Strategie in Deutschland So will Uber mobil machen

Uber gibt sich geschlagen: In Deutschland hakt der Konzern seine Strategie endgültig ab, Taxifahrten durch Privatleute zu vermitteln - und setzt seine Hoffnung auf Mitfahrdienste mit Profi-Chauffeuren. Von Kristina Gnirke und Christoph Stockburger


App des Fahrtenvermittlers Uber in München
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App des Fahrtenvermittlers Uber in München

So erfolgreich Uber in den USA ist, so sehr ist der Konzern zum Hassobjekt vor allem der Taxigilde in Europa geworden. Uber-Gründer Travis Kalanick, der schon mal den "Gegner" Taxi als "Arschloch" bezeichnet, heizte die Stimmung zusätzlich auf.

Taxifirmen, die ihre Pfründe bedroht sehen, klagten gegen Uber. In Deutschland, Italien, Frankreich und weiteren Ländern haben Gerichte das Privatfahrer-Angebot UberPop verboten. Im Juni befand etwa das Frankfurter Oberlandesgericht, der Dienst verstoße gegen das Personenbeförderungsgesetz, weil Privatfahrer dessen Anforderungen nicht erfüllten.

Nun versucht Uber in Deutschland also einen Neustart mit Mitfahrdiensten. Das Kapitel Privat-Chauffeure ist offenbar abgehakt. Deutschland-Chef Christian Freese plant stattdessen, Uber im hiesigen Markt allein durch Profifahrer zu etablieren. Er legt seine Hoffnungen auf UberPool - einen Mitfahrdienst in Städten, bei dem sich mehrere Kunden die Fahrten teilen. "Wir sind komplett umgeschwenkt und haben uns entschieden, in Deutschland nur noch auf professionelle Fahrer zu setzen", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Mit dem Mitfahrkonzept soll sich Uber zwar etwas von den Angeboten normaler Taxifirmen unterscheiden. Doch die Probleme bleiben die alten - denn die rechtlichen Hürden sind auch bei UberPool hoch. Wo liegen die Chancen, wo die Risiken?

Uber hat sich in Europa verkalkuliert. Aufgrund der vielen Probleme musste der Konzern seine Gewinnziele kassieren. "Wir haben in Europa ein bis zwei Jahre auf dem Weg zu unserem ersten Gewinn verloren", sagte Uber-Manager Freese zu SPIEGEL ONLINE. Seinen Angaben zufolge arbeitet Uber in weiten Teilen Europas profitabel. In Deutschland sei das Ziel aber noch entfernt.

Angesichts der Goldgräberstimmung, die die Uber-App in den USA ausgelöst hatte, wollte das 2009 gegründete Start-up aus Kalifornien auch das Ausland im Sturm erobern. "In der Anfangszeit von Uber schien alles möglich, es herrschte eine riesige Euphorie. Davon hat man sich mittragen lassen", sagte Freese. Doch Uber findet bislang keine Lücke, um in den europäischen Markt vorzustoßen.

Zwar hat das Unternehmen das Interesse vieler Investoren geweckt und wird aktuell mit mittlerweile mehr als 68 Milliarden US-Dollar bewertet, doch längst gibt es zahlreiche Konkurrenten: Der US-Rivale Lyft, der chinesische Anbieter Didi Chuxing oder die gerade vom VW-Konzern übernommene App Gett gewinnen zunehmend Kunden und Investoren. Umso wichtiger ist für Uber ein Erfolg auch in Europa.

Ob der Plan mit UberPool aufgeht, ist ungewiss. Denn das Angebot an professionellen Fahrern reicht nicht aus. "Es ist wahnsinnig schwer, neue Mietwagenfahrer zu gewinnen", sagte Freese. Uber braucht ein engmaschiges Netz von Profifahrern, damit mehrere Fahrten effizient zu einer zusammengefasst werden können.

Dieses Manko spürt Uber bereits bei seinem Chauffeurdienst UberX. Professionelle Mietwagenfahrer bieten dort Fahrten ähnlich denen von Taxis an - seit Mai 2015 in München, seit Juni dieses Jahres in Berlin. Einstige Pläne, UberX in Düsseldorf, Hamburg und Frankfurt anzubieten, liegen aufgrund der Probleme auf Eis.

