gestorben ist, dessen Erinnerung ihm aber nicht aus dem Kopf will.

Er sieht auf die Uhr, bald landet wieder ein Flieger, er muss los. Jeden Tag um die Mittagszeit kommt eine Maschine aus Palermo, jeden Abend eine aus Rom. Die Flieger sind klein und trotzdem nicht voll. Wer kommt schon nach Pantelleria, diesem Gesteinsbrocken, der zwar zu Italien gehört, aber näher an Afrika ist und zwischen Tunesien und Sizilien im Meer liegt, als hätte ihn jemand verloren? Niemand. Zu viele Sorgen, zu wenige Touristen. Nicht einmal mehr die Japaner kommen noch. Zu viele Boote, zu wenige Fische.

Das Meer vor Japan war leer und die Japaner brauchten Nachschub

Er erinnert sich, als die Japaner Mitte der neunziger Jahren zum ersten Mal kamen. Sushi hatte gerade seinen Siegeszug um die Welt angetreten. Es galt, sich die besten Fische zu sichern. Die Japaner fielen auf, denn es waren meist allein reisende Männer um die 40. Sie kauften alles, was Mattia Dazi fischte, und schafften es per Flugzeug innerhalb von 24 Stunden in die japanische Hauptstadt. Dass ihn das am Ende den Job kostete, wie sollte er das wissen? Und er verstand ihr Problem. Das Meer vor Japan war leer und die Japaner brauchten Nachschub. Sie zahlten jeden Preis. Das tun sie immer noch. Erst im Januar wurde ein 269 Kilogramm schwerer Blauflossenthunfisch, wegen der Farbe seines Fleisches auch Roter Thun genannt, auf dem Tsukiji-Fischmarkt in Tokio, dem größten der Welt, für 566.000 Euro versteigert. Damit brach er den Rekord des Vorjahres von 299.000 Euro, der wiederum den Rekord des Vorjahres von 138.000 Euro gebrochen hatte. Käufer waren jeweils Sushi-Restaurants.

Im Mittelmeer führte das viele Geld dazu, dass immer mehr Fischer Blauflossenthun fingen. Das Tier ist eine schwimmende Meisterleistung der Evolution: Es besteht fast ausschließlich aus Muskeln. Bis zu viereinhalb Meter lang und 700 Kilogramm schwer, kann es 1000 Meter tief tauchen und dabei seine Körpertemperatur selbst regulieren. Von Haien und manchen Walarten abgesehen hat der Blauflossenthun keine natürlichen Feinde. Doch was eigentlich ein Vorteil war, wird nun zum Nachteil, denn wie alle großen Räuber ohne Fressfeinde vermehrt sich auch der Blauflossenthun sehr langsam. Die Weibchen werden erst mit etwa sieben Jahren geschlechtsreif. Eigentlich kein Problem, schließlich können die Tiere bis zu 30 Jahre alt werden. Für die moderne Fischerei aber sind sieben Jahre viel zu lang.

Mattia Dazi verschuldete sich, um mithalten zu können mit den großen Booten und ihren modernen Fangtechniken, aber spätestens mit der Verbreitung der Thunfischfarmen zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte er keine Chance mehr. Wenn er aufs Meer fuhr, musste er fangen, auch wenn er wusste, dass das der Bestand nicht mehr zuließ. Sonst wuchsen seine Schulden. Die Tage, an denen er nichts fing, waren bald keine Ausnahme mehr. 2006 verkaufte Dazi das Boot an einen finanzstarken Konkurrenten.

Thunfischfarmen beschleunigen das Aussterben

Laut der Weltnaturschutzorganisation IUCN, die die Rote Liste der gefährdeten Arten herausgibt, ist der Blauflossenthun "stark gefährdet". Prognosen, wie lange es noch bis zum Verschwinden der Art im Mittelmeer dauert, variieren zwischen zwei und fünf Jahren. Ein Beschleuniger dieser Entwicklung: "Thunfischfarmen", Dazi spuckt das Wort mehr als er es spricht. Tatsächlich ist die Bezeichnung "Farm" irreführend, denn nichts wird dort gezüchtet. Im Gegenteil: Der Fisch für diese Farmen wird mit der Ringwadennetz-Methode eingeholt: Die Netze sind zwei Kilometer lang, reichen bis zu zweihundert Meter tief und werden um einen ganzen Schwarm Thunfische gezogen. Schließlich wird die Unterseite des Netzes geschlossen, so dass kein Fisch entwischen kann. Abschließend werden die Netze vor die Küsten gezogen. Dann wird gefüttert und dann geschlachtet.

Thunfische vermehren sich nicht in Gefangenschaft. Und weil der Fang für eine Thunfischfarm weder Jungtiere noch trächtige Weibchen verschont, ist es der sicherste Weg, eine Population zum Aussterben zu bringen.

