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Turkish-Airlines-Chef Kotil: "Afrika wird das neue China"

Ein Interview von

Turkish Airlines ist der neue Angstgegner der Lufthansa: Keine Fluggesellschaft fliegt so viele Ziele an wie sie. Chef Temel Kotil über seine Wachstumsstrategie, warum es an Bord keinen Duty-Free-Shop gibt und sein Traumziel Somalia.

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Hasnain Kazim

Turkish-Airlines-Chef Kotil: "Istanbul rückt immer stärker in die Mitte"

An der Wand hinter dem Schreibtisch von Temel Kotil hängt eine Weltkarte. Dutzende rot-weiße Punkte sind über die Kontinente verteilt, viele kleine Logos der Fluggesellschaft Turkish Airlines. Kotil, 55, Luft- und Raumfahrtingenieur, ist seit 2005 Chef des Unternehmens. In seiner Amtszeit ist Turkish Airlines von einer kleinen, unbedeutenden Fluggesellschaft zu einem Global Player herangewachsen.

Kotil ist Luft- und Raumfahrtingenieur. Er hat in Istanbul und in den USA studiert - und ein Studienangebot in Leipzig ausgeschlagen. "Wegen meiner fehlenden Deutschkenntnisse", sagt er. Kotil stammt aus Rize, von der türkischen Schwarzmeerküste. "Da kommt der türkische Tee her." Er überlegt und merkt an: "Den könnte man sehr viel besser vermarkten." Ein Produkt richtig zu verkaufen, sei "eine Kunst".

2003 wurde Kotil Technik-Chef von Turkish Airlines, zwei Jahre später rückte er an die Konzernspitze auf. Seither geht es aufwärts: Passagierdaten, Größe der Flotte, Umsatz, Gewinn. Inzwischen fliegt Turkish Airlines so viele Ziele in der Welt an wie keine andere Fluggesellschaft: 276. Das Unternehmen will weiter wachsen, in einer Branche, in der viele Airlines ums Überleben kämpfen und sich vor Übernahmen fürchten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kotil, Turkish Airlines wächst und wächst. Wie machen Sie das?

Kotil: Es ist eigentlich ganz einfach: Wir arbeiten hart. Die vergangenen zehn Jahre waren anstrengend, aber es hat sich gelohnt. Für meine Mitarbeiter ist das eine wichtige Erfahrung: Wenn man lange genug an eine Sache glaubt und hart dafür arbeitet, stellt sich der Erfolg irgendwann ein.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen greift der türkische Staat unter die Arme, er verzerrt den Wettbewerb. Das wirft Ihnen die europäische Konkurrenz vor, unter anderem die Lufthansa.

Kotil: Wir sind seit 2006 kein Staatsunternehmen mehr. Der Staat hat zwar noch einen Anteil von 49 Prozent, aber Turkish Airlines wird zu hundert Prozent privat geführt. Staatliche Einmischung, auch in Form von Hilfe, ist Gift für den Erfolg. Sie zerstört den unternehmerischen Geist.

SPIEGEL ONLINE: An Ihrem Drehkreuz in Istanbul gibt es kein Nachtflugverbot, Steuern und Gebühren sind niedrig. Was ist das anderes als staatliche Hilfe?

Kotil: Der Staat schafft günstige Rahmenbedingungen. Die Bedingungen gelten für alle Airlines, die die Türkei anfliegen. Und es steht allen anderen Ländern frei, eine ebenfalls kluge Politik zu machen. London-Heathrow zum Beispiel könnte das Drehkreuz für Transatlantikflüge werden.

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihnen sind zudem die Lohnkosten deutlich niedriger als bei den Wettbewerbern.

Kotil: Das stimmt nicht ganz. Luftfahrt ist ein internationales Geschäft. Wir wachsen stark und suchen Personal, daher müssen wir uns dem internationalen Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt stellen. Unsere Piloten werden nicht schlechter bezahlt als die anderer großer Airlines. Aber gemessen am Passagieraufkommen sind unsere Lohnkosten niedriger. Und das spiegelt die Effizienz unseres Unternehmens wider.

SPIEGEL ONLINE: Sie fliegen so viele internationale Ziele an wie keine andere Fluggesellschaft. Wollen Sie trotzdem auch bei der Zahl der Ziele weiter expandieren?

Kotil: Mein Lieblingsprojekt ist Afrika: Afrika ist die Zukunft, Afrika wird das neue China. Es wird ein Paradies in der Nachbarschaft von Europa: 1,2 Milliarden Menschen, mehr Rohstoffe als in China, eine riesige Chance. Viele haben das aber noch nicht verstanden. Kennen Sie Luanda, die Hauptstadt von Angola? Da gibt es den besten Kaffee der Welt. Oder Mogadischu, Somalia: die besten Mangos und Wassermelonen, das ganze Jahr über!

SPIEGEL ONLINE: Was macht Afrika für Sie so interessant?

Kotil: Früher gab es dort vor allem zwei Gruppen von Menschen: eine sehr kleine, aber extrem reiche Elite, und die große, arme Masse. Weil nur wenige Menschen fliegen konnten, war das Flugangebot gering und waren die Ticketpreise hoch. Wir haben gesagt: Wir müssen häufiger fliegen und dafür die Preise senken. Das macht Sinn, weil sich die afrikanische Gesellschaft verändert und eine wirtschaftlich solide Mittelschicht heranwächst.

