Ukraine-Krise Süchtig nach billigem Gas

Russland erhöht die Gaspreise für die Ukraine auf einen Schlag um 44 Prozent. Das ist schmerzhaft für Kiew. Das wahre Problem des Landes ist aber die horrende Energieverschwendung.

Von , Moskau

Ukrainischer Gasspeicher: Extremer Verbrauch
REUTERS

Ukrainischer Gasspeicher: Extremer Verbrauch


Das ukrainische Gasgeschäft ist reich an Skurrilitäten, aber was im Dezember 2012 geschah, war selbst für dortige Verhältnisse außergewöhnlich. Stolz präsentierte die Regierung unter dem damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch einen potenten Partner aus dem Ausland.

Ein Investor sollte dem Land helfen, sich endlich zu befreien aus der Abhängigkeit von Russlands Gas. Die Kameras des ukrainischen Fernsehens fingen einen Spanier namens Jordi Sarda Bonvehi ein. Er hatte sich vorgestellt als Bevollmächtigter des Konzerns Gas Natural Fenosa aus Barcelona. Es ging um 1,1 Milliarden Dollar für den Bau eines Tanker-Terminals am Schwarzen Meer. Die Tanker sollten Flüssiggas liefern, zu deutlich billigeren Preisen als Russland.

Die Vertragsunterzeichnung ging jedoch als historische Blamage für Kiew in die Geschichte ein: In der Konzern-Zentrale in Barcelona wies man nämlich freundlich darauf hin, keinen Vertreter namens Jordi Sarda Bonvehi zu beschäftigen.

Die Episode zeigt, wie verzweifelt die Ukraine bereits seit Jahren nach Alternativen zu Moskaus Gaslieferungen sucht - und wie erfolglos.

Am Dienstag hat Russlands Gazprom-Konzern angekündigt, die Gaspreise für die Ukraine zum ersten April drastisch anzuheben, um 43 Prozent auf 385 Dollar pro Tausend Kubikmeter. Die höheren Gaspreise belasten vor allem...

  • die ukrainische Industrie. Die ukrainische Wirtschaft ist extrem energieintensiv, das liegt unter anderem an Verschwendung und alten Maschinen. Pro 1000 Dollar Wirtschaftsleistung verbraucht die Ukraine mehr Energie als jedes andere Land in Europa, einschließlich des nicht gerade für Energie-Effizienz bekannten Nachbarn Russland. Im Vergleich zu Deutschland verbraucht die Ukraine sogar vier Mal mehr Energie gerechnet auf die Wirtschaftskraft. Der erneute Gas-Schock trifft eine Volkswirtschaft, die schon jetzt in einer schweren Krise steckt. Bereits ohne die jüngste Preiserhöhung rechnete die Regierung mit einem Schrumpfen der ukrainischen Wirtschaftsleistung um mindestens 3 Prozent im laufenden Jahr.

  • den Staatshaushalt: Der Gasverbrauch von Privathaushalten wird in der Ukraine traditionell subventioniert. Zuletzt deckten die Zahlungen von Privatkunden nach Berechnungen von Ökonomen der Deutschen Beratergruppe in der Ukraine gerade einmal 16 Prozent der Kosten. Den Rest der Gasrechnung zahlt der Staat - eine Ausgabe, die er sich eigentlich schon lange nicht mehr leisten kann. 2013 lag das Haushaltsdefizit der Ukraine bei mindestens 6,5 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Panik hat die Gazprom-Ankündigung in Kiew dennoch nicht ausgelöst. Die ukrainische Regierung hatte sich bereits darauf eingestellt, dass es noch schlimmer kommen würde. Übergangspremier Arsenij Jazenjuk hatte zuletzt sogar von 500 Dollar pro 1000 Kubikmetern ab 1. April gesprochen, daneben nehmen sich die 385 Dollar nun fast schon preiswert aus.

Robert Kirchner, Ökonom der auf Osteuropa spezialisierten Berater von Berlin Economics, war in den vergangenen Tagen in Kiew. Er sagt: Die russische Preis-Erhöhung sei allgemein erwartet und auch bei den Verhandlungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit der Ukraine wahrscheinlich bereits berücksichtigt worden. Der IWF will Kiew mit einem Rettungspaket von bis zu 18 Milliarden Dollar zur Seite springen. Eine der Bedingungen für die Hilfe ist aber, dass die Ukraine endlich dringend nötige Reformen des Energie-Sektors umsetzt.

