Krise des Stahlkonzerns: ThyssenKrupp macht fünf Milliarden Euro Verlust
ThyssenKrupp schreibt tiefrote Zahlen: Der Industriekonzern hat im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Verlust in Höhe von fünf Milliarden Euro eingefahren. Schuld sind schwere Managementfehler - vor allem in Übersee.
Essen - Der geplante Verkauf seiner Stahlwerke in Übersee reißt den Industriekonzern ThyssenKrupp immer tiefer in die roten Zahlen. Das Unternehmen schrieb weitere 3,6 Milliarden Euro auf die erst vor kurzem fertiggestellten Anlagen in Brasilien und den USA ab, wie der Konzern am Montagabend in Essen mitteilte. Das führte zu einem Verlust von fünf Milliarden Euro im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr.
Bereits vor einem Jahr hatte der Konzern wegen hoher Wertberichtigungen einen auf die eigenen Aktionäre anfallenden Verlust von 1,8 Milliarden Euro verbucht.
Das Kontrollgremium unter Aufsichtsratschef Gerhard Cromme beschloss am Montagabend auch die Entlassung der drei Vorstände Jürgen Claassen, Edwin Eichler und Olaf Berlien. Die Entscheidung stehe im Zusammenhang mit der Gesamtverantwortung des Vorstands für die Führung der Geschäfte und die Führungskultur des Konzerns, hieß es in einer Mitteilung. Damit trennt sich das Unternehmen von der Hälfte seines Vorstands.
ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger betonte: "Das Projekt Steel Americas und die verschiedenen Compliance-Verstöße haben nicht nur einen immensen finanziellen Schaden verursacht. Wir haben dadurch auch an Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren." Der Aufsichtsrat habe mit den Veränderungen im Vorstand ein klares Zeichen für einen Neuanfang gesetzt. "Wir etablieren konsequent eine neue Führungskultur, die auf Ehrlichkeit, Transparenz und Leistungsorientierung basiert." Hiesinger will sich am Dienstagmorgen auf einer Pressekonferenz in Essen dazu und zum Geschäftsverlauf äußern.
Novum in der Geschichte: Die Dividende fällt aus
Der Milliardenverlust führt zu einem Novum in der Geschichte von ThyssenKrupp - die Dividende fällt aus. Der Einzelabschluss weise kein ausschüttungsfähiges Ergebnis aus, erklärte das Unternehmen. Diese Entscheidung gilt als Überraschung. Der Konzern sah sich bislang einer Kontinuität bei seiner Dividendenpolitik verpflichtet. Vor allem der größte Aktionär, die Krupp-Stiftung, drängte auch in schlechten Zeiten immer auf einer Ausschüttung. Mit dem Geld finanziert sie ihre wohltätigen Förderprojekte.
Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre forderte am Montag angesichts der Milliardenverluste des Unternehmens einen völligen Rückzug des Aufsichtsratschefs Cromme. "Cromme muss zurücktreten", sagte Verbands-Geschäftsführer Markus Dufner der Nachrichtenagentur Reuters. Der 69-Jährige solle sich aus dem Gremium verabschieden und auch nicht an die Spitze der Krupp-Stiftung wechseln, die einen Anteil von 25 Prozent am Unternehmen hält. Dort will Cromme die 99-jährige Konzernlegende Berthold Beitz beerben. Beitz hat bei wichtigen Entscheidungen immer noch das letzte Wort. Cromme macht hingegen das frühere Management für die schwere Krise des Stahlkonzerns mitverantwortlich.
Der Traditionskonzern ist in der schwersten Krise seit der Fusion von Thyssen und Krupp im Jahr 1999. Die Kosten für die neuen Stahlwerke in Übersee waren auf zwölf Milliarden Euro in die Höhe geschossen - der Börsenwert des gesamten Konzerns liegt inzwischen nur noch bei 8,3 Milliarden Euro. Bereits im Geschäftsjahr 2010/11 hatte ThyssenKrupp rund zwei Milliarden Euro auf die neuen Stahlwerke in Brasilien und den USA abgeschrieben.
Der in der Kritik stehende Cromme gilt als einer der einflussreichsten Manager Deutschlands. Zwei Jahre hatte er ThyssenKrupp zusammen mit Ekkehard Schulz geführt, ehe er 2001 in den Aufsichtsrat wechselte. Den Bau der neuen Stahlwerke in Brasilien und den USA hat er maßgeblich begleitet. In seine Zeit fielen zudem Fälle illegaler Preisabsprachen ThyssenKrupps mit anderen Aufzugs- und Schienenherstellern.
Kanzlerkandidat Steinbrück verlässt Aufsichtsrat
SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück scheidet aus dem Aufsichtsrat des krisengeschüttelten Stahlkonzerns ThyssenKrupp aus. Steinbrück werde das Kontrollgremium zum Jahresende verlassen, teilte die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung am Montagabend mit. Die Stiftung ist mit einem Anteil von gut 25 Prozent wichtigster Großaktionär des Konzerns und kann über ein sogenanntes Entsenderecht bis zu drei Vertreter ohne Beschluss der Hauptversammlung in den Aufsichtsrat schicken. Neben Steinbrück waren auch Aufsichtsratschef Gerhard Cromme und der Rechtsanwalt Kersten von Schenck von der Stiftung entsandt worden. Neu in den Aufsichtsrat einziehen soll das Vorstands-Mitglied der Krupp-Stiftung Ralf Nentwig./
tok/dpa/Reuters/dapd
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