Umfrage im Mittelstand: Deutsche Unternehmer schreiben Euro-Zone ab

Von David Böcking

Für deutsche Unternehmer verliert die Euro-Zone laut einer Umfrage deutlich an Attraktivität. Kaum jemand wagt derzeit die Expansion ins Ausland, jeder zweite fürchtet sogar Staatspleiten. Die früheren Exportweltmeister werden zu Pessimisten und Stubenhockern.

Mittelstands-Umfrage: So geht es Deutschlands Unternehmern Fotos
SPIEGEL ONLINE

Hamburg - Beim Thema Euro-Rettung zeigte sich die deutsche Wirtschaft schon häufiger gespalten. "Eine ernsthafte Alternative zum gemeinsamen Euro gibt es nicht", hieß es 2011 in einer Anzeigenkampagne, an der sich die Chefs zahlreicher Dax-Konzerne beteiligten. Die Aktion stieß auf offene Kritik bei Vertretern des deutschen Mittelstands. Die Stiftung Familienunternehmen reagierte mit der Forderung: "Austritt und Ausschluss aus der Währungsunion müssen möglich werden."

Kleine und mittelgroße Betriebe in Deutschland sehen die Euro-Zone weiterhin mit großer Skepsis. Das zeigt eine Umfrage der Commerzbank Chart zeigen unter 4000 mittelständischen Unternehmern, die am Donnerstag vorgestellt wird und SPIEGEL ONLINE vorab vorlag. Sie ist repräsentativ für Firmen ab 2,5 Millionen Euro Jahresumsatz.

Für die Studie wurden Mittelständler unter anderem danach befragt, ob sie auch Geschäfte im Ausland machen oder dies planen. Das Ergebnis: Im Vergleich zu einer Umfrage im Jahr 2007 stieg die Zahl von Unternehmen, die auf solche Geschäfte verzichten, von 24 auf 36 Prozent. Zugleich sank die Zahl von Mittelständlern, die derzeit eine Expansion ins Ausland planen, deutlich: von 23 auf nur noch neun Prozent. Die früheren Exportweltmeister werden zu Stubenhockern - und zu Pessimisten.

Nicht weniger als 81 Prozent der Unternehmer rechnen mittelfristig mit einer schwachen Konjunktur im Euro-Raum. Eine schwächelnde Weltwirtschaft fürchten dagegen nur 56 Prozent. Jedes zweite fürchtet sogar Staatspleiten in der Währungsunion. Den skeptischen Blick auf Europa teilen auch Firmen, die grundsätzlich zur Expansion ins Ausland bereit wären - sich diesen Schritt derzeit aber offenbar zweimal überlegen (siehe Grafiken).

Unternehmer als Wachstumskritiker

Deutschlands Mittelständler zeigen sich in der Umfrage sogar als Wachstumskritiker. 88 Prozent unterschrieben die Aussage, die deutsche Volkswirtschaft müsse sich auf Grenzen des Wachstums einstellen. Nach Ansicht der Commerzbank-Analystin Ulrike Rondorf spiegelt sich darin auch die derzeitige Kapitalismusdebatte. "Ich denke, dass diese Einschätzung der Unternehmer der breiten Öffentlichkeit entspricht, die ein Streben nach höherem Wachstum und Gewinnen ablehnt."

Komplett andere Wirtschaftsmodelle, wie sie gerade von einer Bundestagskommission diskutiert wurden, scheinen für die Unternehmer aber nicht die Antwort auf abflachende Wachstumsraten zu sein. Vielmehr fordern 85 Prozent der Befragten, im Angesicht der Krise den Außenhandel jenseits der Euro-Zone zu intensivieren. Die Alternative zum Stubenhocken ist also zunehmend das Streben in ferne Länder.