Extrem hoher und ineffizienter Gasverbrauch

Denn die hohen Ausgaben für russisches Gas lassen das Land seit Jahren ausbluten. Insgesamt 14 Prozent der Wirtschaftsleistung muss die Ukraine allein für die Gasimporte aufwenden, Geld, das für andere Projekte fehlt. Rund 10 Milliarden Dollar pro Jahr verschlangen 2012 die Subventionen für Privathaushalte und Wärmeversorger, das entspricht sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes, rechnet Robert Kirchner vor. Mit dem Geld könnte Kiew auf einen Schlag die Bildungsausgaben verdoppeln.

Das eigentliche Problem der Ukraine sei nicht so sehr der hohe Preis für russisches Gas, sagt Kirchner, auch die baltischen Staaten zahlten Russland ähnlich viel pro Kubikmeter: "Das größere Problem ist der extrem hohe und ineffiziente Gasverbrauch."

Weil die Subventionen die Gaspreise künstlich niedrig halten, haben die Ukrainer kaum Anreiz, Energie zu sparen. Das soll sich jetzt ändern. Übergangspremier Jazenjuk hat angekündigt, eine Bedingung des IWF zu erfüllen und die Gaspreise für Privatverbraucher in den kommenden vier Jahren um 120 Prozent zu erhöhen. Die erste Erhöhung im laufenden Jahr soll 50 Prozent beim Gas und 40 Prozent für Fernwärme betragen.

Die Staatskasse wird das in diesem Jahr allerdings kaum entlasten. Der Grund dafür ist die massive Abwertung der ukrainischen Währung, in der Privatverbraucher ihre Rechnungen begleichen. Für Russlands Gaslieferungen dagegen muss Kiew Dollar gen Moskau überweisen - und gegenüber der US-Währung hat die Griwna massiv an Wert verloren, seit Jahresbeginn fast 40 Prozent.

Die Reformer in der Ukraine und der IWF werden einen langen Atem brauchen.

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Seite 1
Steve Holmes 01.04.2014
1.
Zitat von sysopREUTERSRussland erhöht die Gaspreise für die Ukraine auf einen Schlag um 44 Prozent. Das ist schmerzhaft für Kiew. Das wahre Problem des Landes ist aber die horrende Energieverschwendung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/ukraine-gasverbrauch-ist-extrem-hoch-und-ineffizient-a-961961.html
Warum sollte Russland von der Ukraine einen geringeren Gaspreis verlangen als von den Baltischen Staaten? Dafür müsste sich die Ukraine wohl wesentlich kooperativer zeigen.
Banause_1971 01.04.2014
2. Da
heiße ich die Ukraine mal im Westen Willkommen,.. wo Milch und Honig fließt,.. solange man es bezahlen kann. Und ich kann der Ukraine nur raten, auf erneuerbare Energieen umzustellen, wie es Deutschland macht. Dann wird alles billiger,.. vertraut einfach deutschen Politikern. Dann braucht auch ihr Bald keine Atomenergie mehr sondern feuert wieder mit Holz, Kohle und Gas. :-D
jimmyolli 01.04.2014
3. Herr Scheuble
öffnen Sie die Kasse und vergessen Sie die schwarze Null für die nächsten hundert Jahre.Die EU könnte sich doch auch noch halb Afrika einverleiben inklusive Personenfreizügigkeit,dann läuft der Laden ganz bestimmt rund
zapp-zarapp 01.04.2014
4. wie erhellend ...
... ich kann mich noch genau erinnern, wie Foristen vor Wochen die vom Westen verordnete Gaspreiserhöhung als Beleg dafür sahen, dass die armen Ukrainer, über einen vom Westen forcierten Putsch, den Westkonzernen und deren illigitimen Interessen zum Fraß vorgeworfen werden. Das war wohl eine eher tendenziöse Mutmaßung, oder? Ich bleibe dabei: Die verfahrene Situation ist komplex und einseitige Schwarz-Weiß-Interpretationen sind mit Vorsicht zu genießen.
bastelwastel 01.04.2014
5.
Das Problem in der Ukraine waren ( sind) korrupte und unfähige Politiker, die nichts zustande bekommen, mal davon abgesehen sich selbst die Taschen vollzustopfen. In Kiew wird die Heizung noch immer durch das Öffnen der Fenster reguliert. Dabei ist die Ukraine reich an Bodenschätzen und fruchtbaren Böden. Ob die (alte) Garde, die nun zur Wahl ansteht das Blatt wirklich wenden kann? Wollen die das überhaupt, oder ist dort nur das Gerangel um die vordersten Plätze an den EU Futtertrögen im Gange. Korruption ist die Beulenpest des 21. Jahrhundert. Leider genau so ansteckend. Auch bei uns gibt es die ersten deutlichen Anzeichen. BER, Hamburger Oper und S21 sind wohl kaum mit reiner Unfähigkeit zu erklären.
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