Wirtschaft


ThyssenKrupp: Aktionäre feiern Crommes Rücktritt

Einer der mächtigsten Wirtschaftsbosse der Republik tritt ab - und die Aktionäre jubeln. Selten wird der Abgang eines Managers an der Börse so gefeiert wie nun der von Gerhard Cromme bei ThyssenKrupp. Mit dem Rückzug des Aufsichtsratschefs könnte im Konzern ein Kulturwandel beginnen.

ThyssenKrupp: Krise als Dauerzustand
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AP

Essen/Frankfurt am Main - Die Aktionäre von ThyssenKrupp hatten in den vergangenen eineinhalb Jahren nicht viel Grund zur Freude. Während bei anderen deutschen Großkonzernen die Aktienkurse nach oben schossen, ging es beim Essener Stahlkonzern meistens bergab. Missmanagement, Verluste, Kartellvorwürfe - eine Horrornachricht jagte die nächste.

An diesem Freitag scheint das alles vergessen: Nach dem Rücktritt von Aufsichtsratschef Gerhard Cromme hoffen viele Börsianer auf eine neue Ära bei ThyssenKrupp. Die Aktie stieg an einem einzigen Tag um 6,4 Prozent.

Aktionärsvertreter freuten sich öffentlich über Crommes Rücktritt. "Wir finden das richtig", sagte der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Thomas Hechtfischer. Und Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment lobte: "Das ist ein sehr konsequenter Schritt von Herrn Cromme, der die Institution vor die Person stellt."

Selten zuvor wurde ein Rücktritt so sehr herbeigesehnt wie der von Cromme. Als Aufsichtsratschef und wichtigster Strippenzieher des Konzerns lasteten viele Beobachter ihm die Verantwortung für die Fehler und Skandale der Vergangenheit an. Cromme sah das anders. Er gestand zuletzt zwar ein, nicht alles richtig gemacht zu haben. Zurücktreten wollte er aber lange nicht. Lieber warf er Ende 2012 drei Vorstände raus, die er für die Missstände im Konzern verantwortlich machte.

Cromme selbst hatte noch Größeres vor: Der ehrgeizige Manager galt als designierter Nachfolger des 99 Jahre alten Patriarchen Berthold Beitz an der Spitze der mächtigen Krupp-Stiftung. Die Stiftung hat mit einer Sperrminorität und Sonderrechten beherrschenden Einfluss auf den Konzern.

Noch Ende 2012 hatte Stiftungschef Beitz per Zeitungsinterview alle Kritik an seinem Ziehsohn weggewischt: "Cromme bleibt." Dass der Manager nun doch gehen muss, ist auch eine Niederlage für den lange unangreifbar wirkenden Beitz.

Der Firmenpatriarch dürfte Cromme die Entscheidung selbst nahe gelegt haben, vermutet ein Insider. Missmanagement beim Bau des Stahlwerks in Brasilien und hohe Abschreibungen hatten das Unternehmen im abgelaufenen Geschäftsjahr tief in die Verlustzone gestürzt.

Wegen Kartellvorwürfen stand das Unternehmen immer wieder in den Schlagzeilen: Erst ein Aufzugskartell, dann Preisabsprachen für Schienen zu Lasten von Bahn und Verkehrsbetrieben, also letztlich zu Lasten fast aller Verbraucher. Und zuletzt soll ThyssenKrupp auch noch mit illegalen Absprachen bei der Belieferung der Autoindustrie betrogen haben. Dass Aufsichtsratschef Cromme, der nach mehr als 25 Jahren im Unternehmen davon nie etwas gewusst haben soll, wurde zuletzt immer unglaubwürdiger.

"Was hätte Alfried getan?"

Vieles spricht dafür, dass Crommes Nachfolger an der Spitze des Aufsichtsrats von außerhalb kommen wird. Aktionäre fordern einen kompletten Neuanfang auch im Kontrollgremium. Das wäre für die Stiftung und ThyssenKrupp eine Art Kulturrevolution.