Schon jetzt ist die Bedeutung der schnell wachsenden Schwellenländer für deutsche Mittelständler enorm. Mehr als jedes vierte Unternehmen verkauft seine Produkte nach Russland oder China, fast jedes fünfte nach Indien und Brasilien. Allerdings sind die Diskrepanzen zwischen dem exportstarken Westen und dem vergleichsweise schwachen Osten groß: Während zwei Drittel aller befragten Unternehmer in Baden-Württemberg Waren ins Ausland verkaufen, sind es in Thüringen nicht einmal halb so viele.

Nur auf den Welthandel als Retter zu setzen, scheint unter diesen Voraussetzungen dann doch gewagt - zumal eine gewachsene Zahl von Unternehmern mit Handelsbarrieren, Währungsrisiken und Problemen beim Schutz geistigen Eigentums rechnet. Deshalb dürfte auch weiter darüber diskutiert werden, wie sich die Wirtschaft in Deutschland und Europa stabilisieren lässt.

Andere EU-Länder haben zuletzt häufig gefordert, Deutschland solle zum Wohle der Nachbarn seine hohen Handelsüberschüsse reduzieren. Die Exporte aktiv reduzieren wollen zwar gerade einmal acht Prozent der befragten Unternehmer. Eine andere Forderung findet aber mehr Unterstützung: Immerhin 27 Prozent sind für Lohnerhöhungen, um die Nachfrage in Deutschland anzukurbeln.

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insgesamt 216 Beiträge
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1. Ja, ja
mahajo 18.04.2013
Zitat von sysopFür deutsche Unternehmer verliert die Euro-Zone laut einer Umfrage deutlich an Attraktivität. Kaum jemand wagt derzeit die Expansion ins Ausland, jeder zweite fürchtet sogar Staatspleiten. Die früheren Exportweltmeister werden zu Pessimisten und Stubenhockern. Umfrage im Mittelstand: Deutsche Unternehmer schreiben Euro-Zone ab - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/umfrage-im-mittelstand-deutsche-unternehmer-schreiben-euro-zone-ab-a-894676.html)
die Psychologie der Krisenkommunikation hat eben auch ihre Wirkung bei Unternehmern. Ob berechtigt oder nicht.
2.
kdshp 18.04.2013
Zitat von sysopFür deutsche Unternehmer verliert die Euro-Zone laut einer Umfrage deutlich an Attraktivität. Kaum jemand wagt derzeit die Expansion ins Ausland, jeder zweite fürchtet sogar Staatspleiten. Die früheren Exportweltmeister werden zu Pessimisten und Stubenhockern. Umfrage im Mittelstand: Deutsche Unternehmer schreiben Euro-Zone ab - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/umfrage-im-mittelstand-deutsche-unternehmer-schreiben-euro-zone-ab-a-894676.html)
Wundert mich nicht bei dem chaos innerhalb dieser EU "Zone"!
3. Stubenhocker & Pessimisten?
akrisios 18.04.2013
Ich würde sagen wer wenn nicht die Unternehmer des Mittelstandes haben am meisten Ahnung von den Entwicklungen und dem Know-How eine Firma verantwortlich gewinnbringend zu führen? Sicher nicht die Journalisten, Politiker, Lobbyisten & Funktionäre, also die EU-Optimisten, die nur eines wissen. Sie müssen nicht die Zeche zahlen. An der Bevölkerung wird das Thema ohnehin in übelster Art vorbeigeführt. Zum Glück gibt es jetzt die AFD. Def. meine Wahl im September um der EU-Fraktionendiktatur zu zeigen das es so nicht geht.
4. Es lebe die Vernunft
Rattenpudel 18.04.2013
Leider spielen in der Politik Vernunft und das Wohl aller nur eine untergeordnete Rolle.
5. Euro
gonger 18.04.2013
Die deutschen gut aufgestellten mitteständischen Unternehmen werden nach einem Euro-Autritt die Exportverluste durch entsprechend billigere Importe kompensieren können und irgendwann merken das auch die Grosskonzerne und ziehen nach. CH und Norwegen überleben auch und zwar sehr gut. Außerdem ist "Europa" nicht so wichtig für den Handel. Die "Angie fürchte Dich" - Partei ( AfD ) kommt !
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