Dammbruch, Brustimplantate, Wetterstationen TÜV-Skandale - Wenn die Prüfer selbst durchfallen

Brasilien hat zwei TÜV-Süd-Mitarbeiter festgenommen - es ist nicht das einzige Problem der Technischen Überwachungsvereine, die sich zu globalen Konzernen gewandelt haben.

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Die Ursache der verheerenden Schlammlawine in Brasilien ist noch unklar: Der Damm an der Mine Córrego do Feijao des brasilianischen Bergbaukonzerns Vale war Ende vergangener Woche gebrochen. Die Schlammwalze hatte daraufhin mehrere Siedlungen überrollt. Bislang sind 84 Todesopfer bestätigt, fast 300 Menschen werden noch vermisst.

Brasilianische Ermittler haben daraufhin den Vale-Konzern ins Visier genommen - und die Prüfer des Münchner TÜV Süd, die im Auftrag und auf Rechnung von Vale den Damm überprüfen sollten. Brasiliens Polizei nahm Anfang der Woche deshalb sogar zwei TÜV-Mitarbeiter in Haft. TÜV Süd hatte den Damm 2018 zweimal in Augenschein genommen, im Juni und im September.

Der TÜV als Global Player

Die Minenkatastrophe wirft ein Schlaglicht auf die Geschäftsmodelle der Technischen Überwachungsvereine, die sich in den vergangenen Jahren erkennbar gewandelt haben. Die Gesellschaften TÜV Süd, TÜV Rheinland und TÜV Nord sind in Deutschland den meisten Menschen ein Begriff wegen ihrer Rolle bei den regelmäßig anstehenden Kfz-Hauptuntersuchungen.

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Dammbruch: Verheerende Schlammlawine in Brasilien

Diese machen allerdings schon lange nur noch einen Bruchteil der Umsätze aus, 2016 bezifferte der Chef des TÜV Rheinland ihren Anteil auf noch 17 Prozent. Viel wichtiger sind andere Geschäftsbereiche geworden - auch im Ausland. So überprüfen TÜV-Mitarbeiter inzwischen in aller Welt Klettergerüste, Fabrikanlagen oder Krankenhäuser. Die TÜV Süd AG - ein eingetragener Verein ist lediglich der TÜV Süd e.V., dem 75 Prozent der AG gehören - hat inzwischen mehr als 800 Standorte auf der Welt, 24.000 Mitarbeiter und erwirtschaftete zuletzt 2,4 Milliarden Euro Jahresumsatz.

Ähnlich ist es bei den anderen Gesellschaften: Die TÜV Rheinland AG hat 20.000 Mitarbeiter und macht etwa zwei Milliarden Umsatz, seit 2012 verdient der Konzern mehr Geld im Aus- als im Inland. Etwas kleiner nimmt sich der TÜV Nord mit 10.000 Mitarbeitern aus.

Ursprünglich im 19. Jahrhundert zur Prüfung von Dampfkesseln in Deutschland gegründet, hat die Expansion in neue Länder und auf neue Geschäftsfelder auch Risiken für die Prüfer, deren wichtigstes Gut das lange Zeit fast rückhaltlose Vertrauen der Verbraucher war.

Doch der Ruf der TÜV-Gesellschaften ist in den vergangenen Jahren erschüttert worden. Ein Überblick:

Der S&K-Anlagebetrug

Im Jahr 2013 verhafteten Ermittler die Geschäftsführer der S&K-Gruppe wegen des Verdachts des banden- und gewerbsmäßigen Betrugs. Die Firma hatte über Jahre Hunderte Millionen Euro von Anlegern eingeworben - und dafür unter anderem das blaue Siegel des TÜV Süd benutzt. Die Bescheinigungen erweckten bei Kunden den Eindruck, als sei das Geschäftsmodell der Firma unabhängig geprüft worden. Tatsächlich hatte sich der TÜV aber lediglich mit Unterlagen begnügt, die S&K selbst bereitgestellt hatte.