SPIEGEL ONLINE: Und nun bieten Sie Flüge nach Mogadischu an?

Kotil: Ja, täglich. Wir sind die einzige internationale Fluggesellschaft, die überhaupt nach Somalia fliegt. Ein türkisches Unternehmen hat dort ein sehr schönes Terminal gebaut. Nun reisen immer mehr Geschäftsleute dorthin.

SPIEGEL ONLINE: Turkish Airlines auf Afrika-Eroberungstour?

Kotil: Wir wollen Geld verdienen, nur darum geht es. Somalia ist hochprofitabel für uns. China und Saudi-Arabien haben Afrika ebenfalls für sich entdeckt. Die Chinesen bauen dort viel, bleiben aber unter sich. Die Saudis kaufen alles Mögliche auf. Wir hingegen sind vor Ort und suchen den Kontakt zu den Einheimischen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie groß ist der Einfluss der türkischen Regierung in Afrika?

Kotil: Sie hat auch hier dafür gesorgt, dass wir gute Rahmenbedingungen haben. Ihre Kontakte haben geholfen, dass ich direkten Zugang zum Präsidenten von Somalia bekomme. Als ich darum bat, dass wir unsere eigenen Sicherheitsleute vor Ort brauchen, war das kein Problem. Jetzt kümmert sich ein privater türkischer Sicherheitsdienst in Somalia um Turkish Airlines.

SPIEGEL ONLINE: Rechnet sich das immer weiter wachsende Netz für Sie?

Kotil: Boston zum Beispiel wäre nicht profitabel, wenn wir nur Passagiere von und nach Istanbul hätten. Aber wir setzen auf Istanbul als Drehkreuz. Nun fliegen also Menschen aus China, Indien, Pakistan und Iran über Istanbul nach Boston und zurück. Weil wir auf Transitpassagiere setzen, ist jedes einzelne Ziel profitabel. Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu wachsen: Wir steuern zwar die meisten Orte in der Welt an, sind aber, was Kapazitäten und Gewinn angeht, auf Platz 13. Das ist ein Missverhältnis. Wir brauchen also mehr Flüge.

SPIEGEL ONLINE: Sie fliegen auch mehr Städte in Deutschland an als jede andere Fluggesellschaft, selbst als die Lufthansa.

Kotil: Wir dürfen in Deutschland so viele Ziele anfliegen, wie wir möchten. Und das tun wir. Natürlich dürfen wir keine innerdeutschen Verbindungen anbieten. Aber von Istanbul aus können wir alles ansteuern, ob Friedrichshafen oder Hannover, neuerdings auch Karlsruhe/Baden-Baden. Das tun wir, weil in Deutschland viele Türken leben. Andere europäische Airlines könnten ja ebenso viele oder noch mehr Ziele in der Türkei anfliegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie denken Sie über Billig-Airlines?

Kotil: Die europäischen Fluggesellschaften bedienen nur noch die hochprofitablen Strecken und geben alles andere an ihre Low-Cost-Töchter ab. Aber was macht das für einen Eindruck auf die Passagiere? Was denken sie, wenn man für ein Brötchen oder ein Getränk Geld zahlen muss? Hier spart die Konkurrenz an der falschen Stelle. Wir haben in der Wirtschaftskrise 2009 unsere Ausgaben für das Essen sogar erhöht. Passagiere merken so etwas. Bei uns gibt es auch keinen Duty-Free-Shop an Bord, weil ich nicht möchte, dass unsere Passagiere während des Flugs ihre Geldbörse zücken und unser Kabinenpersonal die Rolle des Verkäufers einnehmen muss.

SPIEGEL ONLINE: Manche Passagiere kritisieren, dass Sie auf innertürkischen Flügen und auf manchen internationalen Strecken keinen Alkohol ausschenken. Was antworten Sie denen?

Kotil: Wir haben keine Tabus. Aber wir müssen doch berücksichtigen, was unsere Passagiere wünschen. Und in manchen Ländern ist es eben so, dass die große Mehrheit Alkohol ablehnt. Auf den Flügen nach Somalia bieten wir zum Beispiel keine alkoholischen Getränke an, nach Saudi-Arabien selbstverständlich auch nicht. Das hat etwas mit Respekt zu tun.

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insgesamt 112 Beiträge
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1. Respekt
DrStrom66 19.06.2015
jemand der Weitsicht besitzt und dann noch respektvoll agiert
2. Turkish - Airlines
o.winkelmann 19.06.2015
hat ja auch keine Lufthansa-Piloten zu versorgen. Es erfreut mich, wie diese hochnäsige Kaste allmählich merkt, welchen Ast sie absägt.
3. Ja, ja: Er ist Luft- und Raumfahrtingenieur.
thelinguist 19.06.2015
Kotil, 55, Luft- und Raumfahrtingenieur, ist seit 2005 Chef des Unternehmens. [...] Kotil ist Luft- und Raumfahrtingenieur.
4. leider bleibt afrika afrika
muttisbester 19.06.2015
es ist nicht china, kein anderes land wird jemals wie china werden. die kultur, die gesellschaft, die sprache und millionen anderer faktoren haben china erfolgreich gemacht. weder indien, russland, südamerika noch afrika werden so erfolgreich wie china. auch europa und nordamerika nicht.
5. Gut gemacht!
qewr 19.06.2015
Viel Erfolg, Turkish Airlines!
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