Trotz Fukushima-Gau: Japan forciert Export seiner Atomtechnologie

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Die Havarie des AKW Fukushima hat die Welt erschüttert, und ihre Folgen sind weit stärker als angenommen. Japans Regierung geht trotzdem auf Werbetour für die eigene Atomtechnologie. In den vergangenen Tagen traf sich Staatschef Noda unter anderem mit Vertretern aus Vietnam und Indien.

Ruine des AKW Fukushima Daiichi: Regierung forciert Atomexporte Zur Großansicht
REUTERS

Ruine des AKW Fukushima Daiichi: Regierung forciert Atomexporte

Hamburg - Der Export von Atomtechnologie ist ein lukratives Geschäft, und er ist für Japans Regierung von zentraler strategischer Bedeutung. Entsprechend bemüht sich die Regierung darum, ihn voranzutreiben - ungeachtet der Atomkatastrophe von Fukushima.

Am 12. März 2011 um 15.36 Uhr explodierte Block 1 des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi, nachdem es durch ein verheerendes Erdbeben und einen Tsunami beschädigt worden war. Die Detonation zerriss das Dach, und eine radioaktive Wolke stieg empor. In den folgenden Tagen explodierten noch weitere Blöcke des AKW, und weitere Strahlung trat aus.

Seitdem gibt es immer neue Hiobsbotschaften aus Japan. Erst vergangene Woche wurde bekannt, dass am Unglücksort weit mehr des möglicherweise kreberregenden Stoffs Cäsium 137 austrat als erwartet. Zu Wochenbeginn gab es Meldungen, dass es in einem Reaktor erneut zur unkontrollierten Kernspaltung gekommen sein könnte.

Die japanische Regierung hat trotzdem wieder damit begonnen, verstärkt für den Export ihrer Atomtechnik zu werben. Nachdem entsprechende Verhandlungen mit Partnerländern im Frühjahr auf Eis gelegt worden waren, gehen Staatschef Yoshihiko Noda und sein Außenminister Koichiro Genba nun wieder auf Werbetour.

Japans zweitgrößte Zeitung "Asahi Shimbun" berichtete, die Verhandlungen über ein Abkommen zur zivilen Nutzung von Atomkraft mit Indien seien wieder aufgenommen worden. Das Abkommen gilt als Voraussetzung für entsprechende Technologieexporte. Bis zum Jahresende will Noda persönlich nach Indien reisen.

Am 31. Oktober traf sich Noda zudem mit dem vietnamesischen Ministerpräsidenten Nguyen Tan Dung. Nach dem Treffen verkündete er, Japan werde Technologie nach Vietnam exportieren, um dem Land beim Bau von zwei AKW in der Provinz Ninh Thuan zu helfen. Man werde alles tun, um die Fukushima-Katastrophe in den Griff zu bekommen, beteuerte Noda; man sei bemüht, die nukleare Sicherheit weltweit zu verbessern - auch indem man Erfahrungen aus Fukushima mit anderen Ländern teile. Sein vietnamesischer Kollege Dung teilte mit, er begrüße Japans Bemühungen.

Wachstum durch Atomexporte

Die Abkommen mit Indien und Vietnam dürften nicht die letzten gewesen sein, die Japan verkündet. So verhandelt das Land auch mit der Türkei, Brasilien, Südafrika und den Vereinigten Arabischen Emiraten über Abkommen zur zivilen Nutzung von Atomkraft. Der Export von Hightech-Gütern - also zum Beispiel von AKW-Komponenten wie Druckbehältern, Dampferzeugern und Turbinenbäumen oder von Hochgeschwindigkeitszügen - ist eine zentrale Säule von Japans Wachstumsstrategie. Premier Noda bemüht sich, die seit 2008 lahmende Konjunktur anzukurbeln und die horrenden Staatsschulden abzubauen.

Insgesamt exportierte Japan 2010 Güter mit einem Wert von 730 Milliarden Dollar in die Welt. Die Ausfuhren von Kernkraftkomponenten machen davon zwar nur einen geringen Teil aus, doch der Sektor gilt als Garant für Wachstum. Denn anders als etwa Deutschland, das nach der Fukushima-Katastrophe seinen Ausstieg aus der Kernenergie beschleunigte, planen aufstrebende Wirtschaftsmächte wie China und Indien den Bau zahlreicher neuer AKW, da ihr Energiebedarf durch die Decke geht.

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Japan könnte einen entsprechenden Exportschub gut gebrauchen. Die Ausfuhren des Landes sind zuletzt gesunken. Die Firmen drosselten ihren Ausstoß um vier Prozent. Hauptgründe sind der starke Yen, die globale Konjunkturabkühlung und die Schuldenkrise in Europa.

