Kurssturz an der Wall Street Börse stutzt Twitter die Flügel

Die Erwartungen waren hoch: Nach der furiosen Börsenpremiere hat Twitter jetzt seine ersten Geschäftszahlen vorgelegt - doch die enttäuschten die Wall Street. Denn das Wachstum hat sich stark verlangsamt, die Aktie stürzte steil ab.

Von , New York

Erste Twitter-Bilanz: Enttäuschte Erwartungen
AFP

Erste Twitter-Bilanz: Enttäuschte Erwartungen


Wo ist Jack Dorsey? Twitters streitbarer Miterfinder und Chairman war selbst lange einer der aktivsten Nutzer, seit er am 21. März 2006 die allererste Kurznachricht schickte: "Just setting up my twttr." Fast täglich folgten neue Tweets. Doch vor vier Wochen verstummte das virtuelle Alter Ego. Seither rätseln viele darüber, an der Wall Street wie im Silicon Valley.

Das Rätsel wurde auch am Mittwochabend nicht gelöst, als Twitter seine ersten Geschäftzahlen seit dem furiosen Börsengang im November bekanntgab. Die einstündige Schaltkonferenz mit den Tech-Analysten übernahm vielmehr Konzernboss Dick Costolo, flankiert von Finanzchef Mike Gupta. Vom Ex-Posterboy Dorsey keine Spur - und kein Wort.

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Es gab aber auch Wichtigeres. Gespannt gierte die Wall Street nach ersten greifbaren Ergebnissen, nachdem Twitters Börsenpremiere doch so hohe - und wohl zu hohe - Erwartungen geweckt hatte. Kann das soziale Netzwerk auch wirklich Gewinn machen? Wie viele neue Nutzer kann es und muss es gewinnen? Ist die Aktie überbewertet?

Ernüchterung war programmiert. Und so kam es denn auch: Zwar explodierte Twitters Umsatz im letzten Quartal 2013 um 166 Prozent auf 243 Millionen Dollar und fürs Gesamtjahr um 110 Prozent auf 665 Millionen Dollar. Doch diese guten Nachrichten, die die Prognosen der Analysten übertrafen, verblassten binnen Sekunden, als eine andere Zahlenkolonne über die Ticker flimmerte.

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Denn da vermeldete Twitter fürs letzte Quartal 241 Millionen Nutzer. Das klingt auf den ersten Blick viel. Doch waren das nur neun Millionen mehr als im Quartal zuvor, ein anämischer Anstieg von gerade mal 3,8 Prozent - trotz der tollen Schlagzeilen jener Wochen. In den USA kamen gerade mal eine Million hinzu. Im dritten Quartal hatte Twitter noch 14 Millionen neue Nutzer gewonnen.

Im Klartext: Damit hat sich Twitters Wachstum dramatisch abgebremst. Dabei braucht Twitter Größe, um mit seinem spartanischen Werbeangebot Geld zu verdienen. Es ist seine wichtigste Einnahmquelle: Von den 243 Millionen Dollar Quartalsumsatz kamen 220 Millionen Dollar direkt aus der Werbung - und 75 Prozent davon aus mobiler Werbung.

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Eine weitere Hiobsbotschaft versteckte sich im Kleingedruckten: Auch die Zahl der Timeline Views - die für Werbekunden wichtige Messlatte des Nutzer-Engagements - brach erstmals ein, von 159 auf 148 Milliarden. Sprich: Die Nutzer gucken nicht mehr so viel hin. Auch das mögen die Werber ungern.

Damit brachen gleich zwei Säulen der Twitter-Erfolgsstrategie ein. Hatte die doch geheißen: Erst mal schaffen wir ein Millionenheer aus immer mehr Nutzern weltweit und bringen die dann dazu, immer öfter und immer länger hinzuschauen. Der Gewinn wird dann schon kommen.

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Twitter versuchte das zu kaschieren, indem es die Börsianer an allen Fronten auf Trab hielt - mit Grafiken, Zahlen, Tweets, auf seiner Website, in seinem Twitter-Feed, in einem speziellen Feed der Abteilung Investor Relations. Es half nichts: Noch bevor Costolos nachbörsliche Schaltkonferenz begonnen hatte, stürzte die Aktie ab - schließlich um bis zu 16,5 Prozent, was Twitters Marktwert um rund 600 Millionen Dollar reduzierte.

