Verurteilter UBS-Zocker Kweku Adoboli: "Ich bin ein sozialer Aufsteiger"

Von Sebastian Borger, London

Ex-UBS-Händler Kweku Adoboli: Früher ein Star, heute im Gefängnis Zur Großansicht
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Ex-UBS-Händler Kweku Adoboli: Früher ein Star, heute im Gefängnis

Kweku Adoboli war bei der UBS in London jahrelang ein gefeierter Wertpapierhändler - bis seine gigantischen Verluste aufflogen. Kürzlich hat er seinen 33. Geburtstag gefeiert, im Gefängnis. Eine Annäherung an den früheren Star einer Branche, deren Fehlverhalten bis heute die Gesellschaft prägt.

Er sieht müde aus. Kweku Adoboli steht täglich um 5 Uhr auf, weil das gute Programm der BBC-Weltnachrichten nach 6 Uhr dem Frühstücksfernsehen mit all seinen Banalitäten weichen muss. Das mag er nicht. Jetzt, an diesem Freitagnachmittag gegen 14 Uhr, ist mehr als die Hälfte seines Tages schon vorbei. Normalerweise nimmt er jetzt an der Chorprobe teil. Extra für meinen Besuch lässt er sie heute sausen. Das sei schon in Ordnung so, sagt er: "Ich will ja nicht institutionalisiert werden."

Sieben Monate sind seit Adobolis Verurteilung vergangen, die meiste Zeit davon hat er im Gefängnis The Verne verbracht, hoch über dem Ärmelkanal. Fast drei Stunden dauert die Fahrt von London, frische Seeluft füllt die Lungen. Beim netten Schließer muss ich alles abgeben, was ich nicht direkt am Körper trage - Taschen, Stifte, Notizbücher, natürlich auch das Mobiltelefon. Es folgen Metallschleusen und Abtasten, wie auf einem Flughafen mit ungewöhnlich sorgsamem Sicherheitspersonal. Mit anderen Besuchern gelange ich über eine Treppe in den Saal, wo kleine Sitzgruppen mit Plastikgestühl für je vier Personen auf uns warten.

In einer Ecke serviert ein netter junger Mann Kaffee und Tee, dazu trockene Kekse. Mir wird diesmal die Sitzgruppe 36 zugewiesen, die ich zunächst gar nicht finden kann. Das liegt daran, dass der Tisch am Rand steht, mit weichen Polstersesseln. Ja, sagt Adoboli, als er fünf Minuten später kommt, und lacht ironisch: "Ich bin ein sozialer Aufsteiger."

Adoboli ist überzeugt, nicht kriminell gehandelt zu haben

The Verne ist ein Gefängnis der Kategorie C mit vergleichsweise großzügigen Bedingungen für mehr als 500 zu längeren Haftstrafen Verurteilte. Hier lebt seit einigen Monaten jener junge Mann, der vor zwei Jahren mit seinen Geschäften in London die größte Bank der Schweiz, die UBS, an den Rand des Ruins trieb. 2,3 Milliarden Dollar Verlust gingen auf sein Konto, der größte illegale Handelsverlust der britischen Börsengeschichte. Adoboli wurde deshalb im vergangenen November zu sieben Jahren Haft verurteilt, wegen "Betrugs durch Missbrauch einer Vertrauensposition".

Dass ihn die Geschworenen gleichzeitig vom Vorwurf der Bilanzfälschung freisprachen, interpretiere ich als schwere Demütigung für die UBS - Gewissheit gibt es nicht, weil die Jury niemals Erklärungen abgibt. Aber der einstige Star-Trader hatte im Prozess freimütig zugegeben, dass er eine Schattenbuchhaltung führte. Sein ausgeklügeltes System von Luftbuchungen, Überschreitung seiner Handelslimits und Terminmissachtung brachte der Bank gut zwei Jahre lang hohen Gewinn. Merkwürdigerweise fiel deren Revisoren die Missachtung aller Regeln erst auf, als Adoboli noch höheren Verlust machte.

