US-Stahllobbyist "Die Horrorvorstellung eines Handelskriegs ist völlig übertrieben"

Donald Trumps Handelskrieg schockiert die Welt. Doch nicht alle. Im Interview erzählt Stahllobbyist Scott Paul, dass US-Arbeiter dank der Strafzölle wieder hoffen - und warum er trotzdem ein Problem mit dem Präsidenten hat.

US-Stahlarbeiter
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US-Stahlarbeiter

Ein Interview von , New York


Zur Person
  • Privat
    Scott Paul ist seit 2006 Präsident der Alliance for American Manufacturing (AAM), eines gemeinsamen Verbands der US-Stahlgewerkschaft United Steelworkers mit den führenden Herstellern. Der gelernte Diplomat saß 2017 im Wirtschaftsbeirat des Weißen Hauses, trat aber im August aus Protest gegen die Reaktion von US-Präsident Donald Trump auf die rechtsextremen Ausschreitungen von Charlottesville zurück.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Paul, Sie sind kein Fan von Präsident Donald Trump. Vergangenes Jahr, nach den rechtsextremen Aufmärschen von Charlottesville, traten sie aus Protest aus seinem Wirtschaftsbeirat aus.

Scott Paul: Ich fand seine Reaktion auf die Vorfälle abstoßend und verstörend. So etwas muss unzweideutig verurteilt werden.

SPIEGEL ONLINE: Und doch können Sie sich mit den Handelskriegen anfreunden, die er vom Zaun bricht?

Paul: Persönlich bin ich mit vielem von dem nicht einverstanden, was der Präsident tut. Aber das muss sich ja nicht gegenseitig ausschließen.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn die meisten US-Wirtschaftsvertreter nichts Gutes sehen in den Strafzöllen Trumps?

Paul: Nicht alle Zölle sind gut. Aber bei manchen Branchen gibt es Grund, etwas zu tun, zum Beispiel bei Stahl und Aluminium.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Paul: Die Welt produziert viel zu viel Stahl. China stellt die Hälfte allen Stahls her, in Fabriken, die meist von der Regierung kontrolliert werden. Die haben Dutzende Zombie-Stahlwerke, die Stahl gießen, den keiner will und keiner braucht.

Stahlwerk in Kentucky
AFP

Stahlwerk in Kentucky

SPIEGEL ONLINE: Was hat die amerikanische Industrie damit zu tun?

Paul: Diese Überproduktion hat verheerende Auswirkungen auf Arbeiter, deren Wirtschaftssysteme Importe weitgehend ohne Schutz zulassen. Die USA hat es dabei am härtesten getroffen.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll Protektionismus das ändern?

Paul: Einige US-Stahlwerke bekommen bereits jetzt neue Aufträge und stellen wieder Arbeiter ein, sie fahren Überstunden oder zusätzliche Schichten. Hochöfen, die stillgelegt waren, gehen wieder in Betrieb. Dort sind die Arbeiter ziemlich happy. Sie litten zuvor unter außerordentlichen Schwierigkeiten, während es vielen anderen Amerikanern besser ging.

SPIEGEL ONLINE: Wo sind die Arbeiter denn zum Beispiel happy?

Paul: Etwa in Illinois. Ich war jetzt öfters mal in Granite City, direkt bei St. Louis. Das Stahlwerk ist das Herz des Ortes, es war jahrelang geschlossen, jetzt laufen beide Hochöfen wieder. Mehr als 800 Arbeiter wurden da wieder eingestellt. Die ganze Gemeinde ist wiederauferstanden.

SPIEGEL ONLINE: Das liegt in diesem Fall aber nicht nur an den Zöllen, sondern hat auch andere Gründe.

Paul: Deshalb sind die Leute anderswo auch noch vorsichtig. Die einen hoffen, dass sich die Lage verbessert. Den anderen wurde schon zu oft der Boden unter den Füßen weggezogen. Und einige misstrauen dem Präsidenten und seinem angeblichen Talent, gute Deals abzuschließen. Sie wissen nicht, auf welcher Seite dieses Deals sie landen werden.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie wirklich, dass China oder die EU einknicken werden?

