Nach dem Tod von Beitz: ThyssenKrupp steht radikaler Umbau bevor

Von , Düsseldorf

Berthold Beitz: Wer folgt auf ihn an der Spitze der Krupp-Stiftung? Zur Großansicht
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Berthold Beitz: Wer folgt auf ihn an der Spitze der Krupp-Stiftung?

Er war der Hüter des Erbes, der Sachwalter der Tradition: Nach dem Tod von Berthold Beitz steht ThyssenKrupp vor gewaltigen Umbrüchen. Auch eine Zerschlagung des Konzerns gilt nicht mehr als vollkommen ausgeschlossen.

Er starb am 30. Juli, genau wie der Mann, als dessen Sachwalter er sich verstand. Berthold Beitz war seit Jahrzehnten der unangefochtene Herr "auf Hügel" - so nennen sie die prächtige Villa des Clans in Essen. Denn der Generalbevollmächtigte, eingesetzt von Alfred Krupp von Bohlen und Halbach, wachte nach dessen Ableben über die Tradition des Hauses. Nominell war er Vorsitzender einer Stiftung, die 25,3 Prozent der Anteile von ThyssenKrupp hält, doch in Wirklichkeit war er das Gewissen des Konzerns, sein Herz und manchmal auch sein Hirn.

Der Tod von Berthold Beitz trifft den Stahlriesen in einer schwierigen Zeit. Seit Jahren macht das Unternehmen Verluste, Missmanagement und Fehlspekulationen haben ThyssenKrupp einen hohen Schuldenberg beschert, hinzu kamen saftige Strafzahlungen für unerlaubte Kartellabsprachen. Der Konzern braucht dringend Geld, einer Kapitalerhöhung wird er sich wohl nicht mehr lange verschließen können. Die aber hätte zur Folge, dass die Anteile der bislang von Beitz gelenkten Krupp-Stiftung an der Firma unter die Sperrminorität fallen könnten. Dem Ausverkauf des Erbes stünde nicht mehr viel im Wege.

Denn inzwischen erscheint eine tiefgreifende Umstrukturierung immer wahrscheinlicher. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet unter Berufung auf Insider, dass Teile des Unternehmens veräußert werden könnten, auch von einer möglichen Zerschlagung ist in dem Bericht die Rede. Über den Verkauf der europäischen Stahlsparte mit ihren 27.600 Mitarbeitern war bereits im Juni spekuliert worden. Damals hieß es, der Aufsichtsrat sondiere die Möglichkeiten.

Als sicher gilt, dass ThyssenKrupp sich von seinen Milliardenflops in Form zweier Stahlwerke in den USA und Brasilien trennen will. Allerdings ist die Ausgangslage dafür denkbar schlecht. Denn die einzigen echten Interessenten wissen, in welcher Lage sich die Essener befinden - und scheinen auf Zeit zu spielen. Einen guten Preis für die Anlagen zu erzielen, dürfte unter diesen Umständen schwierig sein. Die erst 2010, unter dem Eindruck eines noch boomenden Geschäfts in China, eröffneten Betriebe haben bislang zusammen rund zwölf Milliarden Euro gekostet.

Ende vergangenen Jahres hatte ThyssenKrupp in einer Art Rundumschlag den halben Vorstand ausgetauscht, im Frühjahr musste dann auch der langjährige Aufsichtsratschef Gerhard Cromme gehen, den viele - der Betroffene wohl eingeschlossen - für Beitz' Kronprinzen gehalten hatten. Doch der Grandseigneur ließ ihn fallen. "Über Jahre habe ich gehört, bald werde alles besser, aber es wurde immer schlimmer. Ich musste einfach handeln", erklärte Beitz anschließend in einem Interview. In der Firma habe sich "Größenwahn" abgezeichnet.

"Einen Beitz", so Beitz, "wird es nicht mehr geben"

Seit 2011 regiert mit Heinrich Hiesinger ein Vorstandschef, der von außen kam und keine klassische Karriere in der Schwerindustrie gemacht hat. Hiesinger soll ThyssenKrupp umbauen. Der Konzern mit immer noch 155.000 Mitarbeitern muss sich vom Stahl lösen und stärker zu einem Technologieunternehmen werden.

Hiesinger wird dazu ganze Sparten verkaufen müssen, andere schließen. Branchenkenner gehen daher davon aus, dass die Bedeutung und der Einfluss des ehemaligen Siemens-Managers nach dem Tod von Beitz wachsen werden. Bislang hatte der alte Mann das letzte Wort in strategischen Fragen, nun wird der Vorstandschef freier agieren können.

