Jahresbilanz 2011: Trotz Atomausstieg - Deutschland exportiert Strom

Die Atomlobby warnte vor einer Stromlücke, doch das Gegenteil ist eingetreten: Obwohl acht Kernkraftwerke abgeschaltet wurden, hat Deutschland 2011 Elektrizität ins Ausland verkauft. Schwierig werde die Versorgungslage aber im Winter.

Windräder in Schleswig-Holstein: Deutschland produziert mehr Strom, als es braucht Zur Großansicht
dapd

Windräder in Schleswig-Holstein: Deutschland produziert mehr Strom, als es braucht

Hannover - Energieversorger und Industrie hatten gewarnt: Sollte Deutschland den Atomausstieg durchziehen, drohe dem Land eine Stromlücke. Unterm Strich aber hat sich die Sorge bisher nicht als berechtigt erwiesen: Im vergangenen Jahr verkaufte Deutschland trotz der Abschaltung von acht Atomkraftwerken Strom ins Ausland. Laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) exportierte Deutschland netto 6000 Gigawattstunden.

2010 habe Deutschland allerdings noch 17.700 Gigawattstunden ausgeführt, sagte Hildegard Müller, Hauptgeschäftsführerin des BDEW, auf der Hannover Messe. Die Versorgungslage sei zudem trotz der Exporte im vergangenen Winter mehrfach kritisch gewesen. "Auch im nächsten Winter wird es noch einmal eng", sagte Müller. Das habe allerdings nicht nur daran gelegen, dass weniger Strom produziert wurde. Bei den regionalen Problemen hätten auch Mängel beim Netzausbau und das Zusammenspiel von Strom- und Gasmarkt eine Rolle gespielt.

Allerdings wird sich die Situation laut Müller bis ins Jahr 2014 entspannen, denn die Energiebranche plant Milliardeninvestitionen in neue Kraftwerke. Derzeit gibt es laut BDEW bundesweit 69 konkrete Pläne für neue Kraftwerke: 29 Gas- und 17 Kohlekraftwerke, 23 Offshore-Windkraft-Projekte sowie zusätzlich zehn Pumpspeicherkraftwerke. "Die Projekte entsprechen einer installierten Leistung von rund 42.000 Megawatt und einem Investitionsvolumen von mehr als 60 Milliarden Euro", sagte Müller.

Ausbau von Offshore-Windparks und Gaskraftwerken stockt

Investoren seien nicht nur große Energiekonzerne, sondern auch Stadtwerke und private Investoren. Dass alle Anlagen auch tatsächlich gebaut werden, ist dem Branchenverband zufolge aber keineswegs sicher. Sowohl bei den Ausbauplänen für Erneuerbare Energien gebe es Hindernisse als auch bei Kohle- und Gaskraftwerken. Vor kurzem erst hatte der norwegische Energiekonzern Statkraft seine Pläne für den Bau eines Gaskraftwerks mit einer Leistung von 430 Megawatt in Emden verworfen. Wegen des Vorrangs von Ökostrom sei zu befürchten, dass eine neue Anlage nicht ausgelastet sei, begründete Statkraft die Entscheidung.

Die vom Verband vorgelegte Liste spiegele die optimistischste Lösung beim Bau neuer Kraftwerke wider, sagte Müller. "Sie zeigt, dass genügend Projekte in der Pipeline sind, um die abgehende Kernenergie zu ersetzen und als Backup für Erneuerbare Energie zu fungieren." Beim Ausbau der Offshore-Windenergie sei der stockende Netzausbau allerdings weiter ein Problem. Zudem müssten noch Fragen der Haftung geklärt werden.

Insgesamt ist der Stromverbrauch in Deutschland 2011 im Vergleich zum Vorjahr stabil geblieben. Mit knapp 541 Milliarden Kilowattstunden lag er um 0,1 Prozent unter dem Vorjahreswert. Der Erdgasverbrauch fiel mit knapp 842 Milliarden Kilowattstunden dagegen um 13 Prozent niedriger aus als 2010. Der vergleichsweise milde Winter führte laut BDEW dazu, dass der Absatz auf dem Wärmemarkt stark rückläufig war.