Nachdem der Skandal aufgeflogen war, zitierte die "WirtschaftsWoche" eine TÜV-Führungskraft mit den Worten, die Prüfung sei "so dünn gewesen, dass es fast peinlich war". Der TÜV Süd erklärte als Reaktion auf den Fall, in Zukunft keine Finanzprodukte mehr zu zertifizieren.

Fehlerhafte Brustimplantate

Im Jahr 2010 tauchte in Frankreich der Chef des Implantate-Herstellers PIP unter, im Jahr 2011 suchte Interpol nach ihm. Seine Firma hatte fehlerhafte Brustimplantate vertrieben. Zuständig für die Zertifizierung: der TÜV Rheinland. Dem Unternehmen zufolge sei man in dem Fall vom Hersteller "genauso betrogen worden, wie die betroffenen Frauen".

Aufgabe des Unternehmens sei lediglich gewesen, "die Produktauslegung zu bewerten und das von PIP aufgebaute Qualitätssicherungssystem zu zertifizieren". Fortlaufende Qualitätskontrollen seien nicht Teil des Auftrags gewesen. Tiefe Kratzer im Image der deutschen Prüfer hinterließ der Fall dennoch.

Defektes PIP-Implantat (2011)
REUTERS

Defektes PIP-Implantat (2011)

Etwas glimpflicher lief es für den TÜV Süd in einem ähnlichen Fall: 2015 setzten die Prüfer die Zertifizierung der Brustimplantate des brasilianischen Herstellers Silimed aus, nachdem TÜV-Kontrolleure bei einem unangekündigten Werksbesuch Unregelmäßigkeiten festgestellt hatten. Der Hersteller hatte für seine Produkte billiges Industriesilikon verwendet.

Falscher Eindruck durch Webseiten-Check

Nicht gut kam auch eine Zertifizierung an, die der TÜV Rheinland den Betreibern von Webseiten anbot. Viele Internetnutzer gingen angesichts des TÜV-Siegels davon aus, dass der Inhalt besonders verlässlich sei. Tatsächlich zogen sich die TÜV-Prüfer aber auf den Standpunkt zurück, lediglich die technische Funktionalität der Internetportale zu bewerten.

In einem Interview mit der "Welt am Sonntag" äußerte sich der TÜV-Rheinland-Chef Michael Fübi selbstkritisch. Das Unternehmen ziehe sich "aus Geschäftsbereichen zurück, die unseren Ruf schädigen könnten". Nicht mehr vergeben würden etwa Zertifikate für "medizinische Wellness" oder das Label "geruchsbelästigungsfrei".

Die Wunderwetterstation für zehn Euro

2011 brachte ein Gutachten TÜV Süd ins Gerede, das Wetterstationen im Sortiment eines großen Discounters (Ladenpreis: 9,99 Euro) wahre Wunderkräfte attestierte. Das Gerät sei in der Lage, Wetterprognosen auf vier Tage im Voraus kaum weniger zuverlässig zu erstellen, als Programme, die mit Satellitenaufnahmen gefüttert wurden - obwohl die Wetterstation beispielsweise die Luftfeuchtigkeit lediglich im Haus selbst maß.

Die Fabrikkatastrophe von Bangladesch

Im April 2013 brach in Bangladesch das Gebäude einer achtgeschossigen Textilfabrik zusammen - nur wenige Monate, nachdem ein TÜV-Rheinland-Team den Rana-Plaza-Komplex in Augenschein genommen hatte. Mehrere Nichtregierungsorganisationen legten daraufhin Beschwerde bei der nationalen Kontaktstelle (NKS) der OECD im Bundeswirtschaftsministerium gegen den TÜV ein, wegen eines ihrer Einschätzung nach unzureichenden Prüfberichts.

