Trockenheit in Norddeutschland "Das wird wohl die schlechteste Ernte, die wir bisher eingefahren haben"

Herbst und Winter waren zu nass, der Frühling ist nun viel zu trocken: In Norddeutschland kämpfen die Bauern mit den Folgen des ungewöhnlichen Wetters. Was heißt das fürs Geschäft? Ein Anruf bei Landwirt Dietrich Pritschau.

Getreidefeld mit Dürreschäden in Brandenburg (Luftaufnahme)
picture alliance / Patrick Pleul

Getreidefeld mit Dürreschäden in Brandenburg (Luftaufnahme)

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SPIEGEL ONLINE: Hallo Herr Pritschau, es rauscht etwas in der Leitung. Sind Sie gerade auf dem Acker unterwegs?

Dietrich Pritschau: Dort war ich bis eben. Jetzt habe ich mir was zu Trinken geholt. Mir wäre es lieber, Sie wären von Regen Online.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Ihre Pflanzen hätten das Wasser bei dem heißen Tag genauso nötig wie Sie?

Pritschau: Ja. Aber das Kernproblem liegt schon im vergangenen Herbst. Wir konnten die Flächen nur zu 60, 70 Prozent bestellen, weil es sehr nass war. Weil dies sehr spät stattfand, entwickelten sich die Pflanzen nur zögerlich und bildeten auch keine Wurzeln aus, weil Feuchtigkeit genug da war.

Zur Person
  • bvsh
    Landwirt Dietrich Pritschau, 57, bewirtschaftet einen größeren Ackerbaubetrieb mit Frau, Sohn und Bruder rund um Lübeck. Er baut unter anderem Raps, Weizen und Gerste an.

SPIEGEL ONLINE: Und jetzt ist es sehr trocken.

Pritschau: Es gibt ein altes Sprichwort. Ist der Mai kühl und nass, füllt es dem Bauern Scheun' und Fass. Jetzt ist es leider genau anders herum.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das für Sie konkret?

Pritschau: Die Situation ist schon außergewöhnlich. Ich bin jetzt 31 Jahre lang Landwirt - und das wird wohl die schlechteste Ernte, die wir bisher eingefahren haben. Aber ich will nicht jammern. Das Wetter ist unser Berufsrisiko und wir Landwirte ernten nie hundert Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch beziffern Sie die Ausfälle bereits?

Pritschau: Wenn wir in fünf, sechs Wochen mit der Gerste anfangen, wird es bestimmt ein Drittel weniger geben. Vor 30, 40 Jahren hätte es vielleicht auch Versorgungsengpässe gegeben. Die Globalisierung und der Handel gleichen das heute aus.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Frühjahr ist es sehr trocken, letztes Frühjahr klagten gerade Obstbauern über späten Frost. Nehmen extreme Wetterlagen zu?

Pritschau: Der Klimawandel ist nicht wegzureden, ja. Aber solche Jahre gab es immer schon. Es ist halt immer eine gewisse Herausforderung. Wir haben nach dem nassen Herbst etwa dieses Frühjahr die Felder noch mal mit Getreide, Ackerbohnen und Rüben bestellt. So wollten wir zumindest einen Teil des Herbstschadens ausgleichen - doch diese Pflanzen brauchen jetzt genauso Wasser.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie denn bewässern?

Pritschau: In der Heide oder in der Geest gibt es Landwirte mit leichtem Sandboden, die bewässern können. Das können wir nicht. Das bedürfte eines großen technischen Equipments, sprich Brunnen, die auch genehmigt werden müssen. Normalerweise brauchen wir das hier im östlichen Hügelland Schleswig-Holsteins auch nicht. Das kostet ja auch Energie und Geld. Wir warten jetzt einfach auf Regen und sind um jeden Tropfen dankbar.

SPIEGEL ONLINE: Wann rechnen Sie denn wieder mit Regen?

Pritschau: Es sind Gewitter vorhergesagt, aber die sind ja sehr punktuell. Ob wir da was von abbekommen, wissen wir nicht. Wir sind dankbar für alles, was kommt.

SPIEGEL ONLINE: Aber damit drohen ja auch Unwetter, wie aktuell in Rheinland-Pfalz.

Pritschau: Wenn es hagelt, bin ich natürlich sehr unglücklich. Aber ansonsten nehmen wir den Regen in jeder Form.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
alfredjosef 29.05.2018
1. Kommt ganz drauf an, was
Ich habe selbst Pflanzen. Sommergerste ist dieses Jahr ganz bestimmt keine gute Wahl - wie alles, was jetzt erst noch keimen muss. Dafür ist es einfach zu trocken. Auch Wiesen werfen kaum was ab. Hingegen ist das Wetter für alle Pflanzen, die ihre Wurzeln jetzt schon 50 cm tief haben, wunderbar. Wein, Tomate, Tabak, Früchte (ausser Erdbeeren) steht alles bislang sehr gut, zum Teil auch der Raps. Ja, auch in Holstein kann man bei diesem Wetter Wein anbauen. Der war schon 2016 sehr lecker (die Früchte), 2017 hingegen einfach nur sauer :-) aj
Zitrone! 29.05.2018
2.
Wir haben hier lokal -- grob im Umkreis von 10 km -- seit 7 Wochen keinen Tropfen Regen gehabt. 50 cm Wurzeln reichen offenbar nicht mehr. Ich schätze, der erste Meter Erde ist schon knochentrocken, da selbst größere eingewachsene Sträucher schon die Blätter hängenlassen. Alles was tiefer wurzelt, ältere Strauchrosen etwa, oder Obstbäume, hat dagegen noch kein Problem, da schon bei ca. 3m Tiefe "Grund"wasser vorhanden ist -- das sind die Reste der Herbst- und Winterregen. Auch heute Abend ziehen die Gewitter und Regenwolken einfach wieder vorbei. Quasi zum Greifen nah, aber hier kommt nichts an.
schlauchschelle 30.05.2018
3. @ alfredjosef #Nr.1
Richtig. Mein Rebenstock hängt dermaßen voll mit Fruchtständen, habe ich bisher noch nie gehabt, und der wächst im Garten schon seit 1994. Mein Pfirsich hat so viele Fruchtansätze, dass ich jetzt schon Baum, Äste und Zweige abstützen und sichern muss, sonst, so fürchte ich, bricht er mir auseinander oder fällt bei Wind einfach um. Allerdings muss ich auch sagen, dass es in meiner Ecke gut Regen gab, zwar "nur" punktuell als Gewitter, diese aber recht zahlreich, so dass es in der Fläche wohl ausreicht. Wenn "nichts dazwischen kommt" dürfte ich in Trauben und Pfirsichen "untergehen" =D .
wofgang.dietrich.lorenz 30.05.2018
4. Dieser Artikel bringt nichts neues.
Seit Jahrzehnten wird immer wieder die gleiche Sau durchs Dorf getrieben. Trotz aller Unkenrufe, Schwarzmalerei durch die Bauernlobby, ist es in Deutschland seit Jahrzehnten noch zu keiner Knappheit von bäuerlichen Produkten gekommen. Ein hoch auf die Experten.
ex rostocker 30.05.2018
5. Die Opfer leben woanders
Wie der Landwirt richtig anmerkt, werden Ernteverluste durch die Globalisierung wieder ausgeglichen, sodass die deutschen Verbraucher von der schlechten Ernte nichts merken werden. Aber in anderen Weltgegenden wird es eine Verknappung an Lebensmitteln geben, weil Deutschland in der Lage ist, den Preis für die Importe zu zahlen, nicht aber die Verbraucher in Brasilien, Chile, Mexiko oder Südafrika.
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