Experten und Oppositionspolitiker hatten zuletzt an Nodas Wachstumsstrategie gezweifelt; sie stellten in Frage, ob Japan seine Atomtechnik nach der Katastrophe noch loswerden könne. Bislang aber gehen entsprechende Verhandlungen gut voran - nicht zuletzt, weil die Schwellenländer den Ausbau der Atomkraft weiter forcieren.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) solle aus der Katastrophe von Japan Lehren für den künftigen Umgang mit Notfällen ziehen, forderte kürzlich der stellvertretende chinesische Uno-Delegierte Wang Min. Das durch das Unglück erschütterte Vertrauen in die Atomenergie müsse wiederhergestellt werden.

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insgesamt 47 Beiträge
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1. Titel vor dem Ausverkauf
Bins 02.11.2011
Zitat von sysopDie Havarie des AKW Fukushima hat die Welt erschüttert, und ihre Folgen sind weit stärker als angenommen. Japans Regierung geht trotzdem auf Werbetour für die eigene Atom-Technologie. In den vergangenen Tagen traf sich Staatschef Noda unter anderem mit Vertretern aus Vietnam und Indien. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,795407,00.html
Kommse näher, kommse ran. Alles muss raus. Ausverkauf - nur heute....
2. pff...
darkangel_ger 02.11.2011
Zitat von sysopDie Havarie des AKW Fukushima hat die Welt erschüttert, und ihre Folgen sind weit stärker als angenommen. Japans Regierung geht trotzdem auf Werbetour für die eigene Atom-Technologie. In den vergangenen Tagen traf sich Staatschef Noda unter anderem mit Vertretern aus Vietnam und Indien. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,795407,00.html
es geht doch nichts über die meinungsbildende berichterstattung des spiegel ! immer noch kein toter, immer noch keine kaninchen mit 3 ohren. immer noch kein gozilla aus den fluten des pazifik trotz der achso schlimmen "verseuchung".. und dann steigt auch noch deutschland unbegründeterweise aus... da muss jetzt irgendwie die antiatom-fahne hochgehalten werden, und wenn mit übelst zusammengestricker "nachrichten" irgendwelcher "experten" die irgendwas "vermuten". die kerntechnik ist dank der fahnenschwenker in deutschland tot. lasst sie ruhen in frieden und betreibt keine leichenschändung ! mit fanatismus und german angst machen wir uns nur lächerlich.
3. Titel vor dem Abgang
Bins 02.11.2011
Zitat von darkangel_geres geht doch nichts über die meinungsbildende berichterstattung des spiegel ! immer noch kein toter, immer noch keine kaninchen mit 3 ohren. immer noch kein gozilla aus den fluten des .....
Verbeugung, Vorhang und Abgang unter vereinzeltem Applaus...
4. Japan forciert Export seiner Atom-Technologie
unente 02.11.2011
Ich nehme mal stark an, damit sind verstrahlte Autos und Elektronik-Schnick-Schnack gemeint? Dann müsste es aber "...Wegen Fukushima-GAU..." heißen.
5. Der Zusammenhang erschließt sich mir leider nicht...
jwiechers 02.11.2011
Zitat von sysopDie Havarie des AKW Fukushima hat die Welt erschüttert, und ihre Folgen sind weit stärker als angenommen. Japans Regierung geht trotzdem auf Werbetour für die eigene Atom-Technologie. In den vergangenen Tagen traf sich Staatschef Noda unter anderem mit Vertretern aus Vietnam und Indien. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,795407,00.html
Der Artikel demonstriert erneut, wie seltsam das Bild der Atomkraft in der Öffentlichkeit ist. Was genau hat Fukushima mit heutiger Atomkraft zu tun? Alle Blöcke von Fukushima I sind aus den 70er Jahren; ich würde heute keinen Toaster aus der Zeit dauerhaft am Stromnetz betreiben, aber bei Großkraftwerken wird nun stets so getan, als wäre der Sicherheitsstand der 70er auch 40 Jahre später noch die Höhe der Technik. Es hat durchaus technische Gründe, warum das Kraftwerk in Onagawa und andere ähnlich hart getroffene Kraftwerke aus den 80ern und 90ern den Tsunami weit besser überstanden haben als Fukushima I, aber das würde die Sache ja kompliziert machen... Im Endeffekt erscheint mir die deutsche Perspektive weiterhin analog zur Idee die heutigen Autos zu verbieten, weil ihre Pendants Anfang der 70er Jahre keine Airbags und Gurte hatten. Und statt nun Gurte einzuführen, wie in Deutschlands Autos Mitte der 70er, schafft man ab.
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