Rekonstruktion Was geschah auf der letzten Reise des Unister-Chefs?

Koffer voller Geld, Treffen in Hannover und Venedig, ein Betrug und ein tödlicher Unfall. Was geschah auf der letzten Reise von Thomas Wagner - und was haben vier ältere Herren damit zu tun?

Absturzstelle in Slowenien
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Absturzstelle in Slowenien

Von manager-magazin.de-Autor Heinz-Roger Dohms


Am letzten Mittwoch im Juni treffen sich in einem der vornehmsten Etablissements Hannovers, dem Hotel Luisenhof, vier ältere Herren. Es ist kurz nach 12 Uhr mittags, es gibt Kaffee und Mineralwasser - es geht um Deutschlands größten Reisevermittler Unister und es geht um Geld. Viel Geld.

Drei Wochen später ist einer der Senioren tot (der Finanzvermittler B. aus dem Sauerland). Ein zweiter ist spurlos verschwunden (Herr Sch. aus Unna, wenn das denn seine wirkliche Identität sein sollte). Der Dritte wundert sich, was da alles passiert ist in den vergangenen 21 Tagen. Und einem Vierten (dem Ex-Banker K.) ist, wie man hört, sehr mulmig zumute, weil er nun als "letzter Zeuge" gilt.

Passiert ist: Am vergangenen Donnerstag sind Thomas Wagner, Chef der Leipziger Internetkonzerns Unister ("Ab-in-den-Urlaub.de", "fluege.de"), und sein Mitgesellschafter Oliver Schilling auf dem Rückflug von einem Geschäftstermin in Venedig tödlich verunglückt. Auch die beiden anderen Männer, die in der über Slowenien abgestürzten Kleinmaschine saßen, sind tot. Der eine war der Pilot. Und der andere: der Finanzvermittler B. aus dem Sauerland.

Herr B. allerdings war nicht der Einzige aus der illustren Runde von Hannover, der in Venedig dabeigewesen sein soll. Auch Herr K., der Ex-Banker, war dabei. Er überlebte, weil er offenbar das Auto nahm.

Unister-Chef Thomas Wagner
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Unister-Chef Thomas Wagner

Was nun ist die Verbindung zwischen Hannover und Venedig? Was hat den Unister-Chef nach Italien getrieben? Und was genau hat sich dort zugetragen? Das würde auch der Insolvenzverwalter gern wissen, der seit dieser Woche bei Unister das Sagen hat.

Was sich auf Basis der gegenwärtigen Quellenlage auch jetzt schon abzeichnet - das ist ein grobes Bild davon, was auf der mysteriösen letzten Reise des Unister-Chefs passiert sein könnte.

Wagner wollte in Venedig vermutlich Geld auftreiben

Der Reihe nach: Nicht einmal 96 Stunden, nachdem Wagner und seine drei Mitreisenden in den Tod stürzten, meldete Unister vorläufige Insolvenz an. Kenner des Unternehmens bezeichnen den Schritt als "überfällig", die Schuldenlast sei in den vergangenen Monaten immer erdrückender geworden. Die düstere finanzielle Lage von Unister ist mit ziemlicher Sicherheit der Grund, warum sich Wagner auf den Weg nach Venedig machte. Es ging darum, Geld aufzutreiben. Wieder einmal.

Beim Auftun frischer Finanzquellen war Unister schon immer einfallsreich. 2012 zum Beispiel gab die Tochter Travel24 eine Anleihe heraus, die knapp 20 Millionen Euro in die Kasse spülte. Eigentlich sollte das Geld dem Aufbau einer Hotelkette dienen - aus den Bilanzen geht jedoch hervor, dass Travel24 stattdessen millionenschwere Kredite an die Mutter Unister ausreichte.

Ein anderer Fall rührt aus dem vergangenen Dezember. Da erwarb Unister völlig unvermittelt eine börsennotierte Mantelgesellschaft namens Capital One. Offenbar sollte auch diese Volte der Kapitalbeschaffung dienen. Denn Ende Mai wurde der Vorstand der Capital One - einer Firma ohne jedes operative Geschäft - ermächtigt, "Options- und oder Wandelschuldverschreibungen" im Umfang von 25 Millionen Euro herauszugeben. Noch so ein undurchsichtiges Finanzgeschäft - das allerdings nicht mehr umgesetzt wurde.

Stattdessen wählte man offenbar den noch viel abenteuerlicheren Weg - Venedig. Genauer: Ein Treffen mit einem "venezianischen Geschäftsmann", der sein Geld "mit Juwelenhandel und Kreditgeschäften verdient", wie die "Bild"-Zeitung schreibt.

Bei dem "venezianischen Geschäftsmann" soll es sich um einen Herrn V. handeln. Unter diesem Namen jedenfalls firmierte er Ende Juni in der Seniorenrunde von Hannover. Wer nun wissen will, wie Thomas Wagner an Herrn V. kam, der muss die Kette knüpfen, deren drei mittlere Glieder im Hotel Luisenhof am Tisch saßen.

