Trotz Jobabbau Großkonzerne beglücken Aktionäre mit Milliarden

Die großen deutschen Konzerne schütten in diesem Jahr rund 20 Milliarden Euro an ihre Aktionäre aus. Dabei sind die Gewinne vieler Unternehmen gesunken, die meisten haben sogar Stellen gestrichen. SPIEGEL ONLINE untersucht die Dividendenpolitik der Dax-Firmen.

Von Alexander Landsberg und

Hauptversammlung der Deutschen Bank (2007): Ein Plus bei der Dividende von 50 Prozent
dpa

Hauptversammlung der Deutschen Bank (2007): Ein Plus bei der Dividende von 50 Prozent


Hamburg - Es ist ein weit verbreitetes Gefühl in Deutschland: Wer Kapital besitzt, bekommt immer mehr. Wer dagegen seinen Lebensunterhalt mit ehrlicher Arbeit bestreitet, muss immer härter kämpfen. In gewisser Weise ist diese Sicht der Dinge berechtigt. Dies zeigt eine SPIEGEL-ONLINE-Umfrage unter den 30 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands.

Tatsächlich trifft die Wirtschaftskrise die Aktionäre nicht allzu hart: Trotz Finanzkollaps und Rezession schütten die Dax-Konzerne in diesem Jahr immer noch rund 20 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner aus. Das sind zwar zwölf Prozent weniger als im Vorjahr - doch die Gewinne sind weit stärker gesunken. Gleichzeitig haben die Firmen Tausende Stellen gestrichen.

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Beispiel Telekom Chart zeigen: Das Unternehmen, dessen größter Aktionär immer noch der Bund ist, beglückt seine Anteilseigner mit 3,4 Milliarden Euro - Rekord im Deutschen Aktienindex (Dax Chart zeigen). Dabei hat der Konzern im vergangenen Jahr nur 353 Millionen Euro Überschuss erwirtschaftet. Mit anderen Worten: Die Telekom schüttet fast zehnmal mehr Geld an die Eigentümer aus, als sie unter dem Strich verdient hat. "Die Deutsche Telekom ist eine Aktiengesellschaft und entsprechend bemüht, ihren Aktionären eine Dividende zu zahlen", erklärt das Unternehmen auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Die Dividende werde anhand des Bilanzgewinns berechnet.

Dividende trotz Verlust

Tatsächlich sind die Unternehmen bei der Bestimmung ihrer Dividende relativ frei. Der Vorstand macht einen Vorschlag - und die Aktionäre müssen diesen auf der Hauptversammlung absegnen. Bei den meisten Dax-Konzernen stehen die Hauptversammlungen in diesem Jahr noch bevor. Doch das ist nur die rechtliche Seite. Moralisch bleibt in vielen Fällen ein Problem - vor allem aus Sicht der Beschäftigten. Für viele ist die Dividendenpolitik der Konzerne unverständlich.

So hat die Telekom im vergangenen Jahr 3,2 Prozent ihrer Arbeitsplätze in Deutschland abgebaut. Das entspricht rund 4000 Jobs. "Der notwendige Personalumbau wird sozialverträglich umgesetzt", erklärt das Unternehmen.

Immerhin hat die Telekom überhaupt Gewinn gemacht. Andere Firmen schütten Geld an ihre Aktionäre aus, obwohl sie gar keins haben.

Beispiel ThyssenKrupp Chart zeigen: Der Stahlgigant häufte im vergangenen Jahr ein Minus von 1,8 Milliarden Euro an. Trotzdem bekommen die Anteilseigner eine Dividende von 139 Millionen Euro. Die Zahl der Arbeitsplätze in Deutschland reduzierte das Unternehmen um fünf Prozent. Bereits im Januar kam scharfe Kritik von der IG Metall: Es sei verwerflich, wenn ThyssenKrupp den Staat um Kurzarbeitergeld bitte - und gleichzeitig die Aktionäre mit einer dicken Dividende verwöhne.

Ähnlich ist es bei MAN Chart zeigen. Der Lkw-Hersteller machte 258 Millionen Euro Verlust. Trotzdem erhalten die Aktionäre 297 Millionen Euro als Dividende. Der Jobabbau in Deutschland 2009: rund sieben Prozent ( siehe Tabelle).

Nur wenige Konzerne reagieren auf die schlechte Lage

Freilich: Manche Unternehmen reagieren durchaus auf die schlechte wirtschaftliche Lage. So streicht Daimler Chart zeigen die Dividende in diesem Jahr komplett - angesichts eines Verlusts von 2,6 Milliarden Euro die einzig plausible Antwort. Die Zahl der Arbeitsplätze sank auch hier um drei Prozent.

Verständlich ist die Dividendenpolitik auch bei K+S. Das Bergbauunternehmen musste im vergangenen Jahr einen Gewinnrückgang um rund 90 Prozent hinnehmen - und senkte entsprechend auch seine Dividende um rund 90 Prozent.

