Von Stefan Schultz
Hamburg - Der Export von Atomtechnologie ist ein lukratives Geschäft, und er ist für Japans Regierung von zentraler strategischer Bedeutung. Entsprechend bemüht sich die Regierung darum, ihn voranzutreiben - ungeachtet der Atomkatastrophe von Fukushima.
Am 12. März 2011 um 15.36 Uhr explodierte Block 1 des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi, nachdem es durch ein verheerendes Erdbeben und einen Tsunami beschädigt worden war. Die Detonation zerriss das Dach, und eine radioaktive Wolke stieg empor. In den folgenden Tagen explodierten noch weitere Blöcke des AKW, und weitere Strahlung trat aus.
Seitdem gibt es immer neue Hiobsbotschaften aus Japan. Erst vergangene Woche wurde bekannt, dass am Unglücksort weit mehr des möglicherweise kreberregenden Stoffs Cäsium 137 austrat als erwartet. Zu Wochenbeginn gab es Meldungen, dass es in einem Reaktor erneut zur unkontrollierten Kernspaltung gekommen sein könnte.
Die japanische Regierung hat trotzdem wieder damit begonnen, verstärkt für den Export ihrer Atomtechnik zu werben. Nachdem entsprechende Verhandlungen mit Partnerländern im Frühjahr auf Eis gelegt worden waren, gehen Staatschef Yoshihiko Noda und sein Außenminister Koichiro Genba nun wieder auf Werbetour.
Japans zweitgrößte Zeitung "Asahi Shimbun" berichtete, die Verhandlungen über ein Abkommen zur zivilen Nutzung von Atomkraft mit Indien seien wieder aufgenommen worden. Das Abkommen gilt als Voraussetzung für entsprechende Technologieexporte. Bis zum Jahresende will Noda persönlich nach Indien reisen.
Am 31. Oktober traf sich Noda zudem mit dem vietnamesischen Ministerpräsidenten Nguyen Tan Dung. Nach dem Treffen verkündete er, Japan werde Technologie nach Vietnam exportieren, um dem Land beim Bau von zwei AKW in der Provinz Ninh Thuan zu helfen. Man werde alles tun, um die Fukushima-Katastrophe in den Griff zu bekommen, beteuerte Noda; man sei bemüht, die nukleare Sicherheit weltweit zu verbessern - auch indem man Erfahrungen aus Fukushima mit anderen Ländern teile. Sein vietnamesischer Kollege Dung teilte mit, er begrüße Japans Bemühungen.
Wachstum durch Atomexporte
Die Abkommen mit Indien und Vietnam dürften nicht die letzten gewesen sein, die Japan verkündet. So verhandelt das Land auch mit der Türkei, Brasilien, Südafrika und den Vereinigten Arabischen Emiraten über Abkommen zur zivilen Nutzung von Atomkraft. Der Export von Hightech-Gütern - also zum Beispiel von AKW-Komponenten wie Druckbehältern, Dampferzeugern und Turbinenbäumen oder von Hochgeschwindigkeitszügen - ist eine zentrale Säule von Japans Wachstumsstrategie. Premier Noda bemüht sich, die seit 2008 lahmende Konjunktur anzukurbeln und die horrenden Staatsschulden abzubauen.
Insgesamt exportierte Japan 2010 Güter mit einem Wert von 730 Milliarden Dollar in die Welt. Die Ausfuhren von Kernkraftkomponenten machen davon zwar nur einen geringen Teil aus, doch der Sektor gilt als Garant für Wachstum. Denn anders als etwa Deutschland, das nach der Fukushima-Katastrophe seinen Ausstieg aus der Kernenergie beschleunigte, planen aufstrebende Wirtschaftsmächte wie China und Indien den Bau zahlreicher neuer AKW, da ihr Energiebedarf durch die Decke geht.
Japan könnte einen entsprechenden Exportschub gut gebrauchen. Die Ausfuhren des Landes sind zuletzt gesunken. Die Firmen drosselten ihren Ausstoß um vier Prozent. Hauptgründe sind der starke Yen, die globale Konjunkturabkühlung und die Schuldenkrise in Europa.
Experten und Oppositionspolitiker hatten zuletzt an Nodas Wachstumsstrategie gezweifelt; sie stellten in Frage, ob Japan seine Atomtechnik nach der Katastrophe noch loswerden könne. Bislang aber gehen entsprechende Verhandlungen gut voran - nicht zuletzt, weil die Schwellenländer den Ausbau der Atomkraft weiter forcieren.
Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) solle aus der Katastrophe von Japan Lehren für den künftigen Umgang mit Notfällen ziehen, forderte kürzlich der stellvertretende chinesische Uno-Delegierte Wang Min. Das durch das Unglück erschütterte Vertrauen in die Atomenergie müsse wiederhergestellt werden.
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