Mich hat an Adoboli von Anfang an vor allem interessiert, was dieser Fall über seine Branche und unsere Gesellschaft aussagt. Der verurteilte Betrüger selbst ist bis heute der Überzeugung, nicht kriminell gehandelt zu haben. Der Strafprozess im vergangenen Herbst vermittelte tiefe Einblicke in die Welt einer Investmentbank. Die City of London, der wichtigste internationale Finanzplatz der Welt, steckt voller Leute, die - völlig legitim - möglichst rasch möglichst viel Geld verdienen wollen. Ein Verantwortungsgefühl für die weitere Gesellschaft kennen sie nicht.

"Die UBS war doch meine Familie"

Adoboli wirkte nicht nur auf mich anders: als einziger Sohn geprägt von tiefem Verantwortungsgefühl für seine westafrikanische Familie, umgeben von einem treuen Freundeskreis, höflich und zuvorkommend gegenüber seiner Umwelt. In seiner Aussage vor Gericht hatte er stets betont, wie wichtig ihm die Arbeit für die Großbank gewesen war. "Die UBS war doch meine Familie. Ich lebte nur für die Arbeit."

Dieser Gegensatz beschäftigte mich. Er war wohl auch der Grund, warum ich eines Nachmittags nach Verhandlungsende auf den Beschuldigten zusteuerte. Ich stellte ihm die Frage, die mich schon seit Wochen beschäftigt hatte: "How could you?" - Wie konnten Sie nur?

Meine Frage zielte gar nicht auf den Milliardenverlust - Adoboli hatte gegen geltendes Recht und Gesetz verstoßen, an seiner Verurteilung hegte ich keinen Zweifel. Mich beschäftigte etwas anderes: Warum hatte dieser vielfach begabte Mann sein Glück ausgerechnet in der Finanzwelt gesucht? Warum war er auch im Prozess noch immer nicht in der Lage, sich dem nahezu sektenhaften Jargon der City-Zocker zu entziehen?

Am Ende wusste er nicht mehr, was richtig und was falsch war

Zu viele kluge, hervorragend ausgebildete, sozial kompetente junge Leute wie Adoboli sind in den vergangenen Jahrzehnten in einer Branche verschwunden, in der es zu viele Glücksspieler und zu wenig Aufsicht gab und gibt. Das ist schlecht für die Gesellschaft und häufig unheilvoll für die Betroffenen, gerade für die sensibleren unter ihnen. Im Prozess gegen Adoboli deutete manches darauf hin, dass der UBS-Angestellte in den Wochen, bevor sein Milliardenverlust bekannt wurde, einem Zusammenbruch sehr nahe war.

Im Ballsaal des globalen Casinokapitalismus, mitten in der City of London, konnte ein entwurzelter, vom Glamour des großen Geldes geblendeter junger Mann jahrelang eine Schattenbuchhaltung führen in einem Unternehmen, das ihm Ersatzfamilie geworden war. Am Ende, nach jahrelangen Falschbuchungen, hohen Gewinnen und noch viel gigantischeren Verlusten, wusste Adoboli nicht mehr, was richtig und was falsch war. Vieles spricht dafür, dass dies für seine Bank sowie das riskante Ende des Investmentbankgeschäfts insgesamt gilt.

Als ich ihm von meiner Buchidee berichtete, sagte er sofort seine Hilfe zu, ohne jemals Einfluss auf das Manuskript zu verlangen. Er beantwortete eine lange Liste meiner Fragen ausführlich, einmal sogar mit einem 30-seitigen Schriftsatz. So ist das Psychogramm eines Mannes entstanden, aber auch das Porträt eines Unternehmens mit spannenden Wurzeln und tiefsitzenden Problemen in einer Branche im Umbruch.

Wem dient diese Inhaftierung?

Ich habe das Buch "Verzockt" genannt, weil ich der Überzeugung bin: Viel zu viele der waghalsigen Spekulationen mit Finanzderivaten sind von Glücksspiel kaum zu unterscheiden. Adoboli sieht das ganz anders, sein früherer Arbeitgeber auch. Alle Investmentbanken, nicht nur die UBS, legen Wert auf die Feststellung, dass ihre Angestellten eben nicht Glücksspiel betreiben, sondern - ja, was denn? Was ist eigentlich "normal" in der Bankenwelt? Wie viel Gier ist erlaubt, wie wenig Rücksichtnahme auf die Gesellschaft, wie wenig Bezug zur Realwirtschaft?