Rana-Plaza-Katastrophe 2013
REUTERS

Rana-Plaza-Katastrophe 2013

Im Juli 2018 kam die Kontaktstelle zu dem Schluss, ein "Beitrag oder eine unmittelbare Verbindung zum Einsturz des Gebäudes" liege nicht vor. Sie folgte damit im Wesentlichen der Position des TÜV, bei dem sogenannten Sozialaudit sei es um Arbeitsbedingungen gegangen, nicht aber um Fragen der Gebäudestatik.

In ihrem Abschlussbericht wirft die NKS aber durchaus unangenehme Fragen für den TÜV auf - beispielsweise, ob es wirklich sinnvoll sei, "Sozialaudits durch die Inhaber der überprüften Fabriken bezahlen zu lassen".

Auch in Deutschland haben mögliche Interessenkonflikte bereits Kritik ausgelöst. So sind beispielsweise am TÜV Süd über den Eigentümerverein TÜV Süd e.V. unter anderem Energiekonzerne wie E.on und Vattenfall beteiligt. Gleichzeitig kümmert sich die Sparte TÜV Süd Industrie Service um die Sicherheit von Kraftwerken und Windkraftanlagen. Im Sommer 2018 etwa vermeldete TÜV Süd stolz, den Zuschlag bekommen zu haben für die Zertifizierung eines großen Offshore-Windparks in der Ostsee. Auftraggeber ist Vattenfall.

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Seite 1
str.21.de 31.01.2019
1. Dieselaffäre
Ganz zu schweigen davon, dass dem TÜV mit seiner Expertise und millionenfachen Überprüfungen an PKWs es als allerersten hätte auffallen müssen, dass die Hersteller am Schummeln sind. Wurde da mal etwas gründlicher nachgeschaut? Nein. Hauptsache kassieren. Dann noch die TÜV-Siegel in den Webseiten, die ohne weiteres gehackt werden können... Pure Show und Geldmacherei, hoheitliche Aufgaben sichern dann das Quasi-Monopol.
HorstOttokar 31.01.2019
2.
Seitdem ich miterleben durfte, wie der TÜV Süd unser eigenes Unternehmen "geprüft" hat (= einen Blick ins SOP-Handbuch geworfen und dann das gut bezahlte Siegel vergeben), glaube ich denen gar nichts mehr. Auf Dauer werden die so ihrer eigenen Marke die Glaubwürdigkeit abgraben (und so ihr Geschäftsmodell verlieren).
karlo1952 31.01.2019
3. Der TÜV arbeitet bei solchen Prüfungen und
Untersuchungen wie jede andere Prüfungskommission auch: Wer bezahlt, dem ist man auch im Rahmen der Möglichkeiten wohlgesonnen. Denen geht es letztendlich auch um das Geschäft und den Umsatz. Das habe ich jahrelang bei der Prüfung unserer Produkte selbst feststellen können. Letztendlich ist auch der TÜV nicht unfehlbar.
loncaros 31.01.2019
4.
Tja, da gab es vor ein paar Jahren ein Urteil als jemand mit frischem TÜV einen Unfall wegen defekter Bremsen hatte, und der TÜV hier vor Gericht dann gewann. Ein TÜV sei keine Garantie dafür, dass das was der TÜV prüft auch funktioniert. wenn man sich daran gewöhnt hat, dass man so arbeiten kann, dann sollte man sich vielleicht nicht aus der deutschen Jurisdiktion heraustrauen...
cs01 31.01.2019
5.
Zitat von str.21.deGanz zu schweigen davon, dass dem TÜV mit seiner Expertise und millionenfachen Überprüfungen an PKWs es als allerersten hätte auffallen müssen, dass die Hersteller am Schummeln sind. Wurde da mal etwas gründlicher nachgeschaut? Nein. Hauptsache kassieren. Dann noch die TÜV-Siegel in den Webseiten, die ohne weiteres gehackt werden können... Pure Show und Geldmacherei, hoheitliche Aufgaben sichern dann das Quasi-Monopol.
Das wird aber im Rahmen der HU gar nicht untersucht.
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