Aktionärsschelte bei ThyssenKrupp: "Größte Teflonpfanne der Republik"
Die ThyssenKrupp-Aktionäre rechnen auf der Hauptversammlung mit Gerhard Cromme ab. Doch der Chefkontrolleur des Konzerns kann sich in Sicherheit wiegen. Mächtige Unterstützer halten zu ihm - vor allem Ruhrbaron Berthold Beitz.
Bochum - Nach dem Auftritt des Patriarchen ist alles klar. Berthold Beitz braucht nicht einmal etwas zu sagen. Allein der überraschende Besuch des 99 Jahre alten Herrn von der Villa Hügel auf der Hauptversammlung des angeschlagenen Industriekonzerns ThyssenKrupp ist eine Botschaft - und dass sich der Patriarch auf dem Treffen im Bochumer RuhrCongress zusammen mit Aufsichtsratschef Gerhard Cromme zeigt.
Denn vor allem um Crommes Zukunft geht es auf diesem Aktionärstreffen. Der 69-Jährige, der den Konzern mit der Fusion von Thyssen und Krupp erst erschaffen hat, wird von vielen für das milliardenschwere Stahlwerksdebakel in Brasilien und den USA - das die Existenz des Konzerns gefährdet -, ebenso verantwortlich gemacht wie für die Kartell- und Korruptionsskandale, die den Ruf ramponiert haben.
Als "größte Teflonpfanne der Republik" schmäht ihn der Münchner Rechtsanwalt Oliver Krauß, der Crommes Abwahl als Versammlungsleiter fordert. Der lässt darüber nicht abstimmen.
Nervös ist der sonst so souveräne Cromme durchaus. Er stützt sein Kinn auf die gefalteten Hände, während Vorstandschef Heinrich Hiesinger redet. Mehrfach hält er Rücksprache mit dem Notar, verzettelt sich im Ablauf der Versammlung. In seiner Rede versucht er einen Spagat. Der Aufsichtsrat, der für einen Neuanfang den halben Vorstand entlassen hat, verstehe sich "in dieser schwierigen Zeit als Partner des Vorstands und als Brückenbauer. Wir erhalten das, was gut ist, und werden das Neue ermöglichen".
Im Saal ist er mit der Auffassung, "diesen Kraftakt können wir nur gemeinsam schaffen", deutlich in der Minderheit. Die meisten wollen den Neuanfang ohne Cromme. Internationale Aktionärsberater wie ISS oder Hermes empfehlen, dem Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern. Auch deutsche Fondsgesellschaften wie DWS, Deka oder Union Investment und die Aktionärsschützer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) schließen sich an.
Die Kollegen von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) wollen die Abstimmung vertagen, weil "noch Fragen offen" seien. Zudem verlangen sie einen Sonderprüfer zu Kartellfällen und Luxusreisen auf Firmenkosten. "Gutachten pflastern ihren Weg", ätzt DSW-Geschäftsführer Thomas Hechtfischer über die zahlreichen Rechtsexpertisen, die den Führungsorganen fehlerfreies Handeln bescheinigen. Crommes auf die entlassenen Vorstände bezogenes Argument, rechtlich Zulässiges sei nicht unbedingt unternehmerisch gut, könnte auch auf ihn zurückfallen.
"Im Schatten der Villa Hügel nach Gutsherrenart geführt"
Allein, die große Koalition der Kritiker hat schlechte Karten. Die von Berthold Beitz vertretene Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung entscheidet an der Ruhr über Wohl und Wehe. Sie hält zwar nur gut 25 Prozent am Grundkapital, weil nicht alle Aktionäre anwesend sind, vereint sie aber 40 Prozent der vertretenen Stimmen. Zudem hat sie seit 2007 das Sonderrecht, drei Aufsichtsräte ohne Abstimmung direkt zu entsenden (so kam auch bis zum Jahreswechsel der SPD-Kanzlerkandidat in das Gremium).
Das bedeutet: Wenn Ruhrpatriarch Beitz will, kann Cromme weitermachen. Mit einem Abstimmungsergebnis über die Nichtentlastung des Aufsichtsrats ist in Bochum erst am frühen Abend zu rechnen.
Dampf ablassen können die Anteilseigner, mehr wohl nicht. ThyssenKrupp werde "im Schatten der Villa Hügel von einem Patriarchen nach Gutsherrenart geführt" , schimpft Union-Fondsmanager Ingo Speich. "Das industrielle Erbe, dem sich die Stiftung verschrieben hat, wird so nicht bewahrt, sondern ruiniert."
Klare Worte vom Vorstandschef
Bei all dem Leiden und Wehklagen schafft es aber Vorstandschef Hiesinger, sich positiv abzuheben und seine Botschaft vom Neuanfang zu verkünden. Der 2011 als Aufräumer angetretene Konzernchef zeigt sich mit schonungsloser Offenheit souverän. Mit seinem schwäbischen Zungenschlag und persönlichen Bemerkungen vermittelt er Nähe. So fügt Hiesinger etwa das Wort "hoffentlich" ein: Der Konzern werde seine Finanzen stabilisieren, um dann "hoffentlich eine strategische Offensive in den operativen Geschäften angehen zu können". Oder er schränkt einen Satz über das profitable Kerngeschäft ein: "Klar, am Ende ist von diesem Erfolg nix übergeblieben."
Hiesinger fordert dennoch "Mut und Zuversicht, nicht Asche und Betroffenheit". Man solle "endlich einmal in die Zukunft blicken". Es bringe nichts, "in der Vergangenheit zu bohren". So baue ThyssenKrupp, "was viele gar nicht wissen wollen", gerade in Indien zwei, in China sogar fünf neue Fabriken. Mit dem Finanzbericht zum ersten Geschäftsquartal am 12. Februar werde der dank des Ende Dezember abgeschlossenen Verkaufs der Edelstahlsparte an die finnische Outokumpu erreichte Schuldenabbau bereits sichtbar.
Wenn dann noch der Verkauf der amerikanischen Stahlwerke ohne allzu große weitere Abschreibungen gelingt, wäre der Fortbestand des Konzerns wohl gesichert.
Gleichzeitig lässt Hiesinger keine Zweifel daran, dass er es mit einer neuen Führungskultur ohne "Seilschaften" und "blinde Loyalität" ernst meint. "Wer dabei nicht mitzieht, hat bei ThyssenKrupp nichts mehr verloren", sagt er. Was das für Cromme bedeutet, sagt er nicht.
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