Überforderter Ölgigant BP fürchtet um traumhafte Gewinne

Die Ölpest im Golf von Mexiko hat BP bislang 760 Millionen Dollar gekostet - angesichts der gigantischen Gewinne des Ölkonzerns eine Mini-Belastung. Trotzdem gefährdet die Katastrophe die Existenz eines der mächtigsten Unternehmen der Welt. Denn die Firma ist mit der Situation völlig überfordert.

dpa

London/Houston - Die Summe wirkt gigantisch: Das Ölleck im Golf von Mexiko hat den Ölkonzern BP bislang 760 Millionen Dollar gekostet. Darin eingeschlossen seien unter anderem die ersten Maßnahmen zur Schließung des Lecks sowie erste Schadensersatzforderungen und Zuwendungen an die Golfstaaten, teilte das Unternehmen am Montag mit. Damit haben sich die Kosten innerhalb von zwei Wochen mehr als verdoppelt.

Wenn man allerdings bedenkt, dass der Ölgigant im vergangenen Jahr einen Umsatz von rund 240 Milliarden Dollar erzielte und dabei einen Gewinn von fast 17 Milliarden Dollar erwirtschaftete, wirken selbst die 760 Millionen Dollar Kosten für die seit Wochen anhaltende Ölkatastrophe geradezu niedlich. Zumal BP allein im ersten Quartal 2010 bereits knapp sechs Milliarden Dollar Gewinn erzielte - satte 135 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Inzwischen verdient das Unternehmen bereits fast wieder so traumhaft wie vor der Wirtschaftskrise.

Nur könnte all das am Ende nicht ausreichen. Denn die große Gefahr für BP liegt darin, dass der Konzern das Unglück im Golf von Mexiko nicht in den Griff bekommt - und somit weitere Ausgaben in Milliardenhöhe für Reinigungsarbeiten und Schadensersatz entstehen könnten.

Deshalb hieß es am Montag aus dem Unternehmen, es sei zu früh, um die Kosten im Zusammenhang mit dem Unfall der Bohrinsel "Deepwater Horizon" abschließend zu beziffern. Und das ist noch harmlos ausgedrückt. Wie überfordert einer der mächtigsten Konzerne der Welt mit der Situation ist, zeigte BP-Chef Bob Dudley am Sonntag, als er einräumte, dass die Ölpest "katastrophal" sei.

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Gefahr droht BP auch deshalb, weil die US-Regierung - nicht unbedingt ein Hort des Anti-Kapitalismus - den Konzern immer heftiger attackiert. Sie ist nicht nur verärgert über den mangelnden Fortschritt beim Vorgehen gegen die Ölpest und droht dem Konzern inzwischen offen mit Rauswurf. US-Innenminister Ken Salazar sprach am Sonntag sogar von einer "existentiellen Krise" für den britischen Konzern.

"Ich bezweifle nicht, dass BP alles in seiner Macht Stehende tut, um das Problem zu lösen", sagte Salazar. Die Ölkatastrophe bedeute aber "eine Existenzkrise für eines der größten Unternehmen der Welt". Der Innenminister bezweifelte, dass bei der Bekämpfung der Ölpest durch den Konzern alle Aktionen durchdacht seien. "Glaube ich, dass sie genau wissen, was sie tun? Nicht ganz", sagte Salazar.

Salazar beklagte, BP lasse "Frist um Frist" bei seinen Bemühungen zum Verschluss des Bohrlochs vor der US-Küste verstreichen. "Wenn wir herausfinden, dass sie nicht das tun, was sie vorgeben zu tun, dann werden wir BP in geeigneter Weise aus dem Weg drängen." Dabei ließ er offen, wann dies tatsächlich passieren oder was der Auslöser dafür sein könnte.

Die Börse strafte BP am Montag erneut ab. Die Aktie des Ölkonzerns brach im Londoner Handel um knapp vier Prozent ein, damit gehörte sie im britischen Index "Footsie" zu den größten Verlierern.

