Tödliche Schlammlawine in Brasilien TÜV Süd leitet hausinterne Untersuchung ein

In Brasilien starben Dutzende Menschen nach einem Dammbruch durch eine Schlammlawine. Der TÜV Süd steht in der Kritik, weil er das Bauwerk abgenommen hatte. Nun reagieren die Prüfer.

Bei dem Dammbruch zerstörte Brücke
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Bei dem Dammbruch zerstörte Brücke

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Der TÜV Süd stellt nach dem verheerenden Dammbruch in Brasilien alle Zertifizierungen von Abraumdämmen in dem Land bis auf Weiteres ein. Darüber hinaus führt das Münchner Prüfunternehmen nun im eigenen Haus Untersuchungen durch.

Brasilianische TÜV-Experten hatten die Dämme der Unglücksmine für sicher erklärt - obwohl sie offenbar frühzeitig massive Bedenken wegen des später geborstenen Abraumdamms hatten. Durch den Zusammenbruch und die darauffolgende Schlammlawine starben mehr als 160 Mitarbeiter, zwei TÜV-Mitarbeiter wurden verhaftet.

Es sei "inzwischen zweifelhaft", ob das bestehende brasilianische System zur Prüfung der Stabilität der Dämme zuverlässig sei und "Menschen und Umwelt angemessen vor den ernsten Risiken, die durch Abraumdämme entstehen, schützen kann", teilte das Münchner Prüfunternehmen nun mit. Angesichts dieser Sicherheitsbedenken habe die brasilianische TÜV-Süd-Tochter dem Minenbetreiber Vale mitgeteilt, dass sie keine weiteren Zertifikate und Berichte ausstellen könne, "bis eine gründliche Überprüfung des Systems abgeschlossen ist".

Video: Überwachungskamera filmt Dammbruch

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Der TÜV Süd hatte 2018 im Auftrag von Vale die Dämme an der Unglücksmine Córrego do Feijão geprüft. Im September wurde dem System die physische und hydraulische Sicherheit attestiert. Am 25. Januar dieses Jahres brach dennoch ein Abraumdamm; Arbeiter und Anwohner wurden unter Millionen Tonnen Schlamm begraben.

Brisante Gerichtsdokumente

Gerichtsdokumente zeigen, dass ein TÜV-Prüfer den Katastrophendamm schon Monate vor dem Unglück für unsicher hielt und dies seinen Kollegen mitteilte. Trotzdem attestierte der TÜV die Sicherheit der Anlage unter Auflagen. Offenbar fürchteten die TÜV-Leute, dass ihnen der Konzern Vale den Auftrag entziehen könne, sollten sie der Anlage nicht das verlangte Sicherheitszertifikat ausstellen.

Der TÜV-Süd führe nun "mit der Unterstützung eigener und externer Experten (...…) eine Untersuchung interner Prozesse sowie möglicher Ursachen für den Dammbruch in Brumadinho durch", teilte das Unternehmen mit. "Für TÜV Süd wäre es inakzeptabel, wenn Erklärungen entgegen besseren Wissens unterschrieben worden wären. Ein solches Verhalten würde gegen alle Regeln des Unternehmens sowie sein Selbstverständnis verstoßen."

Risiko weiterer Dammbrüche hoch

Brasiliens Regierung hatte am Montag angekündigt, die Sicherheitsvorschriften für Abraumdämme zu erhöhen. Sollten diese nicht erfüllt werden, müssten die Dämme bis spätestens 2021 geschlossen werden, hieß es.

Wie groß das Risiko weiterer Dammbrüche vor Ort ist, zeigen die vergangenen Tage. Laut brasilianischen Medienberichten wurden am Wochenende schon wieder Anwohner aus der Nähe einer Vale-Mine wegen Katastrophengefahr evakuiert. Demnach mussten Samstagnacht etwa 200 Einwohner der Gemeinde Macacos nahe der Großstadt Belo Horizonte wegen der Gefahr eines Dammbruchs ihre Häuser verlassen. Zwei Rückhaltebecken der Mine Mar Azul seien womöglich nicht ausreichend stabil, hieß es. Vale war sowohl der Eigner der Unglücksmine - wie auch Teilhaber einer anderen Eisenerzmine, deren Abraumdamm Ende 2015 geborsten war. Damals starben 17 Menschen im Giftschlamm.

