ThyssenKrupp Alles ganz nachhaltig

50 Mal taucht das Wort nachhaltig im Geschäftsbericht von ThyssenKrupp auf. Auf der Hauptversammlung zeigt sich, wie fragwürdig das ist.

Von Nils Klawitter

ThyssenKrupp-Chef Hiesinger: Man halte sich an den eigenen "Code of Conduct"
REUTERS

ThyssenKrupp-Chef Hiesinger: Man halte sich an den eigenen "Code of Conduct"


Dankbarer kann eine Hauptversammlung kaum laufen: Trotz einer mageren Dividende von 15 Cent je Aktie und schlingerndem Aktienkurs ist Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger diesen Freitag von Aktionärsvertretern für sein Umbauprogramm geradezu hymnisch gefeiert worden. "Wir sagen zu allem Ja", sagte einer. Sogar die Bühnendekoration wurde gelobt ("sehr schön") und mehrfach war zu vernehmen: "Wir sind wieder was."

Um kurz vor zwölf war der Lobgesang dann vorbei. Mehrere kritische Aktionäre warfen dem Vorstand des Stahl- und Technologiekonzerns ökologische und soziale Verantwortungslosigkeit vor. Dutzende Male sei im Geschäftsbericht von Nachhaltigkeit die Rede, hieß es. Aber welche Nachhaltigkeit sei gemeint, wenn der Konzern gleichzeitig gegen strengere CO2-Emissionsvorschriften mobil mache oder U-Boote an fragwürdige Autokraten wie Ägyptens Präsident Sisi liefere? Wie nachhaltig ist es, ein Stahlwerk in Brasilien zu betreiben, das seit Jahren nur dank Ausnahmegenehmigungen läuft und die Nachbarschaft mit Industriestaub verseucht?

Zu dem Werk nahe Rio de Janeiro sagte Finanzchef Guido Kerkhoff, dies sei kein "strategisches Asset" mehr. Der Konzern hofft offenbar noch, den Pannenmeiler im Sumpfgebiet für den baldigen Verkauf irgendwie aufhübschen zu können. Ansonsten, betonte Hiesinger, halte man sich an den eigenen Code of Conduct, örtliche Gesetze und die Normen des Global Compact der Uno.

ThyssenKrupp malocht verbissen an seinem Image

Der allerdings stellt auf den Schutz der Menschenrechte ab und somit auch auf die Verhinderung von Zwangsumsiedlungen und den Schutz der Lebensgrundlagen der lokalen Bevölkerung. Im ostafrikanischen Mosambik scheint darauf nicht besonders geachtet worden zu sein. Dies zeigt eine Studie der dänischen Organisation Danwatch, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Sie ist Teil der Kampagne "Stop Mad Mining" und beschreibt die verheerenden Folgen zweier Umsiedlungsaktionen in Minen der Bergbauunternehmen Vale und Rio Tinto, zwei der rund 18.000 Zulieferer von ThyssenKrupp.

Bereits vor einigen Jahren waren für die Minen Benga und Chipanga mehr als tausend Menschen aus ihrem angestammtem Umfeld in Gegenden abgeschoben worden, wo bis heute nicht einmal ihre Wasserversorgung gesichert ist.

Laut der Studie verstießen die Aktionen selbst gegen nationale Gesetze in Mosambik, die eine adäquate Entschädigung vorsehen. Die Wiederherstellung des Lebensunterhalts, so die leicht zynische Reaktion des britisch-australischen Konzerns Rio Tinto auf die Studie, brauche "seine Zeit". Ansonsten zeigten sich die Bergbauunternehmen nicht sehr gewillt, auf Fragen einzugehen.

ThyssenKrupp gibt sich da zumindest transparenter. Mehr als 100 Nachhaltigkeits-Audits habe man im vergangenen Jahr durchführen lassen, so Hiesinger. Auch Mosambik sei untersucht worden. Bei der Chipanga-Mine des brasilianischen Konzerns Vale habe man keine Erkenntnisse, dass soziale Standards verletzt seien. Bei Rio Tinto (bis 2014 Haupteigner der Benga Mine) laufe die Untersuchung noch. Hier seien 2013/14 auch nur "kleine Versuchsmengen" bezogen worden. In jedem Jahr immerhin 36.000 Tonnen.

