Wahlsieg von Erdogan Höhenflug der türkischen Börse währt nur kurz

Erdogans Kritiker werfen ihm Autokratie vor, Anleger werten den Wahlsieg des türkischen Präsidenten als Zeichen der Stabilität. Börsenkurse und die Landeswährung legten zunächst zu. Doch der Höhenflug war von kurzer Dauer.

Anzeigetafeln an der Börse in Istanbul
AP

Anzeigetafeln an der Börse in Istanbul


In der Hoffnung auf politische Stabilität in der Türkei haben Anleger türkische Aktien und die Landeswährung Lira gekauft. Nach dem Wahlsieg von Präsident Recep Tayyip Erdogan war der Börsen-Leitindex ISE 100 zunächst um bis zu 3,7 Prozent nach oben gesprungen. Später lag er noch mit zwei Prozent im Plus. Gegen Mittag verflog die Euphorie. Der Leitindex lag sogar im Minus und folgte den Verlusten an den internationalen Aktienmärkten, die mit den anhaltenden Sorgen über die weltweiten Handelskonflikte zusammenhingen.

Die türkische Lira legte zum amerikanischen Dollar und zum Euro zunächst um jeweils zwei Prozent zu, im Laufe des Vormittags schrumpfte das Plus auf ein Prozent zusammen.

In der Türkei stünden die Zeichen nun auf Kontinuität, schrieb Analyst Murat Toprak von der Bank HSBC. Das Parlament und der Präsident könnten jetzt abgestimmt agieren und in den kommenden Monaten eine auf Dauerhaftigkeit angelegte Politik betreiben.

Das Land habe weiterhin mit Herausforderungen zu kämpfen, sagte Händler Ozgur Yasar von der Raiffeisen Centrobank. Deshalb würden sich die Investoren nun darauf konzentrieren, welche Schritte die Regierung jetzt tatsächlich ergreifen werde, um die Probleme anzugehen. Im Fokus stünden nun die Namen der neuen Minister, die sich nun um Wirtschafts- und Finanzfragen kümmerten.

"Die politische Landschaft in der Türkei scheint nach den vorgezogenen Wahlen am Sonntag unverändert zu bleiben", sagte Paul Greer, Fondsmanager für Schwellenländer beim Fondsanbieter Fidelity International. "Mit diesem Ergebnis sollten die türkischen Märkte eine kleine Erleichterungsrally genießen."

Erdogan wurde offiziellen Angaben zufolge mit 52,5 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang im Amt bestätigt, das mit umfangreichen Machtbefugnissen verbunden ist. Er steht damit an der Spitze des von ihm geschaffenen Präsidialsystems, das von seinen Kritikern als autokratische Herrschaft bezeichnet wird.

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Türkei: Erdogans Bilanz in 10 Grafiken

Fondsmanager Greer warnte vor den nach wie vor großen Herausforderungen für die Türkei. In den vergangenen Monaten war auch die Lira stark unter Druck geraten. "Die Türkei hat weiterhin mit zahlreichen makroökonomischen Schwachstellen zu kämpfen, darunter einer anhaltenden zweistelligen Inflation, einem hohen Leistungsbilanzdefizit, einer niedrigen Sparquote, einer Lockerung der Fiskalpolitik und einem großen externen Finanzierungsbedarf", sagte Greer.

Die türkische Lira war im Wahlkampf auch unter Druck geraten, weil Präsident Erdogan deutlich gemacht hatte, dass er Einfluss auf die Notenbank nehmen und für niedrige Zinsen sorgen wolle. Später widersprach Vize-Regierungschef Mehmet Simsek diesem Ansinnen.

Commerzbank-Analyst Tatha Ghose sagte, politische Stabilität sei kein Allheilmittel für die Türkei und die Lira. Die Risiken für die Zentralbank und deren Geldpolitik seien hoch.

Sollte Erdogan jetzt eine lockerere Geld- und Fiskalpolitik starten, könne die Erholung der türkischen Börse und der Lira schnell im Keim erstickt werden, warnte Jason Tuvey, Volkswirt bei der Wirtschaftsberatung Capital Economics. Auch DZ-Bank-Analyst Sören Hettler ist skeptisch, ob sich die Lira-Erholung als nachhaltig erweist. "Übermäßiger Optimismus für die Landeswährung ist angesichts der weiter bestehenden wirtschaftlichen Herausforderungen unseres Erachtens jedenfalls derzeit nicht angezeigt."

Der Sieg von Erdogan galt keineswegs als sicher, weshalb die Wahl mit Spannung erwartet worden war. An der Börse hatte sich die Furcht vor politischer Instabilität bemerkbar gemacht. Der Leitindex ISE 100 hat seit Jahresbeginn ein Minus von 15 Prozent verbucht.

mmq/dpa/Reuters

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
whmueller 25.06.2018
1. Der Sieg galt nicht als sicher ?
Wie denn das ? Das wäre doch nur der Fall gewesen wenn Erdogan sich verschrieben hätte als er das Wahlergebniss auf einen Zettel geschrieben hatte vor 2 Monaten
philosophus 25.06.2018
2. Grosse Vision oder grosser "Unfall" ?...
Herr Erdogan hat die Wahlen gewonnen und somit hat er jetzt die Wahl. Das neue Präsidialsystem,*gibt ihm so grosse politische Kraft, wie sie kein türkischer Politiker seit Kemal Atatürk*hatte. Als Staats- und Regierungschef zugleich hat jetzt Erdogan die einmalige Gelegenheit, ohne gross "Rechenschaft" abgeben zu müssen, die Türkei zu einer modernen, weltoffenen Demokratie umzugestalten, für das Wohl seines Volkes und für den Frieden in der "Nachbarschaft". Da könnte er tatsächlich "Geschichte schreiben" als Staatsmann und Visionär welcher die Türkei zu einem kontemporären europäischen Staat umstrukturiert hat. Hilfe dafür, wird es sicherlich von überall geben. Die andere ...Alternative, möchte ich gar nicht erst erwähnen, da sie über kurz oder lang den türkischen "Wagen" so gut wie sicher auf vorhersehbare schwere "Unfälle" steuern wird. Die erste Schritte welche er vornehmen wird, werden seine politische Richtung unmissverständlich deutlich machen. Bis dahin abwarten und tschaj trinken...
thequickeningishappening 25.06.2018
3. Der Sieg war sicher
Und informierte Anleger kauften Puts Die Sie jetzt realisieren.
FranzGeorgA5 25.06.2018
4. Nach Trumps Sieg...
...sind die Börsen auch kurz gestiegen. Nicht überraschend, dass sie es nach Erdogans Machtergreifung auch tun. Aber so bald die fanatischen, desinformierten Anhänger ihr Geld verpulvert haben ist damit natürlich wieder Schluss... Überraschung :-)
Proggy 25.06.2018
5.
Zitat von thequickeningishappeningUnd informierte Anleger kauften Puts Die Sie jetzt realisieren.
Natürlich, logisch gedacht. Einen Vorteil, sollte der Wahlsieg von Erdogan einem schon bringen!
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