Unkalkulierbares Energieangebot Rekordsommer treibt Stromkosten nach oben

Das Extremwetter in Deutschland ist gut für die Solarindustrie - und teuer für Bürger, Unternehmen und klassische Energiekonzerne. Neue Daten zeigen, wie die geballte Sonnenkraft die Stromkosten nach oben treibt. Die Energiepreise drohen unkalkulierbar zu werden.

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Solaranlage im brandenburgischen Haßleben: Unkontrollierter Boom
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Solaranlage im brandenburgischen Haßleben: Unkontrollierter Boom


Hamburg - Jetzt glitzert es nicht mehr nur im Friedrichstadtpalast Berlin - sondern auch darauf. Der Berliner Senat hat das berühmte Revuetheater mit Solarzellen gepflastert. Seit gut einem Monat produzieren sie Strom. Rund 135.000 Euro hat die Anlage gekostet, finanziert aus dem Konjunkturpaket II - Senatsbaudirektorin Regula Lüscher zeigt sich stolz, den Einbauauftrag an eine Berliner Firma vergeben zu haben: Das stärke "vor allem die Unternehmen in unserer Stadt".

Das stimmt nicht ganz. Die Anlage wurde zwar von einer Berliner Firma installiert, die Montagekosten aber machen nach deren Schätzung nur 20 Prozent aus, die Materialkosten den Rest. Zellen und Module wurden von SunPower Corp. beigesteuert - einer US-Firma, die ihre Ware auf den Philippinen produziert. Die Konjunkturhilfen sind also zu einem Großteil ins Ausland geflossen.

Es ist nicht der einzige fragwürdige Auswuchs von Solarförderung in Deutschland. Die Republik wird derzeit mit glitzernden Solarmodulen geradezu gepflastert - und Unternehmen und Bürger fördern den Boom jährlich mit vielen Milliarden Euro, über Aufschläge auf ihre Stromrechnung (siehe Kasten links). Auch dieses Geld fließt oft ins Ausland, schätzungsweise drei Viertel der verarbeiteten Solarmodule werden dort produziert. Zurzeit macht der deutsche Solar-Boom fast alle reich: chinesische Hersteller wie Yingli, deutsche Konzerne wie Solarworld und Hunderte Kleinstfirmen. So rasant wächst der Markt, dass fast alle ihre Ware loswerden, egal, ob sie besser oder schlechter, teurer oder billiger ist.

Welche Dimension der Solar-Boom inzwischen hat, ist in den vergangenen zwei Wochen des Extremsommers deutlich geworden. Die Sonne brannte fast ununterbrochen auf Deutschlands Solaranlagen - und die Energieausbeute in dieser Zeit war gewaltig, ergibt die Auswertung eines neuen Energieportals.

Sonnenstrom wird komplett über Strombörsen gehandelt, meist über die European Energy Exchange (EEX). Diese kann also genau bestimmen, wie viel Solarenergie zu jeder Stunde in die deutschen Netze gespeist wird. Seit Montag publiziert sie diese Daten komplett im Internet. Das Ergebnis ist beeindruckend: Zwischen dem 1. und dem 20. Juli wurden zum Beispiel an zehn Tagen zwischen 13 und 14 Uhr jeweils mehr als 7000 Megawattstunden Sonnenstrom in die Netze gespeist. Das entspricht der Leistung von sieben Atomkraftwerken. Bei einem Strombedarf von etwa 70.000 Megawatt zur gleichen Zeit bedeutet das: Solarenergie hat zeitweise einen Anteil von rund zehn Prozent am Energiemix.

Bedenkliche Spreizung beim Strompreis

Die Folge: Der Strompreis gerät heftig ins Schwanken. Das Arrhenius-Institut für Energie- und Klimapolitik hat für SPIEGEL ONLINE ausgerechnet, dass die geballte Solarkraft auf Deutschlands Dächern und Feldern den Strompreis innerhalb einer Rekordstunde um fünf bis sieben Euro pro Megawattstunde senkt.