Die Stiftung, die gegenüber dem alten Krupp-Familiensitz, der Villa Hügel, residiert, versteht sich immer noch auf geradezu magische und persönliche Weise als Verwalterin des 1967 gestorbenen letzten Krupp: Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. "Was hätte Alfried an meiner Stelle getan", hat sich Beitz nach eigenem Bekunden im Laufe seines langen Berufslebens bei Krupp immer wieder gefragt - und mit ihm Cromme.

Jetzt dürfte noch stärker als bisher der neue Geist des 2011 von Siemens zu ThyssenKrupp gewechselten Vorstandschefs Heinrich Hiesinger Einzug halten - nüchterner, internationaler, aber auch weniger traditionsbewusst.

Vor kurzem hatte Hiesinger bereits eine schrittweise Abschaffung des Privilegiensystems im Konzern angekündigt. "Da geht es etwa um die Größe oder Möblierung eines Büros oder um Einladungen zu bestimmten Veranstaltungen. Auch der Stellenwert von Titeln ist viel zu hoch", sagte Hiesinger. Derartige Spielereien kosteten unnötig Zeit und Geld. Auf seiner Streichliste standen bereits einsame Fahrten im reservierten Vorstandsaufzug ebenso wie Fabrikbesichtigungen im Stil von Staatsbesuchen.

stk/dpa/Reuters

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insgesamt 14 Beiträge
flieder2 08.03.2013
Und wann kickt Siemens den raus?
Und wann kickt Siemens den raus?
germanos-elinas 08.03.2013
dieser Typ als Handgeld bekommen, um abzuhauen?? Bitte Spiegel nachliefern. Wird wohl seine Toscana Villa öfters besuchen und anwesend sein. Pfui
dieser Typ als Handgeld bekommen, um abzuhauen?? Bitte Spiegel nachliefern. Wird wohl seine Toscana Villa öfters besuchen und anwesend sein. Pfui
fidelc. 08.03.2013
sich vorher noch ein paar Aktien gekauft hat. Der weiß doch auch: Wenn Nieten den Aufsichtsräten verlassen, steigt in der Regel der Aktienkurs.
sich vorher noch ein paar Aktien gekauft hat. Der weiß doch auch: Wenn Nieten den Aufsichtsräten verlassen, steigt in der Regel der Aktienkurs.
Palmstroem 08.03.2013
Es ist ja nicht nur Gerhard Cromme aus dem Aufsichtsrat abgegangen, sondern auch Peer Steinbrück. Nur wurde das von den Medien weitgehend unkommentiert gelassen. Und vieles, was man Cromme vorwirft wurde von Steinbrück [...]
Zitat von sysopEiner der mächtigsten Wirtschaftsbosse der Republik tritt ab - und die Aktionäre jubeln. Selten wird der Abgang eines Managers an der Börse so gefeiert wie nun der von Gerhard Cromme bei ThyssenKrupp. Mit dem Rückzug des Aufsichtsratschefs könnte im Konzern ein Kulturwandel beginnen. ThyssenKrupp: Aktionäre feiern Crommes Rücktritt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/thyssenkrupp-aktionaere-feiern-crommes-ruecktritt-a-887763.html)
Es ist ja nicht nur Gerhard Cromme aus dem Aufsichtsrat abgegangen, sondern auch Peer Steinbrück. Nur wurde das von den Medien weitgehend unkommentiert gelassen. Und vieles, was man Cromme vorwirft wurde von Steinbrück mitgetragen. Aber der soll jetzt Kanzler werden.
brain on 08.03.2013
Wirklich schnell. Mit 70 kommt einem, dem es materiell sicher schon mit 60 nicht schlecht ging, die Erkenntnis, er solle für einen jüngeren Platz machen. Brillant.
Wirklich schnell. Mit 70 kommt einem, dem es materiell sicher schon mit 60 nicht schlecht ging, die Erkenntnis, er solle für einen jüngeren Platz machen. Brillant.
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  • Freitag, 08.03.2013 – 18:20 Uhr
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