Ein klares Urteil: Nach dem Höhenflug der vergangenen Monate stutzt die Wall Street Twitter die Flügel. "Twitters Wachstumsmaschine verliert an Schwung", deklarierte das "Wall Street Journal". "Seine Nutzer verlieren das Interesse." Das hallte bis nach San Francisco.

Costolo bemühte sich sofort um Schadensbegrenzung. Aufgekratzt rührte er zunächst noch mal die Werbetrommel, pries Twitter als weltweit "einzigartige Plattform", erinnerte an die großen Twitter-Momente der letzten Monate. Und dann kam er zum Problem: "Nutzerwachstum".

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"Wir werden uns 2014 noch mehr anstrengen, um das Wachstum unserer Nutzerbasis zu beschleunigen", versprach er. Twitter habe viele Innovationen und "Initiativen" geplant, vor allem um nutzerfreundlicher zu werden. Das Ziel: Man wolle "jede Person auf dem Planeten erreichen".

Die Wall Street blieb kühl. Wieder und wieder fragten die Analysten nach dem schrumpfenden Wachstum. Bis Costolo schließlich im Kreis redete und sich nur noch wiederholte: Er habe einen "sehr, sehr klaren Plan".

Und vielleicht lüftete sich so auch das Rätsel um den plötzlich Twitter-scheuen Twitter-Ziehvater Jack Dorsey ein bisschen.



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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
andreasm.bn 06.02.2014
1. das wird wohl erst der Anfang....
des Absturzes sein. Schwachsinniges Geschäftsmodell genau wie Fratzebuch. In 3-4 Jahren spricht da keiner mehr drüber, genau wie über StudiVZ, WKW, stayfriends + + +
madeva 06.02.2014
2. Und wen interessiert das wirklich ?
Tut mir wirklich leid, aber wenn das unsere größten Probleme sind und das Geld einsammeln und horten wichtiger ist als unsere Infrastrukturen und die sich immer mehr verschlechternden Lebens- und Arbeits-bedingungen von so vielen Menschen auf diesem Planeten zu verbessern, dann sollte mal darüber nachgedacht werden, ob die Funktion der Börsen weltweit nicht verändert werden sollte - hin zur finanziellen Beteiligung an den Schäden die dadurch Staaten, Umwelt und Menschen zugefügt werden. Mit besten Grüssen und Wünschen für die Zukunft und ein Ende der Gier ....
sw-grisu 06.02.2014
3. und Tschüss.
Den Sinn dieses Unsinns habe ich bis heute nicht verstanden. Und ich bin einer der sich beruflich mit neuen Medien (für die Industrie) beschäftigt. Bewundert habe ich immer wie es Twitter gelang sich Platz in den Medien zu verschaffen. Teilweise hatte man den Eindruck, dass Twitter größer, wichtiger, innovativer, was auch immer sonst noch sei als Google, Facebook und co. Die Medien wiederum sollten daraus lernen, dass sich Menschen doch nicht so leicht beeiflussen lassen, sondern sehr wohl zwischen Nutz und Unnutz unterscheiden können. Wie sonst lassen sich so geringe Nutzerzahlen erklären. Gefährlich finde ich, dass dem gemeinen Leser, auch hier bei SPON, Twitter Meldungen als repräsentativ und meinungsbildend vorgesetzt; sowie als journalistische Arbeit verkauft werden.
kannseinaber 06.02.2014
4.
Der Kaiser ... nackt? Kann es sein? Nein! Oder doch?
fatherted98 06.02.2014
5. Wer nach...
...dem Absturz des neuen Marktes damals nichts gelernt hat, wirds wohl nimmer lernen...Internet Firmen sind aufgeblaehte Blasen, ohne Anlagevermoegen. Bueros und Computer sind meist geleast...am Ende ist nix mehr da als eine Idee die keiner mehr will....sowas ist halt nur bedingt was wert...meist gar nix.
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