Die hohen Anforderungen an professionelle Fahrer halten Interessenten ab. "Die Hürden, um Fahrer zu werden, sind weit überzogen", findet Freese, die Gesetze hätten sich überlebt. Von Profifahrern wird eine Ortskenntnisprüfung verlangt, obwohl sie heute Navigationssysteme nutzten. Mietwagenunternehmer müssten nach jeder Fahrt an ihren Betriebssitz zurückkehren, was Fahrern von Taxis aufgrund ihrer anderen Konzession als Teil des öffentlichen Nahverkehrs nicht abverlangt werde.

In London gelinge es, sich in sechs Wochen als Mietwagenunternehmer selbstständig zu machen, in Deutschland dauere es sechs Monate, kritisierte Freese. Er pokert um leichteren Marktzutritt mit Industrie- und Handelskammern, Politikern und Nahverkehrsbetrieben. Ein schwieriges Unterfangen.

Auch Autoexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch Gladbach nennt das Personenbeförderungsgesetz "antiquiert und innovationshemmend". Deutschland verspiele hier eine Chance, er sehe den Bedarf einer Reform, so Bratzel. "Die Taxibranche ist ein Imperium, das sich abgeschirmt hat von Konkurrenz."

Selbst wenn es Freese gelingt, genügend Mietwagenfahrer zu gewinnen, muss er eine weitere rechtliche Hürde nehmen: Ein Angebot zum Teilen von Fahrten ist in Deutschland verboten. Für UberPool muss der US-Konzern daher in jeder Stadt Ausnahmegenehmigungen erwirken.

Trotz der Hemmnisse sieht der US-Konzern in UberPool eine Chance. Das Teilen von Fahrzeugen werde ein Trend, sagte Freese. "Wir sehen hier ein großes Potenzial." Noch stehe Uber hier am Start: Erst in 33 Städten werde UberPool angeboten - obwohl der Vermittler in mehr als 450 Städten aktiv ist. Uber hofft sich zu differenzieren, indem die eigene App in Echtzeit freie Fahrkapazitäten anzeigt und durch gute Koordination einen schnellen Zustieg neuer Fahrgäste ermöglicht.

Den Vorteil der Fahrtenvermittler will Uber hierbei nutzen: Die höhere Auslastung der Wagen soll günstigere Preise möglich machen. "Ein Taxi ist nur zu 28 Prozent ausgelastet im Schnitt, wir kommen auf 70 bis 80 Prozent. Dadurch generieren wir einen Produktivitätsgewinn."

So unklar die Chancen von Uber in Deutschland sind, Autohersteller nehmen die Fahrtenvermittler ernst. Stehen preiswerte Mitfahrdienste parat, brauchen weniger Menschen ein Auto. Als Daimler-Chef Dieter Zetsche und Uber-Gründer Travis Kalanick kürzlich gemeinsam bei einer Konferenz in Berlin auf der Bühne standen, wurde das Treffen wie ein Showdown inszeniert: Die Manager fuhren in einem umgebauten Trabbi-Cabrio zum "Rocky"-Soundtrack "Eye oft the Tiger" in die Halle. Laut Zetsche gingen beide als "Frenemies" auseinander - eine Mischung aus Freund und Feind.

Tatsächlich könnten Start-Ups wie Uber und Konzerne wie Daimler voneinander profitieren, etwa bei dem zentralen Anliegen, die rechtlichen Grundlagen für das Geschäftsmodell von Taxi-Fahrgemeinschaften zu verändern. Daimler prüft derzeit einen Einstieg in diesen Markt, mit Mytaxi haben die Stuttgarter schon ein passendes Unternehmen im Portfolio. Mit den Herstellern Toyota und Opel ist Uber sogar schon eine vertriebliche Kooperation eingegangen: Uber-Fahrer bekommen Rabatte auf einige Modelle dieser Marken.

Deutschland-Chef Freese sieht zudem eine Chance, gemeinsam autonom fahrende Autos zu entwickeln. Die Kalifornier investieren stark in diese Zukunftstechnik, in Pittsburgh hat Uber-Gründer Kalanick ein Labor dafür errichten lassen. Der Vorstoß ist nachvollziehbar: Bis die Autos allein fahren, wird es Jahrzehnte dauern - aber dann hätte sich Ubers Problem des Fahrermangels erledigt.