Zum Beispiel am 8. Juli: An jenem Tag wurden zwischen 13 und 14 Uhr mehr als 7800 Megawattstunden Solarstrom in die Netze gespeist. Der tatsächliche Strompreis lag in diesem Zeitraum bei gut 60 Euro - er wurde um mehr als elf Prozent gedrückt. Bei 70.000 Megawatt Gesamtlast haben die Verbraucher durch das massive Solarangebot zwischen 350.000 und 490.000 Euro gespart.

So rechnet das Arrhenius-Institut
Längst nicht aller Strom wird über die Börse EEX gehandelt. Gerade Atom- und Kohlestrom wird oft über Terminverträge verkauft. Das Arrhenius-Institut legt seinen Berechnungen dennoch die komplette Stromlast zugrunde. Denn es geht davon aus, dass der Strombörsenpreis auch bei Termingeschäften berücksichtigt wird - so dass der Börsenpreis mittelfristig auch den Terminbörsenpreis definiert.
Was sich für die Verbraucher gut anhört, ist für sie trotzdem ein schlechtes Geschäft. Denn sie fördern ja die Sonnenenergie über Aufschläge auf ihre Stromrechnung - und zwar laut Arrhenius-Berechnungen mit rund 35 Cent pro Kilowattstunde. Für die 7800 Megawattstunden Solarstrom, die am 8. Juli zwischen 13 und 14 Uhr in die Netze gespeist wurden, zahlten die Verbraucher demnach 2,7 Millionen Euro an Zuschuss. Sechsmal so viel, wie sie durch den sinkenden Strompreis sparten.

Das Problem wird in Zukunft kaum kleiner werden, denn der Solar-Boom geht ungebremst weiter. Ende 2009 waren in Deutschland Anlagen mit rund 10.000 Megawatt installiert. 2010 kommen nach Prognosen führender Marktforscher noch mal Anlagen mit 6000 bis 10.000 Megawatt hinzu (siehe Tabelle links). Zum Vergleich: Alle in Deutschland installierten Atomkraftwerke haben eine Bruttoleistung von 21.000 Megawatt. Schon Ende 2010 könnte die installierte Leistung aller Solaranlagen also fast genauso hoch sein.

Offenkundiger Effekt des Solarbooms: Der Strompreis wird steigen. Schon wenn in diesem Jahr Solaranlagen mit 6600 Megawatt ans Netz gehen, kommen auf die Verbraucher nach Berechnungen des Bundesverbands der Verbraucherzentralen binnen 20 Jahren 26 Milliarden Euro an Kosten zu; 2011 droht der Strompreis um mehr als zehn Prozent zu steigen. Die Gesamtkosten, die in den nächsten 20 Jahren getilgt werden müssen, werden sich laut VZBV Ende 2010 auf mehr als 100 Milliarden Euro belaufen.

In den vergangenen Jahren wurden außerdem stets deutlich mehr Solaranlagen installiert als erwartet - entsprechend berechneten die Stromkonzerne ihren Großkunden immer erst zu niedrige Zuschläge und legten dann mit höheren Forderungen nach. Für Gewerbe, Industrie und öffentliche Einrichtungen bedeutet das eine massive Investitionsunsicherheit. Nach Berechnungen der Firma Ampere drohen den Stromkunden allein in diesem Jahr Nachforderungen von einer halben Milliarde Euro. Bei einzelnen Firmen fallen da schnell sechsstellige Beträge an.

Unternehmenslobbyisten schlagen schon Alarm: "Unternehmen, deren finanzielle Lage ohnehin angespannt ist, droht aufgrund zusätzlicher Belastungen im letzten Schritt die Insolvenz", sagt Marc Tenbieg, Vorsitzender des Beirates vom Deutschen Mittelstandsbund.