Die positive Bewertung der Chipanga-Umsiedlung hält Anna Backmann von der "Stop Mad Mining"-Kampagne für grotesk: "Allein hier sind fast 1000 Familien um ihre Lebensgrundlage gebracht worden." Deutschlands größter Stahlhersteller malocht dennoch verbissen an seinem Image: Fünfzig mal taucht allein der Begriff nachhaltig im Geschäftsbericht auf.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
lynx2 29.01.2016
1. Nachhaltig. Wenn ich das schon höre!
Das Unwort des Jahrzehnts! Es steht für sprachliche Armut und geistige Leere. Armut, weil es bessere Worte gäbe, wie z.B. dauerhaft, langlebig, anhaltend oder so. Leere und Bedeutungslosigkeit, weil wie nachwievor in einer Wegwerfgesellschaft leben. Die großen Konzerne meinen damit meistens 'permanente Profiterzeugung und Kapitalakumulation' zugunsten der Aktionäre.
sikasuu 29.01.2016
2. Das einzige nachhaltige bei Konzernen dieser Art ist Gewinnstreben....
... koste es was es wolle! . Solange die Kosten auf Andere, Arbeitnehmen, Umwelt, Gesellschaft... abzuwälzen sind. . Da wird so ein Geschäftsbericht zu Karrikaur, wenn er den Begriff "nachhaltig" überhaupt verwendet. . "Nachhaltige" Industrieproduktion mit 2-5% Steigerung, guten Gewinnen usw. im Jahr:-( wie soll das den gehen. . Da hat wohl ein Konzern sein eigenes Gecshäftsmodell nicht verstanden bzw. da ist wohl der "Okosprech" der Werbeabteilung und die Gewinmaximierungsabsichten vom Vorstand & Controller ohne Nachdenken in einem Text zusammengefasst worden:-)) . Nachhaltig, war vielleicht mal, wenigstens im Ansatz, in einer Zeit als Firmen noch langfristig planten und nicht auf die nachste 1/4, 1/2, Jahresbilanz schielten!
ir² 29.01.2016
3.
Manager, elende Gestalten und Speichellecker des mainstreams. Statt den Deutschen klip und klar zu sagen "entweder ihr akzeptiert unses Art zu Wirtschaften, oder wir gehen woanders hin", zieht man eine verlogene Öko-Show ab. Einfach jämmerlich....
der-müde-joe 29.01.2016
4. Keine Zahlen?
Das muss man erstmal schaffen. Einen Bericht über die Jahreshauptversammlung einer DAX-Aktiengesellschaft ohne eine einzige Geschäftszahl zu nennen! ThyssenKrupp war noch vor wenigen Jahren fast insolvenzreif. Etwas über Umsatz, Geschäftsentwicklung und Gewinn zu lesen, wäre mehr als wünschenswert. Und in diesem Artikel? Kein Wort dazu! Dieses Unternehmen beschäftigt zehntausende Mitarbeiter in Deutschland.
Hamberliner 30.01.2016
5. nachhaltig
---Zitat von Nils Klawitter--- Mehrere kritische Aktionäre warfen dem Vorstand des Stahl- und Technologiekonzerns ökologische und soziale Verantwortungslosigkeit vor. ---Zitatende--- Also eine masochistische Minderheit in einer Versammlung von Menschen, die einen Teil ihres Lebensunterhalts damit zu erwirtschaften versuchen, dass sie Geld an ThyssenKrupp vermieten. Wie haben denn die anderen Aktionäre auf diesen Angriff auf ihr Einkommen reagiert? Haben sie gebuht und gepfiffen? Das hält Nils Klawitter offenbar für irrelevant, er schreibt nichts dazu. Ich wüsste nämlich nicht, seit wann es Aufgabe von Aktionären wär, politische Gremien, Parlamente, Regierungen u.a. Staatsorgane zu ersetzen um Gesetze und Regeln zu beschließen und durchzusetzen. Next point, nachhaltig wäre es, wenn ThyssenKrupp mit völlig neuartigen automatisierbaren Fertigungsverfahren den Schiffbau von China und Korea nach hier zurückholen würde. Weg von den mühsam und teuer von Hand geschweißten Grobblechkonstruktionen. Druckt Schiffe, lasst euch etwas einfallen. Und wenn ThyssenKrupp verhökerte Werftbetriebe zurück kaufen würde. Wir waren einmal ein bedeutender Schiffbau-Standort, und wenn wir es in 50 Jahren wieder sind, dann nenne ich das nachhaltig.
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