"Wie konnten sie nur?" - das fragt die ungläubige Öffentlichkeit, seit der Finanz-Crash 2007/08 die Weltwirtschaft in die schwerste Krise seit 80 Jahren gestürzt hat. Nicht wenige wünschen sich, die Konzernverantwortlichen würden vor Gericht gestellt.

Kweku Adoboli trägt Zivilkleidung, keinen orangefarbenen Overall à la Guantanamo. Nach menschlichem Ermessen wird er noch mindestens zwei weitere Jahre seiner siebenjährigen Strafe absitzen müssen, dann droht ihm die Abschiebung in sein Heimatland Ghana. Einstweilen betreibt er seine Resozialisierung, singt im Kirchenchor fromme Choräle und träumt von der Zukunft mit seiner Freundin. Auf der Rückfahrt gehen mir viele Fragen durch den Kopf, vor allem diese: Wem dient diese Inhaftierung? Ich weiß keine Antwort.

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1. optional
thomas_gr 25.06.2013
Er hat so gehandelt, wie alle und wir man es von ihm erwartet hat. Am Rande des Abgrunds zocken...er ist nur das Bauernopfer einer kranken Zunft, die durch "Liberalisierung" (Pervertierung des Wortes) entfesselt wurde...
2. Wer definiert Realwirtschaft?
toptip 25.06.2013
Schöner Buch-Werbetext inklusive Predigt an die Bekehrten. Ohne je bei der Bank gewesen zu sein, habe ich dich Probleme mir von (insbes. deutschen) Journalisten volkswirtschaftliche Zusammenhänge erklären zu lassen. Aufgrund mangelnder Sachkenntnis dreht es sich dann gleich ins Moralische (s.o.) auf Oberstufenaufsatzniveau. Da kann ich mir es auch von Angelina Jolie erklären lassen. Das Thema hätte interessant werden können, so wird versucht über das zur Ermüdung bekannte Banken-Bashing noch etwas Geld zu verdienen.
3. Wem dient diese Inhaftierung ??!! Rousseau hat recht !
jesse01 25.06.2013
Zuerst sitzt dieser Mann natürlich zurecht. Allerdings frage ich mich, warum von den Oberen der UBS keiner mit sitzt ! Wenn ein Händler im Vergleich zu seinen Kollegen mehr gewinnt, dann muss dieser Händler sicher genau geprüft werden, was nicht erfolgt ist. Dann ist das meiner Ansicht nach grob fahrlässig und zumindest seine Vorgesetzten müssten mit einsitzen. Leider ist er nun das Bauernopfer ! Unsere Gesellschaft ist nun einmal schlecht und unmoralisch und natürlich lässt die "Familie" einen der ihren dann fallen. Ganz frei nach Rousseau´s Gesellschaftsvertrag !!!
4. Als ob die Vorgesetzten nichts wussten!
spon_2294391 25.06.2013
Jeder schweigt, so lange die Gewinne sprudeln und alle schreien im Chor, wenn alles den Bach runtergeht. Spätestens seit Barings gibt es Schranken. Sollten diese umgangen worden sein, gibt es Mitwisser.
5. Eine interessante...
olaf m. 25.06.2013
...Perspektive in der Sicht auf diesen Mann, der so richtig Pixelgeld zerknallt hat auf einem Spielplatz ohne Aufsicht und Kontrolle. Was ohne Kontrolle/ (Früh-)Warnsysteme passieren kann, haben wir seit 20xx gesehen und erlebt. Natürlich hat er teure Trümmer (aufgemerkt: Bei wemm eigentlich ?) angerichtet und ist insofern verantwortlich, wenn er Fremdvermögenssicherungsaufgaben hatte. Er hätte sich auch anders entscheiden und ggf. gehen können - aber in ihm bzw. in seiner Vita treffen wohl Welten aufeinander. Das Buch "Verzockt" werde ich mir umgehend besorgen. Ob der Artikel jetzt "Werbung" war oder ein guter Hinweis auf eine hoffentlich aufschlußreiche Recherche in Buchform - ist mir gerade sch...egal. "Hart im Raume stoßen sich die Sachen." (Wallenstein). In einigen Jahrzehnten wird man das ganze sicherlich gelassener sehen können. Hoffe ich jedenfalls.
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