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Überwachung in der Wirtschaft: Das ist ein freies Land - nur nicht am Arbeitsplatz

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Daimler will seine 280.000 Mitarbeiter durchleuchten - zur Terrorbekämpfung. Doch das Überwachen hat System in der Wirtschaft. Man will alles wissen, um seine Mitarbeiter einzuschüchtern und bei Bedarf loszuwerden.

Produktion beim Autokonzern Daimler in Sindelfingen: Wir wissen Bescheid Zur Großansicht
DPA

Produktion beim Autokonzern Daimler in Sindelfingen: Wir wissen Bescheid

Marina Fischer aus der Nähe von Fürstenwalde hat ihre Geschichte über ihr Leben als Leiharbeiterin der "taz" erzählt. Moritz Klein gab über seine missglückte Karriere bei der Modekette Hollister der "Welt" Auskunft. Und Jochen Lietz stand über seinen abstrusen Berufsalltag als Investmentbanker bei der Deutschen Bank der "Süddeutschen Zeitung" Rede und Antwort.

Drei Branchen, drei Leben, drei falsche Namen.

Dass alle drei Protagonisten in den Artikeln unter Pseudonym auftraten, ist rational und einleuchtend. Auch für die vielen anderen Menschen, die täglich irgendwo in Medien auftauchen mit verändertem Namen, veränderter Stimme oder nur von hinten fotografiert, bringt man in jedem Einzelfall Verständnis auf.

Doch dahinter steckt ein System. Die Flucht in die Anonymität ist Ausweis dafür, wie eine Vielzahl von Arbeitnehmern inzwischen arbeiten muss - in einem Klima der Angst. Diese Angst hat der Autokonzern Daimler Anfang der Woche weiter befeuert. Mit der Ankündigung, die Firma wolle seine 280.000 Mitarbeiter alle drei Monate mit Terrorlisten abgleichen, zerstört sie die Basis einer intakten Beziehung zwischen Mitarbeiter und Unternehmen: Vertrauen.

Umso dämlicher, dass der Betriebsrat laut "Hurra" ruft

Die Argumentation Daimlers, man komme lediglich gesetzlichen Vorgaben nach, ist äußerst dünn. Kein Gesetz zwingt ein Unternehmen dazu, Daten von Mitarbeitern (und Bewerbern) zu erheben und sie mit Terrorlisten abzugleichen. Umso dämlicher ist es, dass der Daimler-Betriebsrat bei der Aktion auch noch laut "Hurra" ruft.

Daimlers Aktion wird viel auslösen, nur keinen Terror verhindern. Die Überwachungsparanoia wird bewirken, dass sich die Daimler-Mitarbeiter anpassen, sich weniger trauen und nur noch nach Vorgaben funktionieren. Und sie wird die Folge haben, dass Mitarbeitern subkutan das Gefühl gegeben wird: Wir wissen Bescheid über dich. Deutschland bildet sich mächtig was darauf ein, ein freies und pluralistisches Land zu sein, in dem jeder seine Meinung sagen darf. Das mag für die Politik gelten, für die Wahl des Urlaubsortes oder das Fernsehprogramm. Für einen Ort gilt es definitiv nicht: den Arbeitsplatz. Dort sollte man möglichst konform zur Firmen-PR auftreten.

Konditioniert auf Anpassung aus Angst

Die Gesellschaft hat sich an diesen Zustand gewöhnt, sie duldet ihn, scheint ihn sogar zu akzeptieren, ist konditioniert auf Anpassung aus Angst. Angst vor Schikanen durch den Vorgesetzten. Konfrontation darf nicht sein im Betrieb, der offene Diskurs darüber, was richtig und was falsch ist, ist verpönt. Wie kann es sonst sein, dass selbst ein Betriebsrat in einem Apple-Store in München sich nicht traut, offen über seine Arbeit zu sprechen? Unternehmen leben inzwischen ganz offen eine Kultur des Misstrauens, die schädlich ist. Schädlich für sie selbst, aber auch schädlich für die Arbeitnehmer.

