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Türkei

Warum der Lira-Verfall der deutschen Wirtschaft schaden kann

Minus 20 Prozent in ein paar Stunden: Die türkische Lira befindet sich im freien Fall, nach ohnehin massivem Wertverlust. Die Krise droht auf Europa überzugreifen.

Von und Felix Sommerfeld

SEDAT SUNA/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Wechselstube in Istanbul

Freitag, 10.08.2018   19:20 Uhr

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Wie Panik aussieht, konnte man an diesem Freitag am türkischen Devisenmarkt erleben: Nachdem US-Präsident Donald Trump auf Twitter bekannt gab, die Zollsätze auf türkische Stahl- und Aluminiumprodukte zu verdoppeln, verlor die türkische Lira zeitweise knapp 20 Prozent - und das, nachdem die Währung schon in den vergangenen Tagen extrem abgestürzt war. Seit Jahresbeginn hat die Lira damit fast die Hälfte ihres Werts verloren.

"Die globalen Märkte haben den Absturz der türkischen Lira in den vergangenen Tagen mehr mit Neugier als Besorgnis beobachtet. Sie dachten, es sei ein rein lokales Problem der Türkei. Aber das hat sich jetzt geändert", sagte Sean Callow, Währungsstratege bei Westpac dem "Wall Street Journal". Denn nun greift die türkische Finanzkrise mit voller Härte auch auf Europa über: Der Euro-Kurs sackte deutlich ab, der deutsche Leitindex Dax verlor zeitweise mehr als zwei Prozent und auch Bankaktien stürzten ab.

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Die deutsche Wirtschaft hat gleich mehrere Gründe, mit Sorge auf die Türkei zu blicken:

1. Europas Banken könnten ihr Geld nicht wiedersehen

Durch den Lira-Verfall steigt das Risiko, dass türkische Banken ihre Devisen-Verpflichtungen in Dollar oder Euro nicht mehr begleichen können. Das hätte auch massive Auswirkungen auf Europas Banken, denn sie haben türkischen Banken Milliarden geliehen. Sollten die türkischen Institute ihre Schulden in Dollar nicht begleichen können, würde das Löcher in die Bilanzen europäischer Banken reißen.

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Laut einem Bericht der "Financial Times" sind die Aufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) deshalb alarmiert und beobachten derzeit mehrere große EU-Banken wegen ihres Engagements in der Türkei. Vor allem die spanische BBVA, die französische BNP Paribas und die italienische Unicredit haben demnach stattliche Summen in Ankara geparkt.

Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) wären Spaniens Banken am härtesten von einem Zahlungsausfall türkischer Institute betroffen: Sie haben rund 82 Milliarden Euro an türkische Institute verliehen. Aber auch bei deutschen Banken stehen knapp 17 Milliarden Dollar im Feuer.

Es wäre nicht das erste Mal, dass sich Probleme in einem wirtschaftlich eher kleinen Land auf das gesamte Bankensystem Europas übertragen würden: Immer wieder haben sich in der Vergangenheit Bankenkrisen in Italien und Griechenland auf den gesamten Euroraum ausgewirkt.

REUTERS

Präsident Erdogan mit Anhängern

2. Der Euro gerät unter Druck

Im Zuge des Lira-Verfalls rutschte die europäische Gemeinschaftswährung zeitweise bis auf 1,14 Dollar ab und damit auf den tiefsten Stand seit Juli 2017.

Der Grund: Investoren kauften lieber amerikanische Dollar, weil sie glauben, dass die USA kaum von der Lira-Krise betroffen sein wird. In den vergangenen drei Monaten hat der Euro gegenüber dem Dollar bereits knapp vier Prozent an Wert eingebüßt.

Ökonomen argumentieren gerne, ein schwacher Euro sei gut für die exportstarke deutsche Wirtschaft, weil er Produkte für Käufer im Ausland billiger macht. Doch mittelfristig gesehen kann ein schwacher Euro auch ein gewaltiger Nachteil für die Wirtschaft sein. Denn eine schwache Währung bedeutet, dass Investoren weniger auf die Stabilität einer Währung vertrauen. Sie verlangen daher höhere Zinsen, wenn sie Geld im Ausland anlegen. Das erhöht langfristig die Finanzierungskosten für Staaten, Unternehmen und Bürger.

3. Weniger Nachfrage nach deutschen Exporten

Auch die deutsche Exportindustrie könnte unter der Lira-Krise leiden. Durch die Abwertung der Lira könnten Exporte in die Türkei einbrechen, weil importierte Waren für türkische Unternehmen immer teurer werden. Das könnte zu einer geringeren Nachfrage nach deutschen Produkten führen.

Ebenso wie viele andere Länder ist die Türkei für die exportgetriebene deutsche Wirtschaft als Absatzmarkt von Bedeutung: Im Jahr 2017 sind deutsche Waren im Wert von mehr als 21,4 Milliarden Euro in die Türkei verkauft worden. In der Rangfolge der Handelspartner nehmen die Türken damit aber nur Platz 16 ein.

Vor allem die Automobilbranche wäre betroffen, die im vergangenen Jahr Fahrzeuge für rund drei Milliarden Euro in die Türkei geliefert hat. Die derzeitige Währungs- und Wirtschaftskrise macht sich in der Türkei in genau diesem Sektor schon jetzt deutlich bemerkbar - die Zahl der verkauften Neuwagen ist im Juli 2018 im Vergleich zum Vorjahresmonat um 36 Prozent gesunken.

Mehr zum Thema: Lesen Sie hier mehr über die Hintergründe des Lira-Verfalls

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