Wie viel Öl tritt aus dem Leck aus?

US-Präsident Barack Obama hatte sich bereits am Samstag so scharf wie nie zuvor über das Unglück geäußert und von einem "Ausfall der Verantwortlichkeiten" gesprochen. Dabei hatte er namentlich BP genannt, aber auch die Firmen Haliburton und Transocean. "Wir werden die relevanten Firmen zur Verantwortung ziehen. Nicht nur dabei, die Fakten im Zusammenhang mit dem Leck transparent zu machen, sondern auch dabei, das Leck zu schließen, die angerichteten Schäden zu reparieren und die Amerikaner auszuzahlen, die einen finanziellen Schaden erlitten haben."

Transocean ist ein Ölbohrkonzern aus der Schweiz, den BP als Betreiber der gesunkenen Anlage angeheuert hatte. Der US-Konzern Haliburton hatte vor dem Unglück Zementarbeiten am Bohrloch vorgenommen. Bei einer Anhörung im US-Kongress Mitte Mai hatten sich die drei Firmen gegenseitig die Schuld für die Katastrophe gegeben.

Mitte April war im Golf von Mexiko die BP-Bohrplattform "Deepwater Horizon" nach einer Explosion gesunken. Seitdem strömen täglich große Mengen Öl aus dem Bohrloch in rund 1600 Metern Tiefe ins Meer. Anfangs war von etwa 160.000 Litern am Tag die Rede, später von rund 800.000 Litern. Einige Experten halten sogar eine weit größere Menge für wahrscheinlich. Seit kurzem saugt BP Öl am Unglücksort ab. Zwischendurch war dabei von 5000 Barrel pro Tag die Rede, am Sonntag sprach BP von aktuell 1360 Barrel. Es ist also völlig unklar, wie viel Öl weiter ins Meer strömt. BP versucht auch, das Loch zu schließen.

Neuer Versuch am Dienstag

Die Informationspolitik des Konzerns wurde zuletzt immer schärfer kritisiert. BP wird dabei auch vorgeworfen, das Ausmaß der Ölpest herunterzuspielen und zu vertuschen. Ein Teil des ausgetretenen Öls befindet sich offenbar unter der Meeresoberfläche, da eine gigantische Verschmutzung der US-Südküste bislang ausblieb.

Gleichwohl sind bereits zahlreiche Naturschutzgebiete betroffen und Fachleute schließen nicht aus, dass Öl über Strömungen auch nach Florida, Kuba und die US-Ostküste kommt. Manche Experten gehen davon aus, dass die USA vor der größten Umweltkatastrophe ihrer Geschichte stehen.

Was passieren würde, wenn die Regierung BP von der Bekämpfung der Ölpest ausschließt, ist unklar. Die Regierung selbst könne das Problem nicht lösen, da die gesamte Technologie für einen Bohrlochverschluss bei BP und der Industrie liege, sagte der Chef der Küstenwache, Admiral Thad Allen, am Sonntag - bevor Salazar BP den Rauswurf androhte. Der wachsenden Kritik an dem BP-Chef Hayward schloss sich Allen nicht an. "Ich vertraue Tony Hayward. Wann immer ich mit ihm spreche, bekomme ich auch eine Antwort."

Ein Versuch, den anhaltenden Ölstrom ins Wasser zu stoppen, soll nach Angaben von BP-Chef Dudley jetzt am Dienstagabend oder am frühen Mittwochmorgen (Ortszeit) beginnen. Dabei soll das Bohrloch durch den Beschuss mit einer schweren Schlammmasse geschlossen werden. Ursprünglich wollte BP das Manöver bereits am Sonntag starten, aber nach Angaben des Unternehmens dauern die Vorbereitungen länger als gedacht, weil die Aktion so kompliziert ist.

böl/dpa-AFX/Reuters/AFP

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