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11. Januar 2013, 09:35 Uhr

Kuba, Brasilien und Formel 1

ThyssenKrupp zahlte Luxusreisen für Gewerkschafter

ThyssenKrupp gerät erneut in die Kritik: Der Industriekonzern hat seine Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat laut einem Zeitungsbericht zu teuren Auslandsreisen eingeladen - nach China, Brasilien und zur Formel 1. Ein Gewerkschafter räumt Fehler ein.

Essen - Die Reisekasse von ThyssenKrupp war prall gefüllt. Nicht nur Journalisten wurden von dem Industriekonzern immer wieder auf Luxustrips eingeladen, sondern offenbar auch Gewerkschafter. Wie das "Handelsblatt" unter Berufung auf interne Unterlagen berichtet, seien Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat mehrfach erster Klasse nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen wie Kuba geflogen.

Die Reisen hatten demnach zum Teil touristischen Charakter. So habe bei einer Brasilien-Reise neben der Besichtigung des neuen Stahlwerks in der Metropole Rio de Janeiro ein Ausflug zum berühmten Zuckerhut auf dem Programm gestanden. Mit Bertin Eichler habe ThyssenKrupp zudem den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden zu einem Rennen der Formel 1 eingeladen. An der Rennstrecke in Shanghai hatte der Konzern der Zeitung zufolge eigens eine Loge gemietet, um seine Gäste zu bewirten.

Eichler, der geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall ist, räumt gegenüber dem "Handelsblatt" ein, dass seine fünf Reisen in der ersten Klasse ein Fehler waren. Bei ThyssenKrupp sei es Praxis gewesen, dass Überseereisen von Aufsichtsräten vom Unternehmen in der ersten Klasse gebucht wurden. "Aus heutiger Sicht ist es sinnvoll, diese Praxis zu überprüfen und klare Kriterien zu vereinbaren."

ThyssenKrupp steht zudem wegen der milliardenschweren Fehlplanungen bei neuen Stahlwerken in Brasilien und den USA unter Druck. Die Kosten haben sich auf zwölf Milliarden Euro vervielfacht. Vor allem der Aufsichtsrat des Konzerns unter Führung von Gerhard Cromme gerät zunehmend in die Kritik. Nachdem zunächst deutsche Aktionärsvertreter und Kleinaktionäre angekündigt hatten, dem Kontrollgremium die Entlastung zu versagen, schloss sich der US-Aktionärsberater ISS der Kritik an. Auch der ISS empfahl nun den Investoren, dem Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern.

Kritisiert werde der Umgang des Aufsichtsrats mit der Krise bei den Stahlwerken in Amerika sowie mit dem Schienenkartell, hieß es in einem ISS-Report. Darüber hinaus ärgere man sich über den "Widerwillen des Aufsichtsrats, die Notwendigkeit von Verbesserungen einzugestehen", obwohl das Gremium versagt habe, angemessen auf die Entwicklungen der vergangenen Jahre zu reagieren.

Eine solche Empfehlung sei eine seltene Ausnahme, sagte der Deutschland-Chef von ISS, Thomas von Oehsen, dem Wirtschaftsmagazin "Capital". In der Regel hielten sich die ISS-Kunden an das Votum des Dienstleisters. Vor dem Aktionärstreffen am 18. Januar hatte sich der Chef der mächtigen Krupp-Stiftung, Berthold Beitz, allerdings hinter Cromme gestellt. Die Stiftung ist mit einem Anteil von mehr als 25 Prozent wichtigster Großaktionär. Es gilt als wahrscheinlich, dass sie ihr Votum bei dem Treffen auch durchsetzen kann.

nck/dpa

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