Berlin/München - Die europäische Schuldenkrise geht an Deutschland komplett vorbei - jedenfalls in der Bewertung der Investoren weltweit. Internationale Manager bewerten den Standort Deutschland noch besser als im Vorjahr und erwarten sogar, dass die Attraktivität weiter zunimmt. Das zeigt eine Umfrage der Beratungsgesellschaft Ernst & Young bei Managern von 840 internationalen Unternehmen zur Attraktivität des Wirtschaftsraums Europa.
Deutschland ist demnach in den kommenden Jahren der mit Abstand attraktivste Investitionsstandort in Europa - weltweit nur geschlagen von China, Indien, den USA, Russland und Brasilien. Die Zahl der ausländischen Unternehmen, die im vergangenen Jahr in Deutschland investiert haben, stieg deutlich an. Der Untersuchung zufolge ist die Zahl der Investitionsprojekte um sieben Prozent gestiegen, die neu geschaffenen Jobs legten auf fast 18.000 zu - ein Plus von satten 43 Prozent.
Deutschland hängt Westeuropa ab
Der Befragung zufolge vergrößert sich der Abstand zwischen Deutschland und anderen europäischen Ländern. Während Westeuropa insgesamt schlechter abschneidet als im vergangenen Jahr, ist die Attraktivität Deutschlands gestiegen: 13 Prozent der befragten Manager bezeichnen Deutschland als einen der drei Top-Standorte weltweit. Die wichtigsten Konkurrenten Deutschlands um die Ansiedlung ausländischer Unternehmen sind demnach nicht die europäischen Nachbarländer, sondern China und die USA.
Chinesische Unternehmen bevorzugen Deutschland
Bemerkenswert ist die starke Zunahme chinesischer Investitionen: Im Jahr 2011 gab es 45 Projekte chinesischer Firmen - 36 Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie in keinem anderen Land Europas: Jedes dritte Investitionsprojekt chinesischer Unternehmen in Europa wurde in Deutschland umgesetzt. Chinesische Unternehmen stellen damit die viertgrößte Investorengruppe - hinter den USA, der Schweiz und Großbritannien.
Besonders gute Noten erhält Deutschland vor allem für die Infrastruktur, das Qualifikationsniveau der Arbeitskräfte und das soziale Klima. Bei allen abgefragten Faktoren schneidet Deutschland in diesem Jahr besser ab als im Vorjahr. Deutschlands wichtigster Wettbewerbsvorteil ist aus Sicht der befragten Manager die hohe Qualität von Forschung und Entwicklung: 40 Prozent bezeichnen die Forschungs- und Innovationskapazitäten als herausragendes Merkmal des Standorts Deutschland. Um im weltweiten Wettbewerb weiterhin erfolgreich zu sein, muss Deutschland nach Ansicht jedes dritten Befragten verstärkt in Aus- und Weiterbildung investieren und innovative "Hightech"-Branchen fördern.
Ifo-Index sinkt
Die Schuldenkrise in Europa erreicht allerdings auch zusehends die hiesige Wirtschaft. Die Stimmung in deutschen Unternehmen hat sich im Juni weiter verschlechtert. Der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel von 106,9 auf 105,3 Punkte, wie das Ifo-Institut am Freitag in München mitteilte. Die Unternehmen beurteilten ihre aktuelle Lage zwar etwas besser, ihre Geschäftsaussichten jedoch deutlich schlechter als in den vergangenen Monaten. Der Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, sagte: "Die deutsche Wirtschaft befürchtet zunehmende Beeinträchtigungen durch die Euro-Krise."
Auch Börsianer in Deutschland sehen die Zukunft skeptischer. Die Zuversicht der Finanzexperten hat sich im Juni stark eingetrübt. Der am vergangenen Dienstag veröffentlichte ZEW-Index, der ihre Konjunkturerwartungen für die kommenden sechs Monate wiedergibt, sank um 27,7 Punkte auf minus 16,9 Zähler.
nck
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte | RSS |
| alles zum Thema Wirtschaft in Deutschland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH