Thyssen-Krupp Aufsichtsräte legen Cromme Rücktritt nahe

Schwere Managementfehler blieben unentdeckt, Aufsichtsräte vergnügten sich auf Luxusreisen: Das Kontrollgremium von ThyssenKrupp steht heftig in der Kritik. Nach SPIEGEL-Informationen legen jetzt sogar ehemalige Größen der Deutschland AG Oberaufseher Cromme den Rücktritt nahe.

ThysssenKrupp-Chefaufseher Cromme: Sitzfleisch aus Stahl
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ThysssenKrupp-Chefaufseher Cromme: Sitzfleisch aus Stahl


Essen - Aufsichtsräte der deutschen Wirtschaft haben nach SPIEGEL-Informationen ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme in einem offenen Brief zum Rücktritt aufgefordert. Die Mehrheit der "verantwortungsbewussten Aufsichtsräte", heißt es in dem Schreiben, das Cromme am Freitag zugestellt wurde, "erwartet, dass Sie selber über persönliche Konsequenzen nachdenken und Ihr Mandat als Aufsichtsratsvorsitzender der ThyssenKrupp AG niederlegen".

Absender des Briefs ist die Düsseldorfer Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD). Anlass sind die diversen ThyssenKrupp-Affären rund um den Bau eines Stahlwerks in Brasilien sowie Luxusreisen für Gewerkschafter und Journalisten. Crommes bisheriger Umgang mit den Skandalen, kritisieren die VARD-Verantwortlichen, werfe ein falsches Bild auf all jene Aufsichtsräte, die in ihrer Funktion "mit großer Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit versuchen, gute Unternehmensführung zu praktizieren". Der erst 2012 gegründeten VARD gehören ehemalige Dax-Größen wie Ex-RWE-Chef Dietmar Kuhnt oder der ehemalige Metro-Vorstandsvorsitzende Hans-Joachim Körber an. Körber ist heute Aufsichtsratschef bei Air Berlin.

Beistand erhielt hingegen ein anderer umstrittener Aufsichtsrat von ThyssenKrupp: Das IG-Metall-Vorstandsmitglied Bertin Eichler, das wegen Luxusreisen auf Konzernkosten in die Kritik geraten war. Der Chef der IG Metall, Berthold Huber nimmt Eichler in Schutz. Er stelle die Integrität eines Menschen nicht wegen fünf Flügen in Frage, sagte Huber dem SPIEGEL. Eichler sehe, dass dies ein Fehler war und werde deshalb nicht mehr für den Aufsichtsrat bei ThyssenKrupp kandidieren. "Wenn er sich nichts anderes vorwerfen lassen muss, dann bleibt er Vorstand der IG Metall", so Huber weiter.

Das "Handelsblatt" hatte über Luxusreisen von Eichler und anderen Arbeítnehmervertretern im Aufsichtsrat nach China, Thailand, USA oder Kuba berichtet. Zwar seien die Reisen auch immer mit geschäftlichen Aktivitäten verbunden gewesen. Nach Recherchen der Zeitung hätten sie aber auch touristische Elemente enthalten. Bei einer Reise nach China spendierte der Essener Traditionskonzern dem Bericht zufolge einen Bummel durch das Spielerparadies Macau. In Shanghai habe sich Eichler vor acht Jahren zu einem Formel-1-Rennen einladen lassen. Eichler hatte daraufhin erklärt, er werde 2013 nicht mehr als ThyssenKrupp-Aufsichtsrat kandidieren und zudem die Preisdifferenz zwischen den gebuchten Erste-Klasse-Flügen und der günstigeren Business Class erstatten.

Den Vorwurf, die First-Class-Reisen hätten Eichlers Arbeit als ThyssenKrupp-Aufsichtsrat beeinflusst, wies Huber gegenüber dem SPIEGEL zurück: "Herr Eichler hat sich wegen fünf Flügen doch nicht in seiner Arbeit als Aufsichtsrat beeinflussen oder gar kaufen lassen." Die IG Metall habe eine Reiserichtlinie. Für Reisen, die auf Veranlassung anderer Unternehmen stattfänden, gebe es jedoch keine Vorschriften. Er selbst sei noch nie im Leben Erster Klasse geflogen, so Huber, die IG Metall fliege auch nach Übersee bestenfalls Business-Klasse.

ric



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