Trotz Konflikt mit der EU Türkische Wirtschaft boomt

Der Streit mit der EU schadet der türkischen Wirtschaft anscheinend nicht: Seit dem Putschversuch wächst sie in beneidenswertem Tempo. Ausgerechnet die Tourismusbranche trägt dazu bei.

Istanbul (Archivbild)
AP

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In einem sind sich die meisten EU-Spitzenpolitiker einig: Im Konflikt mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hat Europa den längeren Hebel in der Hand. "Wirtschaftlicher Druck wirkt", hat Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) gesagt. Sein österreichischer Kollege Sebastian Kurz sieht das ähnlich. Und auch EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn gibt sich sicher, der Konflikt "schade auf gewisse Weise der türkischen Gesellschaft, der türkischen Wirtschaft".

Allerdings: Am Wachstum der türkischen Wirtschaft lässt sich das bislang nicht recht ablesen.

Im zweiten Quartal 2017 wuchs sie - trotz der politischen Spannungen mit dem wichtigsten Handelspartner EU - erneut deutlich. Das türkische Statistikamt (Turkstat) teilte am Montag mit, verglichen mit dem Vorjahresquartal sei ein Wirtschaftswachstum von 5,1 Prozent verzeichnet worden. Der Wert ist vergleichbar mit dem des ersten Quartals, in dem nach bereinigten Turkstat-Angaben 5,2 Prozent Wachstum erzielt worden waren.

Zum Vergleich: Die Wirtschaft in der Eurozone stieg im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 2,3 Prozent.

Viele Touristen, wenige Schulden

Das jüngste Wachstum der Türkei übertrifft erneut das der beiden ersten Quartale 2016 (4,8 Prozent beziehungsweise 4,9 Prozent) - den letzten vor dem versuchten Putsch im Juli 2016. Der Umsturzversuch und die politische Instabilität hatten im dritten Quartal 2016 erstmals 2009 dazu geführt, dass die Wirtschaft geschrumpft war (minus 0,8 Prozent). Im Gesamtjahr 2016 war die Wirtschaft nach offiziellen Angaben trotzdem noch um 2,9 Prozent gewachsen.

Die türkische Wirtschaft wurde damals von einem drastischen Rückgang der Touristenzahlen aus dem Ausland getroffen. Im vergangenen Juli erreichten die Urlauberzahlen allerdings fast wieder das Niveau der Vorjahre. Auch der türkische Handel hat sich gut entwickelt.

Die Türkei profitiert unter anderem davon, dass die Staatsverschuldung deutlich niedriger liegt als im EU-Durchschnitt. Die Wirtschaft wächst zudem, weil auch die türkische Bevölkerung insgesamt wächst: Die privaten Konsumausgaben haben stark zugenommen.

Allerdings warnen Ökonomen davor, der aktuelle Aufschwung sei in Teilen auch auf Pump finanziert. Unter anderem hatte die AKP-Regierung nach dem Putsch rund 50 Milliarden-Dollar Kredite als Soforthilfe für 300.000 Firmen bereitgestellt. Insgesamt vergeben die Banken so viele Darlehen wie nie zuvor.

Politisch sind die Beziehungen zwischen der Türkei und der EU - und dort besonders mit Deutschland - seit Monaten angespannt. Die Bundesregierung hat angesichts der Inhaftierung von Deutschen wie dem "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel in der Türkei angekündigt, wirtschaftlichen Druck auf Ankara auszuüben. Yücel sitzt seit Februar ohne Anklage in Untersuchungshaft.

beb/dpa

insgesamt 96 Beiträge
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enzio 11.09.2017
1. Teilweise auf Pump finanziert
Eine engere Bindung an die EU ist für die türkische Wirtschaft nicht schlecht, aber sie ist auch nicht zwingend notwendig, um ein stabiles Wachstum zu haben. Die süßsaure Feststellung, dass sei aber teilweise auf Pump finanziert, kann man sich schenken. Wo gibt es in der EU einen Mitgliedstaat, der nicht teilweise auf Pump finanziert?
jokel.stiller 11.09.2017
2.
http://www.focus.de/finanzen/news/konjunktur/bip-ploetzlich-20-prozent-groesser-tuerkei-erlebt-boom-aber-nur-auf-dem-papier_id_6540418.html Das türkische Statistikamt berechnet die Wirtschaftsleistung des Landes mit einer neuen Methode. Die Folge: Plötzlich steht die Wirtschaft 20 Prozent besser da – und sie wird in Zukunft stärker wachsen. Präsident Erdogan kommt das gelegen. Doch was bedeuten die neuen Zahlen wirklich?
so-long 11.09.2017
3. Tuning
Nach chinesischem Vorbild: aufgehübschte Zahlen - echte fakenews. Wre's glaubt.
latrodectus67 11.09.2017
4. Süss
Der wirtschaftliche Druck der EU. Ja, den hat man in Russland gesehen, bei der Bestrafung der Briten für den Brexit und nun auch in der Türkei. Kann es vielleicht sein, dass dieser wirtschaftliche Druck gar nicht so verheerend ist, in einer globalisierten Welt in der sich Anbieter und Abnehmer eben an vielen Stellen finden. Und wo das Alleinstellungsmerkmal eventuell allenfalls in Werbebroschüren aber nicht im faktischen Produkt zu finden ist?
muellerthomas 11.09.2017
5.
"Die Türkei profitiert unter anderem davon, dass die Staatsverschuldung deutlich niedriger liegt als im EU-Durchschnitt." Inwiefern hilft das dem aktuellen Wirtschaftswachstum?
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