Dazi seufzt laut. Wohl dem, der noch Fischer sein kann. "Sind nicht mehr viele", sagt er.

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Zum Autor
  • Thorsten Suedfels
    Philipp Kohlhöfer, 38, recherchiert zu Umwelt- und Wissenschaftsthemen wie Überfischung, Tierschmuggel, illegalem Tropenholzhandel, Viren und Bakterien.
    Er hat mehr als dreißig Länder bereist, war mehrfach für den Deutschen Reporterpreis nominiert und hat bisher zwei Bücher veröffentlicht.
    Seine Arbeiten sind in so unterschiedlichen Magazinen wie "GEO" und "Stern", "Nido" und "Playboy" erschienen, aber auch in Publikationen in Ländern wie Spanien und Norwegen, Argentinien und Brasilien, Italien und Russland.
    Im Moment arbeitet er an einem Langzeitprojekt über den Thunfisch.
    Kohlhöfer hat Politik und Geschichte studiert, seinen Abschluss zum Thema "Die Menschenrechte als Waffe in der Außenpolitik" gemacht und längere Zeit in Kalifornien verbracht. Er ist Absolvent der Akademie für Publizistik und lebt in Hamburg.

Wie Fangquoten bestimmt werden
Was ist eine Fischfangquote?
Unter einer Fangquote versteht man eine festgesetzte Menge an Fischen oder anderem Meeresgetier, die in einem bestimmten Gebiet während eines festgesetzten Zeitraumes gefangen werden darf.
Wer legt die Fangmengen in Europa fest?
Für Europa erhebt der International Council for the Exploration of the Sea (ICES), eine zwischenstaatliche wissenschaftliche Organisation mit Sitz in Dänemark, wie es um die Bestände der einzelnen Fischsorten bestellt ist. Es wird anhand von Stichproben analysiert, wie sich Populationen entwickeln und wie viele Jungfische nachkommen. Auf Basis dieser Daten gibt der ICES Empfehlungen heraus, wie viel Fisch gefangen werden kann, ohne Raubbau an der Natur zu treiben. Über die Fangmengen, die sogenannten TACs (Total Allowable Catch) entscheiden aber die Agrarminister der Länder. Gingen diese früher oft über die wissenschaftlichen Empfehlungen hinaus, orientieren sich die Minister mittlerweile deutlich stärker daran, was der ICES rät.
Was bedeutet das für die einzelnen Länder?
Sind die jährlichen Höchstfangmengen einmal festgelegt, ergibt sich daraus die Fangmenge pro Land. Welchen Anteil an der Gesamtmenge eines Fisches ein einzelnes Land fangen darf, richtet sich nach einem Quotensystem. Dies stammt noch aus den achtziger Jahren. Es wurde damals auf Basis historischer Fangzahlen vereinbart und gilt weitgehend noch heute.
Wer legt fest, welche Mengen welcher Fischer fangen darf?
Wie die Gesamtmenge unter den Fischern eines Landes aufgeteilt wird, ist europaweit sehr unterschiedlich. Während einige Länder die Rechte nach bestimmten Quotensystemen auf die Fischer aufteilen, werden anderswo Fischereirechte auf dem freien Markt gehandelt. In Deutschland regelt die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) die Verteilung der Fangrechte. Dabei orientiert sie sich an vergangenen Fangmengen der einzelnen Akteure. Wie auch immer die Länder die Verteilung regeln: Letztlich sind sie dafür verantwortlich, dass ihre Fischer die ihnen zugesprochenen Fangmengen nicht überschreiten.
Wie wird kontrolliert?
Die Art der Kontrolle ist europaweit sehr unterschiedlich. So gibt es beispielsweise Schiffe, die ihren Fang freiwillig per Kamera dokumentieren. Anderswo müssen Fischer Logbücher führen. Größere Schiffe sind zum Teil an Überwachungssysteme angeschlossen, mittels derer kontrolliert werden kann, wo sie sich aufhalten. Hilfestellung bei der Überwachung soll den Mitgliedsländern die Europäische Fischereiaufsichtsagentur (CFCA) im spanischen Vigo leisten.
Gibt es trotzdem Streit?
Auch wenn die Fangquoten innerhalb der EU feststehen: Da Fische sich nicht an Grenzen halten, sind oft auch die Interessen anderer Staaten berührt. Aufgrund klimatischer Veränderungen befanden sich beispielsweise vor kurzem deutlich mehr Makrelen vor Island als noch in den Jahren davor, woraufhin die krisengebeutelte Isländische Regierung die Fangmenge massiv anhob. Die Schotten und Iren, die sich weiter an die innerhalb der EU vereinbarten Quantitäten halten mussten, hatten das Nachsehen.


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