Um die Betreuung der Evakuierten von Macacos kümmerte sich der milliardenschwere Minenkonzern Vale offensichtlich kaum. "Das Unternehmen hat den Betroffenen Hotelübernachtung, Verpflegung und eine sichere Unterkunft versprochen", sagt Regina Reinart, Brasilien-Referentin der Hilfsorganisation Misereor. Tatsächlich aber hätten viele Bewohner von Macacos die Nacht in einer Nachbarstadt im Regen verbringen müssen. Nur ein Teil von ihnen hätte eine Unterkunft in Gemeindezentren gefunden, und dort habe es nicht einmal Wasser gegeben.

Später sollten die Evakuierten zurückkehren. Doch auch am Montag blieb die Schule von Macacos laut einem Bericht des TV-Senders Globo geschlossen: weder Schüler noch Lehrer waren zum Unterricht erschienen.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
hpampel 19.02.2019
1. Nochmal
In Deutschland gibt es keine Korruption. Italien klar, Frankreich brauchen wir nicht drüber reden, Spanien selbstverständlich, aber doch in Deutschland. Hier geht alles bestens und rechtens zu. Das ist auch der Grund warum das Antikorruptionsgesetz noch nicht unterschrieben wurde, weil es hier sowas nicht gibt. Ist das jetzt endlich klar.
pr8kerl 19.02.2019
2. So ist es halt
In einer Kleiderfabrik in Asien verbrennen Dutzende Mitarbeiter, weil Brandschutz kein Thema ist. In Brasilien ersaufen Dutzende Menschen nach einem falschen Gutachten. In Deutschland? Viele Lebensmittelskandale. Zuletzt Betrug durch VW und Audi im Dieselskandal. Wo viel Geld zu verdienen ist, wo die Politik der Wirtschaft hörig ist, wo die Kontrolle versagt, gibt es leider Betrug durch milliardenschwere Konzerne.
three-horses 19.02.2019
3. Nicht zu Entschuldigen.
Zitat von hpampelIn Deutschland gibt es keine Korruption. Italien klar, Frankreich brauchen wir nicht drüber reden, Spanien selbstverständlich, aber doch in Deutschland. Hier geht alles bestens und rechtens zu. Das ist auch der Grund warum das Antikorruptionsgesetz noch nicht unterschrieben wurde, weil es hier sowas nicht gibt. Ist das jetzt endlich klar.
Was ich vermisse, sind die Vertreter der Gemeinden. Immerhin gab es schon so ein Vorfall. Ein Hinweis an die Öffentlichkeit, dann wäre der TÜV nicht mehr zu belangen. Aber so sind die schon mitschuldig. Da gibt es keine Ausrede mehr. Die haben schon gewusst was passiert. Und wann. Bald.
KaWeGoe 19.02.2019
4. Gutachterhaftung ist dringend notwendig !
Gutachter werden für ihre Gefälligkeits-Bescheinigungen fürstlich entlohnt. Und wenn etwas geschieht, kann man sie nicht haftbar machen. Das muss ein Ende haben ! Meiner Meinung nach müssen Gutachter mit ihrem persönlichem Vermögen und ihrer persönlicher Freiheit für die Inhalte ihrer Gutachten haften !
Hamberliner 19.02.2019
5. gloob ick nich
Auch ich arbeite bei einem Dienstleister, der häufig eine ähnliche Rolle wie der TÜV hinsichtlich technischer Großsysteme ausübt. Ich kenne das nicht, dass ein Kunde so unvernünftig wäre, einen unter Druck zu setzen dass man lügt. Das wäre auch sehr dumm. Der Kunde braucht ja die Zertifizierung für Dritte, sei es für seine Versicherung, sei es für Behörden, und wenn er unsere Galubwürdigkeit so untergraben würde, dann würden uns Versicherungsgesellschaften und Behörden nicht mehr anerkennen, dann wären weitere Zertifizierungen von uns für ihn wertlos. Klar bekommen Kunden schlechte Laune, wenn das Ergebnis entäuschend ausfällt, aber sie suchen die Schuld nicht bei dem, der die Mängel entdeckt, sondern bei dem, der sie verursacht hat: bei sich selbst. Dass man keine Behörde mit Hoheitsrechten ist, sondern als Dienstleister von dem bezahlt wird, dem man leider Mängel attestieren muss, tut dieser Glaubwürdigkeitskausalität keinen Abbruch. Dass VALE so unvernünftig gewesen sein soll, derlei Druck auszuüben, kann ich mir nicht vorstellen. Das hat sich wohl ein junger eingeschücherter überängstlicher TÜV-Süd-Mitarbeiter nur eingebildet.
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