Von großer Bedeutung dürfte allerdings sein, wer Beitz als Chef der Krupp-Stiftung nachfolgen darf. Hoch gehandelt wird bislang der ehemalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen, bereits Mitglied im Kuratorium der Stiftung. Doch Pleitgen weist diese Überlegungen zurück: "Das ist die kühnste Karriere-Spekulation meines Lebens. Ich darf Ihnen versichern, an der Geschichte ist nichts dran", sagte er. Man werde ohne Hast nach einem Nachfolger suchen.

Dass eine seiner drei Töchter ihn in der Krupp-Stiftung beerben könnte, hatte Beitz in einem seiner letzten Interviews kategorisch ausgeschlossen. Ohnehin wird sein Nachfolger, auch dafür hat der Patriarch noch gesorgt, nicht mehr über dieselbe Machtposition verfügen, wie er sie über Jahrzehnte innehatte. "Einen Beitz", so Beitz, "wird es nicht mehr geben."

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Der Mann ist noch nicht mal unter der Erde
ak002 01.08.2013
... und schon geht das Gehacke über die Veränderungen los, die das Unternehmen vielleicht braucht, vielleicht aber auch nicht. Wenn das alles so drängt, warum kommt es jetzt und nicht schon seit Monaten auf die öffentliche Tagesordnung?
2. also ich verstehe das nicht
disisit 01.08.2013
da hat man ein neues Stahlwerk in Brasilien seit 2010 - es war viel teurer, als gedacht etc. aber jetzt ist es da - kann man es nicht halten - und die Betriebskosten auf möglichst niedriger flamme fahren und die finanziellen Effekte zeitlich dehnen ? Ich baue doch nicht ein nagelneues Werk, um dann anderen ein Schnäppchen zu bereiten ? Ich wuerde eher ein paar Tausend Leute entlassen, als das Werk zu verkaufen
3. Och Joh!
Dr.Fuzzi 01.08.2013
Ein ehemaliger Siemens Manager soll ThyssenKrupp sanieren - na das wird wohl ganz bestimmt was werden!
4. Tks
dickebank 01.08.2013
Zitat von disisitda hat man ein neues Stahlwerk in Brasilien seit 2010 - es war viel teurer, als gedacht etc. aber jetzt ist es da - kann man es nicht halten - und die Betriebskosten auf möglichst niedriger flamme fahren und die finanziellen Effekte zeitlich dehnen ? Ich baue doch nicht ein nagelneues Werk, um dann anderen ein Schnäppchen zu bereiten ? Ich wuerde eher ein paar Tausend Leute entlassen, als das Werk zu verkaufen
Der piegel hat wie immer keinen Plan. Es sind nicht zwei Stahlwerke, die auf dem amerikanischen Kontingent ein Klotz am Bein sind. In Brasilien steht eine Hütte und ein Stahlwerk und in USA ein Walzverk. Die ursprüngliche Idee war es, die Roheisenerzeugung nahe der Eisenerzminen aufzubauen und im angeschlossenen Stahlwerk das Roheisen aufzufrischen und als Stahlbrammen abzugießen. Diese Brammen sollten dann per Schiff in die USA transportiert werden, um dort gewalzt und weiterverarbeitet zu werden. Dieses ursprüngliche Modell ist aber an der zwischenzeitlichen Preisentwicklung auf dem Stahlmarkt zerschellt. Es gibt halt weltweit gewaltige Überkapazitäten und kaum einen Stahlkonzern, der keine Probleme hätte. Die anderen können dem begegnen, dass sie Kapazitäten stillegen. Aufgrund der verträge mit dem brasilianischen Staat kann TKS das aber nicht, außer in Europa - im speziellen heißt das in Deutschland. Rheinhausen lässt grüßen!
5. optional
rotte 01.08.2013
Was die Entscheidungsträger (Vorstände, Kreditgeber, Aufsichtsräte) zu tun und zu lassen haben, muß man diesen Herren schon selbst überlassen. Das ist kein öffentliches Thema. Zudem bedarf es nicht des Rates oder Vorgabe eines betriebsfremden Journalisten. Jedes Unternehmen geht durch Höhen und Tiefen die von den beauftragten Entscheidungsträger zu meistern sind. Betriebsfremde sollten erst mal abwarten bevor sie ihre vorlauten Kommentare abgeben.
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