Umfrage Investoren misstrauen Griechenland mehr als Syrien

Trotz der Reformbemühungen haben Unternehmer kaum mehr Vertrauen in Griechenland. Das Risiko, dort Geld zu verlieren, schätzen Investoren laut einer aktuellen Umfrage höher ein als im Bürgerkriegsland Syrien. Nur Iran und Irak werden als noch riskanter gesehen.

Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und Polizisten in Athen: Angst vor Instabilität
AP

Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und Polizisten in Athen: Angst vor Instabilität


London - Griechenland braucht dringend mehr Wachstum. Doch das völlig überschuldete Land hat bei Investoren offenbar einen miserablen Ruf. Laut einer jährlichen Umfrage des internationalen Wirtschaftsprüfungsnetzwerks BDO gilt Griechenland als riskanterer Ort für Investitionen als das Bürgerkriegsland Syrien. Lediglich Iran und Irak werden als noch riskanter gesehen als Griechenland.

BDO befragte 1000 Finanzvorstände mittelgroßer Unternehmen, die Investitionen im Ausland planen. Die Manager seien "zunehmend auf der Hut vor Südeuropa, von dem sie Teile als ebenso risikobehaftet wie die politisch instabilen Länder des Nahen Ostens sehen", sagte BDO-Chef Martin van Roekel.

Unter den zehn Ländern mit dem höchsten Risiko für Investitionen landete Spanien auf Platz sieben. Sowohl Griechenland als auch Spanien werben intensiv um das Vertrauen von Privatinvestoren, um den Rückgang von Aufträgen der öffentlichen Hand zu kompensieren.

China hat laut der Umfrage kaum Probleme, Investoren zu überzeugen. Die Volksrepublik gilt demnach trotz zuletzt schwächelnder Konjunktur als attraktivster Wirtschaftsstandort, gefolgt von den USA. Auch Brasilien, Indien, Deutschland und Großbritannien schafften es unter die zehn gefragtesten Länder.

Insgesamt werteten die befragten Manager es als zunehmend schwieriger, im Ausland Geschäfte zu machen. Als Gründe werden die weltweit unsichere Wirtschaftslage, schärfere Regulierungen und größerer Wettbewerb genannt. Van Roekel sagte, er sei überrascht, dass die hohe Schuldenlast von Staaten außerhalb Europas, insbesondere Japans und der USA, nicht häufiger als Grund zur Sorge genannt worden sei.

Verhandlungen der Troika in Athen stocken

Aktuell schauen Investoren und Politiker aber vor allem auf Griechenland. Denn im November wird der Bericht der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) zum Stand der Reformen erwartet. Die Geldgeber wollen in zentralen Fragen offenbar hart bleiben, weshalb die Verhandlungen mit der griechischen Regierung über die geforderten Arbeitsmarktreformen stocken. Die Troika habe weitere Zugeständnisse abgelehnt, sagte Finanzminister Yannis Stournaras.

Der kleine Koalitionspartner Demokratische Linke verlangt unter anderem eine nationale Tarifvereinbarung für alle Arbeitnehmer und einen Verzicht auf die geplante Abschaffung automatischer Lohnerhöhungen von zehn Prozent nach einer Heirat. "Die Troika hat die Forderungen nicht akzeptiert", sagte Stournaras.

Regierungskreisen zufolge soll das Parlament am 5. November über die Arbeitsmarktreformen entscheiden. Die Demokratische Linke hat mit ihrem Nein gedroht. Die Reformen sehen auch Lohnkürzungen und geringere Abfindungszahlungen vor. Die Regierung berät seit Monaten mit der Troika und innerhalb der Koalition über ein 13,5 Milliarden Euro schweres Sparpaket. Eine Einigung ist für die Freigabe der nächsten Hilfstranche nötig, um eine Staatspleite Griechenlands zu vermeiden.

Deutschland sperrt sich gegen Schuldenschnitt

Nach SPIEGEL-Informationen spricht sich die Troika dafür aus, dass die internationalen Geldgeber Griechenland einen Teil seiner Schulden erlassen. Dagegen sperrt sich aber unter anderem Deutschland. Ein solcher Schuldenschnitt würde die deutschen Steuerzahler erstmals direkt Geld kosten, weil die Euro-Partner Griechenlands auf einen großen Teil ihrer Forderungen verzichten würden. Auch die Finanzbranche will einen weiteren Schuldenschnitt aus Angst vor Chaos an den Märkten verhindern.

mmq/dapd/Reuters

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insgesamt 106 Beiträge
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MaxiScharfenberg 29.10.2012
1. Warum?
Warum die Aufregung? Als vor 6 Monaten hier schrieb, das ohne einen vollständigen Schuldenerlass das Problem nicht nachhaltig zu lösen ist, durfte der Beitrag nicht ins Netz. Und nun?
trackerdog 29.10.2012
2. Wie auch
In was, um alles in der Welt, wollen Investoren denn in Griechenland investieren? In Olivenplantagen, in denen Beamte mit 15 Monatsgehältern und einem Jahreseinkommen von 100 000 € in unkündbarer Stellung arbeiten?
politbüro_merkel 29.10.2012
3. Die Griechen vom Mond
Zitat: nationale Tarifvereinbarung für alle Arbeitnehmer und einen Verzicht auf die geplante Abschaffung automatischer Lohnerhöhungen von zehn Prozent nach einer Heirat" --- Haben die noch alle Tassen im Schrank? Ich würde sogar eher einem Iraker Geld geben als den Griechen. Man sieht ja, was linke Träumer dort veranstalten!
c++ 29.10.2012
4.
Der Euro hat Griechenland eine Scheinblüte beschert, jetzt liegt es in tiefer Agonie. Wie die "Rettungspakete" zu werten sind, wird an der Entscheidung der Investoren sichtbar. Diese riskieren bei Investitionen ihr eigenes Geld, im Gegensatz zu den Politikern, die dort das Geld der Bürger versenken, nicht ihr eigenes. Spiegel schreibt: "Ein solcher Schuldenschnitt würde die deutschen Steuerzahler erstmals *direkt* Geld kosten" Wäre schön, wenn der Spiegel seine Leser darüber aufklären würde, wie viel der Steuerzahler schon *indirekt*, aber nicht weniger real, bezahlt hat. Der erste Schuldenschnitt hat den Steuerzahler als Eigentümer von Staatsbanken bereits 14 Milliarden Euro gekostet, faktisch verloren sind die Target2 Forderungen im dreistelligen Milliardenbereich.
rainbowman1 29.10.2012
5.
Heeey, Herr Samaras hat uns doch "sein Ehrenwort" gegeben, daß alles auf Heller und Pfennig zurückgezahlt wird. Und da kommen so ein paar doofe Investoren an und stellen das Ehrenwort in Frage?
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