Paul: Wir wollen niemandem vorschreiben, wie er seine Wirtschaft managt. Aber wenn man damit gegen die Regeln der Welthandelsorganisation WTO verstößt, muss man doch eingreifen, um das Exportverhalten wenigstens teilweise zu modifizieren.

Chinesisches Stahlwerk in Zouping
AFP

Chinesisches Stahlwerk in Zouping

SPIEGEL ONLINE: Wie können sich die USA auf WTO-Regeln berufen, wenn der US-Präsident selbst wenig davon hält? Die EU und ein halbes Dutzend andere Staaten haben vor der WTO gegen die Zölle Einspruch erhoben.

Paul: Das ist eine gute Frage. Die gesetzliche Grundlage der jetzigen Stahl- und Aluminiumzölle ist der Schutz der nationalen Sicherheit Amerikas. Da hat der Präsidenten großen Handlungsspielraum.

SPIEGEL ONLINE: Da gehen die Argumente aber durcheinander. Vorhin sprachen wir von Not leidenden Arbeitern, und auf einmal sprechen wir von Krieg und Frieden. Und was haben Stahl und Aluminium mit nationaler Sicherheit zu tun, wo Kriege doch immer mehr im digitalen Raum geführt werden?

Paul: Die Vorstellung, dass wir unsere Feinde allein mit Stahl und Aluminium besiegen, ist sicher altmodisch. Aber das Militär kommt ganz ohne Stahl nicht aus. Es gibt nur noch einen letzten, bedeutsamen US-Hersteller von Panzerplatten, wie sie für Flugzeugträger oder Panzerfahrzeuge gebraucht werden.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist das?

Paul: ArcelorMittal.

SPIEGEL ONLINE: Der weltgrößte Stahlkonzern - aber sitzt der nicht in Luxemburg?

Paul: Die produzieren das in Coatesville in Pennsylvania, direkt außerhalb von Philadelphia.

SPIEGEL ONLINE: Der Anteil des Militärs an der gesamten US-Stahlnachfrage ist aber nur minimal - drei Prozent.

Paul: Alle Stahlwerke, die Stahl fürs Militär produzieren, bedienen zugleich auch den zivilen Markt. Sie hängen von diesem Markt ab. Gibt es zu viel Importe, werden alle Preise unmöglich niedrig.

SPIEGEL ONLINE: Sind alte Industrien wie Stahl und Kohle, die Trump so nostalgisch liebt, der richtige Weg in die Zukunft?

Paul: Pittsburgh wird nie wieder die Stahlmetropole sein, die es mal war. Trotzdem: Ich glaube, dass wir unsere Stahlproduktion hochfahren können, wenn die Wirtschaft weiter wächst.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker fürchten, dass der Zollkrieg die US-Wirtschaft kaputtmachen könnte.

Paul: Ich finde, dass die negativen Auswirkungen heillos übertrieben werden. Unsere Wirtschaft brummt, und selbst mit den Vergeltungszöllen wird das beim Bruttoinlandsprodukt nur auf einen Rundungsfehler hinauslaufen. Die Horrorvorstellung eines Handelskriegs ist viel dramatischer als die Realität.

SPIEGEL ONLINE: Also als nächstes Autozölle?

Paul: Dazu behalte ich mir meine Meinung lieber vor, bis ich weiß, was die Regierung wirklich macht.

SPIEGEL ONLINE: Aber die würden ja noch einen viel größeren Teil der US-Wirtschaft treffen als Stahl.

Paul: Ja, mit diesem Ansatz sind gewissen Risiken verbunden.

SPIEGEL ONLINE: Das Risiko, künftig amerikanische Autos fahren zu müssen, die oft schlechter sind als ausländische?