Der Versuch einer Rekonstruktion

Herr K., der Ex-Banker, ist geschäftlich verbandelt mit einem Leipziger Unternehmer. Über diese Connection, so darf man jedenfalls mutmaßen, gerieten die Unister-Leute an Herrn K.

Herr K., so wird berichtet, kannte wiederum schon lange Herrn B., den Finanzvermittler aus dem Sauerland. Die beiden soll eine gemeinsame Vergangenheit im durchaus gehobenen Bankgewerbe verbinden.

Herr B. nun wiederum soll bei dem ominösen Treffen im Luisenhof den Mittelsmann Sch. aus Unna im Schlepptau gehabt haben. Und der, so heißt es, habe sich in Hannover einer fast zwei Jahrzehnte währenden Geschäftsbeziehung zu Signore V. gerühmt, also jenem Mann, der in der "Bild" später als "venezianischer Geschäftsmann" beschrieben wurde.

Soweit die Kette. Doch was wollte Wagner von V.?

Seit Tagen heißt es, Wagner habe auf seinem Trip nach Venedig einen Koffer mit angeblich mehr als einer Million Euro mit sich geführt. Das Geld sollte den unbestätigten Berichten zufolge als Sicherheitsleistung für einen Kredit in Höhe von zehn Millionen Euro dienen.

Dafür, dass es tatsächlich so gewesen sein könnte, spricht unter anderem eine der Redaktion vorliegende E-Mail, die Herr B., der Finanzvermittler aus dem Sauerland, am 8. Juni dieses Jahres an seinen Bekannten, den Ex-Banker Herrn K., schickte. Im Anhang der Mail findet sich der Entwurf eines Kreditvertrags. Und in dem heißt es unter Paragraf 10: "Der Darlehensgeber erhält als Sicherheit x % der Darlehenssumme in Bar bei Vertragsunterzeichnung."

Vergangene Woche dürfte sich dann Folgendes zugetragen haben: Herr B. aus dem Sauerland und der Pilot flogen von Dortmund zunächst nach Leipzig, sammelten Wagner und dessen Mitgesellschafter Schilling ein, von dort ging es weiter nach Venedig. Dort trafen sich Wagner, Schilling und Herr K. (der ja mit dem Auto angereist war) am Mittwoch gegen Mittag in einer Hotellobby mit Herrn V., dem mysteriösen "venezianischen Geschäftsmann". Wagner, Schilling und Signore V. verließen sodann die Lobby, um ihre Koffer auszutauschen. Die beiden Unister-Manager überließen V. also die Sicherheitseinlage. Und erhielten im Gegenzug den angeblich in Franken denominierten Barkredit.

Dann trennten sich die Wege. Allerdings wollten sich das Trio aus Leipzig und der "venezianische Geschäftsmann" später in einer Bank wiedertreffen, um den Franken-Kredit auf ein Konto einzuzahlen. Die Bank allerdings hatte geschlossen. Und V. erschien nicht.

Bekam Wagner einen Koffer voller Falschgeld?

Erst jetzt machten sich Wagner und Schilling offenbar daran, den Inhalt des Geldkoffers näher zu überprüfen. Und sahen, dass sich unter einer oberen Lage mit Echtgeld riesige Mengen Blüten befanden. Man suchte eine Polizeistation auf, um den Betrug anzuzeigen. Die Sache zog sich mangels Dolmetscher in die Länge. Und darum konnte man - anders als geplant - erst am Donnerstag zurückfliegen.

Handfeste Belege gibt es für die Vorgänge keine. Die Geschichte klingt unglaublich: Manager eines der größten deutschen Internetunternehmen lassen sich in Venedig einen Koffer mit Falschgeld unterjubeln.

Immer mehr Indizien sprechen jedoch dafür, dass es so ähnlich wirklich gewesen sein könnte. Die Dresdner Generalstaatsanwaltschaft hat bereits ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, um die Vorgänge um den Tod von Wagner aufzuklären. "Wir haben uns gestern an die italienischen Behörden gewandt, um das Gesamtgeschehen aufzuklären", sagt Oberstaatsanwalt Wolfgang Klein. Man ermittle wegen des Verdachts des Betrugs und habe die Polizei in Venedig, bei der Wagner Anzeige erstattet hatte, um Mithilfe gebeten.

Und die slowenischen Behörden teilten mit, an der Unglücksstelle seien rund 10.000 Franken entdeckt worden. War dies das Echtgeld, das im Koffer von Herrn V. ganz oben lag?

Auszuschließen ist es nicht. Und alles begann mit dem Treffen vier älterer, ehrgeiziger Herren an einem Spätjunitag in einem feinen Hotel in Hannover.


Hinweis: Unseren Recherchen zufolge sind noch weitere Menschen von den in diesem Text genannten Personen mit derselben Masche betrogen worden. Sollten Sie zu den Geschädigten gehören, melden Sie sich doch bei uns unter der E-Mail-Adresse spon_wirtschaft@spiegel.de. Wir behandeln die Zuschriften vertraulich.

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