Doch bei vielen Großkonzernen sieht es anders aus. Mehr als die Hälfte der Dax-Unternehmen verzeichneten im vergangenen Jahr einen Gewinnrückgang oder gar einen negativen Überschuss. Aber nur zwölf Unternehmen reduzierten ihre Zahlung an die Aktionäre. Infineon Chart zeigen und Commerzbank Chart zeigen zahlen wie im Vorjahr keine Dividende ( siehe Tabelle).

Die Zahl der Jobs sinkt, die Dividende steigt

Noch unschöner ist der Vergleich von Dividende und Beschäftigung. 22 Dax-Konzerne bauten im vergangenen Jahr Stellen in Deutschland ab. Aber nur neun von ihnen schütten weniger oder gar kein Geld an die Aktionäre aus. Die anderen 13 zahlen trotz Jobabbau die gleiche Dividende wie im Vorjahr - oder sogar mehr.

Ein solches Unternehmen ist die Münchener Rück Chart zeigen: Die Zahl der Arbeitsplätze in Deutschland sank im vergangenen Jahr um knapp zwei Prozent - doch die Dividende steigt um 4,5 Prozent. Noch krasser ist es bei der Deutschen Bank Chart zeigen: Hier gibt es ebenfalls zwei Prozent weniger Jobs als vor einem Jahr. Gleichzeitig steigt die Dividende um satte 50 Prozent. Das entspricht 25 Cent je Aktie.

Das Geldhaus selbst sieht darin kein Problem. "Die Deutsche Bank konnte im vergangenen Jahr trotz der Finanzkrise die Anzahl ihrer Beschäftigten in Deutschland nahezu konstant halten", teilt das Unternehmen mit. "Ihren Gewinn verwendet die Bank zu 90 Prozent zur Stärkung ihrer Kapitalbasis." Das heißt: Zehn Prozent des Gewinns werden ausgeschüttet. Andere Branchengrößen schütten bis zu 60 Prozent aus.

Nicht alle wollen sich damit zufriedengeben. Ohne ein konkretes Unternehmen zu nennen, äußerte die evangelische Kirche bereits im Dezember Kritik an der Dividendenpolitik deutscher Konzerne. "Ist das noch verhältnismäßig, wenn sich jemand vor eine Aktionärsversammlung stellt und sagt: Die Dividende für dieses Jahr steigt, und wir haben 3000 Leute entlassen?", fragte die damalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann in einem Zeitungsinterview.

Die Antwort lieferte sie gleich mit: "Das halte ich für ethisch nicht vertretbar."

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Forum - Haben Sie Angst um Ihren Job?
insgesamt 1366 Beiträge
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Seite 1
berlin_rotrot, 14.12.2009
1. -
nein, angst habe ich nicht um meinen job da er gute qualifikationen benötigt die man nicht so schnell per praktikum/selber finanzierte fortbildung finanzieren kann. mitleid habe ich für die heutige jugend die auf diesem miserablen arbeitsmarkt zurecht kommen muss. gute nacht!
raess2007 14.12.2009
2.
Wie?Was jetzt? Wir sind doch im Aufschwung! Immer weiter mit wehenden Fahnen. Ach SPON, ist schon lustig mit euch :-)
Beutz 14.12.2009
3. !
Zitat von sysopArbeitsagentur-Chef Weise warnt für 2010 vor massivem Jobabbau. Dies gelte vor allem für Hightechbranchen wie die Autoindustrie. Regional seien vor allem Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen betroffen. Machen Sie sich Sorgen um Ihren Job?
Warum? Ich rentnere. Aber das alles war vorauszusehen, dafür braucht man keine Weisen und keinen Herrn Weise. Die Kaufkraft wird gestohlen und da kann man eben nicht erwarten das die Produkte gekauft werden können. Liebe Grüße
capu65, 14.12.2009
4.
Zitat von sysopArbeitsagentur-Chef Weise warnt für 2010 vor massivem Jobabbau. Dies gelte vor allem für Hightechbranchen wie die Autoindustrie. Regional seien vor allem Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen betroffen. Machen Sie sich Sorgen um Ihren Job?
Ich bin für eine Abwrackprämie II. Dann würde meine alte Karre Bj. 2001 auch darunterfallen. Das Thema "Jobangst" könnten wir doch auch um ein Jahr verschieben.
barry60 14.12.2009
5.
Zitat von sysopArbeitsagentur-Chef Weise warnt für 2010 vor massivem Jobabbau. Dies gelte vor allem für Hightechbranchen wie die Autoindustrie. Regional seien vor allem Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen betroffen. Machen Sie sich Sorgen um Ihren Job?
Das ist jetzt aber gemein! Nein, mache mir keine Sorgen, investiere gerade per Kredit in Wohneigentum. Hauptsache das Geld ist weg und liegt nicht mehr inflationsgefähredet bei irgendwelchen Banken rum :=) Wenn's kracht, kracht's, so oder so sieht's dann übel aus, ob mit oder ohne Arbeitsplatz ist dann schon fast nebensächlich :)
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