Paul: Ich fahre einen elektrischen Chevy Volt von GM. Das ist ein tolles Auto.

insgesamt 23 Beiträge
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thawn 16.07.2018
1. Aalglatter Lobbyist
Das war ja mal ein Paradebeispiel eines aalglatten Lobbyisten. Die nicht-Antwort auf die WTO Frage fand ich bemerkenswert nichtssagend und gleichzeitig erfolgreich das Thema gewechselt. Da hätte Herr Pitzke durchaus nochmal nachfragen können. Auch das typische Herausgreifen einzelner Beispiele, die das Bild der glücklichen Arbeiter beschwört ist klassisches Lobbyistenhandwerk. So kann er sich jederzeit die Beispiele heraussuchen, die seiner Argumentation passen und dem Leser ein gutes Gefühl vermitteln. Gleichzeitig muss er sich nicht mit lästigen Fakten oder den allgemeinen Auswirkungen auf andere Wirtschaftszweige in den USA oder gar die Weltwirtschaft herumschlagen. Ich gehe jetzt erstmal duschen.
draco2007 16.07.2018
2.
Sehr begrenzte Weitsicht dieser Mann. Nichts für ungut, aber für jeden "geretteten" Stahlarbeiter gefährden die Zölle möglicherweise Dutzende Arbeiter in der Stahlverarbeitenden Industrie. z.B. im Maschinenbau. Gibt eine super Bilanz am Ende. Das gleiche gilt für regenerativen Energien. Wir reden hier von hundert-tausenden Jobs und was macht Trump, er versucht die 20 Jobs zu retten, die noch in der Kohlemine arbeiten und sich ihre Gesundheit zerstören. Und wer glaubt Trump macht dies alles für die Arbeiter kann ich nur als sehr naiv bezeichnen. Trump tut dies alles für seine "Buddies", Firmenchefs. Die machen den großen Reibach auf Kosten der Gesundheit der Arbeiter. Sinnvoller wäre es, die Stahl und Kohlearbeiter "einfach" weiterzubilden und in anderen, nicht aussterbenden, Jobs unterzubringen.
El Barredo 16.07.2018
3. Erschreckend
Aber irgendwie auch einleuchtend WARUM der POTUS in Amerika trotz all seinen Aktionen und Lügen erfolgreich seine Basis bedienen kann und er Akzeptanz erfährt. Wir lesen hier ein Interview von Einem der oberen sagen wir mal 100´000, dessen Schulbildung bestimmt nicht in einer staatlichen Einrichtung vollzogen wurde. Das sich Widersprüche und auch DTs Aussagen darin finden wundert mich gar nicht. Unreflektiert, keine Spur von Gedanken und Wissen der kommenden Konsequenzen. Das man als AAM-Präsident zum Überleben seines Wirtschaftszweig Lobbyarbeit leistet selbstverständlich, aber nicht mal ein "possible worst case" erkennen und sehen wollen..... wow das ist Blauäugigkeit mit Naivität gepaart.....
Ein_denkender_Querulant 16.07.2018
4. Völlig richtig!
Man muss dem Lobbyiaten beipflichten. Dazu kommen weitere Punkte hinzu. Die deutsche Stahlindustrie wird in einem für andere Länder unerträglichem Maße durch den deutschen Gesetzgeber subventioniert. Die strengen deutschen Umweltgesetze haben dazu geführt, dass deutsche Stahlkocher sehr viel Geld für Prozess- und Umwelttechnik investieren mussten, um gleichbleibende und kontrollierte Prozesse zu bekommen. Damit wird in Folge der Stahl billiger und vor allem merklich besser, weil die Qualität definierter ist. Da muss doch der arme Amerikaner, der seit 1970 keinen Cent mehr in seine Anlagen investierte, weil es keine gesetzlichen Auflagen dazu gab, nach Schutzzöllen schreien. Wäre ja auch noch schöner, wenn innovative Produzenten ihre guten Produkte günstig anbieten können! - Dieser Beitrag könnte Sarkasmus enthalten -
wdiwdi 16.07.2018
5. Na ja, die Gegenzölle setzen ja auch woanders an
Die Agrarpreise im mittleren Westen sind ja schon im freien Fall... davon bekommt ein Stahlkocher nichts mit. Und im Gegensatz zu Harley-Davidson etc. können die Farmer die Produktion nicht auslagern.
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