Unternehmen tun gut daran, sich auch an unbequemen Mitarbeitern zu reiben, mit ihnen um Lösungen zu ringen. Stattdessen alle unter Generalverdacht zu stellen, sie zu überwachen und Akten zu führen, ist einer freien und sozialen Marktwirtschaft unwürdig.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 72 Beiträge
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1. Sehr gut erfasst!!
Rassek 07.01.2015
Gut geschrieben und wahr ! Bei VW unterschreibt man sogar dafür nichts von der Arbeit nach draussen zu tragen. Alles kann somit als Betriebsgeheimnis gelten, je nach Auslegung. Somit wird ein Teil der Löhne zum Schweigegeld. Ein Tag auf dem Landesarbeitsgericht und man schüttelt nur noch den Kopf. Sind ja öffentlich viele Sitzungen. Prima ge..und umschrieben.
2. Es könnte so einfach sein!
iloveputin 07.01.2015
Wäre es nicht schön, wenn wir alle einfach mal die Eier auspacken und "denen da oben" zeigen, wer die eigentliche Macht hat??? Wäre es nicht schön, wenn wir uns nicht mehr als Lohnsklaven ausbeuten lassen würden? Wäre es nicht schön, wenn die profitgierigen paranoiden Wirtschaftsbosse endlich merken, dass eine Grenze erreicht ist? Wäre es nicht schön, Flagge zu zeigen und einfach nicht mehr zur Arbeit zu gehen? Würden alle endlich mal zusammenhalten, wären wir auch eine wahre Demokratie (=Volksherrschaft!). Und wenn wir nicht bald aufwachen und uns wehren, bleibt es dabei, dass wir in Deutschland (EU/USA) in einer Konzerndiktatur leben, in der sich eine Elite auf unsere Kosten die Taschen mit Geld vollstopft!! Es könnte alles so einfach sein...wir müssen uns nur wieder bewusst machen, dass WIR ZUSAMMEN alles ändern können!
3. AEO-Zertfizierung vielleicht?
mrallknow 07.01.2015
Vielleicht erfüllt Daimler damit auch nur die Voraussetzungen für den europäischen AEO im Status S oder F, das Gegenstück zum amerikanischen CTPAT? Dafür muss die Belegschaft regelmäßig mit den Sanktionslisten abgeglichen werden. Die Zulässigkeit hierfür ist mittlerweile bestätigt. Etwas mager recherchiert, würde ich sagen...
4. die Paranoia
bumminrum 07.01.2015
ist genau die Kehrseite der missratenen Asyl- und Einwanderungspolitik. Aufgrund der Terrorgefahren werden die Bürgerrechte immer mehr eingeschränkt. Die Geheimdienste sind völlig ausser Kontrolle. Nach der herrschenden Logik brauchen wir mit der Aufnahme von Menschen aus den Kriegsgebieten dieser Welt mit ihrer Ideologie und ihren Problemen untereinander noch mehr Geheimdienste. Was steht am Ende?
5. Populismus
openminded 07.01.2015
Weder durchleuchtet noch überwacht Daimler seine Mitarbeiter. Es wird lediglich überprüft, ob anderweitige Überwachungen dazu geführt haben, dass Mitarbeiter auf dieser ominösen Terrorliste gelandet sind. Davon darf man halten was man möchte, aber diese populistische, reißerische Stimmungsmache geht mir echt auf den Keks. Die konstruierte Einschüchterung soll dann wohl so aussehen: Entweder du verhältst dich so wir wir es wollen (in gewissen Grenzen eine durchaus legitime Forderung eines Arbeitgebers) oder wir finden Dich auf der "Terrorliste". Polizeiliche Führungszeugnisse müssten auch verboten werden und eigentlich darf ein AG auch gar nicht wissen, wo seine AN überhaupt wohnen, oder wann sie Urlaub machen, sonst könnte man ja noch herausfinden, wer da für einen arbeitet...
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Raphael Raue
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