nck/dapd/Reuters

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insgesamt 353 Beiträge
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1.
tumatsch 23.04.2012
wäre ja auch noch schöner wenn sich eine Physikerin so irren könnte.
2. Nur 6 % Windstrom!
derweise 23.04.2012
Zitat von sysopDie Atomlobby warnte vor einer Stromlücke, doch das Gegenteil ist eingetreten: Obwohl acht Kernkraftwerke abgeschaltet wurden, hat Deutschland 2011 Elektrizität ins Ausland verkauft. Schwierig wird die Versorgungslage aber im Winter. Jahresbilanz 2011: Trotz Atomausstieg - Deutschland exportiert Strom - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,829171,00.html)
Nur 6 % unseres Energieaufkommens resultiert aus Windstrom. Das Bild ist also ein Beispiel für mediale Irreführung!
3.
papierloser 23.04.2012
Eigentlich mag ich so einen Text ja schon nicht lesen, wenn das erste Wort "Atomlobby" lautet. Als wenn es keine Interessenvertreter für Solarstrom, Wind etc. geben würde und, wie ich finde, geben müsste. Von welcher Lücke hat die Atomlobby denn gesprochen. Zu wenig Stromproduktion im ganzen Jahr oder kurzfristig bei Eiseskälte und Windstille bei Dunstglocke im Winter? Wohl eher von letzterem. Ironischerweise wird eher Frankreich ein Problem haben mit dem deutschen Atomausstieg als Deutschland. Wenn im Winter die Franzosen wie bisher mit Strom heizen oder im Sommer die AKWs nicht gekühlt werden können, weil die Flüsse warm sind, kann Deutschland nicht mehr einspringen. Das ist aber nicht die Schuld der Franzosen, sondern am unausgewogenen und unabgestimmten Energiemix der beiden Länder. Das wir Exportieren ist für sich betrachtet noch keine Kriterium, dass Deutschland in der Energiewirtschaft gut aufgestellt ist.
4.
papierloser 23.04.2012
Eigentlich mag ich so einen Text ja schon nicht lesen, wenn das erste Wort "Atomlobby" lautet. Als wenn es keine Interessenvertreter für Solarstrom, Wind etc. geben würde und, wie ich finde, geben müsste. Von welcher Lücke hat die Atomlobby denn gesprochen. Zu wenig Stromproduktion im ganzen Jahr oder kurzfristig bei Eiseskälte und Windstille bei Dunstglocke im Winter? Wohl eher von letzterem. Ironischerweise wird eher Frankreich ein Problem haben mit dem deutschen Atomausstieg als Deutschland. Wenn im Winter die Franzosen wie bisher mit Strom heizen oder im Sommer die AKWs nicht gekühlt werden können, weil die Flüsse warm sind, kann Deutschland nicht mehr einspringen. Das ist aber nicht die Schuld der Franzosen, sondern am unausgewogenen und unabgestimmten Energiemix der beiden Länder. Das wir Exportieren ist für sich betrachtet noch keine Kriterium, dass Deutschland in der Energiewirtschaft gut aufgestellt ist.
5. Deutschlands Stromexport
endbenutzer 23.04.2012
Zitat von sysopDie Atomlobby warnte vor einer Stromlücke, doch das Gegenteil ist eingetreten: Obwohl acht Kernkraftwerke abgeschaltet wurden, hat Deutschland 2011 Elektrizität ins Ausland verkauft. Schwierig wird die Versorgungslage aber im Winter. Jahresbilanz 2011: Trotz Atomausstieg - Deutschland exportiert Strom - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,829171,00.html)
Wieso schwieriger? Dann wird halt mal für kurze Zeit weniger Strom ins Ausland verkauft. Wo ist das Problem?
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Was kostet der Atomausstieg?
Zu den Kosten des Atomausstiegs kursieren verschiedene Zahlen. Die wichtigsten Werte im Überblick:
Privatwirtschaftliche Investitionen
Für den Atomausstieg müssen neue Windräder, Solaranlagen, Biomasseanlagen und Gaskraftwerke gebaut werden. Stromleitungen müssen ausgebaut werden. Hinzu kommen Investitionen in Energieeffizienz. Nach SPIEGEL-ONLINE-Berechnungen belaufen sich die Investitionen insgesamt auf rund 170 Milliarden Euro bis 2020. Andere Forschungsinstitute kommen auf ähnliche Werte.
Haushalt
Die Politik streitet vor allem darüber, was die Energiewende für Auswirkungen auf den Haushalt hat. Die im vergangenen Jahr beschlossene Brennelementesteuer etwa sollte der Regierung jährlich 2,3 Milliarden Euro bringen. Jetzt drohen die Energieversorger, gegen die Abgabe zu klagen - ihrer Ansicht nach war sie an die Laufzeitverlängerung gekoppelt. Manche fordern neue Subventionen für Industrien mit besonders hohem Energiebedarf.

Gleichzeitig verknüpft die Regierung Ausgaben mit dem Programm, die für den Atomausstieg gar nicht nötig sind: So will sie die Mittel für die Wärmedämmung alter Gebäude steigern. Generell gilt: Entschieden ist noch nichts - für Kostenberechnungen in puncto Haushalt ist es noch zu früh.
Strompreis
Die Preise für Endverbraucher werden auf absehbare Zeit nur wenig steigen. Denn der Strom, den sie beziehen, wird stets über mehrere Jahre eingekauft. Der aktuelle Preisschub fällt vorerst kaum ins Gewicht.

Bis Ende des Jahrzehnts könnte der Preis indes um mehrere Cent steigen. Allein durch den Netzausbau und die Großhandelspreise wäre ein Anstieg um drei Cent möglich - dazu kämen Milliardenkosten aus der EEG-Umlage.ssu
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