Renditen von Kraftwerksbetreibern bröckeln

Der Solarboom belastet auch die Energiekonzerne. Denn die Sonnenkraftanlagen produzieren genau dann am meisten Strom, wenn RWE, EnBW & Co. das meiste Geld verdienen - zur Mittagszeit, wenn die Nachfrage und damit die Preise an der Energiebörse besonders hoch sind. Preisdrücker sind da ungern gesehen.

Doch die Netzbetreiber müssen zuallererst allen Strom kaufen, der in Solar-, Wind- oder Biogasanlagen produziert wurde, ehe sie Atom- oder Kohlestrom durch ihre Leitungen lassen. Konventionelle Kraftwerke bekommen an sonnigen Tagen also schon jetzt starke Konkurrenz. Die Betreiber müssen Kraftwerke herunterregeln, die Erträge sinken. Arrhenius-Institutschef Helmuth Groscurth hat diese Effekte in einer Studie untersucht und warnt: "Geht der Photovoltaikausbau ungebremst weiter, ist nicht nur die Existenz einzelner Kraftwerke bedroht - sondern die Existenz ganzer Energieunternehmen."

Für die Umstellung der deutschen Energieversorgung auf erneuerbare Energiequellen ist es sicher nicht das schlechteste, dass konventionelle Kraftwerke unrentabler werden - und Investitionen in solche ihren Reiz verlieren. Es fragt sich jedoch, ob es politisch sinnvoll ist, Solarenergie besonders stark zu fördern - und andere Technologien wie Wärmedämmung oder Smart Grids, die für die deutsche Ökowende viel wichtiger sind vergleichsweise wenig.

Die Energiekonzerne jedenfalls fahren ihre Lobbyaktivitäten gerade hoch. Im Juni startete der Branchenverband BDEW auf seinem Jahreskongress eine Kampagne unter dem Motto: "Liebe Solarindustrie. Kohle ist bald alle" - eine Anspielung auf die trotz Förderkürzung weiter ansteigenden Kosten der Solarförderung.

Neue Förderkürzung dürfte Boom kaum bremsen

Allerdings ist fraglich, ob die Kürzung den Solarboom wirklich aufhalten wird. "Derzeit liegen die Renditen für größere Solaranlagen bei neun Prozent, nach der Förderkürzung werden sie gerade mal auf sieben bis acht Prozent sinken", sagt Patrick Hummel, Solar-Analyst bei der UBS Chart zeigen. Die Solarindustrie muss die Preise ihrer Anlagen nur leicht senken, schon ist der Kauf wieder hochrentabel.

Luft genug gibt es dafür. Kostensenkungen in der Produktion, Skaleneffekte bei Einkauf, Logistik, Maschinenauslastung - all das ist bei weitem nicht ausgeschöpft. Jens Milnikel, Analyst bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman, erwartet, dass die Preise der Hersteller in den kommenden Jahren um 15 bis 20 Prozent sinken.

Experten diskutieren deshalb über härtere Begrenzungen für die Solarindustrie. Eine Deckelung der Förderung wäre eine Option - also zum Beispiel den Bau von Solaranlagen jährlich nur bis zu 3000 Megawatt zu fördern. Für alles darüber hinaus gäbe es keine Zuschüsse mehr. Groscurth hält das für sinnvoll, Hummel spricht vom "einzig verlässlichen Weg", um den Boom zu begrenzen. Tatsächlich wurde die Idee schon in den Verhandlungen zur Förderkürzung thematisiert, aber nicht umgesetzt. Und die Wahrscheinlichkeit, dass die Politik die Debatte wieder aufmacht, ist derzeit gering.

Der Solarindustrie verschafft das Zeit. Denn vor dem Deckel graut ihr schon lange. Schon in einem internen Schreiben Ende 2007 forderte der Verband BSW-Solar als oberste Priorität: die Deckelung vermeiden.

