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10. Oktober 2015, 19:08 Uhr

Massendemo gegen TTIP

So viele kamen noch nie

Bis zu 100.000 Teilnehmer waren angemeldet, am Ende zählte selbst die Polizei deutlich mehr: In Berlin hat ein breites Bündnis gegen das Freihandelsabkommen TTIP demonstriert. Befürworter finden das "unerklärlich".

Es war eine der größten Demonstrationen in Deutschland in den vergangenen Jahren: In Berlin haben nach Polizeiangaben rund 150.000 Menschen gegen die geplanten Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada, TTIP und CETA, protestiert. Die Demonstranten versammelten sich am Vormittag am Hauptbahnhof und zogen bis zur Siegessäule.

Schon die für gewöhnlich vorsichtige Schätzung der Polizei ging deutlich über die 100.000 Teilnehmer hinaus, welche bei der Anmeldung genannt worden waren. Die Veranstalter selbst sprachen sogar von etwa 250.000 Demonstranten. Es waren so viele Menschen unterwegs, dass Zehntausende noch nicht losgelaufen waren, als die Spitze der Demonstration bereits das Ziel erreicht hatte. Nie zuvor seien in Europa mehr Menschen zu diesem Thema auf die Straße gegangen, sagten die Veranstalter.

Der Protest stand unter dem Motto "Für einen gerechten Welthandel!". Getragen wurde er von Umwelt- und Verbraucherschützern, Sozialverbänden und Gewerkschaften. Die Kritiker der Abkommen befürchten eine Aushöhlung europäischer Regeln und ein Sinken ökologischer und sozialer Standards. Sie fordern, die TTIP-Verhandlungen mit den USA zu stoppen und das mit Kanada verhandelte CETA-Abkommen nicht zu ratifizieren.

Angst vor Demokratieabbau

Die Transparente der Teilnehmer richteten sich vor allem gegen einen zu großen Einfluss von US-Konzernen auf die Politik sowie gegen einen Abbau der Demokratie. Andere Banner warnten vor der Einführung genmanipulierter Lebensmittel, vor einem Abbau der Arbeitnehmerrechte sowie Raubbau an der Natur, etwa durch die umstrittene Ölfördermethode Fracking.

Viele Teilnehmer hatten sich verkleidet, so wie Gudrun Sach, die aus der Nähe von Stuttgart angereist war. Die Mittfünfzigerin ging als korrupte Richterin - eine Anspielung auf die besonders umstrittenen Staats-Investor-Schiedsgerichte, die Teil des TTIP-Abkommens zwischen der EU und den USA werden könnten. Auch das sogenannte Chlorhühnchen, für Verbraucherschützer ein Symbol für ihrer Meinung nach zu niedrige Lebensmittel- und Tierschutzstandards in den USA, war mehrfach auf der Demonstration zu sehen.

Regierung und Wirtschaft warben indes für TTIP. "Bangemachen gilt nicht", erklärte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) in ganzseitigen Anzeigen, die in überregionalen Tageszeitungen erschienen. "Europa muss selbstbewusst und mutig seine Ideen von Freiheit im Handel und Verantwortung für die Menschen voranbringen."

Ähnlich äußerte sich der Industrieverband BDI. "Wir Europäer müssen die Globalisierung gestalten wollen", sagte Präsident Ulrich Grillo. "Wer nur blockiert, verliert." Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer erklärte: "Mir ist unerklärlich, warum hierzulande in letzter Zeit eine neue Mentalität der Abschottung um sich greift."

Die Polizei war mit rund tausend Beamten im Einsatz. Zwischenfälle gab es einem Sprecher zufolge nicht. Die Nachricht über die hohe Teilnehmerzahl verbreitete sich schnell unter den Demonstranten und sorgte für Jubel.

Erklärvideo zu TTIP:

dab/dpa/AFP

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