Ukraine-Konflikt Wirtschaftsvertreter werben für Ende der Russland-Sanktionen

Seit einem Jahr überziehen sich der Kreml und die EU mit Sanktionen. Wirtschaftsvertreter aus Russland und Deutschland fordern nun ein Ende des Handelskriegs.

  Chef des  Ost-Ausschusses Cordes:
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Chef des Ost-Ausschusses Cordes:


Vertreter der deutschen und die russischen Wirtschaft haben für ein Ende der Sanktionspolitik zwischen Moskau und der Europäischen Union geworben. Deutsche Unternehmen seien bereit, "auch unter einem Sanktionsregime" an Partnerschaften zu arbeiten, sagte Volker Treier, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages.

Zugleich forderte der Chef des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, Eckhard Cordes, eine Diskussion über einen "Einstieg in den Ausstieg" der Zwangsmaßnahmen gegen Russland. Die ersten Sanktionen hatte die EU vor etwa einem Jahr wegen der Rolle Russlands in der Ukraine-Krise verhängt. "Wir alle brauchen diesen Frieden. Business braucht Frieden", sagte Cordes beim Deutsch-Russischen Wirtschaftsdialog in Berlin. Russland befinde sich auf einem "Weg der Deeskalierung".

Cordes bekräftigte, die deutsche Wirtschaft verzeichne hohe Verluste aufgrund der Sanktionen, auf die Moskau seinerseits mit Zwangsmaßnahmen reagiert hatte. Das bilaterale Handelsvolumen werde sich 2015 aller Voraussicht nach im Vergleich zu 2012 um 17 Milliarden Euro halbiert haben, sagte er.

Der russische Industrie- und Handelsminister Denis Manturow warb um Investitionen in sein Land, das sich in einer schweren Wirtschaftskrise befindet: "Wir müssen eine neue Industriepolitik einführen, wir brauchen eine Modernisierung unserer Wirtschaft." Manturow setzt seit Längerem auf eine baldige Aufweichung der Wirtschaftssanktionen. "Sie schaden beiden Seiten. Für mich liegt es auf der Hand, dass sie nicht ewig dauern werden", sagte er dem SPIEGEL unmittelbar vor seiner Deutschlandreise.

"Es gibt keinen Grund, die Sanktionen zu beenden"

Allerdings zeichnet sich im Handelskrieg zwischen der EU und Russland offenbar keine Entspannung ab. Die europäischen Staats- und Regierungschefs wollen die Sanktionen gegen Russland um sechs monate verlängern, schrieb das "Handelsblatt" unter Berufung auf Insider der Europäischen Union und der Bundesregierung. "Es gibt keinen Grund, die Sanktionen zu beenden", zitierte die Zeitung Informanten. Demnach soll die Verlängerung der Sanktionen auf dem EU-Gipfel im Dezember beschlossen werden.

Laut dem Bericht unterstützt Bundeskanzlerin Angela Merkel diesen Kurs. Die osteuropäischen Länder verlangten eine Verschärfung der Strafmaßnahmen gegen Russland, dagegen forcierten die südeuropäischen Länder mehrheitlich eine Rücknahme der Sanktionen. Die Verlängerung um sechs Monate sei als Kompromiss innerhalb der EU-Länder im Gespräch, hieß es.

Die Sanktionen richten sich unter anderem gegen russische Staatsbanken, den Im- und Export von Rüstungsgütern sowie die russische Öl- und Gasindustrie. Sie waren im Juni bis Ende Januar verlängert worden. Grund für die Strafmaßnahmen ist die Besetzung der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland. Neben der EU haben auch die USA und weitere Verbündete Sanktionen gegen Russland verhängt. Die Führung in Moskau hat im Gegenzug ein Einfuhrverbot für westliche Lebensmittel erlassen.

Russland steckt seit Monaten in einer Rezession. Für die wirtschaftlichen Probleme seines Landes machte Manturow vor allem die Abhängigkeit von den Rohstoffexporten verantwortlich. Der russische Rubel hat enorm an Wert verloren, diese Abwertung wieder hat die Inflation angeheizt. Das belastet vor allem Russen mit kleinen und mittleren Einkommen.

mxw/dpa

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
HeisseLuft 09.11.2015
1. Frage
Weshalb wirbt der russische Industrie- und Handelsminister Denis Manturow denn so dringend für die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen? Ich denke, diese würden Russland helfen, da sie sie vor Importen schützen? War das nicht bis dato immer die Lesart? Nanu?
go-west 09.11.2015
2. Das dürfte ja wohl ein Witz sein.
Die Ereignisse jetzt auch noch in Syrien sollten im Gegenteil Anlaß dazu sein, die bestehenden Sanktionen deutlich zu verschärfen.
windpillow 09.11.2015
3. Wandel durch Handel
Zitat: "Deutsche Unternehmen sind bereit auch unter einem Sanktionsregime an Partnerschaften zu arbeiten"?! -So deutlich hat noch keiner seine Meinung zur Sanktionspolitik Merkels gesagt.
guentwag 09.11.2015
4.
„Cordes bekräftigte, die deutsche Wirtschaft verzeichne hohe Verluste aufgrund der Sanktionen“ Genau darum geht es doch auch. Washington will – das haben doch zahlreiche US-Think-Tanks offen ausgesprochen – Europa spalten und schwächen und die eigene Hegemonie stärken!
Ateles 09.11.2015
5.
Zitat von guentwag„Cordes bekräftigte, die deutsche Wirtschaft verzeichne hohe Verluste aufgrund der Sanktionen“ Genau darum geht es doch auch. Washington will – das haben doch zahlreiche US-Think-Tanks offen ausgesprochen – Europa spalten und schwächen und die eigene Hegemonie stärken!
Eine offizielle Quelle zu dieser These wäre äußerst aufschlussreich.
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