Noch schlimmer wäre für die Branche nur, würde die Vorkaufspflicht für erneuerbare Energien in den Netzen aufgehoben. Weil Sonnenstrom viel teurer ist als konventionell erzeugter, wäre er dann nur noch schwer verkäuflich.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 478 Beiträge
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Seite 1
frank_lloyd_right 22.07.2010
1. Solaranlagen sollten nur netzunabhängig gefördert werden.
Das Netz als solches, ein Riesending, begünstigt die Großkonzerne und macht abhängig - und wenn es mal knallt, ist es auch besser, wenn jeder zumindest eine kleine Solaranlage hat, und vielleicht ein zusätzliches Windrädle - sowas läßt sich heutzutage durchaus bezahlen und amortisiert sich nach etwa 2 Jahren (so war es jedenfalls bei mir).
Hador, 22.07.2010
2.
Das Hauptproblem sind wie so oft nicht die Zuschüsse an sich, sondern die Art und Weise wie sie verteilt werden. Das geschieht nämlich wieder mal nach dem Gießkannenprinzip und das wiederum führt dazu, dass neben einigen durchaus sinnvollen Projekten leider auch eine ganz gewaltige Menge von Projekten gefördert werden, die schlicht sinnlos sind. Die Förderung von großen Solarkraftwerken kann z.B. an einigen Standorten in Deutschland schon Sinn machen. Wenn ich jedoch Projekte sehe wie die Errichtung von Solaranlagen auf Mensadächern in Norddeutschland, dann dreht sich mir der Magen um. Was man machen müsste wäre also nicht notwendigerweise die Förderung weiter zu kürzen, sondern die Förderung endlich an sinnvolle Vorgaben zu knüpfen und nicht einfach jedem, der sich ein Solarmodul aufs Dach klatscht dasselbe zu zahlen.
martinp, 22.07.2010
3. jaja, tendenzielle Schreibe mal wieder...
habe seit 2005 ne große PV-Anlage auf dem Dach. 2010 ist bislang das schlechteste Ertragsjahr. Der lange Winter und der durchwachsene Frühling sind Grund dafür. Verstehe nicht, wieso hier wieder Meinung gegen EEE gemacht wird. Gruß
Juergen Wolfgang, 22.07.2010
4. wsd
Zitat von sysopDas Extremwetter in Deutschland ist gut für die Solarindustrie - und teuer für Bürger, Unternehmen und klassische Energiekonzerne. Neue Daten zeigen, dass die geballte Sonnenkraft enorme Kosten verursacht, weil viel mehr Zuschüsse gezahlt werden müssen. Die Strompreise drohen unkalkulierbar zu werden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,707534,00.html
Der SPON schreibt wieder für die Stromkonzerne. EON, ENBW, Vattenvall iund Co Die Strompreise sollen wieder mal steigen und die Solaranlagen sind schuld. Klar jammern die Stromerzeuger erzeugen sie ja mit billigem Atomstrom den keiner mehr so richtig braucht. Der Strompreis richtet sich doch an den Preisen der Strombörse und nicht am Solaranlagenbesitzer. Alles nur vorgeschobene Gründe für eine Erhöhung Noch weniger vom NETTO von dem schon wieder weniger BRUTTO
diefreiheitdermeinung 22.07.2010
5. Die Meinung
Zitat von martinphabe seit 2005 ne große PV-Anlage auf dem Dach. 2010 ist bislang das schlechteste Ertragsjahr. Der lange Winter und der durchwachsene Frühling sind Grund dafür. Verstehe nicht, wieso hier wieder Meinung gegen EEE gemacht wird. Gruß
wird gegen die ausufernde Foerderung gemacht d.h. gegen die Profiteure dieser Foerderung. Denn sie findet auf UNSEREM Ruecken statt. Wenn PV eine kWh zu 5 cent erzeugen koennte haetten wir alle kein Problem. Egal: freuen Sie sich solange Sie der Staat noch subventionieren kann. Irgendwann wird auch dieser "gravy train" in die Endstation einlaufen. Schade um das schoene Geld. Aber wir in Deutschland habens ja .... aber nicht mehr lange.
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