SPIEGEL.TV (21.1.2015)
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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
jujo 21.07.2016
1. ...
So wie ich es es verstehe will UBER in D so eine Art "collectivo" (Sammletaxi) einrichten. Z.B. vom Flughafen in das Stadtzentrum das Auto auffüllen, jeder zahlt. Die normale Taxe fährt in der Regel 1 bis 2 Personen. Für den Verkehr und die Umwelt ist das UBER Angebot besser? die soziale Situation ist für die UBER Fahrer wohl ebenso schlecht wie für den Taxifahrer.
sail118 21.07.2016
2. Standort Deutschland
Wieder einmal ist eine gute, in vielen Ländern funktionierende und für den Kunden positive Idee(insbesondere finanziell) an unserer typisch deutschen Mischung aus Technikfeindlichkeit, Ignoranz, unbegründetem Festhalten an überkommenen Strukturen, Innovationsfeindlichkeit, Zunftwesen und Bürokratie gescheitert. Viele deutsche Taxifahrer werden ihr Geschäftsmodell damit auch nicht retten (Unfreundlichkeit, Überteuerung, ungepflegte Wagen etc)
Matzimaus 21.07.2016
3. Überkommene Strukturen
Zitat von sail118Wieder einmal ist eine gute, in vielen Ländern funktionierende und für den Kunden positive Idee(insbesondere finanziell) an unserer typisch deutschen Mischung aus Technikfeindlichkeit, Ignoranz, unbegründetem Festhalten an überkommenen Strukturen, Innovationsfeindlichkeit, Zunftwesen und Bürokratie gescheitert. Viele deutsche Taxifahrer werden ihr Geschäftsmodell damit auch nicht retten (Unfreundlichkeit, Überteuerung, ungepflegte Wagen etc)
Genau: weg mit diesen überkommenen Strukturen. Wo kommen wir denn hn, wenn gewerbliche Taxifahrer orderntliche Steuern, Sozialabgaben und Versicherungszahlungen leisten? Über mag ja durch seine App eine Lücke für technikaffine Kunden gefunden haben, aber am Ende ist es lediglich eien Variante des Taxigewerbes ohne dessen Bestimmungen. Und für alle Sozialleistungen darf dann die Solidargemeinschaft haften: Arbeitslosigkeit? ab ins ALG II. Verunfallung eines Passagiers? Pech, muss halt die Krankenkasse und damit die Allgemeinheit übernehmen. Kann man beliebig weiter deklinieren.
theanalyzer 21.07.2016
4. Das passt nicht mehr in die Welt!
Regulierungswahn, Lizenzen, Mindestlöhne, Zugangsbeschränkungen zu Märkten - all das ist leider im Moment Deutschland. Und all das passt nicht mehr in die Welt.
mr.andersson 21.07.2016
5.
Zitat von sail118Wieder einmal ist eine gute, in vielen Ländern funktionierende und für den Kunden positive Idee(insbesondere finanziell) an unserer typisch deutschen Mischung aus Technikfeindlichkeit, Ignoranz, unbegründetem Festhalten an überkommenen Strukturen, Innovationsfeindlichkeit, Zunftwesen und Bürokratie gescheitert. Viele deutsche Taxifahrer werden ihr Geschäftsmodell damit auch nicht retten (Unfreundlichkeit, Überteuerung, ungepflegte Wagen etc)
Mit welchen Worten man sich das endgültige verknechten der Fahrer schön reden kann, ist immer wieder faszinierend. Taxifahrer verdienen jetzt schon kaum genug zum leben, aber irgendjemand findet sich schon, den man noch weiter drücken kann, richtig? Bitte? Einmal die Woche Fleisch auf dem Teller? Da geht doch noch was. Und wenn die Arbeitsschutzgesetze das verbiete, erkläre ich halt alle für Technologiefeindlich und schwärme von den Ländern, wo Menschen mit 2 Jobs nicht genug Geld für eine Mietwohnung zusammen bekommen.
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